Geschichte als Faktor: Im Nebel der Propaganda?

In einem Artikel der Neue Zürcher Zeitung wurde die Zustimmung der meisten Russen zu dem Vorgehen der eigenen Streitkräfte in der Ukraine darauf zurückgeführt, dass die russische Bevölkerung im Nebel der staatlichen Propaganda die Orientierung verloren habe. Das mag so sein, es mag aber auch daran liegen, dass das Empfinden von Sicherheit aus einer tiefen kollektiven Erfahrung resultiert, die in den Angriffen auf das eigene Land und den damit verbundenen Leiden verwurzelt ist.

Die Geschichte macht sich immer wieder bemerkbar, auch wenn wir in Zeiten leben, in denen dies im sich immer wieder als frei bezeichnenden Westen gerne geleugnet wird.

Ähnlich verhält es sich im Falle Chinas. Auch dort sind die Demütigungen und Plünderungen des Kolonialismus und Imperialismus längst nicht vergessen. Die Unterstützung, die die chinesische Führung genießt, entspringt unter anderem dem Versprechen, dass sie dafür sorgen werde, eine Wiederholung der eigenen Erniedrigung mit allen Mitteln zu vermeiden.

Geschichte oder imperialistisches Prinzip

Die Geschichte ist der Faktor, der in unserer Sphäre als störend empfunden wird. Auch im Falle der Ukraine. Wer heute behauptet, dass es sich bei diesem Land mit seiner jetzigen Regierung um einen Staat handelt, der in seiner Verfasstheit, seiner Praktizierung von Regierung und bei seiner Vorstellung von Demokratie den westlichen Idealen entspräche, hat das Geschichtsbuch längst zugeschlagen. Und es ist die Frage, ob das aggressive Ausklammern und Verhindern von Geschichte und den Lehren daraus nicht auch der Ausdruck eines Nebels ist, der versprüht wird, um eine rationale, interessenbasierte Politik zu verhindern.

Grundlage einer jeden Friedensordnung ist die Benennung der eigenen Interessen und die Akzeptanz dieses auch bei allen anderen Verhandlungspartnern zuzulassen. Wer viel von Werten redet, aber alles, was Frieden ermöglicht, als im guten Falle Träumerei und im schlechten Falle als Kollaboration mit dem Feind stigmatisiert, hat weder mit Werten im globalen Maßstab noch mit dem Frieden etwas im Sinn.

Und wer sich bei unzähligen Verletzungen des Völkerrechts, begangen aus den Reihen des eigenen Lagers, in Schweigen hüllt und bei dem gleichen Delikt durch andere Länder lautes Entsetzen zur Schau stellt, hat sich nicht zu Werten, sondern zum imperialistischen Prinzip bekannt.

Kühle Betrachtung

Was wir momentan erleben, ist keine Zeitenwende. Es ist die Anwendung der gleichen völkerrechtswidrigen Prinzipien, die in den eigenen Reihen längst zur Regel geworden sind. Die zahlreichen Kriege in die Staaten des westlichen Bündnisses, immer und allen voran die USA, verwickelt waren oder die sie initiiert haben, sollen aus dem Gedächtnis verschwinden. Jetzt, so die staatlichen wie privaten Meinungsmaschinen, ist alles ganz anders. Jetzt geht es um die Demokratie und Werte wie die Menschenrechte. Um herauszufinden, was damit gemeint ist, sollte man die jetzt so verhassten Russen fragen.

Wie es war, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1) der freie Westen ins Land kam, sich mit Oligarchen verbündete und das Tafelsilber als Kriegsbeute verteilte, während sich unten, dort, wo die gemeinen Leute leben, der Hunger breitmachte? Wer glaubt, das sei vergessen und man warte diesseits und jenseits des Urals nur darauf, dass diese Zeiten wiederkämen, hat sich mächtig verspekuliert.

Kühl betrachtet sind wir Zeugen eines Kampfes verschiedener Oligarchien, die um den Zugriff auf Ressourcen, Arbeitskräfte und geostrategische Vorteile kämpfen. Um in diesem Kampf die Oberhand zu gewinnen, riskieren sie selbst die Vernichtung der Zivilisation. Ja, um in der Typologie zu bleiben, die Oligarchen sitzen auch in Brüssel und in Washington. Ihnen geht es nur um die eigene Freiheit, das sollte man nie mit den eigenen Bedürfnissen verwechseln. Es sei denn, man hat bereits die Orientierung im Nebel der Propaganda verloren.


Quellen und Anmerkungen

(1) Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR; auch Sowjetunion) wurde am 30. Dezember 1922 durch die Bolschewiki gegründet und am 21. Dezember 1991 als Union durch die Alma-Ata-Deklaration aufgelöst. Seitdem werden die völkerrechtlichen Rechte und Pflichten in internationalen Organisationen von der Russischen Föderation wahrgenommen.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: David Gabrić (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

4 Gedanken zu “Geschichte als Faktor: Im Nebel der Propaganda?”

  1. “ … Oligarchen sitzen auch in Brüssel und in Washington. Ihnen geht es nur um die eigene Freiheit, das sollte man nie mit den eigenen Bedürfnissen verwechseln. Es sei denn, man hat bereits die Orientierung im Nebel der Propaganda verloren.“ – genau das ist der dreh- und angelpunkt der ganzen geschichte, auch jetzt um die ukraine.
    und jetzt russischer soldateska ihre klaren kriegsverbrechen vorzurechnen, ist so verlogen wie irgendwas, denn jeder krieg an sich ist schon ein vorsätzlich angezetteltes verbrechen, und da fehlts ja nicht an westlich begonnenen offenen und verdeckten kriegen weltweit seit jahrzehnten

  2. Wir sind die Menschen,
    wir – die gemeinsam rund um den Globus leben, wir, die dem Lebenswillen menschlicher Vorfahren ihr Dasein zu danken haben, wir, die künftigen Generationen das Menschenleben ermöglichen wollen – wir alle sind die Menschen.
    Wir erleben es täglich, die Welt ist oft schlecht und ungerecht. Zeitlebens sind unsere Körper von Gebrechlichkeit, unser Zusammenleben von Ungewissheit und unser Geist von Angst bedroht. In den Möglichkeiten, das eigene Geschick beeinflussen zu können, sind wir ebenso beschränkt wie im Verstehen der uns bestimmenden Wirklichkeit. Äußere und innere Bedingtheit ermöglicht unser Dasein einerseits und andererseits behindert sie uns ständig.
    Und doch, wer möchte nicht im Leben bleiben, sich seiner selbst bewusst werden, sich im Kreise seiner Mitmenschen beliebt machen und die Früchte seiner Lebensarbeit genießen, wer hat nicht Lust zu leben?
    Wir Menschen können uns mittels unseres Verstandes und all unserer Fähigkeiten von Zwängen und Gebundenheit, von Vorurteilen und geistiger Blindheit befreien. Wäre da nicht die Gefahr einfältiger, egozentrischer Selbstzerstörung, könnte man den Werdegang der Menschheit als die unendliche Geschichte bezeichnen.
    Die Möglichkeit jedenfalls, uns selbst zu bewahren, ist uns Menschen gegeben, denn wir können uns unserer Fähigkeiten, wir können uns unserer selbst bewusst werden und daraus schlussfolgernd, mit Willen und dem entsprechend handeln.
    Es ist an der Zeit der Bestandsaufnahme des Mensch-Seins, zu fragen, was ist das Menschliche, es ist an der Zeit, den Blick auf das Überleben zu richten. Jeder von uns muss sich immer wieder neu den Fragen stellen, was eigentlich das Mensch-Sein ausmacht und ob unser menschliches Dasein einen Sinn hat.
    Wir Menschen sind in der Lage, die uns bestimmenden Naturgesetze und die Gesetzmäßigkeiten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erkennen und sie zu nutzen, sodass also letztlich alles Gute oder Schlechte, das uns widerfährt, von uns mehr und mehr bewusst beeinflusst, also von uns Menschen und in unserem Sinn verändert werden kann oder von uns selbst geschaffen wurde und somit erst recht veränderbar ist.
    Auf der Suche nach Antworten und Lösungswegen müssen wir uns immer wieder neuen Fragen und Problemen stellen, die wir nur gemeinsam beantworten und lösen können, im Dialog und im Zusammenwirken.
    Lasst uns also über unsere Befindlichkeiten reden! Lasst uns vorbehaltlos und unvoreingenommen unser gegenwärtiges Dasein bedenken und nach Orientierungen für die Gestaltung unseres Mensch-Seins in respektvollem und ertragreichem Miteinander suchen!

  3. “ … könnte man den Werdegang der Menschheit als die unendliche Geschichte bezeichnen …“

    wir kommen aus kannibalen anfangszeiten, leben den kannibalismus sogar erweitert bis heut, und sehr möglicherweise wirds auch so zuende gehen, in einem großen showdown verheizen wir mitmenschen samt biosphäre = denn das größte massenaussterben der erdgeschichte vermutlich heute, und zudem, mehr als 99% aller jemals gelebt habenden lebensformen sind im verlauf der evolution wieder ausgestorben, und da sollte ausgerechnet „mensch“ eine ausnahme sein?, zumal er sich selbst sehr weit oben mit auf die wieder-aussterbe-liste gesetzt hat.
    vermutlich ist der schritt vom einzeller zum vielzeller evolutionsmäßig auf dauer naturgesetzlich nicht durchhaltbar, sodass letztlich nur das genetische „hintergrundrauschen“ der einzeller als „melodie des lebens“ bleibt, das allerdings in ca 400 millionen jahren aufgrund des sonnenalters ebenfalls enden wird.

    also lasst uns jetzt noch ein wenig

    “ … Auf der Suche nach Antworten und Lösungswegen müssen wir uns immer wieder neuen Fragen und Problemen stellen, die wir nur gemeinsam beantworten und lösen können, im Dialog und im Zusammenwirken …“

    zusammen spielen, dia-logisch den krieg, unser lieblingsspiel, und zusammenwirkend uns gegenseitig die hälse durchschneiden, und gleichzeitig die gesamte biosphäre strangulieren.

  4. Warum ist die Lüge so mächtig? Aus welchem Grund kann die Propaganda so brutal die Menschen beeinflüssen? Corona, Ukraine oder was auch immer kommen wird, die Mehrheit scheint bereit, alles glauben zu können und zu wollen. Sie ist unreif und infantilisiert. Aus Ignoranz, Egoismus, Angst oder Bequemlichkeit ist sie bereit, passive Komplize zu werden. Aber das wirklich beängstigende ist, daß es keine kritisch denkende (oder einfach denkende!) Schicht mehr gibt. Nur vereinzelte und mehr oder weniger marginale Stimmen rufen zur Vernunft. Sie werden sofort stigmatisiert und womöglich zum schweigen gebracht. Wie konnten die Oligarchen so mächtig werden? Warum wird ihre illegitime Macht allgemein anerkannt und fügsam ertragen? Corona und die Ukraine sind Symptome einer unheimlichen Entwicklung, die 1989 oder vielleicht schon früher angefangen hat und sich erst jetzt beginnt, offen zu zeigen. Es ist nicht gerade beruhigend, an die Zukunft zu denken. Noch nie war die Reaktion gegen die Geburt eines Totalitarismus so schwach, wie in unseren Tagen. Noch nie hat es die Möglichkeite gegeben, daß ein totalitäres Regime (anscheinend „dezentralisiert“) die ganze Welt umfaßt. Die Ukraine, die Propaganda, der Krieg sind Vorboten einer distopischen Zukunft, die wir wie hypnotisiert kommen sehen.

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