Marx und der totalitäre Transhumanismus (Teil 2): Kondratjew, Schwab und die Vierte industrielle Revolution

Wie in Teil 1 des Essays „Marx und der totalitäre Transhumanismus“ ausgeführt, lässt sich die gegenwärtige Periode kennzeichnen als ein Zeitraum stagnierender beziehungsweise sinkender Profitraten. Die Folgen sind vielfältige Bestrebungen des Kapitals, einen ihm entsprechenden Ausweg zu finden, indem zweierlei passiert:

Einerseits wird versucht, die absolute und relative Mehrwertproduktion auf extensive und intensive Weise auszuweiten und zu erhöhen. Andererseits werden konkurrierende Anbieter der bisher bestehenden Produktionsstrukturen in den Konkurs getrieben oder insolvent gemacht.

Die Zerstörung des Alten zeigt sich auf vielfältige Weise: sowohl im Rahmen kriegerischer Destruktion als auch im Zuge dessen, was Joseph Schumpeter auf euphemistische Weise die „schöpferische Zerstörung“ (26) nannte.

Die Zerschlagung herkömmlicher Produktionsstrukturen sei notwendig, um für die als notwendig erachteten Innovationen den Entwicklungsweg frei zu machen. Beides ist charakteristisch für die Gegenwart; siehe den Krieg in der Ukraine, siehe – im Kontext der Corona-Pandemie – die Widersprüche und Verwerfungen in der Politik, die gesellschaftlichen Konflikte und Spannungen. Siehe ferner im wirtschaftlichen Bereich sowohl die seit 2020 im Rahmen der Corona-Maßnahmen ausgelösten Insolvenzen und Inflationsprozesse als auch die – zunächst in Europa – absehbaren Auswirkungen der antirussischen Sanktionen.

Nikolai Kondratjew, Klaus Schwab und die neuen Technologien

In diesem Zusammenhang gewinnen diejenigen Entwicklungen an Bedeutung, die – verbunden mit dem Namen und der Person von Klaus Schwab – als „Die Vierte Industrielle Revolution“ (27) offeriert bzw. unter dem Buchtitel „Covid-19: Der große Umbruch“ (28) popularisiert wurden.

Auffallend sind Schwabs Empfehlungen für Veränderungen, die bereits im Zusammenhang der Kondratjew-Zyklen als Innovations-„Kandidaten ins Spiel gebracht (wurden): Biotechnologie; Nanotechnologie; Robotik bzw. künstliche Intelligenz; Kernfusionsenergie; Technologie der Ressourceneffizienz und regenerativer Energien, des Energiesparens, der Energieeffizienz; Psychosoziale Gesundheit und Kompetenz; Mobiles Internet, Cloud-Computing, Internet der Dinge“ (29).

Die meisten der von Kondratjew beziehungsweise Schwab zur Diskussion gestellten Innovationen basieren entweder auf digitaler Datenverarbeitung oder auf genetisch-biotechnologischen Neuerungen – sprich: auf Angeboten von Big Data und Big Pharma.

Im Anhang der Publikation „Vierte Industrielle Revolution“ zählt Klaus Schwab im Einzelnen unter anderem folgende „tiefgreifende Veränderungen“ auf: „implantierbare Technologien“; „digitale Präsenz“; „mobiles Internet“; das „Internet der Dinge“; das „vernetzte Heim“; „intelligente Städte“; Entscheidungen per Algorithmen; „selbstfahrende Autos“; „Künstliche Intelligenz (KI) und Entscheidungsprozesse“; „Robotik und Dienstleistungen“; 3-D-Druck; „Neurotechnologien“ (30).

Für jede einzelne der vorgeschlagenen Veränderungen nennt der Anhang des Schwab-Buches einerseits angebliche Befragungsergebnisse (31). Aus ihnen sei ersichtlich, wie hoch der Anteil der Interviewten ist, die davon ausgehen, dass der mit der jeweiligen Innovation anvisierte „Wendepunkt“ bereits im Jahre 2025 erreicht sei. Andererseits werden sowohl positive als auch negative beziehungsweise „unbekannte oder zweischneidige Effekte“ sowie praktische Anwendungsbeispiele benannt.

Beim „Internet der Dinge“ beispielsweise wird angeblich von 89 Prozent der Befragten angenommen, dass 2025 der Wendepunkt erreicht ist, an dem eine Billion Sensoren mit dem Internet verbunden sein werden:

„Bei kontinuierlich zunehmender Rechenleistung und fallenden Preisen für Hardware (…) ist es wirtschaftlich machbar, buchstäblich alles mit dem Internet zu verbinden. Intelligente Sensoren werden bereits zu sehr konkurrenzfähigen Preisen angeboten. Es wird alles intelligent und ans Internet angeschlossen, sodass auf der Grundlage zunehmender Analysekapazität mehr Kommunikation und neue datengesteuerte Dienste möglich werden.“ (32)

Zu den positiven Effekten des Internets der Dinge zählten unter anderem „effektivere Ressourcennutzung“, „steigende Produktivität“, „geringer Kosten für Dienstleistungen“, „Effizienz“, „Entstehung neuer Unternehmen“, „Entwicklung ‚digital vernetzbarer‘ Produkte“, „Erweiterung der Produkte um digitale Dienste“, „Dinge erhalten die Fähigkeit, ihre Umwelt umfassend wahrzunehmen und selbst zu reagieren und zu agieren“, „Entwicklung zusätzlicher Kenntnisse und Wertschöpfung auf der Grundlage vernetzter ‚intelligenter‘ Dinge“. (33)

Als „negative Effekte“ des Internets der Dinge gelten unter anderem „Überwachungsmöglichkeiten“, die „Sicherheitsbedrohung durch Hacker“ und „Kontrollverlust“. Hinzu kommen „unbekannte oder zweischneidige Effekte“ wie die „Automation des Wissensnetzes (z. B. Analysen, Auswertungen, Diagnosen)“ und „höhere Auslastungsquoten“. (34)

„Internet der Dinge“ und Biotechnologie

Mit dem Internet der Dinge seien enorme Auswirkungen auf die Produktions- und Arbeitswelt verbunden. In den Fabriken der Zukunft würden Informationstechnologie und Fertigungstechnik verschmelzen. Die digitale Vernetzung mache es möglich, Maschinen aufeinander abzustimmen, Zeit und Ressourcen einzusparen und individuellen Wünschen auch in geringen Stückzahlen auf wirtschaftliche Weise zu entsprechen.

Das „Internet of Things“ sei bereits heute in vielen Unternehmen und auch im alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken: Maschinen seien untereinander vernetzt und übernähmen Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren von Menschen durchgeführt wurden. Beispielsweise ließen sich Regale automatisch auffüllen oder Temperaturen in Büroräumen per App automatisch regulieren.

Internet of Things (Grafik: SRI Consulting Business Intelligence - National Intelligence Council, gemeinfei)
Internet of Things (Grafik: SRI Consulting Business Intelligence – National Intelligence Council, gemeinfei)

Die „Informatisierung“ nehme nicht nur in der Industrie konkrete Formen an. Selbst in klassischen handwerklichen Industriezweigen wie der Baubranche halte sie Einzug und schaffe neue Kommunikationsformen – sogar alltägliche Gebrauchsgegenstände seien durch Strich- oder QR-Codes mit dem Internet verbunden. Es handle sich teils um faktische, teils um zunächst noch potenzielle Werkzeuge, die zum einen geeignet seien zur Steigerung der Mehrwerterzeugung infolge der dadurch ermöglichten Intensivierung der Arbeit. Zum anderen begünstigten sie die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Auf gleiche Weise würden sich Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik auf Dienstleistungstätigkeiten auswirken.

„Muster zuordnen und Prozesse automatisieren kann KI gut. Deshalb eignet sich die Technik für viele Funktionen in großen Organisationen. Für die Zukunft ist ein Umfeld vorstellbar, in dem KI viele Aufgaben übernimmt, die heute noch von Menschen ausgeführt werden.“ (35)

Die erwarteten positiven Effekte zeigten sich vor allem beim Anstieg der relativen Mehrwertproduktion durch „Einsparungen, Effizienzsteigerung (und die) Erschließung von Innovation, Chancen für Kleinunternehmen, Startups (niedrige Einstiegsbarrieren, ‚Software als Service‘ für alles)“ (36). Ähnlich würden KI und Robotik zahlreiche Berufe in der Fertigung, der Landwirtschaft, im Einzelhandel, bei Banken und Dienstleistungen beeinflussen und nicht zuletzt auch im Rahmen des Militärisch-Industriellen Komplexes eine wesentliche Rolle spielen.

Auch die Entwicklung des Medizinisch-Industriellen Komplexes basiere auf tiefgreifenden Veränderungen digitaler und pharmakologischer Art. Klaus Schwab erwähnt unter anderem „Big Data (als Instrument) zur Förderung von Forschung und Entwicklung im Pharmabereich“ (37).

Ferner verweist er auf die Rolle visueller Hilfen (Brillen, optische Geräte, Headsets und Technik zur Blickbewegungsregistrierung) unter anderem in der Medizin und der Chirurgie. Digitale Geräte seien unter anderem geeignet bei der Überwachung der Medikamenteneinnahme. Große Erwartungen seien mit der Rolle von KI in den Bereichen „Life Sciences, Krebsforschung, altersbedingte Erkrankungen und regenerative Medizin (verbunden)“ (38).

3D-Drucker erzeugten per Bioprinting im Rahmen personalisierter Medizin menschliche Organe, die sich für Transplantationen eignen, ferner Zahnimplantate, Schrittmacher oder Stifte bei Knochenbrüchen. Weitere Forschungs- und Entwicklungsfelder seien die Bearbeitung des Designs von Genomen durch Sequenzierung und Editierung, ferner die Neurotechnologien. Zu letzterer „gehört die Überwachung der Hirntätigkeit und die Untersuchung, wie sich das Gehirn mit der Welt verändert und/oder welche Schnittstellen es gibt“ (39), welche „das Verschwimmen der Grenzen zwischen Mensch und Maschine“ (40) befürchten lassen.

Entfremdung und Vierte industrielle Revolution

Die „tiefgreifenden Veränderungen“, die Klaus Schwab mit der Vierten industriellen Revolution verbindet, sind Beispiele dafür, mit Hilfe welcher digitalen und biotechnischen Innovationen das herrschende ökonomische System sich aus der Krise der kapitalistischen Produktionsweise zu befreien versucht. Damit einhergehen weitere Umwälzungen politischer und gesellschaftlicher Art. Die Veränderungen politischer Art betreffen sowohl die Ebene der nationalen und supranationalen Regierungssysteme als auch die geopolitische Dimension. Für Sheldon S. Wolin ist ein „umgekehrter Totalitarismus“ (41) am Werk.

Bernd Hamm spricht – bezogen auf die US-amerikanische Politik – von einem „neoliberale(n) Anschlag auf Demokratie und Gerechtigkeit“ (42). Grund- und Menschenrechte würden ausgehebelt oder unterlaufen. „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“ seien Stationen „auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter“. (43) Geopolitisch würden Spannungen geschürt und Konflikte ausgetragen, bei denen Feindbilder, militärisches Eingreifen und wirtschaftliche Strafsanktionen tragende Rollen spielen. Neben den politischen Umwälzungen fänden auch massive gesellschaftliche Veränderungen statt.

Klaus Schwab: „Im Zuge der Vierten Industriellen Revolution verändert die digitale Vernetzung, die durch Software-Technologien möglich wird, unsere Gesellschaften grundlegend.“ (44)

Der tiefgreifende gesellschaftliche Umbruch betreffe nicht zuletzt die Arbeitswelt. In ihr wirkt sich die Intensivierung als Handlungsrichtung des industriellen Kapitals bei seinem Streben nach Profitmaximierung auf eine Art und Weise aus, dass sich die Entfremdung auf einer neuen Entwicklungsstufe wahrnehmen lässt.

Die Selbstentfremdung des Menschen nimmt eine bisher unbekannte Dimension an, wenn technologische Übergänge zwischen Mensch und Maschine geschaffen werden, welche die Arbeitenden nicht nur formal zu einem Glied des Maschinensystems machen, sondern sie unmittelbar und reell dem Kapital subsumieren. Der Mensch ist sich dann in doppelter Weise entfremdet: als extensiv produktiver Lohnabhängiger (oder Solo-Selbständiger) zum einen, als intensiv produktive Maschine oder Maschinenteil andererseits. Indem sich die Maschine dem Arbeiter inkorporiert, zum Beispiel durch das Einpflanzen eines Chips, wird der arbeitende Mensch zum Teil einer Maschine oder in letzter Konsequenz selbst zu derselben.

Diese Entfremdungserfahrung wiederholt sich im Verhältnis zu den anderen Menschen: zum Gegenüber und zur Gesellschaft. Das Gegenüber erscheint als verdinglichter Maschinenmensch, die Gesellschaft als vergegenständlichtes Kollektiv. Der Werktätige, sich selbst äußerlich und von den Mitmenschen entfremdet, ist ein entfremdetes Objekt und nicht das Subjekt seiner Arbeit. Er ist vom Produkt seiner Arbeit auf eine Weise entfremdet, die ihn als Produzenten überflüssig und austauschbar erscheinen lässt.

Man kann sich diese Form der Verdinglichung so vorstellen, dass es keines besonderen Motivs zur Arbeit bedarf und keiner besonderen Beziehung zum Produkt; die Tätigkeit ist außengesteuert, das Ergebnis beliebig und fremder Willkür oder fremdem Kalkül unterworfen. Damit ist zugleich die Entfremdung von der Natur vollzogen. Der Mensch erlebt Natur weder als äußere lebendige Landschaft und Umwelt noch in Gestalt der eigenen Körperlichkeit. Beide – die Natur-Natur und die Körper-Natur – werden als begrenzt und unvollkommen wahrgenommen. Die ‚wahre‘ Vollkommenheit sei die des optimierten Menschen – in der Vision des Transhumanismus (45) die vollständig kontrollierbare, kalkulierbare und prognostizierbare Person.

Der Corona-Komplex und der Transhumanismus

Die Einübung in den transhumanistischen Modus der Entfremdung hat in jüngster Zeit einen Höhepunkt erfahren im Verlauf der staatlich verordneten Corona-Maßnahmen. Der Mensch wurde als potenzieller Virenträger und Infektionsquelle durch Auflagen und Maßnahmen der Politik und des virologischen Establishments fremdbestimmt. Das Recht auf Eigenverantwortung, Selbstvorsorge und freie Entscheidung wurde den Bürgern entzogen.

Als Gesunder eine Gefahr für die Anderen galt im Umkehrschluss der Einzelne als Bedrohung der Gesellschaft. Um sich und andere nicht zu gefährden, mussten die Menschen Abstände einhalten, ihre Hände desinfizieren, sich registrieren lassen, Apps verwenden, verpflichtend Masken tragen, sich Testungen unterziehen, sich Injektionen mit unzureichend erforschten Stoffen verabreichen lassen.

Menschen in Alten- und Pflegeheimen durften nicht besucht werden, auch Sterbende nicht. Gaststätten und Restaurants waren geschlossen oder durften nur unter Auflagen betreten werden. Konformes Verhalten wurde als solidarisch gelobt. Hingegen wurden kritisches Denken und die Absicht, für die Wiederherstellung der demokratischen Rechte öffentlich zu demonstrieren, als egoistisch, gemeinschaftsschädlich und Anzeichen von Rechtsextremismus diffamiert, mit Hausdurchsuchungen geahndet und durch Berufsverbote bestraft. Es kam zu polizeilichen Ermittlungen bei Aktiven, übergriffigen und willkürlichen Festnahmen sowie zu brutalen Knüppeleinsätzen gegen Wehrlose.

Die Entfremdung von den Anderen kulminierte im gesellschaftlichen Ächtungsprozess, durch Ausgrenzung und Vorverurteilung sowie mittels sozialer Spaltung. Betroffen waren Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn, Schüler und Lehrer, Junge und Alte, Kinder und Vorerkrankte, „Geimpfte“ und Geboosterte auf der einen Seite, „Corona-Leugner“, „Impfgegner“ und „Covidioten“ auf der anderen.

Die Entfremdung von der Arbeit und vom Produkt der Arbeit vollzog sich durch die Befolgung von Quarantänevorschriften, Lockdown-Anweisungen und des Gebots von Home-Office und Home-Schooling.

Die Entfremdung von der Natur und menschlicher Geselligkeit erfolgte auf einprägsame Weise durch das Verbot des Aufenthalts im Freien, durch die Schließung von Spielplätzen und Sportstätten, durch das Verbot von Theatern, Konzerten, Ausstellungen und öffentlicher Kulturveranstaltungen, – schließlich auch von Kirchenbesuchen. Bei Bestattungen war die Zahl der Trauergäste vorgeschrieben. All dies gemäß der Ideologie des Transhumanismus, dass der Mensch als intellektuelles, physisches und psychisches Mängelwesen gilt, das erst durch den Einsatz technologischer Verfahren der „Verpflichtung zum Fortschritt“ (Max More, 46) gerecht wird.

Der englische Philosoph und Futurist Max More auf einem Kongress 2006 in Stanford. (Foto: null0, Lizenz CC-BY-SA-2.0)
Der englische Philosoph und Futurist Max More auf einem Kongress 2006 in Stanford. (Foto: null0, Lizenz CC-BY-SA-2.0)

Auf vergleichbare Weise wurde die Bevölkerung in zwei Jahren Covid-19-Panik auf ständig lauernde Ansteckungs- und Erkrankungsgefahren eingestimmt und auf die Notwendigkeit verwiesen beziehungsweise dazu verpflichtet, staatliche Anweisungen zu befolgen und sich einem in seinen Neben- und Langzeitwirkungen unbekannten gentechnologischen Verfahren anzuvertrauen.

Eine Fortsetzung findet die „Mobilisierung der Angst“ (47) und die Gewöhnung an transhumane Einstellungen seit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine. In den aus westlicher Sicht propagierten Feindszenarien vom „Schlächter Putin“ und „den Russen“ manifestiert sich ein rassistisches Menschenbild aus Selbstgerechtigkeit, Hass und Verachtung. Während die ‚eigene‘ Seite, selbst in ihren offen faschistischen Auswüchsen, den Beifall der Medien und politische Unterstützung erfährt – letztere auch mit der Bereitstellung von schwerem Kriegsgerät und Vernichtungswaffen –, werden ‚die Anderen‘ als bloße Objekte entmenschlicht und zur Ächtung freigegeben. Die angstbesetzte transhumane Eugenik-Ideologie (48) findet viele Anhänger, die sich im Glauben des Fortschritts und der Aufklärung wähnen.

Die Vierte industrielle Revolution als Weg in den totalitären Transhumanismus

Es ist eine logische Konsequenz, dass der Autor der Schrift „Vierte Industrielle Revolution“ das Auftreten von Covid-19 und die Pandemie zum Anlass genommen hat, sich erneut zu Wort zu melden und zusammen mit Thierry Malleret, dem Gründer des Global Risk Network beim Weltwirtschaftsforum, publizistisch den „Great Reset“ (49) auszurufen.

Die durch das Corona-Virus medial und von den Regierungen ausgelöste Panik unterstreicht die von Schwab zuvor schon mit Nachdruck erhobenen Forderungen nach tiefgreifenden Veränderungen zur Entwicklung der Produktivkräfte im Interesse der Mehrwertsteigerung (was er so nicht formuliert).

Covid-19 habe „die Bruchlinien vergrößert, die unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften bereits seit Langem belasten. Zunehmende soziale Ungleichheiten, ein weitverbreitetes Gefühl der Ungerechtigkeit, sich vertiefende geopolitische Gräben, politische Polarisierung, wachsende Haushaltsdefizite und eine hohe Verschuldung, eine ineffektive oder nicht vorhandene globale Ordnungspolitik, exzessiver Finanzmarkt-Kapitalismus, Umweltzerstörung: Das sind nur einige (sic!) der größten Herausforderungen, die bereits vor der Pandemie bestanden. Die Coronakrise hat sie alle noch verschärft.“ (50)

Die im „Great Reset“ verwendete Argumentationsfigur von Schwab/Malleret übernimmt einerseits ‚linke‘ Begründungsmuster, wenn die Autoren beispielsweise orakeln: „Weltweit nehmen Bewegungen zu, die eine bessere Zukunft und einen Wechsel hin zu einem Wirtschaftssystem fordern, das unserem kollektiven Wohlergehen Vorrang vor bloßem BIP-Wachstum einräumt.“ (51) Damit lenken die ab von den objektiven politisch-ökonomischen Ursachen der aufgelisteten „Bruchlinien“. Diese scheinen naturgegeben zu sein und „menschengemacht“. In Wahrheit lassen sie sich ursächlich zurückzuführen auf die Folgen der Überproduktion und die Stagnation beziehungsweise den Fall der Profitraten.

Der „Great Reset“ und die „Vierte Industrielle Revolution“ sollen nach den Vorstellungen von Klaus Schwab eine Abhilfe schaffen und einen Ausweg aus der krisenhaften Situation aufzeigen. In Wahrheit laufen die meisten der vorgeschlagenen digitalen und biotechnologischen Innovationen darauf hinaus, im „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (52) und angesichts des „wachsende(n) Einfluss(es) der Pharmaindustrie (53) und der Großstiftungen (54) auf das Gesundheitswesen“ (Karl Heinz Roth, 55) einen Ausweg aus der Krise zu finden durch die Vorbereitung auf ein höheres, nach wie vor aber profitorientiertes Niveau der kapitalistischen Produktion. Daraus ergeben sich Formen der Entfremdung, die im Transhumanismus ideologisch überhöht werden und einer neuen Art faschistischer Regime den Weg bereiten.

Schwab, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Weltwirtschaftsforums, ist angetreten, anerkannt zu werden als Zukunftsprophet, der dem kapitalistischen System, das er so nicht beim Namen nennt, in Anbetracht der tatsächlich „besorgniserregende(n) Perspektiven“ (56) einen Ausweg aus der Krise aufzeigt.

Dieser scheinbare Ausweg, für den er unermüdlich wirbt, mündet in eine neue Art der Entfremdung. Schwab täuscht darüber hinweg, dass seine Zukunftsvision das Konzept des Totalitären Transhumanismus bedient. Er will den Teufel mit Beelzebub austreiben, dem niedergehenden Kapitalismus zu einer neuen Entwicklungsstufe verhelfen, indem er mahnt und zugleich lockt: „Wir stehen jetzt an einem Scheideweg. Ein Weg wird uns in eine bessere Welt führen: integrativer, gerechter und respektvoller gegenüber Mutter Natur. Der andere wird uns in eine Welt führen, die der gleicht, die wir gerade hinter uns gelassen haben – nur schlimmer und ständig von bösen Überraschungen bedroht.“ (57)

Fazit

Das raunende Orakel von Davos verspricht uns – wohlgemerkt: der gesamten Menschheit! – den „Weg … in eine bessere Welt“. Diese werde „integrativer“ sein; sprich: die Menschen werden noch mehr und unausweichlich in die transhumane Entfremdungshölle verdammt und versklavt sein. Diese Welt werde „gerechter“ sein? Die Last der Subsumtion unter das Kapital wird auf alle davon Betroffenen in „gerechter“ Weise gleichmäßig verteilt werden; die große Mehrheit wird besitzlos sein, mit Plastikgeld alimentiert, die Kluft zwischen Arm und Reich wird unüberwindbar. „Respektvoller gegenüber Mutter Natur“ soll es zugehen; daraus folgen etwa: Verbote von Waldspaziergängen, Artenvielfalt in künstlichen Reservaten, Impfzwang zum Zeichen der Ehrfurcht vor der Natur, Tiere und Menschen gechipt, Pflanzen genmanipuliert und hybrid, vollvernetzte „smart cities“ statt Wohnungen.

Und im Übrigen: Ein Scheideweg ist dann kein Scheideweg, falls dessen andere Abzweigung „in eine Welt führen (wird), die der gleicht, die wir gerade hinter uns gelassen haben – nur schlimmer und ständig von bösen Überraschungen bedroht“? Sowohl der eine als auch der andere Weg der Herren Schwab und Malleret sind Irrwege. Keiner der beiden Wege ist der rebellische, revolutionäre Weg eines Karl Marx.


Marx und der totalitäre Transhumanismus (Teil 1): Die Entfremdung

Marx hat in seinen Frühschriften einen Begriff verwendet, der bei der Untersuchung der gegenwärtigen politisch-ökonomischen Verhältnisse erkenntnisleitend sein kann: den Begriff der Entfremdung. Bezogen auf Programme wie den „Great Reset“, die „Vierte industrielle Revolution“ und den „Transhumanismus“ – Topoi, die unter anderem vom World Economic Forum (WEF) unter dem Vorsitz von Klaus Schwab in die Diskussion eingebracht wurden – besitzt das Theorem der Entfremdung ein analytisch zu nutzendes Erklärungspotenzial. (…)


Quellen und Anmerkungen

(26) Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Tübingen 2020, 10. vervollständigte deutschsprachige Auflage mit einer Einführung von Heinz D. Kurz: 103–109.

(27) Schwab, Klaus: Die Vierte Industrielle Revolution. München 2016, 5. Auflage.

(28) Schwab, Klaus / Thierry Malleret: Covid-19: Der große Umbruch. Cologny/Genf 2020.

(29) Kondratjew-Zyklus. Auf https://de.wikipedia.org/wiki/Kondratjew-Zyklus (abgerufen am 21.4.2022).

(30) Schwab, Klaus: Die Vierte Industrielle Revolution. München 2016, 5. Auflage: 171-228.

(31) Über die vorausgegangenen Interviews, das Befragungsdesign, die Interviewten, ihre Zahl und Sozialdaten, gibt Schwab keine Einzelheiten preis.

(32) Schwab, Klaus: Die Vierte Industrielle Revolution. München 2016, 5. Auflage: 190.

(33) A. a. O.: 191

(34) A. a. O.: 192

(35) A. a. O.: 205

(36) Ebd.

(37) A. a O.: 208

(38) A. a. O.: 204

(39) A. a. O.: 226

(40) A. a. O.: 227

(41) Wolin, Sheldon S.: Umgekehrter Totalitarismus. Faktische Machtverhältnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie. Frankfurt/Main 2022.

(42) Hamm, Bernd (Hrsg.): Gesellschaft zerstören – Der neoliberale Anschlag auf Demokratie und Gerechtigkeit. Ein Reader kritischer Stimmen zur US-amerikanischen Politik. Berlin 2004.

(43) Mies, Ullrich / Jens Wernicke (Hrsg.): Fassadendemokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter. Wien 2018, 6. Auflage.

(44) Schwab, Klaus: Die Vierte Industrielle Revolution. München 2016, 5. Auflage: 171.

(45) Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung. Hamburg 2018: 79.

(46) More, Max: Transhumanism – Towards a Futurist Philosophy. Verfügbar im Internetarchiv auf https://web.archive.org/web/20110216221306/http://www.maxmore.com/transhum.htm (abgerufen am 22.4.2022).

(47) van der Pijl, Kees: Die belagerte Welt. Corona: Die Mobilisierung der Angst – und wie wir uns daraus befreien können. Ratzert 2021.

(48) Vgl. „Do transhumanists advocate eugenics?“ World Transhumanist Association. 2002–2005. Verfügbar im Internetarchiv auf https://web.archive.org/web/20060909005028/http://www.transhumanism.org/index.php/WTA/faq21/66/ (abgerufen am 22.4.2022).

(49) Schwab, Klaus / Thierry Malleret: Covid-19: Der große Umbruch. Cologny/Genf 2020.

(50) A. a. O.: 291

(51) A. a. O.: 300

(52) Zuboff, Shoshana: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/New York 2018.

(53) Gøtzsche, Peter C.: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. München 2015, 3. Auflage.

(54) Röper, Thomas: Inside Corona. Die Pandemie, das Netzwerk & die Hintermänner. Die wahren Ziele hinter Covid-19. Gelnhausen-Hailer 2022.

(55) Roth, Karl Heinz: Blinde Passagiere – die Corona-Krise und die Folgen. München 2022.

(56) Schwab, Klaus / Thierry Malleret: Covid-19: Der große Umbruch. Cologny/Genf 2020: 296.

(57) A. a. O: 300


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Marx und der totalitäre Transhumanismus“ wurde erstmals auf Die Aktion 4.0 veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Entfremder – Künstliche Intelligenz, Bio- und Nanotechnologie aus dem Blickwinkel von Karl Marx. Teil 2: Zyklen, Daten, Transhumanum“ erschien der zweite Teil. Neue Debatte veröffentlicht den Beitrag in Rücksprache mit dem Autor in einer leicht überarbeiteten Form der ursprünglichen Fassung.


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Politikwissenschaftler, Sozialforscher, Lyriker und Philosoph bei rudolph-bauer.de | Webseite

Dr. Rudolph Bauer, geboren in Amberg/Oberpfalz, studierte in München, Erlangen, Frankfurt/M. und Konstanz unter anderem Politische Wissenschaft, Soziologie und Philosophie. Er war tätig als freiberuflicher Sozialforscher und anschließend Forschungsassistent und Vertetungsprofessor an der Universität Gießen. Von 1972 bis 2002 war er Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienstleistungen an der Universität Bremen. Arbeitsaufenthalte führten Rudolph Bauer als Lektor an das Fremdspracheninstitut in Beijing (China) sowie als Fellow ans Institute for Policy Studies der Johns Hopkins University in Baltimore (USA). Er ist Autor und Herausgeber wissenschaftlicher Veröffentlichungen, Verfasser politischer Lyrik und Bildmontagen.

2 Gedanken zu “Marx und der totalitäre Transhumanismus (Teil 2): Kondratjew, Schwab und die Vierte industrielle Revolution”

  1. „Angenehme“ Zusammenfassung, soweit und Danke!
    Tja.. ich finde es ist doch erstaunlich „billig“ was der Schwab (+ Crew) da tut – typisch Marketing. Es geht einfach darum die Sache „kaufmännisch“ anzugehen = rote kontra schwarze Zahlen. Punkt !
    Wenn da jetzt wer mit unquantifizierbaren Sinn-Gedöns käme, gegen die hübschen math.Modelle/Algo’s antreten wollen würde.. ;*) ..andere Welten.

    P.S (für’s Publikum – Sheldon S.Wolin): http://www.RadioMuenchen.net – Herrschaft durch freiwillige Unterwerfung, bzw.?:
    https://soundcloud.com/radiomuenchen/herrschaft-durch-freiwillige-unterwerfung-der-umgekehrte-totalitarismus

  2. „Angenehme“ Zusammenfassung – Danke dafür! Und sollte hier eigentlich wesnetlich prominenter sichtbar sein. Habe es nur über zufällige Umwege entdeckt (Suche nach S. Wolin – Umgekehrter Totalirismus. Wegen eines akt.Beitrags von radiomuenchen.net – dort übrigens als Audio-Datei verlinkt).

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