Ich traue ihnen nicht, …

Humor ist eine große Hilfe bei der Erklärung des Universums, hat der geniale Astrophysiker Stephen Hawking (1942 – 2018) gesagt. Bei der Erklärung des Corona-Universums ist er gar unerlässlich, wenn man nicht im Irrenhaus landen will. Allerdings handelt es sich hier um Galgenhumor, da lacht es sich nicht ganz so befreit.

Ich bin nicht geimpft, also ist mir die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verboten. Logisch, oder? Obwohl ich mich schon seit Jahren höchst ungern in den Menschenzoo dort draußen begebe, bin ich doch gelegentlich auf Bus und Bahn angewiesen. Und sei es nur, um meine Bankfiliale in der Innenstadt aufzusuchen, – die bei mir in der Nähe wurde freundlicherweise geschlossen.

Zum Jungfernstieg, dem Sitz der Filiale, sind es mit dem Fünfer sechs Stationen, etwa 18 Minuten. Bisher bin ich schon einmal des Busses verwiesen worden. Wenn ich während der umständlichen Personalaufnahme beim nächsten Halt nicht geflüchtet wäre, hätte ich jetzt ein saftiges Bußgeld am Hals. Seitdem halte ich angestrengt die Augen auf. Jeder der Zusteigenden wird genau taxiert, es könnte sich schließlich um einen Kontrolleur handeln oder noch schlimmer: um eine Kontrolleurin.

Mir ist zwar noch keine begegnet, aber die Bilder einer Dokumentation über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, die zeigen, wie die wohlgenährten Aufseherinnen (viele mit Zöpfen oder Dutt) von englischen Soldaten aus dem Wachhaus begleitet werden, haben sich fest eingeprägt (1). Die trotzigen, teilnahmslosen Blicke dieser Frauen, die an ihren ausgemergelten Opfern vorbei marschieren, welche kaum die Kraft finden, die Augen zu heben …

Was hat das mit den Kontrolleurinnen des Hamburger Verkehrsverbundes zu tun? Natürlich nichts. Sorry. Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist die Überlebensstrategie, die man sich als Impffreier in dieser Gesellschaft nach und nach zuzulegen hat.

Bleiben wir beim Busfahren. Seit der G 2, 3, Plus oder was auch immer Regel postiere ich mich nahe an den Türen. Wann immer ich den Verdacht habe, dass es sich bei den zugestiegenen Herren (oder Damen) um Kontrolleure handelt, verlasse ich das Fahrzeug, dann nehme ich den nächsten Bus. Dauert zwar fünf Minuten etwa, aber so bin ich jedenfalls auf der sicheren Seite. Es gibt Tage, da hat mich die Paranoia derart im Griff, dass ich mich veranlasst sehe, an jeder neuen Haltestelle auszusteigen. So dauert die Fahrt zu meiner Bank nicht 18, sondern 53 Minuten. So viel Zeit muss sein. Immerhin bin ich seitdem nicht mehr erwischt worden.

Den besagten Galgenhumor, von dem ich anfangs sprach, bringen bei Weitem nicht alle auf. Im Gegenteil: Die Absurdität im Alltag ist inzwischen fast unbemerkt und unwidersprochen zur Normalität geworden.

Gestern war ich im Bezirksamt. Ich kam an einer Glastür vorbei, auf der eine sauber ausgedruckte Mahnung prangte – und das ziemlich groß: DER SOZIALRAUM DARF LEDIGLICH VON EINER PERSON BETRETEN WERDEN.

Als ich einer vorübergehenden Frau gegenüber bemerkte, dass dies nicht schlimm sei, da die Person ja mit sich selbst reden könne, vorausgesetzt sie hielt anderthalb Meter Abstand, zerrte diese ihr Kind in den Paternoster. Aus den Tiefen des Schachts klang ein schrilles Wort zu mir empor, dass sich fast anhörte wie CORONALEUGNER!

Da fällt mir dieses beeindruckende Statement des US-amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau (1817 – 1862) ein (2):

„Wir wollen uns die Ärmel aufkrempeln und unseren Weg bahnen durch den Dreck und Schlamm von Meinung, Vorurteil, Tradition, Blendung und Schein, die den Erdball überschwemmen, durch Paris und New York, durch Kirche und Staat, durch Dichtung, Philosophie und Religion, bis wir auf festen Grund und solide Felsen stoßen. Diesen Ort können wir Wirklichkeit nennen und sagen: Das IST, einen Irrtum gibt es nicht. Und dann beginne ein Realometer einzurammen, damit künftige Zeiten erfahren, wie hoch die Wellen von Trug und Schein zeitweilig schlugen.“

Aus Thoreaus Perspektive leben wir in „künftigen Zeiten“. Der Realometer ist längst eingerammt, aber die Wellen von Trug und Schein schlagen höher denn je. Viele meiner Freunde berichten, dass sie sich seit Langem in irgendeine Serie versenken, um dem Wahnsinn da draußen zu entgehen. Mache ich inzwischen genauso. Dabei fällt auf, nach welch simplen Mustern die Dinger gestrickt sind. Nur ein Beispiel: Wenn die Handlung feststeckt, kommt die Erklärung aus dem Fernseher; in irgendeiner Nachrichtensendung, die der Held am Tresen einer Bar verfolgt, zu Hause auf der Couch oder im Auto. Genau im richtigen Moment. Welch ein Zufall. Und wie langweilig.


Der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau im Juni 1856. (Portraitaufnahme: Benjamin D. Maxham, gemeinfrei)
Der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau publizierte 1849 die Schrift „Resistance to Civil Government“. (Foto: Benjamin D. Maxham, gemeinfrei)

In meinem Buch GO! Die Ökodiktatur von 1993 gibt es ein ummauertes Stadtlager, in das Gesetzesbrecher verbannt werden, das aber auch Freiwilligen offen steht. Im Stadtlager gibt es keine Verwaltung, keine Polizei, nichts. In jeder Wohnung steht ein Fernseher, über den in Dauerschleife dieselbe mit Katastrophenmeldungen vollgepackte Nachrichtensendung läuft. Eine Metapher, ein Sinnbild. Der Journalismus ist ins Scheitern verliebt, nicht in sein eigenes natürlich, sondern in jenes Scheitern, das genügend Elend abwirft, um lustvoll aufgegriffen und durchgekaut zu werden, damit man es dem Publikum dann vor die Füße würgen kann.

So läuft es doch. Querdenken, das Ringen um alternative Lebensformen wird diffamiert und in den Schmutz getreten. Es ist die perverse Neugier der bereits Gescheiterten, die sich in fürchterlicher Solidarität austobt.

Ich entrümpele gerade meine Bibliothek. Dabei ist mir ein Tagebuch aus dem Jahre 1985 in die Hände gefallen. Interessant. Unter anderem fand ich folgenden Eintrag:

„Ich traue ihnen nicht, den geistigen Kleingärtnern, die uns über den Gartenzaun hinweg ansprechen, die charmant plaudernd, lustvoll verführend und virtuos argumentierend ihr gescheitertes Leben als Offenbarung verhökern. Sie wollen einem den Tand ihres Wissens andrehen, wo man doch unbeschwert weitergehen möchte. Am liebsten hetzten sie die Hunde auf einen, wenn es nur nicht dem guten Ruf schaden würde.“

Für solche Sätze könnte ich mir noch heute auf die Schulter klopfen, aber nur, weil ich die Autorenschaft nicht für mich reklamiere. Gut, ich habs geschrieben, aber manchmal wird man auch benutzt, wenn man ein gewisses Talent hat. Ich jedenfalls stehe voll und ganz zur Verfügung, denn inzwischen habe ich auch den Nikotindämon im Griff, was die Voraussetzung dafür ist, dass die Membran unverfälscht vibrieren kann.

Wie schwierig es ist, das vorhandene Elend und die nicht tot zu kriegende Hoffnung unter einen sprachlichen Hut zu bringen, zeigt sich in diesem Text des russischen Schriftstellers Alexander Kuprin (1870 – 1938) sehr deutlich (3):

„Mir wird übel von diesen Lügnern, Feiglingen und Fresssäcken! Diese Elenden! Der Mensch ist für große Freude geboren, für ständiges Schöpfertum, in dem er sich als Gott beweist, für freie, durch nichts eingeengte Liebe zu allem: zu Baum und Strauch, zum Himmel, zum Menschen, zum Hund, zur lieben, wundermilden, herrlichen Erde, ja, besonders zur Erde mit ihrer gesegneten Mütterlichkeit, mit ihren Morgen und Nächten, mit ihren tagtäglichen Wundern. Und der Mensch hat sich so erniedrigt. Sich selbst so verdorben durch Lügen und Bettelei. Ach, es ist so traurig!“

Brüder und Schwestern im Geiste hat es immer gegeben. Es wird sie auch immer geben. Sie sind der Schutz gegen den Wahnsinn, sie legen dir den Harnisch an. Ich bin außerordentlich dankbar dafür, dass ich im Laufe meiner Jahre so wache, so schöne, so mutige und unverfälschte Menschen kennenlernen durfte, die mich immer wieder daran erinnern, wie wir, die Menschen eigentlich gemeint waren.


Alexander Kuprin (Foto: Gemeinfrei)
Der Schriftsteller Alexander Iwanowitsch Kuprin war ein Vertreter des russischen Realismus. Er wandte sich gegen die Ungerechtigkeiten der urkapitalistischen Gesellschaft und richtete seine Aufmerksamkeit auf die sogenannten niederen Schichten. Das wichtigste Werk von Kuprin ist der Roman „Der Graben“. (Foto: Gemeinfrei)

Quellen und Anmerkungen

(1) Das Konzentrationslager Bergen-Belsen lag im Ortsteil Belsen der Gemeinde Bergen (Kreis Celle) im heutigen Land Niedersachsen. In dem KZ beteiligten sich auch Aufseherinnen an Verbrechen, darunter zum Beispiel Hertha Bothe, Hildegard Kanbach, Irene Haschke oder Elisabeth Volkenrath. Die KZ-Aufseherin wurde nach der totalen Niederlage Nazi-Deutschlands von den Alliierten vor Gericht gestellt und zur Verantwortung gezogen. Volkenrath wurde als Kriegsverbrecherin im Bergen-Belsen-Prozess zum Tode verurteilt und im Dezember 1945 aufgehängt.

(2) Henry D. Thoreau (1817 bis 1862) war Schriftsteller und Philosoph. 1849 publizierte er die Schrift „Resistance to Civil Government“. Der Titel des Essays wurde später geändert in „Civil Disobedience“ und dann in „On the Duty of Civil Disobedience“ (deutsch: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat). Thoreau fordert mit seinem Werk dazu auf, sich dem (positiven) Recht des Staates nur zu beugen, wenn dieses mit der persönlichen moralischen Wertung übereinstimmt.

(3) Alexander Iwanowitsch Kuprin (1870 bis 1938) war ein russischer Schriftsteller. Kuprin, der anfänglich gut befreundet mit dem Schriftsteller Maxim Gorki war, empfand starke Sympathien zur ersten Russischen Revolution der Jahre 1905 bis 1907. Durch einen Zufall war er in Sewastopol, als der bewaffnete Aufstand der Matrosen des Panzerkreuzers Otschakowge niederschlagen wurde, und half dabei mit, Überlebende zu retten. Nach der Niederschlagung der Revolution distanzierte sich Kuprin von Gorki und dessen Kreis. Kuprin bezeichnete diese Zeitspanne später als „Periode größter Enttäuschungen“. Sein bedeutendstes Werk, der Roman Der Graben, der in einer drastischen Sprache den Alltag der russischen Prostituierten beschrieb, erschien 1909 (erster Teil). Der zweite Teil wurde 1914/1915 veröffentlicht.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag erschien bei apolut.net unter der Headline „Ich traue ihnen nicht, den geistigen Kleingärtnern“. Er wurde aktualisiert und auf Neue Debatte zweitveröffentlicht. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Hinweise und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Isaac Sloman (Unsplash .com), Benjamin D. Maxham und Vokrugsveta (beide gemeinfrei)

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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