Auslandsjournal: Feindbild China als Auftakt zu Olympia

Bereits seit über einer Woche sind die ersten Fingerübungen in Sachen Berichterstattung über die gerade beginnenden Olympischen Winterspiele in Peking zu vernehmen. In kurzen Reportagen und Interviews bekommen wir das Bild eines unwirtlichen, undemokratischen und die Menschenrechte verletzenden Landes kredenzt. Und pünktlich einen Abend vor der offiziellen Eröffnung in Peking sendete das Auslandsjournal des ZDF ein einstündiges Special: Die Rivalen – China versus USA. Wie bedroht der Aufstieg Chinas die Weltmacht USA? Für den Teil über China zeichnete Ulf Röller verantwortlich, für den über die USA Elmar Theveßen (1).

Es begann mit China in der Manier, die man von Ulf Röller kennt. China ist eine Diktatur, kritische Stimmen landen im Gefängnis, die Kommunistische Partei überwacht alles, das Land rüstet auf, um militärisch die Weltherrschaft zu erlangen, und wer sich dem Diktat des Präsidenten Xi Jinping (2) nicht unterwirft, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Die technischen Mittel, derer sich Röller bedient, sind jenseits dessen, was sich seriöser Journalismus erlauben sollte. Da wird von versteckten Kameras gesprochen, die man nicht gefunden habe, und dann werden gestellte Aufnahmen mit simulierten versteckten Kameras vorgelegt, die die Infamie der Überwachung dokumentieren sollen. Es handelte sich um ein Stück erlesener Propaganda zur Untermauerung eines Feindbildes, an dem neben dem russischen schon seit längerer Zeit gearbeitet wird.

Wozu Fragen über China stellen?

Es geht bei derartigen journalistischen Berichten nicht um wahr oder falsch, sondern es sollte versucht werden, bestimmte Phänomene zu beschreiben und vielleicht die eine oder andere Frage aufzuwerfen, die einer Erklärung näher kommen könnte. Im Falle Chinas liegen diese quasi auf der Straße:

  • Sind die Ansprüche, die mit Hongkong und Taiwan formuliert werden, das Ergebnis wilder Weltmachtsträumereien oder sollen da nicht Teile des Landes, die das Ergebnis britischen Kolonialismus und amerikanischen Imperialismus in Korrespondenz mit chinesischer Schwäche sind, zurückgeholt werden?
  • Ist die Zustimmung, die die Kommunistische Partei aus großen Teilen der Bevölkerung erhält, das Ergebnis von gezieltem brain washing oder spielt dabei das Versprechen, das Land nie wieder demütigen zu lassen und die überprüfbare Realität, dass es der kommenden Generation einmal besser gehen wird als der gegenwärtigen, eine große Rolle?
  • Wie ist der rasante technische Fortschritt in einem durch und durch dirigistisch (3) geführten Land zu erklären?
  • Und herrscht in China nicht ebenfalls der nackte Kapitalismus und fungiert die Kommunistische Partei nicht wie eine soziale Ordnungspartei, die die Auswüchse verhindert, die der Neoliberalismus im Westen immer dramatischer an den Tag legt?

Von all dem war in Röllers Kampagne gegen China nichts zu verzeichnen. Es blieb bei der Zeichnung eines Monsters, an dem er seit seiner Rückkehr aus den Barbecue-Buden Washingtons und seiner Entsendung nach China arbeitet. Wozu noch das journalistische Handwerk bemühen, wenn plumpe Hetze für die beste Sendezeit ausreicht?

Das Gegenstück lieferte der bereits erwähnte Elmar Theveßen mit seinem Beitrag zu den USA. Auch wenn man nicht jede Einschätzung teilte, was normal sein sollte, musste man zu dem Ergebnis kommen, dass es sich dabei um ein Stück journalistischer Qualität handelte, die den Namen verdient. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sein differenzierter, den USA gegenüber nicht unkritischer Beitrag, der die Widersprüche in einem Land am Scheidepunkt gut beleuchtete, dazu verwendet werden wird, den Vorwurf, die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenjournale betrieben Propaganda, zu verwerfen.

Empfohlene Fingerübung

Selbstverständlich hätte man bei dem Titel „Rivalen“ noch einiges mehr machen können. Zum Beispiel die Frage stellen, in wie vielen Ländern die Schutzmacht des freien Westens Militär stationiert hat und in wie vielen China?

Wie die Gehälter sich in beiden Ländern bewegen, wie groß der jeweilige Warenkorb ist, welchen jungen Menschen der Zugang zu guter Bildung offen steht, wie es mit der Gesundheitsversorgung aussieht und wie viele Menschen als arm gelten? Wäre doch interessant bei einem Vergleich von Hegemonialmacht und Schwellenland.

Aber wollen wir nicht kleinlich sein! Der Beitrag ist all jenen empfohlen, die damit vertraut sind, sich ein eigenes Bild zu machen. Allein in puncto journalistischer Qualität wird es sich lohnen! Und als eigene Fingerübung für das, was uns noch in den nächsten Wochen bevorsteht.


Quellen und Anmerkungen

(1) ZDF-auslandsournal (2.2.2022): Die Rivalen – China versus USA. Auf https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/auslandsjournal—die-doku-die-rivalen—china-versus-usa-vom-2-februar-2022-100.html (abgerufen am 6.2.2022).

(2) Xi Jinping (Jahrgang 1953) ist seit 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas sowie Vorsitzender der Zentralen Militärkommission. 2013 wurde er vom Nationalen Volkskongress zum neuen Staatspräsidenten der Volksrepublik China ernannt. Im März 2018 wurde Xi Jinping in seinem Amt als Präsident und Militärchef bestätigt.

(3) Das Wort dirigistisch steht für staatlich reglementierend oder auch für die Art eines Wirtschaftssystems mit hohem staatlichen Einfluss.


Frau in Weiß. (Foto: Molly Mears, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Ximena Balderas (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

5 Gedanken zu “Auslandsjournal: Feindbild China als Auftakt zu Olympia”

  1. Diese ständige Berieselei durch die Medien “ Russland ist böse“, “ China ist böse“, wollen uns nur auf einen Krieg mit diesen Ländern einstimmen, der unterm Strich uns allen nur Schaden bringen würde und vor allem Amerikas Gier nach Bodenschätze befriedigen soll! Amiland ist der Bully of the Planet seit dem Ende des 2. Weltkrieges und sie fangen seitdem jeden Krieg mit Lügen an, denn das es niemals um Demokratie oder Frauenrechte bzw. Menschenrechte ging, sondern immer nur um die Bodenschätze dieser Länder, die von den USA und der Nato überfallen wurden, sind durch die jüngste Geschichte doch eindeutig belegt! China hat Seltene Erden, Russland hat Sibirien und die Arktis mit ihrem Gold, Platin, Uran, etc, etc… Ich kann es einfach nicht mehr hören!!! Falls Amiland und die Nato mit China oder Russland oder beiden einen Krieg anfängt, egal aus welchen Gründen, werden die Antworten aus China oder Russland nicht lange auf sich warten lassen und wir hier in Europa werden die Leidtragenden sein, nicht Amerika. Nur die Politik und die Konzerne, die an Kriegen verdienen, wollen Krieg, kein “ kleiner Bäcker mit ner Bäckerei im Hinterhof“ will Krieg, niemand will seine Kinder, Väter, Mütter, Brüder oder Schwestern opfern, um die Gier der Konzerne und der Politik zu bedienen, Weltweit nicht!!! Von daher schlage ich vor, anstatt uns, die 99% der Weltbevölkerung immer wieder für die Gier der Konzerne oder verantwortungsloser Politik sterben zu lassen, sollten wir die Jenigen, die den Krieg wollen, die an Kriegen verdienen und sowas unterstützen, kurz die Gierigen, in die Schützengräben schicken! Das wäre dann ein sehr kurzes Sterben, denn soviele Politiker und Waffenherstellerkonzerne gibt es ja nicht!!!Es ist höchste Zeit, die Politik und die Konzerne mal von ihrer eigenen propagierten Politik und “ Medizin“ kosten zu lassen und ihnen mal richtig die rote Karte zu zeigen!!!

    1. Todesstrafe für alle diejenigen, die sie fordern – hätte ich beinahe geschrieben. Nein nichtmal das gestehe ich ihnen zu. Leute, die nicht mehr weiter wisssen kommen mit Sanktionen, Krieg, Gericht, Gefängnis, Urteil daher. Sie können nicht anders denken, weil sie es nicht anders gelernt haben. Ist schlimm, aber zu entschuldigen. Dagegen ist es nicht zu entschuldigen, wenn Leute sich durch ihr Verhalten, durch ihre Äußerungen und ihr Tun geoutet haben und nicht hinauszukomplimentiert werden. In der Parteiendemokratie mindestens durch die Partei, die sie aufgestellt hat. Ist es wirklich so, dass jemand, der einmal für eine Position nominiert wurde, den größten Blödsinn machen kann bis hin zur Anzettelung eines Krieges?

  2. Ja, alle Fragen zu den „Bösen Staaten“ die jeder Interessierte bereisen, oder noch besser, betreten kann so er will, wie böse sind sie denn? Wer hat Interesse dass diese als „böse“ eingeordnet werden? Ich denke zum Beispiel an das hier erwähnte China, den Iraq, den Iran oder an Russland…? Ich habe bereits das Alter, wo man den Atomkrieg befürchtet hat, als – nennen wir es Russland, Raketen vor der U.S.A. in Cuba stationiert hatte. Das war schlecht? Wenn die NATO ihre Kriegsmaschinen an die Grenzen vor Russland bringt, ist es gut? Wenn die alten Atommächte bestimmen wer Atomwaffen bauen darf und wer nicht ist es gut? Einige Nationen haben sich darüber hinweggesetzt, wie zum Beispiel Israel, ist das gut, oder schlecht? Wenn Saudi Arabien den westlichen Waffenproduzenten eine Unmenge an Waffen abkauft, ist das gut? – Das alles steht auf einem Blatt bei mir. Auf einem anderen Blatt steht: Wenn alle von der Klimakatastrophe sprechen und sich alle die Haare raufen da der Regenwald in Brasilien Tag für Tag weiter gerodet wird. Und alle sehen, dass die brasilianische Regierung so gut wie nichts dagegen tut, dass die Regierungen der ach so braven Staaten so gut wie wegschauen was im Amazonasgebiet abgeht. Ist das gut? Man schaut nur wie und wo man am besten Geschäfte machen kann. Und dazu brauchen gewisse Regierungen „böse Staaten“. Alle anderen Staaten streicht man ganz einfach aus den Nachrichten. So einfach geht das.

  3. Was für eine Farce! Wenn es dem „Westen“ wirklich um „Menschenrechte“ ginge würden die Spiele gar nicht statt finden. Insofern gehören sie zur Kriegspropaganda dazu, um die Menschen schon mal darauf einzustimmen.
    China ist durch das Kapital als Billiglohnland groß geworden, wen hat es interessiert, dass Chinesen für ein paar Cent am Tag Westprodukte produzieren?
    In Wirklichkeit geht es auch darum zusätzliche Profite durch eine perfide Kriegsmaschinerie zu generieren. Nur, dass diese Kriege, sei es mit China und/oder Russland, niemals zu gewinnen sind. Aber das wird von den immer ewigen Politpsychopathen mit eingepreist und die dafür notwendigen (olivGRÜNEN) Patrioten/Idioten werden sich auch finden lassen, die als Kanonenfutter glorifiziert werden. Millionen Kriegstote können nicht lügen…!

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