Reden wir über den Tod. Nein? Warum nicht?

Na gut, reden wir über das Leben. Wie fließend die Übergänge zwischen den beiden Phänomenen sind, hat Rainer Maria Rilke beschrieben: „Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß.“ Sind Sie sicher, dass Sie leben? Können Sie nachvollziehen, was mir ein befreundeter Maler vor Jahren schrieb? Fühlen Sie mit ihm? Das wäre so ein Gradmesser.

Hier sein beeindruckendes Fazit über unsere Spezies, die sich zum Beherrscher des Lebens aufgeschwungen hat. Allerdings kann man nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt weiß.

„Mit der Dummheit der Menschheit will ich mich nicht weiter befassen müssen, da die Intelligenz der natürlichen Phänomene und Zyklen einfach zu interessant ist. Die Intelligenz von Stein, Pflanze, Tier scheint weitaus geheimnisvoller und erstaunlicher, als wir träumen können. Die Verdummung der Menschen durch Religion, Verteidigung von Besitz, Krieg und dergleichen mehr ist einfach nur langweilig, nicht zu ertragen und wirklich zerstörerischer als überhaupt je erkannt – zerstörerisch bis hinein ins seelische Innenleben.

Vor allen Dingen, wenn der Mensch in seiner Arroganz behauptet, dass die erste Schöpfung fehlerhaft sei und deshalb von ihm eine zweite erschafft werden müsse … der Gang um den See, durch den Wald, die offene Landschaft löst eine gewisse Biophilia aus, die Heilung bewirkt. Hier kann auch die Intelligenz der Mineralien, Pflanzenwesenheiten, der Tiere mit immer größer werdendem Erstaunen beobachtet werden (1).

Zentrales Beispiel ist die überdimensionale Intelligenz der Pflanzen. So gut wie unerfassbar für unsere menschliche Imaginationsebene. Allein die flüsternde Vorstellung, wenn man neben einer der zarten Anemonenblüten kniet – vor Millionen-mal-Millionen-Zeit haben wir Pflanzenalgenträumer die Photosynthese erfunden und damit das Leben auf der Erde möglich gemacht –, diese Vorstellung ist schon so gigantisch, dass vor Ehrfurcht alles um einen herum still wird. Die Vögel nicken nur noch und die Steine lächeln. Unsere Dummheit kann sich transformieren. Und die Intelligenz der Natur gibt der Einfühlsamkeit den Sonnenkuss…“

Harald Finke heißt der Mann. Ich lernte ihn 1994 kennen, ein Jahr nachdem mein Roman „GO! – Die Ökodiktatur“ erschienen war. In ihm gibt es eine Passage, in der ein Wissenschaftler, der sich vor dem Zugriff des Staates versteckt hält, mit verkabelten Pflanzen experimentiert, um ihre Sprache hörbar zu machen. Harald hatte das gelesen und sofort Kontakt mit mir aufgenommen. Zu der Zeit führte er nämlich ein ähnliches Experiment durch. Nur dass er seine Pflanzen malen ließ. Die erstaunlichen Ergebnisse seiner Arbeit, die immer noch andauert, fasst er unter dem Titel „Pflanzenschrift“ zusammen.

Ich war einmal auf einer Ausstellung dieser Schriften zu Gast, die mich durch ihre Vielfalt an Formen und Farben in ihren Bann zogen. Haralds Computer ist lediglich das Werkzeug, mit dem die Impulse, die der Rechner von den Pflanzen empfängt, zu Papier gebracht werden. Jedes Gemälde gleicht einem filigranen Nervensystem von ganz eigener Autorität. Jedes Gemälde zeigt den sichtbar gemachten Atem unserer Mitwesen, über die wir so gut wie nichts wissen.

Und jetzt gestatten wir uns einen kurzen Blick auf die menschliche Ausdrucksweise, auf unsere Sprache, die inzwischen den Tiefgang einer Badeente hat und uns doch ständig ins Recht setzen soll. Rilke, dieser Sprachzauberer, drückte die Befindlichkeit all jener treffend aus, die unter den Fußtritten Höllenqualen leiden, die wir der Sprache, die als Brücke in ein höheres Bewusstsein dienen könnte, täglich lustvoll versetzen:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus.

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,

und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um.

An diesem Massenmord wird sich so schnell nichts ändern. Vor dem Hintergrund eines global kollabierenden Wirtschafts- und Ökosystems nimmt sich das Tempo, in dem die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden, extrem bescheiden aus. Hinzu kommt, dass wir inzwischen auf einem gigantischen Minenfeld leben und Gefahr laufen, dass uns die Hinterlassenschaften aus der Atomindustrie, die Kriegslüsternheit der Machteliten, die weltweiten sozialen Verwerfungen, die Folgen der Genmanipulation und des Geoengineering und vieles andere mehr jederzeit um die Ohren fliegen können.

Das Gute daran ist, dass Milliarden von Menschen durch die katastrophalen Verhältnisse auf diesem Planeten allmählich gezwungen werden, die engen Grenzen, die ihnen das kapitalistische Giersystem auferlegt, radikal zu überdenken. Eine solche Bestandsaufnahme tut weh. Verstand und Intellekt beiseitezulassen, zu akzeptieren, dass die materielle Welt, so wie sie wahrgenommen wird, eine Illusion, ein Betrug ist, tut weh. Und genau an dieser Stelle hätten wir den spirituellen Beistand der Naturvölker bitternötig.

Dass sie uns diesen Beistand nun verweigern, müsste uns eigentlich gehörig zu denken geben. Tut es aber nicht, da es ja gerade unsere Unbelehrbarkeit ist, die sie zu diesem Schritt veranlasst hat. Wenn wir ihnen zuhören würden, könnten sie uns helfen, die künstliche Teilung zu überwinden, die die Zivilisation zwischen der menschlichen Gemeinschaft und unseren Mitwesen auf der Erde verursacht hat. Sie könnten uns helfen, die Tricks zu durchschauen, mit der uns die herrschende Machtelite vom wahren Leben fernhält.

Es gibt nur eine Gemeinschaft und sie lebt und stirbt als Einheit. Jedes Übel, das wir der natürlichen Welt zufügen, verschlechtert die menschliche Welt. Mit jeder Kultur, die der unersättlichen Lebensweise der Zivilisation zum Opfer fällt, werden die Träume ihrer Angehörigen ausgelöscht.

Also müssen wir Orte der Zuflucht schaffen. Orte, die frei sind von Schrecken und Ausbeutung, Orte, in denen wir heilende und nährende Beziehungen entwickeln können – zu den Tieren und Pflanzen, zu unserem Land, zu den Sternen, zur Kunst, zu unseren Mitmenschen und nicht zuletzt zu uns selbst. Die Orte in uns selbst, die wir geschützt halten vor Schrecken und Angst, können uns daran erinnern, was es heißt, Mensch zu sein. Wir dürfen Bescheidenheit nicht länger nur unter dem Aspekt des Verzichts sehen, sondern vor allem unter dem des Gewinns. Als ein Schlüssel, der nicht nur Zugänge verschließt, sondern viele neue Tore öffnet.

Ich vermute, dass niemand unter uns ist, der behaupten würde, er beziehe seine Energie aus der Steckdose. Welche Energie aber ist es dann, die unser Herz schlagen lässt? Woher kommt diese Energie und auf welche Weise sind wir mit ihr verbunden? Wir kennen die Wahrheit, wir mögen uns nur nicht an sie erinnern, weil wir Angst davor haben, aus dem System zu fallen, das uns so gnadenlos platt bügelt und vor dem wir dennoch in masochistischer Manier kuschen.

Wir haben Angst, aus der Gesellschaft zu fallen und den schweren Kampf eines unverstandenen Außenseiters führen zu müssen. Dabei wissen wir doch, dass wir Teil eines gigantischen Netzwerkes sind, dass nichts so weit voneinander entfernt ist, dass es nicht Verbindung mit ihm hätte.

„Die Natur ist ein unendlich geteilter Gott“, hat Friedrich Schiller formuliert. Wir alle speisen unsere Existenz aus derselben Quelle.

Nichts, was wir erleben, gehört uns allein. Jedes Gefühl ist eine Leihgabe aus dem unerschöpflichen Meer der Möglichkeiten, wie es in der Quantenphysik heißt. Jede Erscheinungsform, ob sie nun geistiger oder materieller Natur ist, verdient also den gleichen Respekt, den wir für uns selbst reklamieren. Erweisen wir diesen Respekt nicht, vergreifen wir uns letztlich nur an uns selbst. Das ist Gesetz. Lasst es uns bitte nicht weiter infrage stellen. Unser Feind steht nicht irgendwo da draußen, unser Feind sind wir selbst.

Die europäische Kultur ist von dem Gedanken geprägt, dass Kraft dazu da ist, für oder gegen etwas angewendet zu werden. Das ist falsch. Kraft zu haben bedeutet, voll und ganz gegenwärtig zu sein. Wir müssen wieder lernen, die simple Wahrheit der Zusammengehörigkeit allen Lebens zu verstehen, sodass sie in jedem Augenblick wirksam werden kann. Das kann doch nicht so schwer sein. Zumal es das einzig wirkliche Vergnügen ist, welches das Leben für uns permanent bereit hält …


Quellen und Anmerkungen

(1) Der Begriff Biophilie (altgriech. bios „Leben“ und philia „Liebe“) wurde terminologisch vom Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 bis 1980) in dem Buch ‚Die Seele des Menschen‘ (1964) im Kontext seiner Charakterologie und Ethik eingeführt. Er bedeutet „Liebe zum Leben“ oder „Liebe zu Lebendigem“. Fromm definierte die Biophilie wie folgt: „Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“ Der US-amerikanische Soziobiologe Edward O. Wilson (1929 bis 2021) entwickelte unabhängig von Fromm in dem Werk ‚Biophilia‘ (1984) die Biophilie-Hypothese.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Reden wir über den Tod. Nein? Warum nicht?“ von Dirk C. Fleck wurde auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Ein Gedanke zu “Reden wir über den Tod. Nein? Warum nicht?”

  1. bravo, herr fleck, Ihr obiger artikel scheint mir essentiell, „auf den punkt gebracht“, besser hätte auch ich es nicht ausdrücken können – bleiben Sie wenn möglich an diesem thema dran, denn es ist „riesig“ und „basis“ („basicamente“ sagt man in spanisch) – ich werde Ihren obigen artikel an bekannte usw weiterreichen, denn er gibt wenigstens einen „leichten geruch“ von dem, was man „“welt““ nennt, in der mensch nicht herrscher oder superschlau ist, oder „überflieger“, sondern genauso eingebettet, wie ein beliebiger wurm, oder das letzte scheinbare „unkraut“.
    DANKE für Ihren obigen artikel !

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