Leonhard F. Seidl: Vom Untergang

Jenseits der zeitgenössischen Romanliteratur, die sich selbstvergessen in der Widerspiegelung eigener Befindlichkeiten verliert, existieren auch bemerkenswerte Versuche, massive Ladungen von Denkstoff über kurzweilige Transportmittel in die Fläche zu senden. Zu diesen zählt auch der bei der unerschütterlichen Edition Nautilus erschienene Kriminalroman „Der Untergang“ von Leonhard F. Seidl.


Leonhard F. Seidl; Vom Untergang. Kriminalroman (Quelle: Gerhard Mersmann / YouTube)

So verwunderlich das Genre, so mächtig der Stoff: In seinem Roman „Vom Untergang“ geht es um Geschichte, um Politik und die Frage, ob es historische Analogien gibt und ob aus der Geschichte gelernt werden kann. Dass das Buch im März 2022 erschienen ist, gibt ihm eine unbegreiflich erscheinende Aktualität. Letztere soll jedoch nicht jene Leserinnen und Leser davon abhalten, die einfach einen etwas anspruchsvolleren Kriminalroman aufschlagen und mit etwas Nervenkitzel gut unterhalten werden wollen.

Eine Story in der Weimarer Republik

Die Geschichte spielt im fränkischen Fürth im Jahr 1922 und vieles von dem, was thematisiert wird, ist historisch verbürgt. Es geht dort anhand eines lokalen Vorfalls um das, was die Weimarer Republik in Atem gehalten hat und sie letztendlich hat sterben lassen: Um die Strategien von sozialdarwinistisch geprägten Figuren wie den berüchtigten Theoretiker Oswald Spengler (1), der mit seinem „Untergang des Abendlandes“ als Kassandra wie als Visionär galt, um die Industriellen wie Presseleute, die finanzierten und Meinung machten, es geht um ebenso finanzierte Geheimbünde, die selbst vor Mord nicht haltmachen, es geht um eine organisierte, aber gespaltene Arbeiterschaft und um deren Lebensbedingungen und Kämpfe. Verwoben ist das alles in konkrete soziale Beziehungen, die daraus eine spannende Geschichte machen.

Auf drei verschiedenen Ebenen wird die Erzählung gestaltet. Auf der der fortschreitenden Handlung der Erzählung selbst, auf der Darstellung der Ereignisse in der Presse und auf der Folie von Spenglers „philosophischen“ Betrachtungen und seinen Korrespondenzen mit den Dunkelmännern der bereits in diesen Jahren geplanten Machtergreifung.

Dennoch entwickelt sich eine spannungsgeladene Handlung, die weder stört noch aufgesetzt erscheint. Insofern ist ein Stück Kriminalliteratur entstanden, das mit dieser engen Verwicklung in die zeitgenössische Politik eher im angelsächsischen (zum Beispiel Robert Harris) als im deutschen Raum zu Hause ist. Und da das Konstrukt als gelungen angesehen werden muss, zählt dieses Buch zu den sehr positiven Überraschungen hinsichtlich der gegenwärtig in Deutschland produzierten Literatur.

Ein gelungenes Wortspiel

Und diejenigen, die sich besonders auf die politische Folie freuen, werden aufgrund der Passagen, die aus Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ in einem bestimmten Handlungskontext zitiert werden, aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Denn vieles von dem, was sich dort offenbart, vor allem in den Segmenten der gesellschaftlichen Meinungsbildung, kommt einem vor wie die exakte Beschreibung der heutigen Realität.

Das, wozu ein Spengler noch nationalistische Dunkelmänner benötigte, um die Realität so zu verarbeiten, damit sie in die Ideologie passte, hat sich hier und heute zu einer fertigen Zustandsbeschreibung entwickelt, ganz ohne Gewalt und Willkür, sondern durch einen schleichenden Prozess der Anteilsübernahmen, durch die Modifikation der journalistischen Techniken und durch die Art der existierenden Beschäftigungsverhältnisse.

„Vom Untergang“ ist ein gelungenes Wortspiel mit Spenglers Buchtitel und dem Schicksal der Weimarer Republik. Was sich als Rettungsunternehmen gebärdete, hat den tatsächlichen Untergang rasant beschleunigt. Und dass es historische Analogien zuhauf gibt, sorgt für eine ganz besondere Brisanz! Mehr Spannung geht nicht, und es handelt sich ja um einen Kriminalroman!


Informationen zum Buch

Vom Untergang

Autor: Leonhard F. Seidl

Genre: Kriminalroman

Sprache: Deutsch

Seiten: 248

Erscheinung: März 2022

Verlag: Edition Nautilus

ISBN: 978-3-96054-284-1

Über den Autor: Leonhard F. Seidl (Jahrgang 1976) ist Schriftsteller, Kolumnist, Journalist sowie Sozialpädagoge und Dozent für Kreatives Schreiben. Sein Romandebüt gab er 2011 mit dem Buch „Mutterkorn“. 2014 erschien sein Kriminalroman „Genagelt“ und 2017 der Roman „Fronten“. Sein sechster Roman „Vom Untergang“ wurde im März 2022 veröffentlicht. Er publizierte außerdem zahlreiche Essays und Kurzgeschichten und erhielt mehrfach Förderpreise und Stipendien.


Quellen und Anmerkungen

(1) Oswald Arnold Gottfried Spengler (1880 bis 1936) war Lehrer und Philosoph. Als Schriftsteller war er auf geschichtsphilosophischem, kulturhistorischem und kulturphilosophischem Gebiet tätig sowie als antidemokratischer politischer Autor. Spengler wird zur nationalistischen und antidemokratischen Strömung „Konservativen Revolution“ gerechnet, die sich in der Weimarer Republik entwickelten. Er lehnte aber den Nationalsozialismus und dessen Rassenideologie ab. Spengler gilt trotzdem als einer der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus. In seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ vertritt er eine Zyklentheorie, nach der immer wieder neue Kulturen entstehen, eine Blütezeit erleben und sich durch eine Phase des Verfalls vollenden und untergehen. Damit richtet sich Spengler gegen eine lineare Geschichtsschreibung, die die Geschichte der Menschheit als Geschichte des Fortschritts erzählt.


Woman black white. (Foto: Andrey Zvyagintsev, Unsplash.com)

Schluss mit dem Theater

Karten auf den Tisch!

Journalismus ist entweder eine beliebige Ware und damit nutzlos oder wird von den Mediennutzern ökonomisch getragen und in ihren Händen zur vierten Gewalt.


Foto und Video: Charl Folscher (Unsplash.com) und Gerhard Mersmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Wie ist Deine Meinung zum Thema?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.