Es gibt nichts zu tun. Ich pack es an.

Ich befinde mich seit ungefähr zwei Jahren in einem spielerischen Gedankenaustausch mit einer Freundin aus Dresden. Wir sind uns persönlich noch nie begegnet, aber unser Dialog im Facebook-Messenger bestätigt mir täglich, dass wir Seelenverwandte sind.

Jeden Abend, quasi zur guten Nacht, schenkt mir meine Freundin ein Musikstück, das sie mit sicherer Hand aus dem Millionenangebot von YouTube gefischt hat. Alle diese Titel überraschen und berühren mich. Vor ein paar Tagen erhielt ich „In A Manner Of Speaking“ von der Gruppe Nouvelle Vague (1). Dort heißt es:

I just want to say

That I could never forget the way

You told me everything

By saying nothing (…)

Oh, give me the words

Give me the words

That tell me nothing

Oh, give me the words

Give me the words

That tell me everything

— Nouvelle Vague

Mir fiel dabei ein Zitat von Hermann Hesse ein, aus Siddhartha (2) glaube ich:

„Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, das einverstanden ist mit dem Fluss des Geschehens, mit dem Strom des Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der Einheit zugehörig.“

In Gegenwart meiner unbekannten und doch so nahen Freundin scheine ich in ein anderes Licht zu treten. Es ist schön, mit ihr ein Stück des Wegs zu gehen. Im Moment lernen wir beredt zu schweigen. Auch schön. Ich muss lachen. Ja, sie bringt mich zum Lachen. Einfach, weil sie da ist, weil ich sozusagen in ihrem Äther schwimme. Der Gemütszustand, in den sie mich gelegentlich versetzt, ähnelt doch sehr dem, den der französische Dichter des Dada, Jacques Rigaud (3) so beschrieb:

„Es gibt nichts zu tun. Sie können auf mich zählen. Ich pack es an.“

Inzwischen ist mir nämlich jeder Lobgesang auf die Faulheit sympathisch. Besonders an einem Tag wie heute. Das Wetter ist schön, die Bäume schlagen aus und Information von außen kommen mir nicht ins Haus. Da stellt sich Frieden ein. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, obwohl Optimismus in diesen Zeiten schon fast etwas Verräterisches hat. Er weist auf Menschen hin, die sich im Sumpf der Dummheit zu behaupten wissen und unbeirrt ihren Weg gehen – trotz allen Kriegsgeschreis, trotz aller Gehirnwäsche und trotz allen Drucks, den die jämmerlichen Figuren, denen in diesem verbrecherischen System Macht verliehen wurde, auf uns Querdenker (ein Begriff, den Albert Einstein gerne benutzte) auszuüben versuchen.

Gerade erhalte ich eine E-Mail von einer guten Freundin aus Besigheim, der ich gestern einen Text zur Begutachtung geschickt hatte. Sie schreibt:

„Wenn du mal wieder einen Text schreibst, an wen auch immer, sollen folgende Wörter enthalten sein: Haus, Pfütze, Fahrradspeiche, Kindermütze, Lächeln, Nagellack, Tier, Wort, Erde, Kreide, Beatles, Sehnsucht, Pferd, Leiter, Sonne, Tennis, ewig, berauben, quietschen, Konsequenz, Wahrheit, Erdbeere, digital, Null, Lakritz. – Das reicht fürs Erste. Mach was draus!!“

Klingt reizvoll. Es gibt doch noch etwas zu tun, Jacques! Mal sehen …

„Die Kinder riefen ihn Schelmi und er hatte nichts dagegen einzuwenden. Sobald er sein Haus verließ, zauberten ihm die Knirpse in seiner Straße ein Lächeln ins Gesicht. An Regentagen fühlte er sich den Kleinen besonders verbunden, dann sprang er mit ihnen in die große Pfütze, die sich regelmäßig vor der Litfaßsäule bildete, auf der die bunten Plakate seine Sehnsucht weckten. Nach einer Sonne, so rot wie eine Erdbeere. Er zeichnete sie mit Kreide auf den Gehweg. Ein kleines Mädchen malte ein Pferd dazu, eines mit Flügeln. Und ihr Bruder fügte eine bunte Leiter hinzu. Auf diese Weise käme man am schnellsten zu den Sternen, meinten die beiden, entweder mit dem Pferd (sie nannten es Caliban) oder eben über die Leiter.

Schelmi schob ihnen die Kindermützen zurecht und verzichtete darauf, den Geschwistern das Unmögliche ihres Unterfangens zu erläutern. Die Wahrheit kann schmerzlich sein. In letzter Konsequenz ist sie eher schädlich, weil sie Träume in der Regel platzen lässt. Träume, die wir nötiger haben als Nagellack und all den anderen Scheiß. Die Beatles hingegen, davon war Schelmi überzeugt, haben wir nötig und so sang er mit den Kindern jeden Tag das Lied vom Yellow Submarine, bevor sie das letzte Wort hatten und sich ins Bett begaben. Danach blieb er alleine auf der Straße zurück, hörte Reifen quietschen und sah zu, wie sich die Erwachsenen digital mit überflüssigen Informationen versorgten, wobei ihre Kommunikation gegen Null tendierte.

Er reparierte eine kaputte Fahrradspeiche, was längst überfällig war und überlegte, ob er zum Sportplatz düsen sollte, um mit seinem Schulfreund Helmi noch eine Partie Tennis zu spielen. Aber um diese Zeit waren die Plätze meist besetzt und es würde ewig dauern, bis einer von ihnen frei war. Er wäre jetzt gerne ein Tier, eines, das die Menschen fürchteten. Dann würden sie vor ihm fliehen, wo immer er auftauchte. Er würde ganz einfach in die Läden marschieren und sie berauben, war ja keiner da. Luftballons würde er stehlen und Kaugummi und Lakritz. Alles für die Kinder, mit denen er morgen wieder zusammen lachen und spielen wird, was die Erde zu einem wunderbaren Ort macht, wie ihn sich die meisten Menschen gar nicht vorzustellen vermögen.“

Fertig. Zehn Minuten hat es gedauert. Es lassen sich mit denselben vorgegebenen Vokabeln Hunderte verschiedener Geschichten erzählen. Probiert es doch auch einmal. Bringt Spaß! Da kommt mir ein wunderbarer Gedanke: Der beste Weg zur Heilung der Gesellschaft ist, wenn wir auf die Schönheit unseres eigenen Ichs zugehen. Schließlich haben wir nur uns, aber das ist ja mehr als genug.


Quellen und Anmerkungen

(1) Nouvelle Vague ist eine französische Band, die 2003 als Musikprojekt mit wechselnder Besetzung geplant und gegründet wurde. Nouvelle Vague covert überwiegend Musikklassiker der 1980er-Jahre und spielt sie im Bossa-Nova-, Easy-Listening-, Pop- oder auch Singer-Songwriter-Stil neu ein. Die erste CD der Band erschien 2004. Der Song „In A Manner Of Speaking“ wurde als Musik im US-amerikanischen Science-Fiction-Thriller „In Time“ (2011) verwendet.

(2) „Siddhartha. Eine indische Dichtung“ ist eine Erzählung des Dichters und Schriftstellers Hermann Hesse (1877 bis 1962). Er verfasste das Werk, das als Buch erstmals im Herbst 1922 erschien, zwischen Dezember 1919 und Mai 1922.

(3) Jacques Rigaut (1898 bis 1929) war ein surrealistischer Dichter. Er wurde in Paris geboren und gehörte der dadaistischen Bewegung an. In seinen Werken ging es häufig um den Selbstmord, den er nicht nur thematisierte, sondern in Artikeln und Essays verherrlichte. Dessen erfolgreiche Vollendung betrachtete Rigaut, der ein exzessives Dasein führte, als Lebensinhalt. Im Alter von 30 Jahren erschoss er sich, wie er es angekündigt hatte.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Es gibt nichts zu tun. Ich pack es an.“ von Dirk C. Fleck wurde auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Phillip N (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Ein Gedanke zu “Es gibt nichts zu tun. Ich pack es an.”

  1. Das Essay „Es gibt nichts zu tun. Ich pack es an“ von Dirk C. Fleck in der „Neuen Debatte“, lässt mich wie schon oft nachdenken:

    „Man lebt nur einmal“ und „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“, sagte einmal der ehemalige Sklave und später freigelassene Römer Terenz. Dem Komödiendichter war demnach das Menschliche wesentlich und nicht das Nichtmenschliche.

    Und Hermann Hesse hat über den Zauber des Anfangs und der Frage, wohin die Menschheit wohl gehen wird in seinem Buch „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ nachgedacht:

    „Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt …“ stellt Hermann Hesse in den ersten drei Sätzen seines Buchs über die Bedeutung und Bestimmung eines jeden von uns allen fest.

    Gutes und Schlechtes erkennen oder übersehen, nutzen oder vermeiden und wollen oder nicht wollen kann nur der Mensch, da er sich in der Wirklichkeit wahrnehmen und an immer mehr Wahrheiten heran denken kann.

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