Limonow – Sehr nah an der nackten Wahrheit

Ich habe mir übrigens nicht die Frage gestellt, ob es sich bei dem Buch um einen Roman, eine Erzählung oder um eine historische Betrachtung handelt. Eher aus Zufall bin ich auf Autor wie Buch gestoßen und ich war von der ersten Seite an gebannt. Für mich ist es ein realistischer Thriller.

Der französische Autor Emmanuel Carrère hat bereits im Jahr 2012 seine „Hommage“ an den übrigens 2020 verstorbenen russischen Dissidenten, Schriftsteller, Desperado und Politiker Eduard Limonow veröffentlicht.

Bei ihm handelt es sich um eine aus allen Perspektiven zu betrachtende schillernde Persönlichkeit, die zeit ihres Lebens aufseiten der Rebellion stand und sich dabei auf die irrsinnigsten Koalitionen einließ.

Emmanuel Carrère, Limonow (Quelle: Gerhard Mersmann/YouTube)

Außer, dass sich das im Feuilleton befindliche Lesepublikum mit einem gewissen Kitzel mit literarischen Figuren befasst, denen es im richtigen Leben geflissentlich aus dem Wege ginge, hat diese Figur keinen fiktionalen Hintergrund, denn sie hat tatsächlich gelebt und im Osten wie im Westen eine Rolle gespielt.

Und angesichts der aktuellen Entwicklungen im Verhältnis von Russland und dem Westen bringt die vorliegende reflektierte Biografie des Eduard Limonow eine Reihe von Erkenntnissen über die letzten Jahrzehnte russischer Befindlichkeit.

Und trotzdem: Das Leben des Russen Limonow, der im ukrainischen Charkow aufwuchs, den es als Rebellen nach Moskau trieb, der sieben Jahre später als Dissident das Land verlassen musste, der in New York strandete, um dort das russische Exil aufzumischen, sich als Literat einen Namen machte, als Stricher in den Parks lag und als Butler eines Millionärs arbeitete, den es dann nach Paris trieb, wo er als Kultfigur im literarischen Underground galt, bis ihm diese Existenz zu langweilig wurde, der plötzlich im Balkankrieg aufseiten der Serben stand, der nach Russland zurückging und die dortige Anarchie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte und sich schließlich als Politiker der Nationalbolschewisten einen Namen machte und schließlich in Gefängnissen und Arbeitslagern wiederfand, ist mehr als eine atemberaubende Revue.

Eduard Limonov 2018. (Foto: Dmitry Rozhkov, CC BY-SA 4.0)
Eduard Limonov 2018. (Foto: Dmitry Rozhkov, CC BY-SA 4.0)

Es handelt sich auch um ein Geschichtsbuch über die Sowjetunion und das heutige Russland. Apparatschiks, Geheimdienste und Oligarchen führen dabei Regie, Figuren, die gescheitert sind wie Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, Theoretiker wie Alexander Dugin, Charaktere wie Michail Chodorkowski (1) und vor allem Wladimir Putin spielen eine Rolle.

Deren Schilderungen alleine wären die Lektüre wert, denn sie werden mit großer Beobachtungsgabe charakterisiert und erhalten in ihrem historischen Kontext die Erklärungsmuster, die ein Verständnis der heutigen russischen Verhältnisse verdienen. Vieles wird plausibel, was zumindest mir vorher absurd erschien, aber wenn der Nationalbolschewist Limonow Putin einen Faschisten nennt, dann wird das vor dem von Carrère ausgebreiteten Panorama sogar verständlich.

Ohne in den in diesen Tagen so inflationär gebrauchten Superlativ verfallen zu wollen, er lässt sich bei dem vorliegenden Buch von Emmanuel Carrère nicht verhindern. Es ist das beste Buch, das mir in den letzten Jahren in die Finger gekommen ist. Ein Thriller, der den grausamen Realitäten entspricht, in denen die Russen leben, ein Handbuch zum Verständnis von scheinbar undurchsichtigen Zusammenhängen, ohne Glorifizierung, ohne kulturelle Arroganz. Sehr, sehr nah an der nackten Wahrheit. Zumindest im politischen Sinne.


Informationen zum Buch

Limonow

Autor: Emmanuel Carrère

Genre: Romanbiografie

Sprache: Deutsch

Seiten: 416

Erscheinung: 2014

Verlag: btb (Originalverlag: Matthes & Seitz)

ISBN: 978-3-442-74718-4


Über den Autor: Emmanuel Carrère (Jahrgang 1957) ist Drehbuchautor, Filmproduzent und Schriftsteller. „Limonow“ ist der deutsche Titel seiner Romanbiografie über den russischen Schriftsteller und Politiker Eduard Limonow. Die französische Originalausgabe erschien 2011 bei Éditions P.O.L., die deutsche Ausgabe, übersetzt von Claudia Hamm, wurde 2012 bei Matthes & Seitz Berlin veröffentlicht. Emmanuel Carrère wurde vielfach ausgezeichnet. Für „Limonov“ erhielt er den Prix Renaudot und den Prix de la langue française. Carrère lebt in Paris.

Emmanuel Carrère 2012. (Foto: Dmitry Rozhkov, CC BY-SA 3.0)
Emmanuel Carrère 2012. (Foto: Dmitry Rozhkov, CC BY-SA 3.0)

Quellen und Anmerkungen

(1) Michail Borissowitsch Chodorkowski (Jahrgang 1963) ist ein russischer Unternehmer, früherer Oligarch und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des heute insolventen Ölkonzerns Yukos. Von Oktober 2003 bis zum 20. Dezember 2013 befand er sich aufgrund einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung und Betrug in Haft. Kurz vor Weihnachten 2013 wurde Chodorkowski nach seinem Gnadengesuch überraschend begnadigt und freigelassen. Er ging nach England und lebt in London. Seit Ende 2015 fahndet die russische Justiz nach ihm wegen Mordes am ehemaligen Bürgermeister der westsibirischen Stadt Neftejugansk im Jahr 1998.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Fotos und Video: Dev (Unsplash.com), Dmitry Rozhkov (Aufnahme von Eduard Limonov; Eigenes Werk; CC BY-SA 4.0; auf https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66427936 sowie Aufnahme von Emmanuel Carrère; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22946273) und Gerhard Mersmann.

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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