Schwimmübungen auf dem Balkon

In letzter Zeit entdecke ich mich häufiger dabei, die Aufzeichnungen vergangener Jahre vom Ballast hingekritzelter „Erkenntnisse“ zu säubern, die ich einer Droge, dem Schmerz einer verlustreichen Liebe oder einfach der Anmaßung meiner Jugend zu verdanken hatte. Einige Metaphern widersetzen sich allerdings meinem Zugriff und so schleppe ich sie durch alle kritischen Instanzen, obwohl sie mir nicht schlüssig erklären, was sie meinen.

„Erregungen – Fangnetze der Sterblichkeit“ ist so ein ungeschliffenes Juwel. Ebenso die an ein Verkehrsschild erinnernde Mahnung „Risikofaktor Begierde!“.

Manchmal sind die Texte auch in hauchdünne Kitsch-Glasuren gegossen wie dieser beispielsweise: „Diese schattigen Trosttäler mit ihren kühlen Winden, die warm werden, wenn sie uns endlich einfrieren …“ Es ist schön zu beobachten, wie unser Verständnis von der Welt in Worte hineinblüht und dort wieder verblüht. Etwas hat auf fantastische Weise Geduld mit uns.

Das Wetter ist so intensiv heute, die Farben so klar, die Luft so schmeichelhaft, dass es mir auf dem Balkon vorkommt, als tauche ich problemlos durch ein weites Meer. Ich ertappe mich dabei, dass ich bei der Betrachtung der unendlich blauen Weite anfange, Schwimmbewegungen zu machen, während die Spitzen der Bäume sich unter mir algengleich in der Strömung wiegen – ganz im Gegensatz zu den Häusern, die wie angefressene Schiffswracks statisch und halb versandet auf Grund liegen.

Mir wird schwindlig. Bevor mich die Fallsucht erwischt, stoße ich mich vom Geländer und stolpere zurück in die Wohnung. Geschafft. Machen wir also weiter mit den Aufräumarbeiten.

Wir? Ja, natürlich wir. Fleck und der Andere, der schon gar keinen Namen mehr hat, der am liebsten alles auf null drehen möchte, der keinerlei Vorstellungen von sich und der Welt duldet, der sich total raushalten will aus Freud und Leid – der sich lediglich als Resonanzboden der ihn umgebenden Ereignisse begreift und keinesfalls mehr als moralische Instanz.

Pech nur, dass auch dieser Andere im Alltag verwurzelt ist. Er muss einkaufen, er muss zum Zahnarzt, Behörden- und Inkassobriefe müssen beantwortet und Besuche abgewiesen werden. Heute muss er zum Beispiel ein Bahnticket in die Schweiz kaufen, weil er eingeladen wurde, dort über den Tod zu diskutieren – gegen Honorar, das er sehr gut gebrauchen kann.

„Mir wird, ich gestehe es gern,“ notierte Goethe einmal, „jeder Zeitverlust immer bedenklicher und ich gehe mit wunderlichen Projecten um, wenigstens noch einige Monate dieses Jahres für die Poesie zu retten, woraus denn aber wohl schwerlich was werden könnte. Verhältnisse nach außen machen unsere Existenz und rauben sie zugleich und doch muß man sehen wie man so durchkommt, denn sich, wie Wieland gethan hat, gänzlich zu isolieren ist auch nicht rathsam.“ (1)

Der von mir sehr verehrte Albert Camus („Die Pest„; 2), den ich schon mit achtzehn Jahren penetrant zitierte, als sechs hinter einem Pult versammelte Alt-Nazis von mir wissen wollten, warum ich den Russen nicht erschießen will, der meine Frau vergewaltigt hat und dem ich letztlich bei dieser „Gewissensprüfung“ die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu verdanken habe, steht mir noch heute als Bruder im Geiste zur Seite. Durch einen Text wie diesem zum Beispiel:

„Irgendwann bin ich angesichts all des Leides in der Welt, das mir im Laufe der Jahre begegnete, zusammengebrochen. Ich litt, war verzweifelt und wollte sterben. Bis ich begriff, dass wir nur überleben können, wenn wir uns aus der Sklaverei der Gegebenheiten befreien, und beginnen, endlich aus unserer lähmenden Zuschauerlethargie auszubrechen, selbst aktiv und zu Schöpfern werden, die das Paradies, das wir durch unsere krankhaften Konsumgewohnheiten zerstört haben, durch Regeneration wieder neu erschaffen können, und damit die Welt, in der wir leben und unsere eigene Seele wieder heilen.“

Genau das habe ich gerade vorübergehend verhindert. Entgegen aller Vorsätze klickte ich mich gedankenlos und gelangweilt ins Angebot von YouTube. Prompt bekam ich eine verpasst.

Ein Video aus dem nächtlichen Schanghai ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Fenster in der Hochhauswüste waren hell erleuchtet: Hunderte, Tausende. Menschen standen dort im Gegenlicht, Schatten, die sich die Seele aus dem Leib brüllten. Ihr gebündeltes und im Häuserlabyrinth hin und her geworfenes Geschrei war kaum zu ertragen. Was war der Grund dieses Aufstandes? Der strenge wochenlange Lockdown war der Grund, der die Menschen wie Vieh in die Stallungen ihrer Wohnungen verbannte.

Ich versuche YouTube zu verlassen, gerate aber aus Versehen noch in eine Talkshow, in der ein New Yorker Police officer den Frauen rät, bei Vergewaltigung nie um Hilfe zu rufen. „Sie sollen Feuer schreien“, sagt er, „dann kommen sie gerannt“.

Ich muss mich schütteln.

Zurück auf den Balkon. Auf diesen Tag habe ich schließlich lange warten müssen. Ich war nicht sicher, ob das beschädigte Klima ihn noch einmal hergibt. Am liebsten würde ich ihn in die Tasche stecken und auf Weltreise gehen. Ein Hamburger auf Reisen; mit einem 22 Grad warmen Tag im Gepäck. Windumschmeichelt und aus purem Licht. Alle Farben im Urgrund getroffen. Leuchtend vor der weiten schwarzen Kulisse des Universums postiert. Ein Hamburger auf Reisen. Fegt mit seinem Tag über verseuchte Sümpfe und Wüsten. Aber denk daran, Dirk Fleck: Es ist nur ein Tag. Immerhin: An einem solchen Tag blüht das Gekreische auf den Schulhöfen zu Jubelarien auf, die als akustische Pilze in den Städten wachsen. An einem solchen Tag sollten wir uns verschwören: zu Feinden der Angst.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Schwimmübungen auf dem Balkon“ von Dirk C. Fleck wurde auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte ebenfalls zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Links sowie Anmerkungen ergänzt.


Quellen und Anmerkungen

(1) Johann Wolfgang von Goethe: Zitiert aus einem Brief an Schiller vom 19. Juni 1799. Aus: Gesammelte Briefe Goethes (3.578 Briefe in einem Band): (An Schiller, An Charlotte Stein, An Johanna Fahlmer & An seiner Frau). Herausgeber: Musaicum Books (2017).

(2) Albert Camus (1913 bis 1960) war Schriftsteller, Philosoph und Religionskritiker. Er gilt als einer der bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Camus wandte sich in seinen Schriften gegen alle autoritären Staatsformen und war ebenfalls kein Befürworter einer parlamentarischen Demokratie. Er vertrat Positionen des Anarchosyndikalismus, bei dem beispielsweise die Produktionsmittel in den Händen der Gewerkschaften liegen. Für sein publizistisches Gesamtwerk erhielt Camus 1957 den Nobelpreis für Literatur.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Jonny Gios (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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