„… der werfe den ersten Stein auf sie!“

Zu sehr haben die Ereignisse an der russischen Grenze die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als dass da noch etwas Beachtung gefunden hätte, was unbedingt in den Fokus muss, wenn das weitere Absinken in die Bedeutungslosigkeit verhindert werden soll. Obwohl das Beispiel der Außenpolitik des Westens gegenüber Russland genügend Material für grandioses Scheitern liefert. Angefangen mit der Reduktion des flächengrößten und eines multi-ethnischen wie multi-kulturellen Landes auf eine Figur, die wie in einem Science-Fiction in ihrem Schloss sitzt und mit dunklen Plänen die Welt in Angst und Schrecken versetzt. So einen Satan muss man natürlich als Scum, wie man im Imperium so angewidert sagt, als Abschaum behandeln und ihn spüren lassen, was man von ihm hält. Die Rechnung ist aufgegangen.

Und anscheinend ist die kulturelle Linie in Bezug auf den Umgang mit anderen Ländern, Kulturen und Mächten bei denen, die immer wieder mit dieser monströsen Doktrin scheitern, festgeschrieben wie die Heilige Schrift.

Denn das nächste Beispiel für das genussvolle Waten im Unrat lieferte – wieder einmal – der ZDF-Korrespondent für China, Ulf Röller, am letzten Sonntag im heute journal zum Abschluss der Olympischen Winterspiele in Peking.

Im Hetzmodus

Schon zu Beginn hatte er mit einem Propagandastreifen erster Güte mental gegen das Land mobil gemacht. Und nun, zum Abschluss, gewährte ihm Marietta Slomka ein Interview. In diesem tat Röller die gesamte Veranstaltung als inszenierte Propagandaveranstaltung ab und schloss mit den Worten, dass man aber, wenn man genau hingesehen hätte, doch in der Lage gewesen sei, „Chinas dreckige Fratze“ zu erblicken. Die Interviewerin schien durch dieses Abgleiten in einen unflätigen Hetzmodus nicht im Geringsten aus der Fassung gebracht worden zu sein und dankte dem Experten für seine Analyse.

Nicht, um die verhängnisvolle Formulierung einmal zu benutzen, dass es an den Ländern aus mitteleuropäischer Sicht nichts zu kritisieren gäbe. Und nicht, dass es aus der inneren Dynamik dieser Länder heraus nicht wünschenswert wäre, dass sich etwas änderte.


Der Todfeind des Völkerrechts (Quelle: YouTube/Gerhard Mersmann)

Aber, ja aber, erstens ist das die Sache derer, die dort leben, und zweitens existieren in unseren eigenen Breitengraden derartige Missstände, die beseitigt werden müssen, dass sich ein imperialistisches Missionarentum komplett verbietet. Das, wie hier in unseren Qualitätsmedien bezeichnenderweise nie berichtet, auf internationalem Parkett immer wieder zu unschönen Szenen führt, wenn sich die als politisch verwerflich Beschuldigten dahingehend wehren, dass sie dem Westen die eigenen Vergehen gegen Menschenrechte, gegen Völkerrecht und die Prinzipien der Humanität zu Recht anhand stichhaltiger Beispiele vorhalten.

„Bevor du das Maul aufreißt, …“

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ (1) Es handelt sich um einen der Kernsätze des Kanons, den das christlich geprägte Abendland für sich reklamiert. Und kaum ein anderer Satz wird durch die tägliche politische wie journalistische Praxis im Erdteil der untergehenden Sonne mehr kontaminiert.

Man kann es auch drastischer formulieren, wie es ein Nachbar aus meiner Kindheit, den alle den Militärkopp nannten, immer wieder lautstark zum Ausdruck brachte: Bevor du das Maul aufreißt, bring deine eigenen Sachen in Ordnung!

Treffender kann die Antwort auf den Zustand in der eigenen Lebenssphäre nicht umschrieben werden. Allzu oft ist Diplomatie zu Pöbelei und Journalismus zu Hass und Hetze verkommen. Wo sind die klugen Köpfe? Wo sind die Aufsichtsräte? Das Schamgefühl wird derzeit sehr strapaziert. Ehe wir uns über andere empören, sollten wir unsere eigenen Verhältnisse in Ordnung bringen.


Quellen und Anmerkungen

(1) „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!“ ist entnommen aus dem Evangelium nach Johannes (Kapitel 8, Vers 7). Es ist die Antwort von Jesus auf die Frage, was mit einer Ehebrecherin geschehen solle, die nach dem Gesetz hätte gesteinigt werden müssen.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto und Video: Christopher Burns (Unsplash.com) und Gerhard Mersmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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