Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen

Zu lange hat das Schweigen der Sozialdemokraten gedauert, die sich aus ihrer aktiven Zeit noch an eine Außenpolitik erinnern können, in der die nationalen Interessen im Vordergrund standen und nicht immer mit den Wünschen und Strategien der USA kongruent waren.

Ostpolitik

Aus heutiger Argumentationslage betrachtet war es doch erstaunlich, dass ein freundliches und durch Bündnisse geprägtes Verhältnis dennoch nie ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. Nimmt man die Zeit der Neuen Deutschen Ostpolitik (1) und vergleicht sie mit heute, so wird deutlich, dass der Grad der eigenen nationalen Souveränität im geostrategischen Kontext wesentlich geringer ist als damals.


Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen (Quelle: YouTube/Gerhard Mersmann)

Dafür gibt es Gründe. Zum einen haben die USA spätestens seit der weltpolitischen Zäsur im Jahr 1990 nach der Implosion der Sowjetunion die Samthandschuhe und die freundlichen Masken auf den Sperrmüll geworfen und predigen nicht nur den Kapitalismus pur ohne Sozialstaatsgesummsel, sondern sie blasen auch zur Attacke. Und zum anderen hat sich auch ins deutsche politische Bewusstsein die Illusion gedrängt, nationale Eigenarten und Bedürfnisse seien im besten Fall rückwärts gerichtete Regungen, die einem aufgeklärten Kosmopolitismus entgegenstünden.

Die amerikanische Autorin Jill Lepore (2) hat diese Illusion auch in der jüngeren Geschichte ihres Landes entdeckt und als Ursache für den nationalistischen Populismus in der letzten Dekade in dem Buch „Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation“ festgemacht.

Nationale Interessen

In Deutschland meldet sich nun eine sozialdemokratische Ikone, nämlich Klaus von Dohnanyi (3), zu Wort. In dem dringend erforderlichen, aber so gar nicht in den Zeitgeist passenden Buch mit dem Titel „Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Unruhe“ räumt er mit einer Konsequenz mit den Narrativen unserer Tage auf, die von exklusiv auf internationale Korporationen gerichteten Technokraten und auf der wie auch immer gearteten Payroll von US-Denkfabriken stehenden Journalisten und Politikern in die Welt gesetzt worden sind.

Ohne die systemische Nähe dessen zu verlassen, was als der Westen bezeichnet wird, umreißt er die unterschiedlichen geopolitischen Interessen der USA und Europas. Das sind keine kleinlichen Befindlichkeiten, sondern die Thesen werden untermauert mit historischen Verweisen und aktuellen Dokumenten.

Der Friede mit Russland, so eine seiner prägnanten Thesen, ist für Deutschland essenziell. Für die USA ist die Zwietracht zwischen Russland und Deutschland essenziell. Auf der einen Seite haben wir es mit einer sich mühsam wiederfindenden Nation zu tun, die tief gespalten ist und auf der anderen Seite mit einem Weltimperium, das ins Schlingern geraten, ebenfalls tief gespalten ist und dessen Aggressivität wächst.

Ein Portfolio für deutsche Politik

Allein diese Aussagen sind ein gewaltiger Schritt angesichts der überall zu spürenden Angst auch und gerade in der Sozialdemokratie, dass derartige Analysen und Erwägungen von den monopolisierten Meinungsmaschinen genutzt werden, um den üblichen Krieg gegen Anti-Amerikanismus, Verschwörungstheorien und Geschwurbel zu führen.

Geschrieben von einem Mann, der dem 94. Geburtstag entgegensieht und der durch seine Biografie ausreichend dokumentiert hat, wie sehr er mit der amerikanischen Lebensweise vertraut ist, wird das Buch zu einem wichtigen Zeitdokument.

Von Dohnanyi geht nicht nur auf die geostrategischen Fragen von Krieg und Frieden und die damit verknüpften unterschiedlichen Interessen ein, sondern er entwirft auch ein Portfolio für deutsche Politik in einem europäischen Bündnis, dass selbst entscheidet, mit wem es Handel treibt, mit wem es kooperiert und mit wem es Bündnisse eingeht. Eine wohltuende Stimme, klar und deutlich, in einer Atmosphäre der Hysterie und Hitze. Unbedingt zu empfehlen!


Informationen zum Buch

Nationale Interessen

Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche

Autor: Klaus von Dohnanyi

Genre: Sachbuch

Sprache: Deutsch

Seiten: 240

Verlag: Siedler Verlag

Erscheinung: Januar 2022 (2. Edition)

ISBN-13: 978-3-8275-0154-7


Quellen und Anmerkungen

(1) Die „Neue Ostpolitik“ der seit 1969 amtierenden sozialliberalen Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt (1913 bis 1992) leitete eine historische Wende in den deutsch-deutschen Beziehungen ein. Brandt forcierte unter dem Schlagwort „Wandel durch Annäherung“ eine neue Außenpolitik, um das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratische Republik (DDR) grundlegend zu verbessern. Mit den sogenannten Ostverträgen begann er einen Kurs der Entspannung und des Ausgleichs nicht nur mit der DDR, sondern auch mit der Sowjetunion, Polen und den übrigen Ostblockstaaten.

(2) Jill Lepore (Jahrgang 1966) ist eine US-amerikanische Historikerin, Essayistin und Hochschullehrerin. Sie lehrt an der Harvard University und befasst sich vor allem mit amerikanischer Geschichte.

(3) Klaus von Dohnanyi (Jahrgang 1928) ist Jurist und Politiker (SPD). Von 1972 bis 1974 war er Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und von 1969 bis 1981 Mitglied des Deutschen Bundestags. Anschließend (von 1981 bis 1988) war Klaus von Dohnanyi Erster Bürgermeister von Hamburg.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto und Video: Sergi Viladesau (Unsplash.com) und Gerhard Mersmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

2 Gedanken zu “Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen”

  1. Was soll und muß man zu alledem, was gegenwärtig passiert in der Welt, noch sagen?

    Wir Menschen sind, wie alle Lebewesen auf der Erde, nur als aktive Mitwirkende im Ökosystem unseres Heimatplaneten lebensfähig. Das besondere des Mensch-Seins ist die Fähigkeit, die Naturgesetze zu erkennen und sie kreativ zu unserem Nutzen anzuwenden. Aber überlisten, wie es in der neoliberalen Ideologie geglaubt wird, kann man die Naturgesetze nicht. Es ist heute überall in der Welt möglich menschenwürdige Verhältnisse gestalten zu können, die allen und jedem die Möglichkeit geben, am Vervollkommnen und Verschönern mitzuwirken. 

    Es geht derzeit um den Verfall des Menschlichen.

    Friedrich Dürrenmatt äußerte sich in einem Interview über das Geschehen in seinem Bühnenstück DIE PHYSIKER so, als hätte er den gegenwärtigen Zustand unserer Welt schon gekannt: „Wenn der politische Alltag es offen lässt, ob sich Moral in Unmoral und Normalität in Anormalität umkehren lässt, dann kann der mit der Information über das in der menschlichen Gesellschaft stetig wachsende, absolut Alles beendende Potential beladene Mensch möglicherweise nicht einmal im Irrenhaus Trost finden.“

    Klaus von Dohnanyi erklärt in seinem Buch „Nationale Interessen“ worum es gegenwärtig im Besonderem geht:

    „Der Friede mit Russland, so eine seiner prägnanten Thesen, ist für Deutschland essenziell. Für die USA ist die Zwietracht zwischen Russland und Deutschland essenziell. Auf der einen Seite haben wir es mit einer sich mühsam wiederfindenden Nation zu tun, die tief gespalten ist und auf der anderen Seite mit einem Weltimperium, das ins Schlingern geraten, ebenfalls tief gespalten ist und dessen Aggressivität wächst.“

  2. Ich habe das Buch auf Empfehlung gelesen und frage mich, ob Herr von Dohnanyi zur Zeit noch gut schlafen kann. Ist doch nun alles so gekommen, wie die schlimmsten Befürchtungen. Es gibt wirklich nur ein Land auf der Welt, vor welchem man Angst bekommen kann und das ist westlich von uns. Gleiches Muster wie Korea, Vietnam, Irak i +II, usw.
    Deutschland und der Westen ist hochgradig abhängig und Politiker haben nichts gelernt.
    Bin gespannt, wann es kalt wird in deutschen Wohnungen.

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