Einsam und bereits besiegt – Der Niedergang Argentiniens

Schulden erdrosseln Argentinien. Im März 2022 wird eine weitere Rate für einen Kredit fällig, den der Internationale Währungsfonds (IWF) ohne ausreichende Prüfung 2018 der damaligen Regierung unter Präsident Mauricio Macri bewilligt hatte. 57 Milliarden US-Dollar wurden gewährt, etwa 44 Milliarden ausgezahlt (1). Allein 2022 müsste Argentinien 19 Milliarden Dollar tilgen. Doch wie soll das gehen? Die Konjunktur lahmt, die Inflation steigt, die Notenpresse läuft ununterbrochen. Es wird eng.

Dürre und leere Kassen

Und auch wenn die jetzige Regierung verlauten ließ, sich in Sachen Rückzahlung mit dem IWF geeinigt zu haben, und es weder zu Kürzungen bei den Sozialausgaben und Investitionen noch zu einer Abwertung des Peso kommen soll (2), steht das südamerikanische Land vor dem Bankrott. Warum? Die Journalistin Gaby Weber begibt sich in ihrem Dokumentarfilm „Einsam und bereits besiegt – Der Niedergang Argentiniens“ auf Spurensuche für den beispiellosen Abstieg eines (eigentlich) reichen Landes.


Einsam und bereits besiegt – Der Niedergang Argentiniens (Quelle: Gaby Weber/YouTube)

Die Devisenreserven der Zentralbank reichen offenbar nicht aus, um die Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem IWF zu erfüllen. Wegen einer Dürre, die auch Brasilien und Paraguay betrifft, wird die Ernte bescheiden ausfallen. Die Preise für Futtermittel steigen und dadurch auch die Preise für bestimmte Nahrungsmittel wie zum Beispiel Fleisch und Geflügel (3). Außerdem steht eine Zinserhöhung der US-Notenbank bevor, was mit ziemlicher Sicherheit dazu führt, dass Kapital aus Südamerika abgezogen wird (4).

Weit über 40 Prozent der Bevölkerung lebt bereits unterhalb der Armutsgrenze (5). Die Zahl wird weiter steigen, doch ein (sozialer) Widerstand wie während der großen Wirtschaftskrise zwischen 1998 und 2002 ist nicht in Sicht. Heute ist der Staat der wichtigste ökonomische Akteur. Die Unternehmen sind abhängig von Subventionen und Staatsaufträgen und die Menschen von den Jobs im aufgeblähten Staatsapparat. Und die verarmte Masse, die praktisch keinerlei Aufstiegschancen besitzt, wird mit staatlichen Hilfszahlungen über Wasser gehalten.

Der steile Weg nach unten

Es kaum zu glauben, dass Argentinien noch 1950 eines der reichsten Länder der Erde gewesen ist und vor neunzig Jahren sogar mit den USA um die intellektuelle, politische und ökonomische Vorherrschaft auf dem Kontinent konkurrierte. Und es war damals völlig offen, ob der Wettstreit zugunsten von Washington oder Buenos Aires ausgehen wird.

Gaby Weber reiste für ihren Film auch nach Córdoba. Die 700 Kilometer westlich der Hauptstadt Buenos Aires gelegene Stadt war einst berühmt als „la docta“, die gelehrte Stadt. Hier gründeten 1613 die Jesuiten die Universidad Nacional de Córdoba, die erste Universität des Landes – 20 Jahre vor der Harvard University. Der Glanz ist weg: Der steile Weg nach unten hat für freie Wissenschaft und Bildung längst begonnen.


Informationen zum Dokumentarfilm

Einsam und bereits besiegt – Der Niedergang Argentiniens

Argentinien: 2022
Sprache: Deutsch
Länge: 62 Minuten
Realisierung: Gaby Weber

Der Film erhielt keine Finanzmittel von Dritter Seite. Wenn Sie unabhängigen Journalismus schätzen und fördern wollen, unterstützen Sie bitte Gaby Weber über Paypal.com (gaby.weber@gmx.net) oder Comdirect Bank (IBAN DE53 2004 11550192 074300 | BIC COBADEHD055).


Quellen und Anmerkungen

(1) amerika21 (29.12.2021): IWF räumt Fehler bei Kreditvergabe an Argentinien ein. Auf https://amerika21.de/2021/12/256189/iwf-argentinien-kredit-fehler (abgerufen am 31.1.2022).

(2) Der Standard (28.1.2022): Argentinien erzielt Einigung über Kreditabkommen mit IWF. Auf https://www.derstandard.de/story/2000132936592/argentinien-haben-einigung-ueber-kreditabkommen-mit-iwf-erzielt (abgerufen am 31.1.2022).

(3) amerika21 (23.6.2021): Argentinien, Brasilien und Paraguay von schwerer Dürre im Paraná-Becken betroffen. Auf https://www.amerika21.de/2021/06/251490/schlimmste-duerre-im-parana-becken (abgerufen am 31.1.2022).

(4) Manager Magazin (16.12.2021): Steigende Zinsen 2022 – US-Notenbank Fed plant drei Zinserhöhungen. Auf https://www.manager-magazin.de/politik/us-notenbank-fed-plant-mehr-zinserhoehungen-als-erwartet-a-ddb01564-cf04-485a-9e05-8a172aa60a51 (abgerufen am 31.1.2022).

(5) Vatican News (17.7.2021): Argentinien: „Schlimmste Armut und größter Reichtum“. Auf https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2021-07/argentinien-armut-politik-wirtschaft-kirche-solidaritaet-krise.html (abgerufen am 1.2.2022).


Foto und Video: Killari Hotaru (Unsplash.com) und Gaby Weber

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Ein Gedanke zu “Einsam und bereits besiegt – Der Niedergang Argentiniens”

  1. Warum ist es so, dass ein Land wie Argentinien einsam und besiegt im Niedergang untergeht?

    Spezifisch für das kapitalistische Wirtschaften ist es, dass alle gesamtgesellschaftlich erbrachten Arbeitsleistungen in privatem Interesse verwendet werden können. Dadurch werden Waren, besonders die Ware Arbeitskraft, nicht richtig bewertet, die Wirtschaftskreisläufe werden gestört oder gar unterbrochen und es kommt zu Wirtschaftskrisen, sozialen Ungerechtigkeiten und ökologischen Katastrophen.

    Verschärft wird das ganze weil erstens der Konkurrenzkampf zu immer kostengünstigerem, rationellerem Produzieren zwingt. Zweitens hängt die Realisierung immer höherer Profitraten von der Eroberung immer neuer Märkte und Einflusssphären ab, das Profitstreben treibt das Kapital zur Globalisierung. Und drittens schließlich ist der Trieb zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion untrennbar mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verbunden. Dieser Fall ergibt sich infolge der Produktivkraft-Entwicklung, insbesondere durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt.

    Dadurch wird immer mehr in Anlagen, Maschinen, Technik und so weiter investiert, hauptsächlich, um den Lohn für Arbeitskräfte einzusparen. Geldwerter Gewinn kann aber nur erzielt werden, wenn Produkte und Dienstleistungen gekauft werden. Wenn jedoch prozentual immer weniger Menschen immer reicher und immer mehr Menschen immer ärmer werden, kann zwar immer mehr produziert aber nur immer weniger konsumiert werden. Oder anders gesagt, es wird Gebrauchswert produziert, der nicht gekauft wird, weil durch Lohndumping beziehungsweise steigende Arbeitslosigkeit die Kaufkraft tendenziell sinkt.

    Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage fast nur vorfinanziert möglichen Tätig-seins und anschließender Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung dem Streben nach Profit unterordnen und werden im gnadenlosen Konkurrenzkampf verschlissen.

    Volkswirtschaften lösen sich im Rahmen der auf Druck der internationalen Finanzmärkte sich durchsetzenden Globalisierung auf, wodurch zunehmend Überschussproduktion von immer weniger an der Produktion Beteiligten, nicht proportionaler Austausch, ungerechte Verteilung sowie teils verschwenderisch und weitaus größeren teils unzureichend möglicher Konsum das Leben aller Menschen bestimmen.

    Staatsapparate, eigentlich verantwortlich, möglichst hoher Nützlichkeit verpflichtete, volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten zu stimulieren, sind kaum noch in der Lage zu agieren und reagieren immer hilfloser. Der ausgebeutete, unterdrückte, diskriminierte, verhungernde, geplagte, verelendende, dahinvegetierende Großteil der heute lebenden Menschen muss schlimmer Weise mittels Machtinstrumenten immer offener mit psychischer und physischer Gewalt ruhig gestellt werden, da dem gesellschaftlichen Getriebe immer mehr das soziale Miteinander ausgeht und da das Ökosystem Erde immer mehr zum Kollaps hin gefährdet wird.

    Das alles beweist, dass nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Ansprüchen die Triebkraft und die Zielstellung des kapitalistischen Wirtschaftsgeschehens ist, sondern einzig und allein die Gier nach geldwertem Vorteil. Darum kann es in der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht um Ethik gehen.

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