Richtung Barbarei: Der Zivilisation nichts mehr zu bieten

Das Zivilisatorische, welches dem Prinzip einer bürgerlichen Gesellschaft zugrunde liegt, ist zweifellos darin zu sehen, wie mit Widersachern und Minderheiten umgegangen wird. Zumindest in der Theorie. Im Gegensatz zur Herrschaft von Autokraten, Tyrannen oder Oligarchen, die mit Oppositionellen immer wieder gerne kurzen Prozess machten und sie den Fischen vorwarfen, appellierten die Geister der bürgerlichen Demokratie an einen respektvollen Umgang mit gegenteiligen Meinungen und anerkannten ihren Vertretern – unabhängig von ihren Standpunkten in essenziellen Fragen – die gleichen Rechte zu wie denen, die den offiziellen Kurs der Regierung vertreten.

Krieg und Barbarei

In Zeiten des Krieges ist vieles anders. Wenn auch nicht grundlegend. Denn dort entfällt das wohlig Feuilletonistische, was so manchen Diskurs untermalt, und es wird Klartext geredet. Und was als Erstes verschwindet, wenn man sich schon einmal auf den Pfad der Barbarei begeben hat, ist das Zivilisatorische.

Folglich ist jetzt, wo es wieder einmal um nichts Geringeres als die Weltherrschaft geht, denn die Gefechte in der Ukraine sind eine museale Stellvertreter-Show, die Zeit der Konzilianz (1) vorbei, und es wird zum Halali auf all jene geblasen, die nicht dem Narrativ von der armen, überfallenen Ukraine und dem symbolischen Kampf für die liberale Demokratie anhängen. Um vielleicht die Komik in diesen traurigen Zeiten zu bemühen, sei allen geraten, einmal das zu lesen, was vor zwei Jahren noch über die politischen Zustände in der Ukraine geschrieben wurde. So schnell wird der Saulus zum Paulus.

Wer es sich noch ansehen will, bevor auch hier die Bodenhitze beträchtlich steigen wird, der sollte sie sich ansehen, jene, die von den staatlich geprüften Demagogen als die Führerinnen und Führer der freien Welt stündlich, rund um die Uhr, zitiert werden, um dem Populus (2) die Welt zu erklären und um klarzustellen, wo der eigentliche Feind steht, auch im eigenen Land. Wenn man sie sich ansieht, … wie hasserfüllt sie ihre blutrünstigen Tiraden von sich geben, wie sie daher schwadronieren von Träumern, die die Zeit nicht verstanden haben, von fünften Kolonnen, die im Namen des Erzfeindes hier ihr Unwesen treiben und dass nur eines zählt, nämlich die Vernichtung des Bösen, und zwar mit Waffen.

Die Stunde der Demaskierung

Dass sie von Frieden keine Vorstellung haben, gehört zu ihrem personalen Portfolio. Denn wer geschichtslos, naiv und lediglich machtgeil durch das Dasein wabert, der kann nur dann vermeintlich erfolgreich sein, wenn er den Oligarchen, die nach Ressourcen und Macht lechzen und die sich mit dem Verkauf von Mordwerkzeug goldene Nasen verdienen, zu Kreuze kriecht und den tollen Hofhund spielt.

Dass klassische Lobbyisten auch unter ihnen weilen, sollte nicht verwundern. Und dass eine Partei, die noch vor der Wahl zur Mäßigung in militärischen Konflikten aufrief, nun mit hochgezogenen Lefzen und ausgefahrenem Penis auf den Segen der Apokalypse setzt, sollte nicht verwundern. Etwas anderes bleibt ihnen nicht, denn sie haben hinsichtlich der menschlichen Zivilisation nichts mehr zu bieten. Und sie wittern, selbstverständlich ganz im Interesse ihrer Auftraggeber, dass, selbst wenn es zum heißen Showdown nicht kommt, zumindest der alte Morgenthau-Plan (3) eventuell auf den Tisch kommt und aus der Bestie Deutschland ein befriedeter biologisch-dynamischer Agrarstaat geformt werden könnte.

Einer der schönsten Momente von Krisen ist die Stunde der Demaskierung. Das ist der Augenblick, in dem sich alles hell und deutlich entfaltet. Genießen wir diese Stunden, egal wie schrecklich die Geschichte ausgehen wird.


Quellen und Anmerkungen

(1) Mit dem Begriff Konzilianz wird eine soziale Haltung beschrieben, die sich um Entgegenkommen, Ausgleich und Versöhnung bemüht und Verständnis für den anderen (oder auch den Gegner) aufbringt.

(2) Populus ist Latein und bedeutet das (niedere) Volk, der Pöbel. die Leute oder auch die Menge beziehungsweise Volksmenge.

(3) Der Morgenthau-Plan, erstellt im Sommer 1944, war ein vom damaligen US-amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau (1891 bis 1967) veranlasster Entwurf zur Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat nach dem absehbaren Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Langfristig sollte verhindert werden, dass Deutschland je wieder einen Angriffskrieg führen könne. Der Entwurf wurde aber von der US-Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt (1882 bis 1945) verworfen. Er gelangte nie in ein konkretes Planungsstadium, war auch nie zur politischen Realisierung vorgesehen und spielte für die spätere Besatzungspolitik der Alliierten im Nachkriegsdeutschland keine Rolle. Im Oktober 1945 publizierte Morgenthau, der im April 1945 nach Differenzen mit dem neuen US-Präsidenten Harry S. Truman von seinem Amt zurückgetreten war, ein Buch mit dem Titel „Germany is our Problem“ („Deutschland ist unser Problem“). In dem Werk erläuterte Morgenthau seinen Plan.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Los jetzt …

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Killari Hotaru (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

4 Gedanken zu “Richtung Barbarei: Der Zivilisation nichts mehr zu bieten”

  1. ich plädiere trotz der ukraine-sache (und darüber hinausgehend) für ein staaten- und vielvölker- gemeinsames eurasien, denn gemeinsamer kontinent, und schon deshalb gemeinsame interessen, und in einem gemeinsamen eurasien würde zb der ukr-konflikt als unsinnig völlig entfallen – indes, die momentane geschichte läuft genau anders herum, indem unsere europa-politiker mitsamt amerika als „imperium“ im hintergrund, das alles interesse an einem nicht-eurasien haben muss und hat, den kontinent politisch, wirtschaftlich, usw weiter spaltet, wo immer möglich, und unsere eu politiker als hofhunde treu und brav kläffen und mitmachen, dabei hätte gerade DE alle historischen gründe, speziell mit russland sehr sehr sensibel umzugehen (mit frankreich + DE hats geklappt, heute freundschaft wo früher jahrhundertelang feindschaft war),
    ich selbst gestatte mir deshalb weiterhin pro-europäisch + pro-russisch + pro-chinesisch + pro-indisch zu sein, um die hauptaktuere eurasiens aufzuführen, ohne die zahlreichen weiteren völker, ethnien und staaten/länder/landstriche eurasiens zu vergessen, in der heute noch sehr dünnen hoffnung auf ein gemeinsames eurasien.

  2. Mensch werde wesentlich!

    „Erheb dein Gesicht und beginne zu streben, suche das Licht und gewinne das Leben“, heißt es im Text eines alten Liedes. Schon längst ist uns Menschen also bekannt, dass unser Hirn über unsere Sinnesorgane informiert wird und wir dadurch befähigt werden, zielstrebig nach dem Licht der Erkenntnis suchen und einen Sinn für unser Daseins finden zu können. Indem wir uns als einen Teil eines großen Ganzen begreifen, das es zu nutzen und zu bewahren gilt, gewinnen wir unser wunderbares, konkret einmaliges Leben.
    Begreifen ist ein natürlicher Vorgang. Das macht uns Denis Diderot deutlich, wenn er schreibt: “Man kann die Begriffe, die keine Grundlage in der Natur haben, mit jenen Wäldern des Nordens vergleichen, deren Bäume keine Wurzeln haben. Es bedarf nur eines Windstoßes, nur einer geringfügigen Begebenheit, um einen ganzen Wald von Bäumen oder von Ideen umzuwerfen.”
    Mit Sinnesorganen sehen, hören, riechen, ertasten wir das um uns Seiende, um den erkennenden Geist unseres menschlich wirkenden Gehirns zu informieren. Das Begriffene wird als sinnliche Wahrnehmung verinnerlicht, um schließlich abstrahiert und in Worte und Sprache gefasst, durchdacht und als gesprochene, symbolisch ausgedrückte, geschriebene oder künstlerisch gestaltete Information zwischenmenschlich ausgetauscht zu werden und so menschliches Schöpfertum zu ermöglichen.
    Bäume, Wasser, Steine, die Sonne und der Wind sind leicht mit den Sinnesorganen wahrzunehmen, aber können wir so auch die Inhalte der Begriffe Gesetzmäßigkeit, Freiheit, Wille, Poesie, Liebe, Hass, Ursache, Wirkung, Zufall, Notwendigkeit, Wesen oder Erscheinung begreifen?

  3. Das Foto mit den Plastiktöpfen mit magerem Blattwerk sagt schon Vieles aus, perfekt. Ein Freund von mir, der schon vor Jahrzehnten nach Frankreich ausgewandert ist, ist immer entsetzt, wenn ich ihm über die hiesigen Zustände berichte und ihm Links schicke, und das will im Macron-Land schon was heißen. Als er mich das erstemal besuchte, das war schon 2010, konnte ich ihn zwei Tage lang nicht beruhigen, weil er den Ton hier nicht ertrug. „Geld, Geld“, „schnell, schnell“ schrien ihm die Bratwurstverkäufer entgegen und das war nur ein winziges Detail und der Anfang. Das Wort “ Barbaren“ nimmt er nun sehr oft und zurecht in den Mund und er könnte es hier nicht mehr aushalten. Aber wo bleibt sie denn, die Desmaskierung, die auch der Letzte mitbekommt? Ich sehe und erwarte nichts mehr und deshalb gibt es für mich auch nichts, was ich genießen kann. Da ich seit dem Studium oft in Frankreich, aber auch anderswo, unterwegs war und bin, empfinde ich die Menschen in Deutschland als ziemlich unzivilisiert und oft denke ich inzwischen, sie hätten den Untergang verdient. Auch wenn ich mir selbst noch ein paar Jahrzehnte erhoffen würde. In meinem persönlichem Umkreis, der noch auf meiner Seite ist, verstärkt sich Lebensmüdigkeit. Ich tendiere mittlerweile manchmal auch dazu, denke aber, „die“ sind das nicht wert. Doch nirgendwo gibt es auch nur einen Streif Hoffnung am Horizont.

    1. … empfinde ich die Menschen in Deutschland als ziemlich unzivilisiert …, und schlimmer, das problem kenne ich, als ich nach nur 5 jahren südamerika nach DE zurückkam, hatte ich anfangs den festen eindruck, hier nicht mehr leben zu können, so abartig kam mir vieles hier vor.

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