Haben Sie schon mal eine Olivenölflasche geohrfeigt?

Ich schon. Gerade eben. Ich kam vom einkaufen und leerte den grünen Stoffbeutel aus, als sich die besagte Olivenölflasche partout nicht greifen lassen wollte. Immer wieder rutschte sie durch meine Finger. Schließlich ging ich ihr an den schlanken Hals, während die Radieschen, die ich kurz zuvor ausgepackt hatte, so heftig protestierten, dass ihnen die Zornesröte ins Gesicht stieg. Als wollten sie mir sagen, dass ihrer grazilen gläsernen Freundin doch nur nach Spielen zumute war.

Inzwischen waren das widerborstige Ding und der Beutel eine Allianz eingegangen. Ich konnte den Stoff wenden, wie ich wollte, die Flasche blieb auf unerklärliche Weise mit ihm verbunden. Sie steckte mit dem Kopf in einer vielfältig verwickelten Falte fest. Erst als ich im Begriff war, nach der Schere zu greifen, gab der Beutel sie frei. Einfach so.

Die kleine Feine lag ungebunden auf dem Grund und grinste mich an. So schnell aber ließ ich mich nicht besänftigen. Ich hob sie an, schaute ihr auf den Schraubverschluss und langte ihr eine. Zack. Jetzt steht sie auf dem Fensterbrett, wie ihre Vorgängerinnen. Wir tauschen Blicke miteinander. Warte, scheint sie zu sagen, bei passender Gelegenheit gleite ich dir aus der Hand, dann kannst du mich und das Öl vom Boden aufwischen, du jähzorniges Arschloch.

Tschuldigung, du Flasche. War ein Rückfall in alte Verhaltensmuster, als ich den Dingen noch eine Seele unterstellte (die sie zweifellos haben – pssst). Eigentlich spreche ich heute noch mit ihnen. In einer Sprache, die keine Worte braucht, nicht einmal Gedanken. Aber die Olivenölflasche ging ein wenig zu weit. Gegen Spielchen dieser Art hilft nur Achtsamkeit. Seitdem ich aus meinem somnambulen Dauerzustand getreten bin und achtsam durchs Leben schreite, hat es die Türklinke zu meinem Arbeitszimmer aufgegeben, mir im Vorübergehen in die Jackenärmel zu greifen und meine Sakkos zu vernichten. Die untere linke Ecke des Baderzimmer-Hängeschranks, die sich gerne in meine Stirn rammte, um sich an meinem Blut zu laben, ist schon lange nicht mehr zu ihrem Vergnügen gekommen, ebenso wie der Bettvorleger, der gerne einmal verrutschte, damit ich mich nicht auf der Matratze wiederfand, sondern neben ihm auf dem Fußboden. Achtsamkeit ist eine schöne Sache.

Es gibt aber auch Begegnungen der dritten Art. Ihnen kann man nicht aus dem Weg gehen, im Gegenteil, sie stellen sich einem in denselben. Es ist sozusagen written on the wall, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie wedeln mit Botschaften, die ich nicht zu dechiffrieren vermag. Das ist äußerst penetrant. Meine Begegnung mit der Fußgängerampel Ecke Hoheluftchaussee/Schlankreye zum Beispiel. Wir stehen seit Jahrzehnten auf Kriegsfuß. Als ich noch nicht über die Gelassenheit des Alters verfügte, war ich mehrmals versucht, mich des Nachts anzuschleichen und sie mit dem Hammer zu zertrümmern. Rechtfertigen hätte ich meine Tat vor Gericht nicht, denn es gab, gibt und wird niemals Zeugen geben für das perfide Spiel, dass diese Ampelkoalition mir aufzwingt.

Also: Die Hoheluftchaussee (später Grindelallee) ist eine der Hauptverkehrsachsen in Hamburg. Entsprechend lange dauern die Grünphasen für die nicht enden wollenden Autoschlangen, die sich Richtung Innenstadt quälen. Da müssen sich die Herrschaften, die in der Schlankreye darauf warten, endlich losgelassen zu werden, schon gedulden.

Nun kaufe ich vorzugsweise bei Lidl und Aldi ein, deren Filialen kurz hinter dieser Kreuzung liegen. Wann immer ich mich ihr jedoch nähere, springt die Ampel für mich auf Rot. Wieder und immer wieder. Irgendwann berichtete ich mehreren Freunden davon, die das natürlich für Zufall hielten.

Um nicht als Spinner dazustehen, nahm ich einen nach dem anderen dorthin mit, um den Beweis anzutreten. In allen dieser Fälle wurden wir bei Grün durchgewunken, was mich jedes Mal ziemlich blöd aussehen ließ. Aber ich schwöre beim Bart des Propheten: dieses Miststück von Ampel bremst mich beim Einkaufen noch heute regelmäßig aus. Allerdings habe ich es längst aufgegeben, irgendjemanden von diesem Mysterium zu erzählen. Wenn man in die Zielgerade des Lebens eingebogen ist, kommt man notgedrungen zu der Erkenntnis, dass einem keine Zeit mehr bleibt, diese zu verplempern. Schon gar nicht mit dem Versuch, ein solches Rätsel zu lösen.

Ein weiteres Beispiel. Ich nenne es meinen Ford-Schritt. Denn um die Automarke Ford geht es in diesem Fall. Ich mache mir nichts aus Autos. Zu viele. Zu viele Langweiler-Kutschen im verkrampften Design. Formschöne Gefährte wie weiland der DS 19 oder der RO 80 sind schon lange nicht mehr dabei. Ford macht da keine Ausnahme, Ford gehört eher zu den unauffälligen Marken inmitten des Blech-Tsunamis.


Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1963 in der DS Présidentielle. (Foto: Gnotype, CC BY-SA 3.0)
Die D-Modelle sind eine Modellreihe der französischen Automobilmarke Citroën. Sie wurden Mitte der 1950er-Jahre vorgestellt und stellten eine Sensation dar, weil sie in bislang einzigartiger Weise avantgardistisches Design und technische Innovationen vereinten. Das Foto zeigt Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1963 in der DS Présidentielle. (Foto: Gnotype, CC BY-SA 3.0)

Ich schau da nicht mehr hin. Aber seit etwa einem Jahr passiert Folgendes: Ich, der die Gehplatten unter meinen Füßen interessanter findet als die allgegenwärtigen Kraftwagen um mich herum, wird von einer unheimlichen Instanz mindestens einmal täglich dazu gezwungen, den Blick zu heben, der dann unweigerlich auf einen Ford fällt, ob er parkt oder fährt, egal, es ist ein Ford, der sich mir aufdrängt. Selbst in den Actionfilmen, die ich mir auf Netflix antue, rauschen die Cops in einem Ford heran. Was will mir diese Botschaft sagen? Bedeutet sie, dass ich eines Tages von einem Ford ins Jenseits befördert werde oder was? Fragen dieser Art sind müßig, ich habe sie längst aufgegeben.

Vor Kurzem hatte ich die Idee, einen Artikel zu schreiben, in dem ich mir vorstellen wollte, wie wohl die Bundesregierung reagieren würde, wenn Wissenschaftler plötzlich Cannabis als hundertprozentigen Wirkstoff gegen Corona entdeckt hätten. Wendehals Lauterbach, so meine Vision, würde mit Unterstützung der Tabakindustrie, die ja längst auf die Legalisierung von Cannabis vorbereitet ist, von der Impfpropaganda lassen und statt der 2G-Regel nun die TTD-Regel (Turn on, tune in, drop out) zwingend einführen.

Die Deutschen, die ihm brav in jede Boosterei gefolgt waren, wären nun verpflichtet, täglich drei Joints zu rauchen, morgens, mittags, abends. Schon nach kurzer Zeit würden die lästigen Massendemonstrationen im Land gegen die Coronamaßnahmen einschlafen, garantiert. Nach und nach kämen die Leute zur Besinnung, sie würden das befreite Miteinander wieder wertschätzen und alles, was sie die letzten Jahre in Angststarre versetzt hatte, einfach weg lachen. Selbst das RKI würde schmunzelnd zugeben, dass sie nichts als Falschinformationen veröffentlicht hatten. So what, uns gehts ja wieder gut …

Die Gesellschaft wäre am Ende durch Corona befriedet und völlig neu ausgerichtet. Die Menschen würden das Leben wieder wertschätzen, oder um es mit Jiddu Krishnamurti zu sagen:

„Dieses Leben ist ein großes Geschenk. Dieser Planet und dieser Körper, mit dem wir diese Erde, wenn wir Glück haben, viele Jahrzehnte lang durchstreifen können, sind ein unfassbares Wunder. Ich kann es sehen und hören und berühren – und ich kann dieses Erleben so sehr verfeinern und schärfen, bis ich zu seiner Quelle vorgestoßen bin. Wenn ich mich in dieser Welt und in diesem Leben nicht verliere wie in einem Traum, wenn ich mich nicht daran klammere und es nicht brauche wie ein Süchtiger, wenn ich, wie Rumi einmal sagte, nur „Sehen, Sehen, Sehen“ bin oder wenn ich durch die Augen Gottes auf dieses Wunder schaue, dann bin ich das einzige Sehen auf dieser Welt. Und jeder und alles Lebendige, das durch jedes Augenpaar wo oder wann auch immer auf dieses Wunder blickt, ist dieses einzige Sehen. Weil es dieses Sehen und dieses Bewusstsein und diesen Gott nur in der Einzahl gibt.“

Wie gesagt, ich hätte diesen Artikel gerne geschrieben. Bevor ich damit anfangen konnte, las ich von einer US-Studie, die belegt, dass Cannabis einer Corona-Infektion vorbeugen oder zumindest schwere Verläufe verhindern könnte! Auch so ein „Zufall“, der kaum erklärbar ist. Die Studie erschien am 10. Januar 2022 im Fachblatt Journal of Natural Products (1). Ein Forschungsteam der Oregon State University und der Oregon Health & Science University fand heraus, dass die Cannabinoidsäuren den Eintritt des Coronavirus in die Zellen blockieren und somit vor einer Ansteckung schützen!

„Das heißt allerdings nicht, dass man viel Cannabis rauchen sollte, um sich vor einer Erkrankung an Covid-19 zu schützen. Bei CBGA und CBDA, auf die sich die Studie bezieht, handelt es sich im Gegensatz zum als berauschend bekannten Tetrahydrocanabinol (THC) nicht um psychoaktive, sondern um gut verträgliche und sichere Inhaltsstoffe“, steht bei Euronews (2).

Ach so. Ich glaube, ich werde meinen Artikel jetzt trotzdem schreiben, die oben skizzierte Vorstellung ist einfach zu verlockend …


Quellen und Anmerkungen

(1) Journal of Natural Products (10.1.2022): Cannabinoids Block Cellular Entry of SARS-CoV-2 and the Emerging Variants. Auf https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.jnatprod.1c00946 sowie als PDF verfügbar auf https://pubs.acs.org/doi/pdf/10.1021/acs.jnatprod.1c00946 (beide Links abgerufen am 5.2.2022).

(2) euronews (21.1.2022): US-Studie: Cannabis-Wirkstoffe könnten gegen Covid helfen. Auf https://de.euronews.com/2022/01/21/us-studie-cannabis-wirkstoffe-konnten-gegen-covid-helfen (abgerufen am 5.2.2022).


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien bei apolut.net unter der Headline „Haben Sie schon mal eine Olivenölflasche geohrfeigt?„. Es wurde aktualisiert und auf Neue Debatte zweitveröffentlicht. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Hinweise und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Markus Winkler (Unsplash.com) und Gnotype (eigenes Werk, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15019303; Lizenz: CC BY-SA 3.0).

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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