Hamburger Wetter

Ich bin Hamburger, Hambürger sozusagen. Wenn ich aus dem Fenster sehe, blicke ich durch ein glitzerndes Perlenmeer aus Regentropfen auf die tief hängende graue Wolkendecke, die seit Wochen über Hamburg hängt und in der keinerlei Strukturen erkennbar sind.

Das stolze Patrizierhaus gegenüber glänzt unter den Rinnsalen, die an seiner Fassade hinunter rieseln. Irgendwie mag ich diesen in tiefgrau gewickelten Alltag. Er wirkt wie eine lange Atempause, in der der Lärm der Welt vorübergehend abgeschaltet ist.

Ich mag den Orkan, der sich gerade in die Stadt verbeißt. Ich beginne innerlich zu jubilieren, wenn sich Dachziegel lösen, Fensterscheiben bersten und die geschundenen Straßenbäume ihre Äste festzuhalten versuchen, wenn Plastikfetzen knatternd an Zäunen und Hecken kleben, wenn sich die Verirrten dort unten mit offenen Mündern gegen den Sturm stemmen, der ihnen die Haut von den Knochen reißen möchte, während die Bogenlampen mit dem Neongebiss klappern, als beklagten sie das Ende alles Statischen. Die kleine Reinigung tut gut, ich wünschte sie mir allerdings gründlicher.

An Tagen wie diesen sollte man besser nicht auf die Straße gehen, nicht einmal, wenn einem das Brot ausgegangen ist. Tage wie diesem versagen die Kräfte, kaum dass sie sich ans Licht erheben. Sie tauchen auf aus Nacht und Dämmerung, tropfend, besudelt und klamm. Sie legen sich auf die Gesichter der Menschen. Bespuckte Gesichter, aufgedunsen, verzerrt. Stumpfe Masken in gezähmter Hysterie, nicht gefeit gegen Fäulnis. Sie schlurfen durch die Abgase, die der Nebel bindet. Man muss in die Offensive gehen, um ihre schreckliche Macht zu brechen, von der sie keine Ahnung haben. Jemand nach der Uhrzeit fragen zum Beispiel …

Dazu aber habe ich keine Lust mehr. Ich bin lieber allein. Dieses Alleinsein ist nicht schmerzvolle, angsterfüllte Verlassenheit, sondern es ist die Einsamkeit alles Lebendigen, sein unverdorbenes, reiches und ganzes Fürsichsein, wie der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti (1895 bis 1986) einmal bemerkte (1).

„Du magst allein sein wie das Feuer oder die Blume, aber die Reinheit und Weite dieses Zustandes wird dir gar nicht bewusst“, schrieb er. „Nur wenn du so allein bist, kannst du aus der Quelle der Wahrheit schöpfen. Einsamkeit erwächst aus der Läuterung unseres Daseins von allen rationalen Triebkräften, allen Wunschvorstellungen und allen Zwecken.“

Hach, tut das gut. Vor ein paar Jahren begegnete mir auf der Hoheluftbrücke bei ähnlichem Wetter wie heute ein Zug weißgeschminkter Gestalten; sie trugen einen schwarzen Sarg auf ihren Schultern. DIE LEBENDEN SIND DIE TOTEN! stand drauf.

Ich habe über diesen Satz lange nachgedacht. Gemeint war wohl jene gigantische Zahl an Zeitgenossen, die ihre Existenz damit verbringen, uninspiriert auf dem Stück Zeit herumzukauen, das ihnen vergönnt ist. Die in sich eben nicht die Sehnsucht nach dem Unverfälschten entwickeln, wie mein 2016 verstorbener Freund Hans-Wilhelm Precht es so wundervoll in seinem großartigen „Deeplookers Blog – Texte für die Schädelbasis“ formulierte:

„Er möchte zurück zu der umfassenden Natur, die zwar vor Ausscheidungen wimmelt, vor Aas und vor Millionen von Keimen, die aber nicht verdreckt ist, die keinen Unrat kennt und keine Müllberge – dann wird er die Landschaften wieder in sich aufnehmen, sie werden ihn aufnehmen, und er wird sie nicht nur wie ein Zuschauer von außen betrachten, dann wird er tief in die Natur eintauchen, bis zu dem Punkt, an dem sie sich mit ihm selbst aus allen gesetzten Spannungen und Gegensätzen löst. Dort, dort wo er nicht mehr allein ist, liegt seine wahre Existenz.“

Zwei Tauben haben sich auf der Brüstung meines Balkons niedergelassen. Sie schwanken aufgeplustert im Wind. Ich öffne die Tür und sie scheinen ernsthaft zu überlegen, ob sie meiner Einladung, sich in meiner Wohnung ein wenig aufzuwärmen, nachkommen sollen. Tun sie nicht, aber sie fliegen auch nicht weg. Also lege ich ihnen eine angeknabberte Scheibe Schwarzbrot zu Füßen, die vom Frühstück übrig geblieben ist.

Eines wird mir in diesem Moment erneut klar. Nicht nur das, was wir tun, sondern auch was wir denken und fühlen, steht mit allen anderen Taten, Gedanken und Gefühlen sämtlicher Mitwesen auf diesem Planeten in ständiger Verbindung und bedingt einander, sodass aus diesem Konglomerat der jeweils augenblickliche Zustand der Welt erwächst. Je mutiger unser Handeln, je klarer und gerechter unsere Gedanken und je tiefer unsere Gefühle, desto mehr tragen wir dazu bei, dass sich die „Gesamtlage“ zum Positiven verändert.

Wer weiß, was meine milde Gabe für einen Einfluss auf das Weltgeschehen hat. Wer weiß das schon? Denken Sie nur an die Chaostheorie und den berühmten Schmetterlingsflügelschlag. Meine beiden Besucher auf der Balkonbrüstung nicken mir jedenfalls zustimmend zu …

Oh, es tun sich hellgraue Flecken auf am Himmel der gefrorenen Dämmerung. Ich schaue mir ein Video des Wuppertaler Tanztheaters an. Inszenierte Gemälde, das ist es wohl, was die Choreografin Pina Bausch (1940 bis 2009) im Sinn hatte (2). Bei ihr kommt Leben ins Bild, die Porträtierten sind es nämlich leid, auf alle Zeiten in einem Gestus festgehalten zu werden. Ohne die Absicht des Malers zu verfälschen, beginnen sie miteinander zu kommunizieren. Sie flüstern, sie lächeln, sie neigen andeutungsweise den Kopf. Atmende Kunst …

Wie wohltuend. Bis zum nächsten Mal. Gleiche Stelle, gleiches Wetter.


Quellen und Anmerkungen

(1) Jiddu Krishnamurti (1895 bis 1986) war ein indischer Philosoph und ehemaliger Theosoph. In seinen wichtigsten Veröffentlichungen thematisierte er spirituelle Fragen, wie zum Beispiel die Erlangung vollständiger geistiger Freiheit durch Meditation sowie religiöse und philosophische Themen.

(2) Pina Bausch (1940 bis 2009) war Tänzerin, Tanzpädagogin, Choreografin und Ballettdirektorin des nach ihr benannten Tanztheaters in Wuppertal. In den 1970er-Jahren wurde sie mit ihrer Entwicklung des Tanztheaters zu einer Kultfigur der internationalen Tanzszene.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Hamburger Wetter“ von Dirk C. Fleck wurde auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Donald Wu (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

2 Gedanken zu “Hamburger Wetter”

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