Einführung in soziologische Sichten (Teil 2): Ohnmacht und Deprivation

Der fachwissenschaftlich vernachlässigte Gegenbegriff oder das Antonym von Macht ist Ohnmacht. Etymologisch wird das Substantiv oder Hauptwort umschrieben als Bewusstlosigkeit, Schwäche, Machtlosigkeit. Entsprechend bedeutet das Eigenschaftswort oder Adjektiv ohne Bewusstsein, kraft-, machtlos, nicht fähig zu handeln. (34) Damit geht es auch um jeweils fehlendes Bewusstsein und blockierte Handlungsfähigkeit.

Zu Beginn der 1930 Jahre forderte Walter Benjamin (1892-1940) eine marxistische Theorie von der „Entstehung des falschen Bewusstseins“ – auch um der massenwirksamen Faszination des sich nationalsozialistisch nennenden deutschen Faschismus und seiner „Ästhetisierung des Politischen“ (1936) wirksam begegnen zu können. (35)


Walter Benjamin 1928 (Foto: Akademie der Künste Berlin, Gemeinfrei)
Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892 bis 1940) wird zum assoziierten Wirkungskreis der Frankfurter Schule gerechnet. (Foto: Akademie der Künste Berlin, Gemeinfrei)

Ernst Bloch (1885-1977), der deutsche „Philosoph der Oktoberrevolution“ (Oskar Negt) und Vordenker des Nicht-Mehr-Seins im faktischen Realen und des Noch-Nicht-Seins im real Möglichen, der den „alten Menschheitstraum“ von Freien und Gleichen als Geist der Utopie „philosophisch subtilisiert[e] zu einer allgemeinen Theorie der Gesellschaft, einer visionären Utopie“ (36), nannte bereits 1924 den seit Anfang 1933 zwölf lange Jahre lang amtierenden letzten deutschen Reichskanzler „den schiefen Statthalter der Revolution.“ (37)

In seinem zweiten Schweizer Exil veröffentlichte Bloch seine theoretische Leitstudie zu Auffälligkeiten der damaligen deutschbürgerlichen Gegenwartsgesellschaft (vor allem Ungleichzeitigkeiten) (38) und kommentierte auf dieser Grundlage auch selbstkritisch (1936):

„Die Linke hat das wahre Bewusstsein, aber auch dass es ein falsches, sich sperrendes Bewusstsein gibt, ist wahr. […] Daher schlugen die Erkenntnisse der fortgeschrittensten Klasse in all ihrer Wahrheit hier nicht ein. […] Daher konnte unter den Betrogenen […] die Lüge derart wahr wirken, die Wahrheit blieb derart ungesehen. Daher reüssierten die (höchst gleichzeitigen) Betrüger, hatten die ungeheuerliche Zahl der Betrogenen und Betrügbaren zur Verfügung, die nationalsozialistische Massenbasis aus ungleichzeitigem Widerspruch.“ (39)

Politisch zugespitzt formulierte Bloch (1937):

„Die Nazis haben betrügend gesprochen, aber zu Menschen, die Sozialisten völlig wahr, aber von Sachen; es gilt nun, zu Menschen völlig wahr von ihren Sachen zu sprechen.“

Nach erneutem Weltkrieg, Nachkrieg, Wiederaufbau, Rekonstruktionsperiode und ihrem Ende wurden im neuen deutschen Wohlfahrtsstaat Hinweise Benjamins wieder aufgenommen: Reinhard Opitz skizzierte Mitte der 1970 Jahre seine These der Bewusstseinsfalsifikation. (40)

Daran anschließend habe ich Ende der ganzdeutschen Nullerjahre die inzwischen empirisch vollständig entwickelte wirkmächtige „Verdummungsindustrie“ mit ihren „Verblendungs-, Verkehrungs- und Umwertungsmechanismen zur strategischen Verstärkung der durch den Warenfetisch jeder kapitalistischen Gesellschaft immer schon gegebenen spontanen Mystifikation als ‚gesellschaftliche Gefolgschaft'“ (41) als einen Aspekt von Ohnmacht benannt. – Inzwischen prangern auch andere Autoren die „Fabrikation von Stupidität“ und die „massenmedial gesteuerte Volksverblödung“ als Merkmal der gegenwärtigen deutschen Gegenwartsgesellschaft an. (42)

Auch wenn es nicht so sein muss, wie ein zeitweilig bekannter deutscher Autor behauptete: „Unbezähmbar ist der Drang, bei den Stärkeren zu sein“ (43) – Ohnmachtserfahrungen wollen ebenso bedacht werden wie historisch-kulturelle Umstände, gesellschaftlich-politische Verhältnisse und different-zukünftige Perspektiven. (44)

Auch diese sind – wie bekannt – immer konkret. (45) Und auch auf sie trifft zu, dass erstens „menschliche Handlungen“ in den „Lebensbedingungen ‚begründet'“ sind (46), dass zweitens in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren ungleichen und konkurrenzbestimmten Lebensbedingungen selbstbewusst-interessengeleitetes Handeln grundsätzlich erschwert und tendenziell verunmöglicht wird (47), dass drittens entsprechend des Zwangscharakters auch (in) dieser Gesellschaft Konformität(snormen) von sozialen Gruppen und einzelnen (48) erzwungen werden können, dass das Individuum sich daran halten muss, wenn es „handlungsfähig sein will“ (49) und dass es viertens auch gesellschaftliche Lagen und soziale Situationen gibt, in denen die gedankliche Vorwegnahme („Antizipation“) künftiger Entwicklungen und (etwa widerständiger) Handlungen negativ handlungsbestimmend, handlungsvermeidend und speziell als Handlungsblockaden wirken, weil gegebene „stabile Strukturen Handlungsalternativen nicht zulassen.“ (50)

Damit sind einige weitergehende, auch mit Angst (51) im Allgemeinen und mit Identitätsverlust (52) im besonderen zusammenhängende subjektwissenschaftliche Facetten, Gesichtspunkte und Felder angesprochen. Sie könnten (theoretisch) auch Engagierte jeder sozialen Bewegung interessieren.

Im Rückbezug hier angesprochenes übergreifend-Allgemeines kann als gesichertes sozialwissenschaftliches Wissen gelten:

Immer dann, wenn es nicht um „lebende Menschen in ihrer ganzen Subjektivität“ (Paul Feyerabend), sondern um die „Vertreibung der Seele“ geht und immer dann, wenn „lebendige Menschen“, etwa durch Justiz und Staatsbürokratie in „tote Registraturnummern“ (Franz Kafka) verwandelt werden (53), wirkt ‚falsches‘ Bewusstsein als besondere Form gedanklicher Verkehrung und als Ausdruck der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Ohnmacht ist deren erste Erscheinungsform und allgegenwärtiger Ausdruck.

Deprivation

In der sozialwissenschaftlichen Begriffssprache schließt Deprivation (54) an das Bedeutungsfeld von Verlust, Mangel und Entbehrung an. Relative Deprivation meint seit den historisch-empirischen Studien von Walter G. Runciman (1972) und Peter Townsend (1979) zur Armut in Großbritannien nicht mehr traditionelle Formen von Armut und Verelendung, sondern zeitgenössische Formen und Praxen ökonomisch begründeter kultureller Ausgrenzung und sozialer Ausschließung vom vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum und gegebenen Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung.

Dies schließt auch psychosoziale Bedürfnisse, etwa nach subjektiver Anerkennung oder Wertschätzung, ein. Entsprechend meint psychische Deprivation besondere subjektive Wirksamkeiten allgemeiner sozialer Mängellagen auf die Lebensweise von Individuen, denen wesentliche und sozial akzeptierte Formen alltäglicher Lebensführung entzogen sind.

Das umfassende sozialwissenschaftliche Leitkonzept relativer Deprivation wird in der kritischen Armutsdiskussion angewandt, etwa um zunächst unsichtbare existenzielle Mängellagen zu erkennen, empirisch zu dimensionieren und für Armutsberichte zu quantifizieren.

Townsend meint mit relativer Deprivation „das Fehlen oder die Verknappung von Nahrungsmitteln, Annehmlichkeiten, soziokulturellen Standards, Dienstleistungen und Handlungsformen, die eine Gesellschaft kennzeichnen und allgemein vorhanden sind. Die Menschen, die diese Lebensbedingungen, welche erst Gesellschaftsmitglieder ausmachen, nicht haben und denen sie fehlen, leben in Armut“ (1979).

Wie auch immer wissenschaftlich über empirische Bestimmungen aller historisch-konkreter relativer Deprivation und damit der Armutsgrenze gestritten werden mag – entscheidendes Merkmal des Konzepts ist die soziale Ausschließung von Menschen von gesellschaftlichen Lebenschancen, sozialen Lebensformen und kulturellen Handlungspraxen.


Quellen und Anmerkungen

(34) Etymologisches Wörterbuch: 946.

(35) Walter Benjamin: Ein Außenseiter macht sich bemerkbar [1930]; wieder in: ders., Gesammelte Schriften. Frankfurt/M. 1972-1999, Band III; ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Zweite Fassung [1936] ; wieder in: Ebenda, Band VII.

(36) René König: Soziologie in Deutschland. Begründer / Verfechter / Verächter. München 1987: 241.

(37) Ernst Bloch: Hitlers Gewalt; in: Das Tagebuch, 5 (1924) 15 [12.04.1924]: 474-477.

(38) Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. Zürich 1936; auch ders., Originalgeschichte des Dritten Reiches [1937]; in: Vom Hazard zur Katastrophe. Politische Aufsätze 1934-1939. Hg. Oskar Negt. Frankfurt/M. 1972: 291-318.

(39) Ernst Bloch: Sokrates und die Propaganda [1936]; in: Bloch, Vom Hazard zur Katastrophe: 103-111, hier 103, 107f.; ders., Kritik der Propaganda [1937]; ebenda: 195-206, hier 197.

(40) Reinhard Opitz: Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus; in: Das Argument, 87/1974, 543-603; dazu Richard Albrecht, Reinhard Opitz’ These der Bewusstseinsfalsifikation – 30 Jahre später; in: Topos, 24/2005, 124-146; http://www.duckhome.de/tb/archives/9164-BEWUSSTSEINSFALSIFIKATION.html (Fassung verfügbar im Webarchiv auf https://web.archive.org/web/20140925101946/http://www.duckhome.de/tb/archives/9164-BEWUSSTSEINSFALSIFIKATION.html; abgerufen am 11.1.2022).

(41) Richard Albrecht: SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozess zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen 2008: 12.

(42) Georg Seßlen; Markus Metz: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. Berlin 2011; Jost Hermand: Verlorene Illusionen. Eine Geschichte des deutschen Nationalismus. Köln 2012: 358.

(43) Stephan Hermlin: Abendlicht. Berlin 1980: 49.

(44) Richard Albrecht: Zukunftsperspektiven: (I) Denkauslöser, Realitäten, planende Kreativität bei Marx, in: Forum Wissenschaft, 23 (2006) 4: 51-52; (II) Arbeitslosigkeit – Subjekt- und Realanalyse; in: ebd., 24 (2007) 1: 61-63; Netzversionen http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/462300.html [und] http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/ 527598.html (beide Links abgerufen am 11.1.2022).

(45) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wer denkt abstrakt, aaO. [wie oben Anm. 22].

(46) Klaus Holzkamp: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M. 1985: 348; vgl. auch ders. https://www.kritische-psychologie.de/1983/der-mensch-als-subjekt-wissenschaftlicher-methodik (abgerufen am 11.1.2022).

(47) Ingeborg Rubbert: Ungleiche Lebensbedingungen und die Entwicklung von Identität; in: Rainer Geißler, Hg., Soziale Schichten und Lebenschancen in der Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart 1987: 111-137.

(48) Hannah Arendt: The Human Condition [1958] dt.spr. Ausgabe udT. Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München-Zürich 1984: hier 41.

(49) Wolfgang Buchholz: Lebensweltanalyse. Sozialpsychologische Beiträge. München 1984: 143.

(50) Rose Groetschel: Zu den Grenzen klientenzentrierten Handelns in der Prävention; in: Psychologie & Gesellschaftskritik, 54-55/1990: 49-73.

(51) Klaus Holzkamp: Grundlegung: 239 ff., zum Zusammenhang von Angst als Gefühl von Ohnmacht, Ausgeliefertsein, Bedrohungssituation und erfahrener Handlungsunfähigkeit.

(52) Harald Werner: Identität, Bewusstsein, politische Kultur. Einführung in die Sozialpsychologie revolutionärer Politik. Marburg 1989: 156 ff., zum Gefühl der Vergeblichkeit des eigenen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Handelns.

(53) Paul Feyerabend: Wissenschaft als Kunst, Frankfurt/M. 1985: 155 [und] 143; Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen [1951]. Frankfurt/M. 1968: „Ein Henker ist heute ein ehrsamer, nach der Dienstpragmatik wohlbezahlter Beamtenberuf. Warum sollte also nicht in jedem ehrsamen Beamten ein Henker stecken? [Die Beamten bringen doch keine Menschen um!] Und ob sie es tun! – entgegnete Kafka: Sie machen aus den lebendigen, wandlungsfähigen Menschen tote, jeder Wandlung unfähige Registraturnummern.“

(54) Vgl. Richard Albrecht: Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Hg. Siegfried Grubitsch; Klaus Weber. Reinbek 1998: 99; weiterführend Walter Runciman (1972): Relative Deprivation und Social Justice (Harmondsworth, 1972); Peter Townsend: Poverty in the United Kingdom (Harmondsworth, 1979); Sabine Walper: Familiäre Konsequenzen ökonomischer Deprivation. München/Weinheim 1998; Richard Albrecht: Von den Selbstheilungskräften…, wie oben Anm. 6; ders., Pauper(ismus): Geschichte und Aktualität von ‚Neuer Armut‘ und ‚Arbeitenden Armen‘, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2007/II: 19-32.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Rick Govic (Unsplash.com); Akademie der Künste (Gemeinfrei)

Kultur- und Sozialwissenschaftler | Webseite

Richard Albrecht ist Kultur- und Sozialwissenschaftler. Er lebt als Dozent im Ruhestand und Freier Autor in Bad Münstereifel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialforschung, politische Soziologie und kulturanalytische Sozialpsychologie. Er absolvierte ein Studium der Soziologie und Sozialpsychologie mit den Nebenfächern Nationalökonomie, Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Sein Diplom erlangte er 1971, die Promotion erhielt er 1976 und seine Habilitation 1989. Aktuelle Veröffentlichung: Gesellschaft – Einführung in soziologische Sichten (2022).

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