Schwanensee oder die vermasselte Büttenrede

Und wieder einmal geht der Geruch von Schwefel, Fleisch und Autoreifen über ein Land; an einem Tag, der – zumindest hier im Zentrum Europas und in seiner katholischen Prägung – dazu einlädt, nicht nur ausgelassen zu sein, sondern den Herrschenden ungestraft den Stinkefinger zu zeigen. Ehrlich gesagt, vieles ist schwer geworden. Auch, wenn man humorvoll sein will, ist es ein Navigieren zwischen albernem, toten Ritual, trefflichem Witz und kaltem Zynismus. Und so begann auch mein Räsonnement hinsichtlich einer Büttenrede, die es mir leichter machen sollte in diesen Tagen.

„… dann brennt der Baum.“

Es fing an mit einem Zitat von einem Mann aus der Nachbarschaft, der mir, ganz seine Art, aus dem Fenster laut über die Straße zurief: „Du, mit den Grünen fährst du gut, wenn du Krieg willst. Kaum sind sie an der Regierung, dann brennt der Baum“. Und dann lachte er sein dreckiges, halb deutsches, halb niederländisches Lachen und wünschte mir einen schönen Tag.

Phänomenologisch hatte der alte Zyniker natürlich recht, aber dahinter eine Regel oder ein Arrangement zu vermuten, schien mir doch zu weit hergeholt. Was im Kontext des Krieges auffällt, ist die plötzlich aus dem Coronaschockzustand blitzartig aufgewachte Menge derer, die sich mutig und ohne jede Konsequenz gegen den Krieg in den sozialen Netzwerken empört erhoben. Manche gingen sogar auf Demonstrationen und mein unliebsamer Nachbar würde sagen, weil sie mal wieder ohne Mundschutz demonstrieren wollten, ohne dafür aufs Maul zu kriegen.

Ja, immer wieder, wenn es darum geht, seriös und bei der Wahrheit zu bleiben, kommt der Zynismus um die Ecke und vergewaltigt selbst den Wohlmeinenden ohne Rücksicht auf Verluste.

Genauso bei dem Gedanken, dass dieser Krieg, bei aller Empörung, versteht sich, ein prächtiges Geschäft zu sein scheint. Rüstungsaufträge himmlischen Ausmaßes, und das ohne eigenes Risiko. Das tragen heldenmütige Ukrainer und jetzt, wie zu vernehmen ist, Söldner, die man ins Land schafft, um die Nachfrage zu erhalten.

Gleichzeitig kann man beobachten, wie schlagkräftig das russische Militär wirklich ist. Für den in der NATO vereinigten Westen eine wunderbare Laborsituation. Und, was als Nebenprodukt bereits auf dem Schwarzmarkt als Tipp verkauft wird, ist die Perspektive, bald dem Fachkräftemangel mit frischen Lieferungen aus der Ukraine Abhilfe schaffen zu können.

Jetzt Schwanensee

Und schon steht der missratene Büttenredner auf der Fahndungsliste, wenn es ihm nicht gelingt, zumindest auch eine Sottise (1) Richtung Osten zu platzieren. Dem russischen Volke sei gedankt, denn das schickte ihm eine wunderbare Vorlage, die er hier nur zu berichten braucht.

Denn zu Zeiten der glorreichen Sowjetunion war es Usus, wenn es zu nicht seltenen Machtkämpfen im Zentralkomitee kam, was in der Regel eine neue Führung zur Folge hatte, dass die Radiosender ihre Programme stoppten und stattdessen Tschaikowskis Schwanensee (2) abspielten, bis die Situation geklärt war.

Und in diesen Tagen sollen sich Russen, wenn sie sich beim Einkaufen oder auf der Straße begegnen, immer wieder erzählen, sie würden sehr gerne einmal wieder im Radio den Schwanensee hören.

Ehrlich gesagt, was mein eigenes Empfinden angeht, spricht gerade diese Episode für eine immense Überlegenheit der Russen gegenüber dem pazifizierten Westen. Wo, bitte schön, findet sich hier noch – bis auf wenige als Geheimtipp gehandelte Plätze – so etwas wie subversiver Humor? Der mentale Mainstream scheint exklusiv nur noch aus Empörung, Entsetzen und Hass zu bestehen. Wer so drauf ist, der hat auch in Zukunft nicht zu lachen.

Der Versuch ist, ich gebe es zu, grandios gescheitert. Gut, dass der Karneval abgesetzt wurde. Und ich bekenne: Auch ich würde gerne einmal wieder Schwanensee hören. Aber hier im Radio! Schluss mit lustig!


Quellen und Anmerkungen

(1) Unter einer Sottise wird eine abfällige, stichelnde oder verletzende Bemerkung verstanden, aber auch eine Frechheit oder Dummheit.

(2) Der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 bis1893) zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik. Seine Ballette Dornröschen (Uraufführung 1890), Der Nussknacker (1892) und Schwanensee, schon 1877 am Bolschoi-Theater in Moskau uraufgeführt, zählen zu den berühmtesten der Musikgeschichte.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Alexey Demidov (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

2 Gedanken zu “Schwanensee oder die vermasselte Büttenrede”

  1. Hallo, ich möchte mich für die Aufklärung über die Hintergründe dieses Krieges nochmal ganz herzlichst bei Herrn Mersmann bedanken, ich beobachte zwar schon seit meiner Jugend die Politik( speziell Deutschland und Europa und Amerika) habe immer soweit möglich versucht mich bei Kriegen und Kriegsgerüchten schlau zu machen, warum bei den Amerikanern und der Nato Interesse an einem neuen Krieg besteht und was es für sie dabei zu holen gab und gibt, aber bis gestern verstand ich Herrn Putin nur ein bißchen, warum er jetzt der Ukraine die “ rote Karte“ zeigt. Ich hab ihren Artikel an alle meine Freundinnen weitergeleitet, manche von ihnen wird ihn hoffentlich lesen…Die öffentlichen Nachrichten verwirren eine nur, abgesehen davon empfinde ich die Hetze gegen die Russen entsetzlich.. Als ob die Bevölkerung Russlands überhaupt einen Krieg wollte oder auch nur gefragt wurde, ob sie ihre Familienmitglieder mit einem Krieg überziehen wollen. Niemand will Krieg, nur Konzerne die an Kriegen verdienen wie Waffenhersteller z. B., korrupte Politiker und Regierungen, Konzerne die sich von Kriegen höhere Rendite versprechen durch in Besitznahme von Bodenschätzen z.B., keine Bevölkerung nirgendwo auf diesem Planeten will Krieg und ist auch nicht dafür verantwortlich! Das sind Regierungen und zwar ausschließlich die….Ich war zwar eine überzeugte AL Wählerin, aber die Grünen wähle ich genauso wenig wie die Unionsparteien, die AFD, die FDP, die SPD, wenn man wirklich der demokratischen Idee folgt und auch vertritt, sind die doch alle nicht wählbar in meinen Augen! Das Misstrauen der Bevölkerung gegen unsere Regierungen kommen doch nicht aus dem Nichts, sie sind durch jahrelange sehr schlechte Erfahrungen in die Vertrauensunwürdigkeit sehr wohl begründet und zwar nicht zu knapp! Ich persönlich habe langsam ein echtes Problem mit der angeblich 4. Gewalt, in meinen Augen stehen die “ dem Stürmer“ kaum noch nach, das war und ist bei den Corona Nachrichten genauso wie bei den Nachrichten über den Krieg jetzt der Fall. Ich habe zwar zu “ Stürmerzeiten“ noch nicht gelebt, aber ich bin von meiner Oma, einer Überlebenden des KZ Theresienstadt erzogen worden und weiss genau wovon ich rede, bzw. schreibe… Auf jeden Fall, vielen Dank nochmal für den Artikel von gestern…

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