Failed state: Alles richtig gemacht!?

In anderen europäischen Kapitalen hat sich die Erkenntnis bereits durchgesetzt: Die jetzige Situation dokumentiert das komplette Scheitern der westlichen Außenpolitik, und man spricht davon, dass es sich bei der Ukraine um einen failed state handelt (1).

Im Hinblick auf andere, gar nicht so weit zurückliegende Ereignisse, lässt sich die erste Einschätzung nur unterstreichen: Afghanistan, Syrien, Irak und Libyen sind auch kein Renommee für das, was man als von den USA administrierte und von den meisten EU-Staaten unterstützte Unterfangen einer gemeinsamen Außenpolitik bezeichnen müsste.

Alles endete im Desaster. Da gibt es nichts schön zu reden. In solchen Fällen ist es Zeit, alles auf den Tisch zu legen und zu analysieren, wo die Fehler liegen, auszutarieren, welche Optionen man hat und sich schleunigst daran zu machen, sich von einer Strategie zu verabschieden, die notwendigerweise von einer Niederlage zur anderen führt. Nur soviel: Es sieht nicht danach aus, als würde sich etwas ändern.

Die alte Eskalation

Die alten Feindbilder werden weiter bedient, ja, man steigert sich noch weiter in die Schuldzuweisungen Richtung Gegenüber und Feind, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

Das Entree für eine gute Analyse ist die Erkenntnis, dass man sich schleunigst von den Ideen und Menschen trennt, die ein Desaster nach dem anderen aktiv mitgestaltet haben. Betrachtet man den Diskurs, der angesichts des Ukraine-Krieges in den Fernseh- und Rundfunkanstalten wie in den Parlamenten geführt wird, so stehen nach wie vor die alten Quacksalber am Pult, oder sie sitzen gleich rostigen Patronenhülsen in den Talkshows und drehen an der Eskalationsschraube, als gäbe es kein Morgen mehr.

Der katalanische Fußballtrainer Josep „Pep“ Guardiola wird mit seiner Analyse der politischen Ereignisse fieberhaft in den sozialen Netzen weitergereicht, weil er es auf den Punkt brachte, dass man von den eigenen Parlamentariern und den Chefpropagandisten aus der Medienbranche nur noch Schuldzuweisungen an andere und das Mantra der Eskalation hört, und auf einer Pressekonferenz aussprach, was naheliegt: Politiker haben so etwas wie jetzt zu verhindern und wenn es ihnen nicht gelingt, haben sie versagt. Und: Es geht nie um Land, Fahne oder Werte, es geht immer um Geld und Macht (2).

Autokraten und Apologeten

Ja, die Replik der Bankrotteure hallt bereits durch den Raum: purer Populismus. Und die Ignorierung des Aspektes, dass man es eben mit bösen Autokraten zu tun habe. Ersteres ist falsch, denn die Wahrheit gebärdet ihre ganze Schönheit, wenn sie sich schlicht zu erkennen gibt. Zweites stimmt: Die Autokraten handeln, wie es ihre Art ist, und das ist alles andere als schön. Aber es ist tödlich zu glauben, man könne ihnen ohne Pause auf der Nase herumtanzen und sie provozieren, ohne dass sie nicht irgendwann dann doch ihr wahres Gesicht zeigen.

Die naive wie arrogante Missionsrhetorik, die die Diplomatie abgelöst hat, ist mitverantwortlich für das Desaster. Zudem wurde durch die Erhebung doppelter Standards zu einer der wichtigsten Argumentationsketten alles zertrümmert, was zur Glaubwürdigkeit von Regierungshandeln beiträgt.

Dass Apologeten, das heißt wilde Verfechter der eigenen Position, in der Regel nicht zur kritischen Selbstanalyse fähig sind, ist genauso bekannt wie ihr Unvermögen, die tatsächlichen Fähigkeiten, Ressourcen wie Schwachpunkte des Gegenübers zu beschreiben und zu bewerten. Der Verfechter begnügt sich mit dem platten Feindbild.

Da kommt die Sehnsucht nach ein bisschen mehr Weisheit auf:

„Ein Streit ist keine Unterhaltung.“ (Russisches Sprichwort)

und

„Wenn Du Deinen Feind kennst und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“ – Sunzi (um 544 bis 496 v. Chr.; chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

Sie verstehen, was ich meine?


Quellen und Anmerkungen

(1) Als „failed state“ (deutsch: gescheiterter Staat) wird in der Politikwissenschaft ein Staat bezeichnet der aufgrund verfallender staatlicher Einrichtungen (zum Beispiel Regierung, Behörden, Polizei usw.) nicht mehr in der Lage ist, grundlegende staatliche Aufgaben wie vor allem die Aufrechterhaltung der äußeren und inneren Sicherheit, Basisleistungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt und die Gewährleistung von Rechtsstaatlichkeit zu erfüllen. Die genaue zeitliche Bestimmung, ob ein Staat gescheitert ist, erweist sich allerdings als extrem schwierig. Daher wird oft an Stelle von „failed state“ der Begriff „failing state“ (deutsch: scheiternder Staat) verwendet.

(2) Eurosport (5.3.2022): Pep Guardiola von Manchester City gibt Politikern Schuld am Ukraine-Krieg: „Komplette Versager“. Auf https://www.eurosport.de/fussball/pep-guardiola-von-manchester-city-gibt-politikern-schuld-am-ukraine-krieg-komplette-versager_vid1645597/video.shtml (abgerufen am 9.3.2022).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

2 Gedanken zu “Failed state: Alles richtig gemacht!?”

  1. Wo ist der gesunde Menschenverstand, warum sind so viele Regenten gewählt, bei denen nur Kriege als ein Mittel der Verständigung gesehen werden.

  2. Über Krieg und Frieden schrieb auch Tolstoi in seiner Zeit:

    „Die bewaffnete Welt und die Kriege, die sie führt, werden eines Tages zunichte gemacht, aber nicht durch die Könige oder Herrscher der Welt, denn diese profitieren vom Krieg. Der Krieg wird in dem Augenblick aufhören, in dem die Völker, die darunter leiden, wirklich verstehen, dass er schlecht ist.“ Und auch den chinesischen Philosophen Laotse zitiert der russische Schriftsteller in diesem Zusammenhang: „Die mächtigste Waffe, die wir kennen, ist die Waffe des Segens. Deswegen verlässt sich der Kluge darauf. Er gewinnt durch Frieden, nicht durch Krieg.“

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