Franz Kafka oder Rebellion ist berechtigt

„Man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten“, lautet ein Schlüsselsatz des Pfarrers im 9. Kapitel des Romans „Der Prozeß“. Der Autor lässt diesen Satz von seinem Opferhelden Josef K. anschließend so kommentieren: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“

Gut dreißig Jahre nach Erarbeitung eines Anfang 1989 vom damaligen Südwestfunk Baden-Baden gesendeten Essay über Franz Kafka (1), seinen Josef-K.-Roman „Der Prozeß“ und dessen Staats-, Justiz- und Bürokratiekritik (2), möchte ich erneut an Kafka erinnern. Und folgend einige der von mir gelesenen und positiv bewerteten Bücher über Kafka nennen.

Und zu diesem von mir, ähnlich wie Hans Henny Jahnn (1894 bis 1959) und Elias Canetti (1905 bis 1994), hochgeschätzten Autor des vergangenen „kurzen“ Jahrhunderts, der alles andere als ein „literarischer Vertreter der nihilistischen Verzweiflung“ respektive entsprechender „gesellschaftlicher Strömungen“(3) ist – anstatt weiterer – einige wenige Hinweise geben:


Franz Kafka 1923 (Foto: Klaus Wagenbach Archiv, Berlin, gemeinfrei)
Franz Kafka (etwa 1923)

Zunächst auf Leo Koflers Deutung des K.-Romans, aufgespeichert in der scheinbar paradoxen poststalinistischen Schlüsselmetapher nihilistischer Humanismus (4). Sodann auf Christoph Stölzls grundlegende Aufarbeitung der über sublimen Antisemitismus hinausgehenden rabiaten Judenfeindschaft in Böhmen vor dem Ersten Weltkrieg (5) als „großem Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) und Horst Althaus‘ ortsnah-sensitive Deutung des Landvermesser-Romans Das Schloß (6).

Materialreich zwei recht unterschiedliche, um die letzte Jahrhundertwende ersterschienene Kafka-Bücher. Einmal Janko Ferchs rechtswissenschaftliche Studie über den vom Nationalökonomen und Kultursoziologen Alfred Weber (wie damals in Österreich-Ungarn üblich) ohne schriftliche Doktorarbeit nach (in diesem Fall zweitägiger) „strenger mündlicher Prüfung“ 1906 promovierten Juristen Kafka (7). Zum anderen der Ausstellungsband über Kafkas berufliche Tätigkeit und sein fachliches Engagement als langjähriger Angestellter (in) der Zentralverwaltung der halbstaatlichen Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag (8). Hier findet sich auch Kafkas an den Freund Max Brod (1884 bis 1968) gerichteter erstaunt-verwunderter Ausruf über Geduld und Demut böhmischer Arbeiter und deren ausbleibende Rebellion:

„Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen zu uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten.“

Diese kleine „Tour d’Horizon“ soll nicht enden ohne einen letzten Hinweis auf eine handlungssoziologische Deutung von Kafkas (1912 geschriebener, 1915 veröffentlichter) Erzählung Die Verwandlung als Samsas familiäres Drama (9).

Sollte mich jemand fragen, welche Texte von Kafka ich empfehle – möchte ich passen und könnte nur – anstatt weiterer – die drei Texte, die ich immer wieder gern lese, nennen: Kafkas Roman(fragment) Der Prozeß (10), seine sarkastische Kurzerzählung Bericht für eine Akademie (1917; siehe 11) und seine doppelbödige Türhüter-Kurzparabel Vor dem Gesetz (1915), in der der Autor das grundsätzliche „Es ist möglich“ als Grundhinweis auf lebensweltliche Kontingenz durch den lakonistischen Zusatz „jetzt aber nicht“ präzisierte (12). Und gern möchte ich schließlich noch auf ein „vergessenes“, 1951 und 1961 erschienenes Erinnerungsbändchen ganz ohne wissenschaftlichen Anspruch aufmerksam machen (13).

Im Übrigen hoffe ich als historisch arbeitender Sozialwissenschaftler, was ‚gesichertes wissenschaftliches Wissen‘ betrifft, etwas Entscheidendes von Franz Kafka gelernt zu haben: immer dann, wenn „lebendige Menschen“, etwa durch Justiz und Staatsbürokratie, in „tote Registraturnummern“ verwandelt werden, um sie als Objekte zu beherrschen (14), wirkt ‚falsches‘ Bewusstsein als besondere Form gedanklicher Verkehrung und als Ausdruck der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Ohmacht der dieser Herrschaft unterworfenen Subjekte ist deren erste Erscheinungsform und allgegenwärtiger Ausdruck.

Und mit Blick auf diese Herrschaft(en) gilt allemal: Rebellion ist berechtigt.


Quellen und Anmerkungen

(1) Franz Kafka (1883 bis 1924) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Sein Hauptwerk bilden zahlreiche Erzählungen und drei Romanfragmente. Der Process (auch Der Proceß oder Der Prozeß, Titel der Erstausgabe: Der Prozess) ist neben Der Verschollene (auch unter dem Titel Amerika bekannt) und Das Schloss einer von drei unvollendeten und postum erschienenen Romanen von Franz Kafka. Biografie von Franz Kafka auf https://www.britannica.com/biography/Franz-Kafka (abgerufen am 24.2.2022).

(2) Richard Albrecht: „Sie machen aus lebendigen Menschen tote Registraturnummern: Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka“ (Erstsendung SWF II, Baden-Baden 12.2.1989: Die Aula); gedruckt in: Die Brücke, 84/1995: 79-83; erweiterte Netzfassung auf https://www.grin.com/document/38287 (abgerufen am 24.2.2022).

(3) Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling bis Hitler (Berlin/Weimar: Aufbau, 1984: 619).

(4) Leo Kofler, Der Prozeß; in: Bettina Clausen; Lars Clausen, Hrsg., Spektrum der Literatur. Gütersloh: Bertelsmann, 1975: 324-325.

(5) Christoph Stölzl: Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden (München: Edition Text + Kritik, 1975, 147 Seiten).

(6) Horst Althaus: Franz Kafka. Ghetto und Schloß; in: ders., Zwischen Monarchie und Republik. Schnitzler – Hofmannsthal – Kafka – Musil (München: W. Fink, 1976: 134-158).

(7) Janko Ferch: Recht ist ein „Prozess“. Über Kafkas Rechtsphilosophie (Wien: Manz, 1999, X/116 S.; Wien: Atelier, 2006, 182 S.).

(8) Kafkas Fabriken. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Marbacher Magazin. Bearbeitet von Hans-Gerd Koch; Klaus Wagenbach (Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, 2003, 162 Seiten; Zitat S. 39).

(9) Knut Berner: „Familienaufstellung“ – Franz Kafkas Die Verwandlung als Metapher des Bösen; in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 35 (2012) 65: 109-122.

(10) Franz Kafka: Der Prozess. Roman. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1960; Der Prozess. Roman; Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch, 1969, 41.-50. Tsd. [= Franz Kafka Gesammelte Werke. Hrsg. Max Brod. Taschenbuchausgabe in acht Bänden]; auch in: Franz Kafka, Romane und Erzählungen. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2004: 210-367; im Netz https://de.wikisource.org/wiki/Der_Prozess (abgerufen am 24.2.2022).

(11) Franz Kafka. Ein Bericht für eine Akademie. Auf https://de.wikisource.org/wiki/Ein_Bericht_für_eine_Akademie (abgerufen am 24.2.2022).

(12) Franz Kafka: Vor dem Gesetz. Auf https://de.wikisource.org/wiki/Vor_dem_Gesetz (abgerufen am 24.2.2022).

(13) Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen von Gustav Janouch (Frankfurt/M.: S. Fischer, 1951, 138 S.); Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen (Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1961, 156 S.).

(14) Richard Albrecht: Macht machtet. Ohnmacht nicht; in: soziologie heute, 6 (2013) 31: 20-23; auch ders., Von der Theorie des falschen Bewußtseins zur Praxis von Handlungsblockaden. Ein Beitrag zur little-range theory; in: ebenda, 6 (2013) 29: 32-33


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Takehiro Tomiyama (Unsplash.com) und Anonym (Quelle: Klaus Wagenbach Archiv, Berlin https://kafkamuseum.cz/en/photogallery; gemeinfrei)

Kultur- und Sozialwissenschaftler | Webseite

Richard Albrecht ist Kultur- und Sozialwissenschaftler. Er lebt als Dozent im Ruhestand und Freier Autor in Bad Münstereifel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialforschung, politische Soziologie und kulturanalytische Sozialpsychologie. Er absolvierte ein Studium der Soziologie und Sozialpsychologie mit den Nebenfächern Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Sein Diplom erlangte er 1971, die Promotion erhielt er 1976 und seine Habilitation 1989. Aktuelle Veröffentlichung: Gesellschaft – Einführung in soziologische Sichten (2022).

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