Mit warmherziger Moral in den Untergang?

In der „Lage am Morgen“ vom 10. März 2022 heißt es aus der Feder von Spiegelredakteur Dirk Kurbjuweit: „Der Frieden wird wehtun“; es könne keinen Frieden geben, der nicht wehtue. Es sei denn, man versöhne sich mit dem Unrecht, das Putin der Ukraine zumutet. Und: „Nur die Ukrainer können entscheiden, wozu sie bereit sind“ (1).

Zur Unterstreichung der Legitimität des ukrainischen Befreiungskrieges listet Kurbjuweit „Die Gräueltaten von Mariupol“ auf. In seinen Augen lässt es das berechtigt erscheinen, dass man sich für den ukrainischen Freiheitskampf engagiert – mit Worten und Ausdrücken wie: heldenhaft, opferbereit, Propaganda für Flugverbotszone über der Ukraine etc. Aber auch mit Taten, indem man die Ukraine aufrüstet. Nun, Herr Kurbjuweits Heldentat besteht darin, Propaganda für Heldentaten zu machen, die er selbst nicht bestehen muss.

Und um die Notwendigkeit eines heldenhaften Krieges in Europa weiter zu unterstreichen, vergleicht der Autor Putin mit Hitler. Das mag legitim sein, rechtfertigt indes keinen Krieg für die Freiheit eines Landes, auch keinen Verteidigungskrieg. Das war schon beim Syrien-Krieg gegen den Diktator Assad sowie im Krieg gegen Libyen oder den Irak nicht anders. Fängt man damit erst an, gerät dies zu einer Never-Ending-Story nicht aufhören wollender Kriege, die sich nun mit dem Ukraine-(Freiheits-)-Krieg dem Zentrum Europas nähert, um dann durch irgendeinen abseitigen Zufall oder aus Versehen im Atomkrieg zu münden.

So weh soll es nun auch wieder nicht tun. Auch sei es zu riskant, wenn NATO-Kampfjets sich über der Ukraine gegen russische Kampfjets Gefechte liefern, wie Polen und unser ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk fordern.

Gemach, gemach; es wird sehr wahrscheinlich auch nicht gleich zu einem Atomkrieg kommen. Hier geht es um etwas anderes. Man möchte, dass der Bürger Opfer akzeptiert, die er jetzt schon spürt und die er in Zukunft noch viel mehr spüren soll. Dafür geht er auf die Straße; gegen Putin, versteht sich. Fast wollte man meinen, er geht auf die Straße für weniger Brot, für steigende Mieten, explodierende Energiepreise etc. Überhaupt für eine beschleunigte De-Industrialisierung Europas, vor allem aber Deutschlands; bzw. auf die Straße für multinationale Konzerne, die ihre Profite schon lange nicht mehr in Abhängigkeit eines einzelnen Landes wie Deutschland erzielen. Dafür ist Deutschland schon rein räumlich zu wenig ausgedehnt.

Europa wäre ausgedehnt genug, freilich verhältnismäßig rohstoffarm. Dafür interessieren sich kleinere Länder wie die baltischen Staaten, Polen, ja sogar Frankreich nicht sonderlich. Dafür sind sie sich mit Deutschland an der Spitze darin einig, Russen auf Teufel komm raus zum Bösen schlechthin zu stilisieren und berufen sich auf Fakten, die Putin ihnen in der Tat liefert. Es nützt nur alles nichts.

Im Interesse großer Wirtschaftsräume wie China/Russland eint viele Länder wie Indien sowie kleinere arabische Staaten eines: Sie lassen sich in die Kriegshetze für die Freiheit der Ukraine nicht einspannen – nicht weil sie demokratisch verfasst sind, sondern weil sie sich von einer ökonomischen Anbindung zu China/Russland sozial und wirtschaftlich zurecht mehr versprechen als zu den USA, von schwächelnden Europäern gar nicht zu reden.

Schon gemerkt? Der Osten ist für immer mehr Länder längst attraktiv, zumal Russen und Chinesen längst in einem (wirtschafts-) strategischen Bündnis vereint sind, dafür gemeinsam einen großen Wirtschaftsraum ausgebildet haben und sich auch noch viel weniger in die inneren Angelegenheiten von Ländern einmischen, die mit ihnen wirtschaftlich verbunden sein wollen. Das wissen grausam-autokratische Länder wie Iran, Saudi-Arabien ganz besonders zu schätzen.

Serbien weiß davon ein Lied zu singen: Es wird zurzeit von Außenministerin Baerbock massiv unter Druck gesetzt, weil es sich den Sanktionen gegen Russland sowie der Kriegshysterie-Propaganda nicht wie gewünscht anschließen möchte. Es wird nach der Devise „Peitsche ganz ohne Zuckerbrot“ unter Druck gesetzt.

Nach dieser Devise verfahren die USA mit allen Ländern, namentlich mit Europa, vor allem Deutschland. Wir sollen uns den USA auf Gedeih und Verderb ausliefern für ihre imperialen Interessen. Dafür muss die Welt nach der Wende weiterhin in zwei Teile, die sich feindlich gegenüberstehen, geteilt bleiben: Einen guten und bösen Teil versteht sich. Im Zweiten ist das Böse schlechthin zu Hause, dass dann jedes Verbrechen, noch dazu gegen die Menschlichkeit, rechtfertigt. Solche Verbrechen schiebt man im Umkehrschluss Menschen wie Alt-Kanzler Gerhard Schröder in die Schuhe – in Form einer Strafanzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, weil er für russische Energiekonzerne arbeitet. Gehts noch absurder?

Und das alles, weil es Politikern immer schwerer fällt, den Kapitalismus sozialverträglich zu gestalten: Das fällt den Chinesen bislang leichter. Das beweisen sie mit ihrer stark wachsenden Wirtschaft, die ihnen auch im Interesse mit ihnen assoziierter kleiner Länder mehr Spielraum im Hinblick auf etwas mehr Verteilungsgerechtigkeit gewährt. Zumindest bislang und relativ gesehen zum Westen.

Den verteilungspolitischen Spielraum schränken die Deutschen mit ihrer Kriegshetze selbst kräftig ein. Sie arbeiten moralisch und warmherzig motiviert für einen Wirtschaftseinbruch, der – kontrolliert und gesetzlich sanktioniert, schon lange auch vor Corona – auf zunächst leisen Sohlen daherkommt und sich in Zukunft ganz sicher beschleunigen wird; möglichst verkleidet als „Opfer für die Freiheit“ – bis es zu ganz großen Einbrüchen kommen könnte, welche die sozialen Strukturen zwangsläufig und unwiederbringlich zerstören. Wie das – im übertragenden Sinne – jetzt schon in den meisten Familien passiert; die Menschen es nur noch nicht aussprechen können, weil sie buchstäblich keine Zeit, mit ihrer Opferbereitschaft alle Hände voll zu tun haben.

Und sich dabei in einer Gemeinschaft zu Hause fühlen können, die ihnen – wie schon im Dritten Reich oder im Hurra-Patriotismus für den Ersten Weltkrieg – eine Intaktheit sozialer Strukturen vorspiegelt, die es auch heute tatsächlich immer weniger gibt – übrigens etwas, was Machtanalytiker wie Klaus-Jürgen Bruder viel zu wenig zur Kenntnis nehmen, geschweige denn, dass sie sich Gedanken machen, wie man um sich greifende soziale Zerstörungen von ganz unten her verarbeitet.

Es geht nur noch von ganz unten, und zwar radikal ausgehend von komplett ausgegrenzten Menschen, wozu eine vollkommen korrumpierte Arbeiterklasse nicht mehr zählt; d. h. ausgehend von Menschen, die man im Dunkeln nicht sehen will, die, um es mit Marx zu sagen, nichts zu verlieren haben als ihre Ketten.

Das begreifen unsere Salon-Klassenkämpfer nicht. Vor allem begreifen sie nicht, dass es Zeit wird, dass wir es endlich wagen zu lernen, über uns zu sprechen, um zu ergründen, dass und wie fragwürdig wir mental disponiert sind. Das geschieht nicht nur im, aber auch nicht ohne unmittelbaren Dialog, um zu verhindern, dass wir allzu empfindsam uns auseinanderdividieren, um anschließend mit dem Finger auf andere zu zeigen, mit dem Ergebnis, sie zu isolieren oder totzuschweigen. Unterstützt mit warmherzigen Begriffen wie Solidarität, Freiheit, Emanzipation, die uns heute nichts, aber auch gar nichts mehr sagen, dazu angetan, nur noch eine scheinhafte Moral zu repräsentieren, eine Moral, die nichts wert ist. Dazu später in einem anderen Text mehr.

Es ist aber auch nicht ganz einfach, gegen eine Moral zu argumentieren, die warmherzig daherkommt; mithin zu begreifen, dass man mit Warmherzigkeit soziale Strukturen (Familien), ja ganze Länder in Schutt und Asche legen kann. Dabei werden, wenn die Welt dann noch steht, große vereinheitlichte Wirtschaftsräume Gewinner sein; allen voran Russland und China, wahrscheinlich auch Indien. Zumindest noch in absehbarer Zeit werden sie wachsende Wellen immer größerer Zerstörungen besser auffangen als Europa und andere westliche Länder.

Europa wird es zuerst treffen. Nicht gleich und sofort, sondern in stets mächtiger anschwellenden Wellenbewegungen der Zerstörung – bis, ja bis uns eine letzte Welle begraben könnte. Dann sieht es bei uns aus wie in Griechenland. Das ist wie mit aufeinanderfolgenden Finanzblasen; die nächste ist stets größer als die Vorherige, bis zu einem Punkt, wo es schließlich realwirtschaftlich massiv bergab gehen muss, wie jetzt, um wachsende Finanzblasen mithilfe massiver Opfer unter Kontrolle zu halten – bevor sie tatsächlich platzen und alles unter sich begraben.

Ja, und um schließlich auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen: Im Satz „Es gibt keinen Frieden, der nicht auch wehtut“ ist eine Botschaft verborgen, die da heißt: Konjunkturzusammenbrüche müssen moralisch motiviert, wenn möglich warmherzig inszeniert werden, damit sie nicht als von unserem Wirtschaftssystem verursacht erscheinen. Dafür braucht es Bösewichter wie Putin.

Es wäre doch schlimm, wenn es uns auch ohne diese Bösewichter immer schlechter ginge. Exakt das will uns der Satz „Der Frieden wird wehtun“ von Dirk Kurbjuweit sagen. Und er wird verblödet genug sein und noch nicht einmal wissen, dass er mit seinem Satz diese Botschaft transportiert.

Jedenfalls soll es nie wieder passieren, dass, wie seinerzeit 2008/2009, die Finanzkonzerne und ihr Management zur Verantwortung für Finanzkrisen gezogen werden können, die sie nachweislich selbst erzeugen, um schamlos exorbitante Profite/Zinsen aus Wertpapieren zu ziehen, die de facto nichts mehr wert sind. Hier ist ihnen jedes Mittel recht – bis hin zu einem möglichen Atomkrieg aus Versehen.


Quellen und Anmerkungen

(1) Spiegel Online (10.03.2022): Die Lage am Morgen: Der Frieden wird wehtun. Von Dirk Kurbjuweit. Auf https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-sergej-lawrow-russland-ukraine- eu-kriegsangst-matthias-brandt-a-66131230-211c-42a6-a280-ba8668c56c4a (abgerufen am 17.3.2022).


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Mit warmherziger Moral in den Untergang“ wurde am 10.3.2022 auf www.film-und-politik.de (Bürgerbriefe 201 – 300; Seite 37) publiziert und Neue Debatte zur Zweitveröffentlichung vom Autor zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


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Franz Witsch (Jahrgang 1952) lebt in Hamburg. Er ist Lehrer für Politik, Geografie und Philosophie. Zwischen 1984 bis 2003 arbeitete Witsch als Informatiker und Unternehmensberater in der freien Wirtschaft. Heute schreibt er sozialphilosophische Texte und Bücher wie zum Beispiel "Die Politisierung des Bürgers: Zum Begriff der Teilhabe. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen".

Ein Gedanke zu “Mit warmherziger Moral in den Untergang?”

  1. Die kapitalistische Wirtschaftsweise ist die tiefgründige Ursache für den eskalierenden Verfall des Ökosystems Erde und unseres menschliches Dasein.

    Die kapitalistischen Zentren sind von einem langfristigen Trend zur Wachstumsschwäche gekennzeichnet, der schon Jahrzehnte anhält. Immer mehr Kapital hat Schwierigkeiten sich zu verwerten, und erweist sich damit als überflüssiges Kapital.
    Weitere Krisenursache sind die großen Unterschiede bei der Leistungsfähigkeit der nationalen Ökonomien. Der globale Charakter kapitalistischer Standortkonkurrenz sowie die heute tendenziell unbegrenzte Kapital- und Standortmobilität führen zu Einschnitten in den Nationalökonomien sowie zu Veränderungen bisheriger Wirtschaftsstrukturen und Steuerungsmechanismen. Unsicherheiten der Wirtschafts- und Sozialentwicklung spitzen sich zu und die Zerstörung des Ökosystems Erde wird in Kauf genommen. Möglichkeiten der Produktivkraft-Entwicklung werden einseitig für radikale Kostensenkungen und Einsparungen von Arbeitsplätzen eingesetzt, um die Kapitalverwertung zu verbessern und die internationalen Konkurrenzpositionen des Kapitals zu stärken.

    Überall in der kapitalistischen Welt erfolgt die relative Loslösung der monetären Sphäre von der Realökonomie. Die hohen Renditen der Geldanlagen, die Labilität und die Erschütterungen der internationalen Finanzmärkte sowie anhaltende Währungsturbulenzen beeinträchtigen die realwirtschaftliche Entwicklung. Gemeinsame Lösungen von Problemen wie der Abrüstung und der Friedenssicherung, der Erhaltung der natürlichen Umwelt und der Sicherung sozialer Mindeststandards durch die internationale Gemeinschaft werden durch das Streben der Wirtschaftsblöcke zum Erhalt und der Gewinnung von geostrategischen Einflusszonen, Rohstoffen, billigen Arbeitskräften und Absatzmärkten verhindert.

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