Tief im Westen: Ein kleiner Totentanz im Totenhaus

Zwei große Krisen in Folge haben das Gesicht der Welt verändert. Beide, Corona wie der Krieg in der Ukraine, haben Prozesse beschleunigt, die in der Anlage von Produktionsprozessen und Verteilungsschlüsseln wie in geopolitischer Konstellation gravierende Veränderungen bringen werden.

Sie haben der ungehemmten Globalisierung ein Ende gesetzt und viele Staaten in den Sog von wachsendem Dirigismus (1) und beschleunigter Entrechtung gezogen.

Wer diese Tendenzen im Westen, und es sei immer wieder davon gesprochen, weil wir hier leben und unser eigener Rajon (2) der einzige ist, wo die Möglichkeit besteht, die Verhältnisse zu verändern, wer diese Tendenzen hier nicht sieht, ist bereits das Opfer gezielter Desinformation oder eigener Blickverschleierung.

Die Zeiten, in denen es reicht, sich über Verhältnisse zu empören, ohne mit den eigenen Mächten zu kollidieren, neigen sich ihrem Ende zu. Entweder man klatscht der herrschenden Politik Beifall oder man wird abgeführt. Diese Diskussion wird allerdings erst fruchten, wenn die Blendlichter ausgehen und die eigene Notbeleuchtung anspringt.

… und Europa vor dem Infarkt

Was die geopolitischen Folgen der russischen Invasion in der Ukraine und der Reaktion von EU und NATO betrifft, so ist aus einer noch vage beschriebenen Multipolarität nun ein festes Schema mit klarer Kontur zu verzeichnen.

Durch die seit einiger Zeit etablierten und sich immer mehr zu Superlativen gesteigerten Sanktionsmaßnahmen hat sich, und da stimmt die Wahrnehmung, die vom eigenen Lager kundgetan wird, der Westen als ein sehr homogen wirkender Block konsolidiert. Aus europäischer Sicht allerdings alles andere als erfreulich. Denn die USA haben ihre militärische Vorherrschaft, auch was Europa anbetrifft, noch ausbauten können und ökonomisch mächtig an Boden zurückgewonnen, weil das deutsche Herz des europäischen Industrialismus durch Sanktionen und Embargos sowie neue Abhängigkeiten jenseits den Markt betreffender Konkurrenzmöglichkeiten schwere Attacken hat hinnehmen müssen. Und ein Infarkt ist zu befürchten.

Dass die Selbstwahrnehmung eine andere ist, hat mit dem Paradigmenwechsel vom Leistungs- zum Identitätsgedanken genauso zu tun wie der unerklärten militärischen Präsenz der USA. Eine kleine Zusatzfrage: Hätten nach dem Abzug von 350.000 russischen Soldaten aus dem Osten zu Beginn der 1990er-Jahre nicht auch die alliierten und vor allem die amerikanischen Verbände im Westen das gleiche tun müssen?

Deutschlands Desorientierung

Auf der anderen Seite hat sich ein strategisch mittelfristig stabiler Block gebildet, der mit seiner bloßen Existenz in relativ kurzer Zeit dem Westen wird klar machen können, dass er sich mit seiner Polarisierungs- und Interventionspolitik mächtig verzockt hat. China, Russland, Indien und der Iran haben nicht nur ihre Beziehungen intensiviert und sind dabei, gegenseitige Irritationen auszuräumen, sondern sie verstärken ihre wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit und könnten, sollten sie nichts anderes tun, bei einer Abkehr von europäischen und amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen eine tödliche Waffe darstellen.

Wird die in der EU und den USA etablierte Nötigungs- und Sanktionspolitik gegenüber diesen Ländern fortgesetzt, dann kann es sehr schnell kommen, dass nicht nur die Luxusmodelle von Daimler Benz und Porsche auf diesen Märkten plötzlich nicht mehr als Statussymbole gelten, sondern als Zeichen für die Kollaboration mit dem Feind diskreditiert sind.

Wegen der Rohstoffe und Marktanteile braucht die EU diese ungeheure eurasische Dimension mehr als die USA. Dass dies verkannt wird und die hiesigen Ökonomien bewusst in den Ruin getrieben werden, hat Deutschland der eigenen Desorientierung in Bezug auf die existenziell wichtigen Eigeninteressen zu verdanken. Die Anstifter dieser Verwirrung sind jeden Tag in Presse, Funk und Fernsehen zu betrachten.

Ein Totentanz

„Ich fahre, ich weiß nicht wohin“, schrieb Ödön von Horváth, „mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ (3) Vieles spricht gegenwärtig dafür, dass das lustige Wohlbefinden in den sich selbst feiernden Kreisen bald in einen historisch einzigartigen Akt der Selbstzerstörung umschlagen wird. Und nicht mehr bleibt als eine Literatur, die mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ am besten beschrieben ist (4). Und diese Ironie hätte sich der Menschenfreund Dostojewski sicherlich verbeten.


Quellen und Anmerkungen

(1) Dirigismus steht als Begriff für die (fast) vollständige zentrale Lenkung der gesamten Volkswirtschaft durch den Staat mit dem Instrument der Planwirtschaft.

(2) Rajon ist in zahlreichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion oder auch in Ländern wie zum Beispiel Bulgarien die Bezeichnung für eine Verwaltungseinheit. Rajons entsprechen in etwa den deutschen Landkreisen beziehungsweise den österreichischen Bezirken, in Städten den Stadtbezirken.

(3) „Glaube Liebe Hoffnung“ ist das neunte Drama des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth (1901 bis 1938). Das Werk erschien 1933 und trägt den Untertitel „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“.

(4) Zwischen Herbst 1861 und Ende 1862 veröffentlichte der russische Schriftseller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 bis 1881) in der Zeitschrift Wremja die Prosaarbeit „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. An dem Werk hatte er bereits seit 1856 gearbeitet.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Jez Timms (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Ein Gedanke zu “Tief im Westen: Ein kleiner Totentanz im Totenhaus”

  1. klingt zwar blöd, aber ich stimme den inhalten des obigen artikels in vollem umfang zu + es erzeugt bei mir regelrecht körperlichen brechreiz, und tut weh, wie „der westen“ und die unisono-westlichen medien jetzt draufsind in ihrem strom unermesslicher zukunfts-dummheit – andererseits freut es mich sehr, wie sich momentan (durch westliche dummheit angetrieben) ein eurasien herauszubilden scheint, wenn auch ohne europa, das „sichtbarlich“ noch immer usa-besetze und kontrollierte weltgegend ist (und das 80 jahre nach wk2) – und ich habe einige furcht vor den osterweiterungs-ländern der nato, die sich jetzt als, öl ins feuer gießend, von den usa her gesehen, ideale kriegstreiber erweisen, zb polen.
    ich würde mir in der aktuellen situation de-eskalation wünschen, stopp aller offenen und geheimen waffenlieferungen an die ukraine und nachbarstaaten durch usa + europa, stopp aller finanziellen mittel an die ukraine, stopp aller verdeckten westlichen operationen in den östlich „der demarkationslinie“ gelegenen gebieten, denn der jetzige ukrainekonflikt ist quasi nichts, sollte es sein, gegenüber unserer möglichen zukunft eines eurasien als gleichberechtigte staaten- und wirtschafts-gemeinschaft.
    so, wie es im moment läuft, verspielt europa, ohne notwendigkeit als nur usa-vasall demaskiert, seine eigene zukunft, denn europa geriert sich als vasallenstaaten-konglomerat der usa, von eigenständiger europäischer politik keine spur.

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