Velasco – Gaby Weber im Gespräch mit Héctor Béjar

Héctor Béjar war Guerillakämpfer, Politiker und 19 Tage Außenminister von Peru. Heute ist er ein wichtiger Zeitzeuge der lateinamerikanischen und vor allem peruanischen Revolutionsgeschichte.

„Wenn wir eine menschlichere Gesellschaft wollen, müssen wir den Reichtum gerechter verteilen.“ – Héctor Béjar (früherer Guerillakämpfer und Ex-Außenminister Perus)

Béjar, Jahrgang 1935, studierte in Lima Rechtswissenschaften, schloss sich 1953 der illegalen Peruanischen Kommunistischen Partei an und beschäftigte sich mit Theorien des Sozialismus und den Ideen des marxistischen Politikers José Carlos Mariátegui (1).

Von Kuba bis zum Guerillakampf

Mehrfach wurde Béjar verhaftet, zum Beispiel 1958, als er sich an den Protesten gegen den Besuch des damaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon (2) beteiligte. Anfang der 1960er-Jahre ging er nach Kuba und traf eine Symbolfigur der siegreichen Kubanischen Revolution: Ernesto „Che“ Guevara (3).


Velasco – Gaby Weber im Gespräch mit Héctor Béjar (Quelle: Gaby Weber/YouTube)

Béjar absolvierte in Kuba eine militärische Ausbildung, wurde Guerillakämpfer und kehrte nach Peru zurück. Dort gründete 1962 das „Nationale Befreiungsheer“, dem auch der Schriftsteller und Dichter Javier Heraud Pérez angehörte. Zu den Zielen der Guerilla gehörte nicht nur der Kampf gegen die Ausbeutung und Versklavung der indigenen Bevölkerung und der Arbeiter, sondern auch die Beendigung der Plünderung der Naturressourcen Perus durch ausländisches Kapital.

General Velasco und die revolutionäre Regierung der Streitkräfte

Im Februar 1966 wurde Béjar in Lima verhaftet. Vorwurf: Aufruhr. Ihm drohte die Todesstrafe. Europäische Intellektuelle wie Jean Paul Sartre, Jacques Prévert und Simone de Beauvoir setzten sich für ihn ein. Béjar wurde zwar angeklagt, aber zu einer Verurteilung kam es nicht. Er blieb inhaftiert und schrieb im Gefängnis sein erstes Buch: „Perú 1965: Apuntes sobre una experiencia guerrillera“ (4). Es erschien 1969 und gewann einen Literaturpreis.

Bereits Anfang Oktober 1968 kam es in Peru zum Militärputsch. Der amtierende Präsident Fernando Belaúnde Terry wurde abgesetzt und der links-nationalistische General Juan Francisco Velasco Alvarado (5) wurde Präsident der „Revolutionären Regierung der Streitkräfte“. Zahlreiche Wirtschaftssektoren wurden verstaatlicht, Großgrundbesitzer enteignet und die halbfeudalen Agrarstrukturen des Landes samt dem System der Schuldknechtschaft durch eine radikale Landreform beseitigt. Zeitungen, die die Belange der Oligarchie vertraten, wurden verboten. Die Selbstverwaltung der Universitäten wurde aufgehoben und Studiengebühren eingeführt. Studentenproteste wurden blutig niedergeschlagen.

General Juan Velasco Alvarado 1971. (Foto: Dutch National Archives, CC BY-SA 3.0 nl)
General Juan Velasco Alvarado 1971. (Foto: Dutch National Archives, CC BY-SA 3.0 nl)

Im Zuge einer Amnestie kam Béjar Ende 1970 aus dem Gefängnis und arbeitete innerhalb der Organisation „Sistema Nacional de Apoyo a la Movilización Social“ (SINAMOS), die die Landreform der Regierung unterstützte. Unter Velasco verfolgte die „Revolutionäre Regierung der Streitkräfte“ das Ziel, ihre Macht wieder abzugeben, aber nicht etwa an Parteien, sondern an die Arbeiter und Bauern, die sich in Strukturen wie SINAMOS organisierten.

Außenminister für 19 Tage

Im August 1975 kam es in Peru erneut zum Putsch. General Velasco wurde abgesetzt und Morales Bermúdez, Ministerpräsident, Verteidigungsminister und seit Februar 1975 Oberkommandierender der peruanischen Streitkräfte, rief sich selbst zum Präsidenten aus. Béjar, der nun erneut mit einem Haftbefehl gesucht wurde, ging in den Untergrund.

Später gründete er eine Nichtregierungsorganisation, erhielt 1999 eine Zulassung als Rechtsanwalt, promovierte in Soziologie 2006 und übernahm den Lehrstuhl für Politische Wissenschaft an der Päpstlich Katholischen Universität von Peru.

Im Juli 2021 wurde er Außenminister Perus im Kabinett von Staatspräsident Pedro Castillo (6), aber schon nach 19 Tagen legte Béjar sein Amt nieder. Seine noch vor der Amtsernennung getätigten Äußerungen zur Rolle ausländischer Geheimdienste bei der Entstehung von Terrorismus in Peru und über Verbrechen von Teilen des Militärs in 1980er-Jahren führten vor allem seitens der Opposition und der Marine zu massiver Kritik. Nach seinem Rücktritt widmete sich Béjar wieder der Schriftstellerei und veröffentlichte ein Buch über Velasco (7). Es wurde ein Bestseller.


Informationen zum Interview

Velasco

Gaby Weber im Gespräch mit Héctor Béjar

Argentinien/Peru: 2022
Sprache: Deutsch
Länge: 40 Minuten
Realisierung: Gaby Weber

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Quellen und Anmerkungen

(1) José Carlos Mariátegui (1894 bis 1930) war ein peruanischer Journalist, Autor, Philosoph, Politiker und 1928 ein Mitbegründer der Partido Socialista del Perú. Er wurde inspiriert durch kommunistisch geprägte Denker wie Henri Barbusse, Antonio Gramsci oder Maxim Gorkij. Bedeutung erlangte Mariátegui durch seine Rezeptionen zum Thema Marxismus, dessen Prinzipien er auf Peru anwenden wollte. Nach seiner Auffassung sei eine Revolution in Peru lediglich unter Ausschaltung des Bürgertums möglich, da dieses zu starke Kontakte zu allen anderen konterrevolutionären Klassen hätte. Als einzige Möglichkeit sah er einen antikapitalistischen, antiimperialistischen Umsturz, dessen Ziel die Errichtung eines Agrarstaats seien müsse.

(2) Richard Milhous Nixon (1913 bis 1994) war Politiker der Republikanischen Partei, Kongressabgeordneter, von 1953 bis 1961 Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter Dwight D. Eisenhower und von 1969 bis 1974 der 37. Präsident der Vereinigten Staaten. Nixon trat als bisher einziger US-Präsident der Geschichte von seinem Amt zurück. Grund war die sogenannte Watergate-Affäre, deren Hintergründe von Robert Woodward und Carl Bernstein, Reporter der Washington Post, aufgedeckt wurden.

(3) Ernesto „Che“ Guevara (1928 bis 1967) war Mediziner, Buchautor, marxistischer Revolutionär und Guerillaführer. Von 1956 bis 1959 war er Comandante der Rebellenarmee der Kubanischen Revolution (1953 bis 1959). Neben Fidel Castro war er die wichtigste Symbolfigur. Nach dem Sieg der Revolution war Guevara Teil der Revolutionsregierung, wurde Leiter der Nationalbank Kubas und Industrieminister. 1965 trat er von seinen Ämtern zurück, um die Rebellen im Kongo zu unterstützen. 1966 ging Guevara nach Bolivien und war Anführer einer Rebellengruppe (Nationale Befreiungsarmee). Die nötige Unterstützung durch die indigene Landbevölkerung und Arbeiter blieb aus. Im Oktober 1967 wurde Guevara bei einem Gefecht mit dem bolivianischen Militär verwundet und geriet in Gefangenschaft. Einen Tag danach wurde er auf Weisung des bolivianischen Präsidenten René Barrientos Ortuño von einem Soldaten ermordet.

(4) Héctor Béjar (1969): Perú 1965: Apuntes sobre una experiencia guerrillera. Auszugsweise verfügbar auf https://punto-final.org/PDFs/1969/PF_085_doc.pdf (abgerufen am 30.4.2022).

(5) Juan Francisco Velasco Alvarado (1910 bis 1977) war General, Politiker und von 1968 bis 1975 Präsident der „Revolutionären Regierung der Streitkräfte“ in Peru. Zu den Maßnahmen seiner als linksnationalistisch eingestuften Regierung gehörten eine radikale Landreform, die Nationalisierung der Schlüsselindustrien und Bodenschätze, eine Bildungsreform und die Aufwertung der indigenen Kultur Perus.

(6) José Pedro Castillo Terrones (Jahrgang 1969) war Lehrer und Gewerkschaftsführer. Er ist Mitglied der linksnationalistischen und marxistisch-leninistischen Partei Perú Libre. Seit Ende Juli 2021 ist er Präsident von Peru. Im März 2022 scheiterte ein Amtsenthebungsverfahren. Wegen der zunehmenden Armut, der wirtschaftlichen Stagnation, steigender Inflation und unter anderem der Verteuerung von Grundnahrungsmitteln und Treibstoff, kam es Anfang April in Peru zu Protesten, Streiks und Unruhen. Gefordert wurde neben Preissenkungen auch die Absetzung von Castillo.

(7) Héctor Béjar: Velasco. Vorveröffentlichung aus dem Jahre 2015 verfügbar als PDF auf https://visionhistoricadelperu.files.wordpress.com/2015/01/juan-velasco-alvarado.pdf (abgerufen am 1.5.2022).


Fotos und Video: Biblioteca del Congreso Nacional de Chile (CC BY-SA 3.0 cl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17142863), Dutch National Archives (The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989, bekijk toegang 2.24.01.04, Bestanddeelnummer 924-6976, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36734543) und Gaby Weber

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Ein Gedanke zu “Velasco – Gaby Weber im Gespräch mit Héctor Béjar”

  1. über die verhältnisse in peru, kolumbien, ecuador BIS HEUTE muss man MIR nichts „erzählen“, ich habe ca fünf jahre dort gelebt, und man muss dort leben und tarsächlich MITleben, mit den leuten, um zu begreifen, dass dort auch heute noch „die macht aus den läufen von gewehren kommt“, und das wird sich auch nicht ändern lassen (siehe geschichte der FARC bis heute, kolumbien), solange die dortigen himmelschreienden verhältnisse so bleiben, wie sie sind !

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