Religionskritik und Kulturtheorie: Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“

Entsprechend meines historisch-materialen Ansatzes gehe ich in diesem Beitrag nicht wie üblich vom speziellen Ansatz der Religionskritik Sigmund Freuds (1856 bis 1939) aus. Deshalb diskutiere ich auch nicht ausführlich Freuds Broschüre „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) (1), sondern stelle Freuds spezielle, auch philosophisch begründete und unter anderem an Ludwig Feuerbach (1804 bis 1872) geschulte, funktionale Religionskritik als Besonderheit in den Zusammenhang mit Freuds übergreifend-allgemeiner Kulturtheorie.

Kultur und Zivilisation betrachtet Freud als von Menschen zum Überleben geschaffene menschliche Gemeinschaftseinrichtungen oder Institutionen. Diese verlangen Anstrengungen, Zwang, Verzicht und Opfer, um Kultur gegen die in allen Menschen angelegten antisozial-destruktiven Tendenzen und Strebungen erhalten und weiterentwickeln zu können.

Neben solchen Zwangsmitteln existieren zugleich auch seelische Mechanismen, die mit der Kultur aussöhnen, für die notwendigen Opfer entschädigen und Befriedigung und Genuss stiften. Religiöse Vorstellungen und Gebote sind Momente des Triebverzichts und hinsichtlich des (auch menschlichen) Naturzustands kulturschaffend gegen den immer drohenden, letztlich anarchischen Urzustand gerichtet.

Der Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker Sigmund Freud 1921. (Foto: Max Halberstadt, gemeinfrei)
Der Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker Sigmund Freud 1921. (Foto: Max Halberstadt, gemeinfrei)

Im speziellen parallelisiert Freud die individuelle menschliche Entwicklung des hilflos-ohnmächtigen Kindes mit dem religiösen Glauben des gläubigen Erwachsenen, der die Götter sowohl fürchtet als auch ihren Schutz sucht. Insofern bestimmt Freud Religion als frühkindlich-infantil bestimmtes Verhalten von Menschen, die Götter anrufen.

Menschliche Kultur

„Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben liegt mir … sehr ferne. Ich habe mich bemüht, das enthusiastische Vorurteil von mir abzuhalten, unsere Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen oder erwerben können, und ihr Weg müsse uns notwendigerweise zu Höhen ungeahnter Vollkommenheit fuhren. Ich kann wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker anhören, der meint …, man müsse zu dem Schlüsse kommen, die ganze Anstrengung sei nicht der Mühe wert und das Ergebnis könne nur ein Zustand sein, den der einzelne unerträglich finden muß.

Meine Unparteilichkeit wird mir dadurch leicht, dass ich über all diese Dinge sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das eine, dass die Werturteile der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangsläufigen Charakter der menschlichen Kultur hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung zur Einschränkung des Sexuallebens oder zur Durchsetzung des Humanitätsideals auf Kosten der natürlichen Auslese seien Entwicklungsrichtungen, die sich nicht abwenden und nicht ablenken lassen und denen man sich am besten beugt, wie wenn es Naturnotwendigkeiten wären.

Ich kenne auch die Einwendung dagegen, dass solche Strebungen, die man für unüberwindbar hielt, oft im Laufe der Menschheitsgeschichte beiseite geworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen.“ (2)

Soweit die allgemeine Schlusspassage aus Sigmund Freuds psychoanalytischer Deutung des „Unbehagens in der Kultur“ (1930); erstaunlich, dass diese Hinweise gerade so wenig von jenen Psycho- und Kulturwissenschaftlern beachtet und produktiv aufgearbeitet wurden, die Freud erweislich so viel verdanken.

Alfred Lorenzer (1922 bis 2002) etwa bezieht sich gar nicht auf dieses „Unbehagen“ bei der Begründung seines tiefenhermeneutischen Programms einer Kulturanalyse. Es blieb dem Klagenfurter Sozialpsychologen Klaus Ottomeyer 1992 vorbehalten, in einer zweiteiligen Text-Aussagen-Montage „Freud und Marx“ an Freuds so skeptische wie demütige Grundhaltung als Kulturtheoretiker zu erinnern. Sieht man von seiner „anderen Sozialpsychologie“ ab, so scheint aktuell Freuds „Unbehagen in der Kultur“ ein Anathema und der gleichnamige Freud-Essay derzeit wissenschaftlich non receptable. Dies verwundert mich in doppelter Weise:

Einmal und wie hier exemplarisch aufzuzeigen sein wird vom generellen Inhalt und weiten kulturalen Ansatz her. Denn, so lautet meine Kernthese: Freuds Essaytext spricht zentrale Fragen unserer conditio humana im globalen Prozess von Enttraditionalisierung und Entbindung, von Rationalisierung und Verweltlichung (Säkularisierung), schließlich von „Entzauberung“ der Welt (im Sinne des Soziologen Max Weber) und der schon 1930 erkennbar drohenden Tendenz zum Homicide, zur Selbstvernichtung der menschlichen Gattung an.

Zum anderen halte ich formal-publizistisch gerade den „Kultur“-Essay des Autors Sigmund Freud, immerhin 1929/31 ein Mittsiebziger, dem 1930 der Frankfurter Goethepreis zugesprochen wurde, für den von der wirkungsstrategischen Anlage her gerade in seiner Altersabgeklärtheit und selbstbewussten Toleranz wohl lesbarsten Essay Freuds, der auch einen guten Zugang zum Gesamtwerk dieses Mentors der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts bieten kann, auch im Vergleich mit früheren Abhandlungen des Autors zur „Psychopathologie des Alltagslebens“ (1898), „Traumdeutung“ (1901) und „Sexualtheorie“ (1905).

Verglichen mit dem gefälligeren Material (nebst zahlreichen erzählten Beispielen) im Essay „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ (1905) ist der viel sprödere späte Essay „Das Unbehagen in der Kultur“ (1929/31) auch wegen der vielen literarischen Anspielungen und gelegentlichen Zitate flüssiger geschrieben und leichter lesbar als die anderen genannten wissenschaftlichen Abhandlungen.

Nun will ich hier dieses doppelte Paradox, die Aufnahme und Wirksamkeit von Freuds spätem Kultur-Essay betreffend, nicht ausdeuten. Gleichwohl bleibt staunend anzumerken, dass und wie locker der Gelehrte Sigmund Freud seinen Grundgedanken des (auch zeitlich begrenzten) Charakters des Lustprinzips bei Goethe wiederfindet und in einer Fußnote notiert:

„Goethe mahnt sogar: ‚Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen.‘ Das mag immerhin eine Übertreibung sein“ (S. 43).

Ganz ähnlich, wenn Freud nicht nur abstrakt-allgemein auf einen speziellen Sorgenbrecher, den Alkohol genannten flüssig-oralen, eingeht und ironisch an Wilhelm Buschs Aphorismus aus der „Frommen Helene“ erinnert, der bekanntlich die Sorgen dialektisch angeht:

„Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ (S. 41).

Und dass der Gelehrte Freud nicht nur theoretisch um die Vernichtungskraft leidenschaftlichen Hasses wusste, sondern den Destruktionstrieb auch bei Heinrich Heine literarisiert wiederfand, veranschaulicht seine eigene kulturelle Spannbreite und Gelassenheit, wenn er in einer weiteren Fußnote schreibt:

„Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psychologische Wahrheiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu bringen. So gesteht H. Heine: ‚Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.‘ (Heine, Gedanken und Einfälle)“ (S. 75).

Menschenbild(er)

„Die Technologie“, so Karl Marx in einer Anmerkung im Abschnitt zur Produktion des relativen Mehrwerts infolge der Herausbildung von Maschinerie und Industrie, „enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen … Alle Religionsgeschichte, die von dieser materiellen Basis abstrahiert, ist – unkritisch. Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztere ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode“ (Das Kapital I, MEW 23, 393).

Karl Marx, 1875, (Fotografie von John Mayall jun. Gemeinfrei)
Karl Marx (1818 bis 1883) ist der einflussreichste Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. (Fotografie von John Mayall jun.; Gemeinfrei)

So wie sich der ‚frühe‘ Karl Marx (1818 bis 1883) und der ’späte‘ Sigmund Freud (1856 bis 1939) sowohl im Ausgangspunkt Religionskritik als auch in der Methode der Entwicklung „religiöser Nebelbildungen“ aus den „jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen“ annähern (insofern lässt sich Freud auch als materialistischer Sozialwissenschaftler lesen, der Religion(en) nicht denunzieren, sondern funktional beschreiben und subjektwissenschaftlich erklären will), so bleiben doch wesentliche Unterschiede als differentia specifica:

Marx etwa betont die (in seiner Kritik der politischen Ökonomie der sich entwickelnden kapitalistischen Warenwelt) entfaltete „materielle Basis“, Freud das menschliche Glücksstreben in der jeweiligen Bedeutsamkeit. Freud nähert sich subjektiven und Sinnstrukturen, Marx bezieht sich primär auf objektive ökonomische Prozesse und deutet subjektive Folgen wie Entfremdungsprozesse nur gelegentlich an.

Schließlich bestehen wesentliche Unterschiede in beider Menschenbilder. Während Karl Marx über die empirischen Fesselungen durch historische Gesellschaftsformationen (wie zum Beispiel die damals entwickeltste warenökonomisch-kapitalistische) hinaus wirtschaftliche Produktivkräfte und kreative menschliche Gattungspotenzen freigesetzt wissen will und dazu politische Handlungserfordernisse durch produktive soziale Klassen sieht, bleibt Sigmund Freud gegenüber diesem historischen Optimismus skeptisch, sieht die Doppelnatur menschlicher Triebe und Strebungen – nämlich: Produktion und Destruktion, Liebe und Hass, Geburt und Tod, Aufbau und Vernichtung; von daher betont er die Erfordernis der (auch institutionellen Bändigung) beider polarer Grundformen elementarer menschlicher Handlungsantriebe fast so, als befände sich der nachgeborene Freud gegenüber Marx in einer Pose, die den Hexenmeisterlehrling verzweifeln lässt, kann er doch die einmal freigesetzten Kräfte nicht mehr bändigen, sodass er sie nur noch hilflos wie Geister magisch zu beschwören versucht: „Besen, Besen, seid’s gewesen / In die Ecke, Besen, Besen“.

Handlungsdruck und Entlastungstendenz

Ohne dass ich die für mich nach wie vor problematische Begründung oder Setzung aus anthropologischer Sicht hier vorstellen oder diskutieren will, sei doch erwähnt, dass der deutsche Sozialphilosoph Arnold Gehlen (1904 bis 1976) später einen wesentlichen Funktionsaspekt dieses Skeptizismus gegenüber dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts unter den Stichworten Handlungsdruck und Entlastungstendenz angesprochen hat. Aus der Grundthese nämlich, „(…), daß der Mensch infolge seines Mangels an spezialisierten Organen und Instinkten in keine artbesondere, natürliche Umwelt eingepaßt und infolgedessen darauf angewiesen ist, beliebige vorgefundene Naturumstände intelligent zu verändern“, schlussfolgert Gehlen zum einen: „Sinnesarm, waffenlos, nackt, in seinem gesamten Habitus embryonisch, in seinen Instinkten verunsichert“, ist der Mensch entsprechend seiner Gattungsspezifik „existentiell auf die Handlung angewiesen“.

Dieses meint vor allem die „Veränderung der Außen-Welttatsachen“. Für Gehlen ergibt sich aber auch aus der (dynamischen) Handlungserfordernis die Notwendigkeit (stabilisierend wirkender und insofern auch statischer) gesellschaftlicher Regelungen und Einrichtungsformen, eben von Institutionen. Hier wirkt bei Gehlen zum Zweiten das anthropologisch allgemein gültige Prinzip der Entlastungstendenz als „weitere fundamentale menschliche Gesetzlichkeit“. So verwandeln sich denn auch offensiv-unrealisierbare humane Glückswünsche in wirksame Formen menschlicher Leidverhütung. Diese Metamorphose ist das Generalthema von Sigmund Freuds Essay zum „Unbehagen in der Kultur“:

„Es fragt sich […], wie das größte Hindernis der Kultur, die konstitutionelle Neigung der Menschen zur Aggression gegeneinander, wegzuräumen ist, und gerade darum wird uns das wahrscheinlich jüngste der kulturellen Überich-Gebote besonders interessant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst … (Es) ist die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ich. Das Gebot ist undurchführbar: eine so großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen.“

Soweit Sigmund Freuds funktionale Argumentation (105 f.), die einerseits empirische Religionskritik und andererseits Veranschaulichung der Alltagseinsicht, dass gut gemeint typischerweise wie das Gegenteil von gut wirkt, ist.


Kardinal Meisner mahnt zur Feindesliebe

Erzbischof feierte mit 1500 Soldaten internationalen Gottesdienst im Dom […]

Zur Feindesliebe hat Kardinal Joachim Meisner beim Internationalen Soldatengottesdienst im Dom aufgerufen […] Meisner feierte anlässlich des Weltfriedenstages den traditionellen Gottesdienst mit rund 1500 deutschen, niederländischen, belgischen, britischen und amerikanischen Soldaten. Meisner bezog sich auf das Thema des Weltfriedenstages: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute […]“. Dieses Apostelwort gebe Richtung und Mittel vor: „die Feindesliebe, die unbegreiflichste Herausforderung, die Gott den Menschen als seinen Ebenbildern zumutet“. Selbst wo Gewalt angewendet werden müsste, müsse es „als Ultima Ratio geschehen, das Böse in das Gute zurückzuführen, aus dem Negativen das Positive zu machen.“ – Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 17/05 vom 21.01.2005: 35 [„Köln“]


Inflation der Liebe

Auch Freud ging davon aus, dass Gewalt als Ausdruck der Destruktionskraft elementarer Bestandteil des menschlichen Gattungsvermögens war und ist: Gewalt von und gegen Menschen als Ausdruck zerstörerischer Aggression gegen und von Menschen gab es in unterschiedlichen Formen und Herkünften schon immer – auch wenn sich im historischen Prozess der Zivilisation und auch unter Einschluss des Rechts Erscheinungsformen von Gewalt verändert haben und Gewaltphänomene nicht zuletzt entäußerlicht und verinnerlicht wurden. Gleichwohl ist Gewalt auch in äußerlich-rohen Formen im Grunde auch heute noch jederzeit und von jedermann verfügbar – bis hin zu auch im gegenwärtigen Deutschland dieser Jahre mit Blick auf Ort und Zeit kaum voraussagbaren, eruptiven und insofern auch vulkanisch ausbrechenden Gewaltakten als unkontrollierbarem Verhalten.

So sehr diese Ausbrüche irritieren und so schwer sie vorauszusagen und zu ertragen sein mögen, sie sind im gesellschaftlichen Geschehen strukturell angelegt als Ausdruck jener „Momentpersönlichkeit“, deren Umrisse Alexander Mitscherlich (1908 bis 1982) bereits Mitte der 1960er-Jahre ansprach: Ich-schwache, unsichere und zerrissene Menschen, die auf allgemeine Sozialtrends reagieren. Und ob sie es wollen oder nicht: diese zugleich verstärken.

Entsprechende Zustände mangelnder sozialer Regungen nennen Sozialwissenschaftler, die diesen Namen verdienen, seit Émile Durkheims Suicide-Studie (1897) Anomie: Mit Werte- und Normenverlust einhergehende Bindungslosigkeit ist in der Tat auch Ausdruck zeittypischer Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung. Und damit zugleich (und so paradox dies zunächst erscheinen mag) in unsere moderne soziale Welt grundsätzlich eingelagert: Jeder für sich („Individualisierung“), das ganze Soziale undurchschaubar-verwirrend („Differenzierung“) und is-eh-alles-egal und bekanntlich relativ („Pluralismus“).

David Émile Durkheim (1858 bis 1917) war Soziologe und Ethnologe. (Foto: Unbekannter Fotograf, gemeinfrei)
David Émile Durkheim (1858 bis 1917) war Soziologe und Ethnologe. In seiner Studie Le suicide (Der Selbstmord) untersucht Durkheim verschiedene Hypothesen zu den unterschiedlichen Suizidraten von Katholiken und Protestanten. (Foto: Unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Dies ist der verhaltensleitend-mentalitäre Unterboden struktureller Gewalt von Menschen (in) dieser Gesellschaft. Und weil’s weder das Gewalt-Gen noch die Gewalt-Gene bei Menschen gibt, müssen wir damit leben, dass auch alle situativen, eruptiven und vulkanischen Gewalthandlungen Ausdrucksformen unseres eigenen menschlichen Gattungsvermögens sind: von aufloderndem Hass und gnadenloser Selbst- und Fremdvernichtung als Kehrseite überbordend-grenzenloser Liebe, Spontaneität und Kreativität. Diesen Sinn sah auch Freud im allgemeinen Gewaltzusammenhang und dem Zusammenspiel mit dem zentralen religiösen Gebot Nächstenliebe:

„Das Gebot: Liebe deinen nächsten wie dich selbst ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen (…). Wenn jenes großartige Gebot lauten würde: Liebe deinen nächsten wie dein Nächster dich liebt“ – so Freud folgerichtig –, „dann würde ich nicht widersprechen.“ (105 f.)

So gesehen ist der zu erkennende Zusammenhang von Gewalt und enttäuschter, religiös indizierter Liebe kein Zufall. Vielmehr ein sich wechselseitig bedingender und Gewalthandlungen beeinflussender grundsätzlicher Zusammenhang, auf den es aus der Sicht jeder an Freuds Kulturtheorie anschließenden dialektisch-kulturanalytischen Sozialpsychologie als Subjektwissenschaft von (wie auch immer) handelnden und/oder unterlassenden oder/und duldenden Menschen aufmerksam zu machen gilt … nicht zuletzt, um alle Folgen von eigenen oder fremden Schädigungen umso wirksamer – auch praktisch – eingrenzen zu können. Und dies sicherlich nicht nur, aber auch dadurch, um gerade bei Gewalttätern so affektiv überfrachtete wie emotional enttäuschte Gefühle von Liebe nicht in Form zerstörerischer Gewaltakte auflodern zu lassen. Sondern sie in alltagspraktisch lebbare Maßstäbe übertragen zu helfen.

Leidensschutz

Freilich hat auch der altersreife Psychoanalytiker Sigmund Freud die Haeckel’schen Welträtsel nicht gelöst, auch wenn er uns durch seine Kulturtheorie an zumindest zwei Lebenstatbestände erinnert: einmal, dass alle menschliche Potenz begrenzt ist, und zum anderen und über diese humanökologische Grundeinsicht hinaus an die ’soziale Tatsache‘, dass jeder ganzjährige Karneval ein (auch Contradictio in Adjecto genannter) Widerspruch in sich sein muss. Insofern ist auch vielleicht gerade heute bei zunehmendem medienvermittelten Leben ‚aus zweiter Hand‘ und mit Sigmund Freud daran zu erinnern, dass sowohl Glück immer Ausnahme bleiben muss als auch Leid die Regel.

Es wäre, mit Sigmund Freud, angesichts noch immer zunehmender Medialkultur mit ihren, wenn nicht in jedem Fall falschen, so doch immer schon schiefen Lust- und Glücksversprechen an dieses Grundverhältnis zu erinnern: Denn nach wie vor verhalten sich menschliches Glück und menschliches Leid wie das Verhältnis von Ausnahme und Regel, nicht umgekehrt. Wer immer glaubt, zu dieser Regel gäbe es eine Ausnahme, verkennt die Grundbedingung menschlicher Existenz und scheitert, in welchen Formen auch immer.

„Die Religion“, resümiert Sigmund Freud im zweiten Abschnitt zu ‚Glückserwerb und Leidensschutz‘, „drängt allen in gleicher Weise ihren Weg zum Glückserwerb und Leidensschutz auf. Ihre Technik besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung in einen Massenwahn, gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr… Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten.“

Wenn der Analytiker Freud in dieser Passage (S. 51) jede Religion sowohl als ideologisches Glaubenssystem als auch als kollektive Neurose bewertet, so gibt ihm seine analytische Religionskritik zugleich die Möglichkeit, nach (medizinisch gesprochen) Substituten oder (sozialwissenschaftlich ausgedrückt) funktionalen Handlungsäquivalenten zu suchen. Denn was Freud als Intellektuellen interessiert, „ist die Möglichkeit, die Methode der Psychoanalyse aufprägen von allgemeinem Interesse anzuwenden: auf die Sozialwissenschatten und auf kulturelle Probleme.“

Über die inhaltliche Seite hinaus finde ich Sigmund Freuds methodisches Verfahren richtungsweisend. Wie in der praktischen Therapie des einzelnen dieser aus der Vereinzelung herausgenommen werden soll, um Voraussetzungen für neue Vergemeinschaftungsformen zu eröffnen, so löst Freud auch theoretisch angemessen das Verhältnis vom Besonderen zum Allgemeinen, indem er seine religionskritischen Hinweise generalisiert: Wenn denn Säkularisierung und Rationalisierung, Entbindung und Enttraditionalisierung, kurz der sogenannte Prozess der Modernisierung, sozialen Differenzierung und Individualisierung empirisch wirksam wird, dann bietet als Endpunkt im Möglichkeitsspektrum in der Tat jede „Flucht in die neurotische Krankheit… wenigstens Ersatzbefriedigungen“ (S. 51).

Hier argumentiert denn auch der Psychologe Sigmund Freud am Beispiel „Neurose“ ähnlich wie sein französischer Generationsgenosse Émile Durkheim (1858 bis 1917) als Soziologe am Beispiel des Suizids; beide verweisen auf das „emotionale Vakuum“ (Kurt Hiller) und differenzierte individuelle Möglichkeiten, diesen „Hohlraum der Gefühle“(Anna Seghers) handelnd und/oder duldend oder/und unterlassend zu besetzen, was sich hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse (Werte und Normen) unterschiedlich darstellt und, je nach Lage und Form, auch zu anomischen Zuständen, also solchen mangelnder institutioneller Regelungen, führen kann.

Leidverhütung

Sigmund Freud verhandelt im II. Abschnitt (S. 40-51) den ihm als „anspruchslosere Frage“ erscheinenden Komplex „Methoden zur Leidverhütung“ (44 ff.). Weil „alles Leid endlich nur Empfindung ist), es nur besteht, insofern wir es verspüren“, kann es ihm um nichts anderes gehen als um mentale oder psychische Formen von Leidverhütung und Leidverminderung. Von der rohesten und wirksamsten Methode, Freud spricht von stofflicher Intoxikation und Chemismus, also von – wenn man so will – giftigen chemischen Keulen stoffgebundener Rauschmittel (wie zum Beispiel legalen Drogen wie Alkohol und Nikotin, illegalen Drogen wie Haschisch und Marihuana), war hier schon die Rede.

Es sind die volkstümlichen ‚Sorgenbrecher‘, die auch noch im Zeitalter des HIV-Positivismus sowohl fürs Überleben der menschlichen Spezies als auch für die Vernichtung ihrer Teilelemente sorgen:

„Man weiß doch“, so Freud, „daß man mit Hilfe des ‚Sorgenbrechers‘ sich jederzeit dem Druck der Realität entziehen und in einer eigenen Welt mit besseren Empfindungen Zuflucht finden kann. Es ist bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt“ (S. 45).

Neben dieser mehrheitlichen Form stofflicher Benebelung gestattet „der komplizierte Bau unseres seelischen Apparates aber auch eine ganze Reihe anderer Beeinflussungen“ (45).

Der psychische Apparat nach Freud. (Grafik: Maxe85, free use)
Der psychische Apparat nach Freud. (Grafik: Maxe85, free use)

Eine dieser Techniken von „Leidabwehr“ ist nach Freud Libidoverschiebung in vielfältigen Formen, „welche unserm seelischen Apparat gestattet (und) durch dies eine Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt“ (S. 46).

Auch in diesem spezifischen Feld unterscheidet Freud wieder zwischen besonderem und allgemeinem Leidensschutz. Beim Allgemeinen erwähnt er zum Ausgleich der Libidoökonomie „die gemeine, jedermann zugängliche Berufsarbeit“ als einzigartige „Technik der Lebensführung“, die den Einzelnen „so fest an die Realität (bindet) als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gesellschaft sicher einfügt“ (S. 46). Diese angesichts der historischen Weltwirtschaftskrise nach jenem Black Friday des Jahres 1929 unerlässliche Bemerkung ergänzt Freud durch einen weiteren Hinweis zur besonderen Libidoökonomisierung beziehungsweise menschlicher Befriedigung:

„Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet“ (S. 46).

Diese Tätigkeiten sind vor allem und unter anderem künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten an Bild und Begriff. Auch in dieser Hinsicht sieht Freud dialektisch Chancen und Risiken, Möglichkeiten und Grenzen:

„Am meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit, haben eine besondere Qualität … Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen wenigen kann (diese Methode) nicht vollkommenen Leidensschutz gewähren, sie schafft … keinen für die Pfeile des Schicksals undurchdringlichen Panzer, und sie pflegt zu versagen, wenn der eigne Leib die Quelle des Leidens wird“ (S. 46).

Gleichwohl handelt es sich um den für Freud „interessanten Fall“ ästhetischer Lebensführung der menschlichen Existenz fürs Schöne. Hier wird „das Lebensglück vorwiegend im Genüsse der Schönheit gesucht, wo immer sie sich unseren Sinnen und unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen und Gesten, von Naturobjekten und Landschaften, künstlerischen und selbst wissenschaftlichen Schöpfungen. Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel“, so wertet Freud selbst abschließend, „bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles zu entschädigen“ (S. 49).

Das klingt schlussakkordisch. Und doch sei abschließend die Ambivalenz auch dieses Freudschen Gedankens angesprochen. Zum einen halte ich Freuds Hinweis auf die Bedeutsamkeit etwa von kreativer künstlerischer Arbeit –und Kunst hat mit Können zu tun und nicht mit Wollen – für wichtig. Zum anderen weiß auch ich um die im Freudschen Plädoyer noch aufscheinenden Reste deutsch-österreichischen Geniekultes, etwa in Hinsicht auf die soziokulturellen funktionalen Begabungen „genialer Menschen“ (Ernst Kretschmer) wie etwa Stefan George (1868 bis 1933). Aber dies ist schon ein anderes Thema. Hier ging es allein um Sigmund Freuds historisch und aktuell wichtigen Text: um nicht mehr, aber auch um nicht weniger – ni más ni menos.


Quellen und Anmerkungen

(1) Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion. Gesammelte Werke XIX. London: Imago, 1948: 325-380; Studienausgabe IX. Frankfurt/M. 1974: S. Fischer: 135-189; online verfügbar auf: www.textlog.de/sigmund-freud-zukunft-illusion.html (Link abgerufen am 2.5.2022).

(2) Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften. Einleitung Alfred Lorenzer & Bernard Görlich. Frankfurt/M. 1996: Fischer Taschenbuch 10453: 31-108; alle Seitenangaben nach dieser Ausgabe. – Weitere thematische Beiträge des Autors in: Kultursoziologie, 6 (1997) I: 56-72, erweiterte GRIN-Netzversion: www.grin.com/document/34905; gekürzte Hinweise auch in: Schweizer Monatshefte, 77 (1997) 7/8: 45-48; Der Allgemeinarzt, 17/1998: 1597; online-Versionen (2002; 2010): http://web.archive.org/web/20031221145409/www.richard-albrecht.de/kurztexte/wissenschaftlich/kt_w_01.htm (alle Links abgerufen am 3.5.2022).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Fotos und Grafik: Dario (Unsplash.com), Max Halberstadt (Fotografie von Sigmund Freud, aufgenommen 1921; gemeinfrei), John Mayall jun. (Aufnahme von Karl Marx; gemeinfrei), unbekannter Fotograf (gemeinfrei) sowie Maxe85 (Copyright: free use)

Kultur- und Sozialwissenschaftler | Webseite

Richard Albrecht ist Kultur- und Sozialwissenschaftler. Er lebt als Dozent im Ruhestand und Freier Autor in Bad Münstereifel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialforschung, politische Soziologie und kulturanalytische Sozialpsychologie. Er absolvierte ein Studium der Soziologie und Sozialpsychologie mit den Nebenfächern Nationalökonomie, Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Sein Diplom erlangte er 1971, die Promotion erhielt er 1976 und seine Habilitation 1989. Aktuelle Veröffentlichung: Gesellschaft – Einführung in soziologische Sichten (2022).

2 Gedanken zu “Religionskritik und Kulturtheorie: Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“”

  1. Ich finde es unerträglich, wenn irgendwelche Phrasen von Freud herausgepickt werden, um sein Geschwafel als großartige Gedanken zu verkaufen. Das, was Freud PRAKTISCH in die Welt gesetzt hat, das ist eine unerträgliche Opferbeschuldigungs-Ideologie, die den Mächtigen dieser Welt wunderbar in den Kram passt:
    – Da ist die Empfehlung, Kokain zur Beseitigung von Morphium-Sucht einzusetzen – obwohl er an seinem „Freund“ Fleischl unmittelbar wahrnimmt, wie dieser nun (nach Freuds Empfehlung) nicht mehr nur von Morphium, sondern auch von Kokain abhängig geworden ist – und TROTZDEM seine Kokainkur weiter zu empfehlen.
    – Da ist die Empfehlung an Emma Eckstein, sich wegen Magenschmerzen Teile ihrer Nase von seinem Freund Fließ mit einer Knochenzange herausschneiden zu lassen, der dabei dann ein größeres Gefäß verletzt, dies nur mit Gaze zustopft und wieder nach Berlin abreist, bis die Wunde zu eitern und zu stinken anfängt und ein Fachmann die Gaze entfernt, wobei Emma Eckstein beinahe verblutet und dann über Wochen auf der Kippe zwischen Leben und Tod steht. Und Freud beschwichtigt den Freund über zwei Jahre hinweg, er sei an dem Blut UNSCHULDIG, es sei die Betroffene selbst, die „Wunschblutungen“ produziere – „wahrscheinlich zu Sexualterminen“.
    – Da ist der angeblich geniale „Ödipuskomplex” – wonach jeder Junge im Alter von 1-7 Jahren mit seiner Mutter ein sexuelles Verhältnis beginnen und deshalb den Vater aus dem Weg räumen wolle („positiver Ödipuskomplex”), und jeder Junge auch mit dem Papa vögeln und deshalb die Mama aus dem Weg räumen wolle („negativer Ödipuskomplex”). (Für Mädchen gelte analog das Umgekehrte.) Stört niemand, dass das mit der menschlichen Realität überhaupt nichts zu tun hat. Und schon der alte Sophokles erzählt es uns – auf WIRKLICH geniale Art und Weise – genau andersrum: Ödipus will – als erwachsener Mann, Vater von 4 Kindern – aus Verehrung für seinen Vater seine Mutter umbringen, weil diese ihn dem Vater massiv entfremdet hatte und so für den späteren tödlichen Vater-Sohn-Konflikt verantwortlich ist.
    – Da bezeichnet er die 13-jährige Ida Bauer als „ganz und voll hysterisch“, weil sie sich von dem Freund ihres Vaters losreißt, der sie an sich presst und auf den Mund küsst. (Sie spüre dabei auch „das Andrängen des erigierten Gliedes [von jenem Herrn Zellenka] gegen ihren Leib.”) „Bei einem gesunden Mädchen hätte eine Genitalsensation gewiss nicht gefehlt“ – so dieser unerträgliche Opfer-Beschuldiger. Dass Ida zwei Jahre später ihrer Mutter davon erzählt, dass dieser Herr Zellenka ihr einen „Liebesantrag“ gemacht habe, ist für Freud Ausdruck „krankhafter Rachsucht“ – ein „normales Mädchen” würde allein mit solchen Angelegenheiten fertig. Stattdessen bestünde ihr Problem in ihren Inzestwünschen gegenüber ihrem Vater und auch in ihrer Homosexualität – erschlossen aus Idas Abneigung gegen Frau Zellenka, mit der der Vater ein Verhältnis unterhält – und Abneigung lässt natürlich sofort auf das Gegenteil schließen. (Und dieser ekelhafte Mist wird bis heute aufgelegt und gepriesen – zuletzt 2020.)
    – Da erstellt er über eine Novelle von Wilhelm Jensen („Gradiva“, 1902) seine umfangreichste Literaturinterpretation und spekuliert über ein inzestuöses Verhältnis von Jensen zu einer körperlich behinderten Schwester, ersatzweise in eine andere nahe Verwandte. Der Dichter antwortet auf eine diesbezügliche drängende Nachfrage Freuds bereitwillig, dass er weder eine Schwester noch sonstige Blutsverwandte gekannt habe: Er war ein uneheliches Kind, das früh zu einer unverheirateten Professorentochter in Pflege gegeben wurde. Freud reagiert daraufhin beleidigt. Er entwertet von nun an den Schriftsteller und sein Werk. Der „greise Dichter” habe bei der Deutung der Novelle „seine Mitwirkung versagt“. Das Gegenteil war der Fall, wie sich nachweisen lässt, wenn man sich nur wirklich für den Schriftsteller interessiert und entsprechend nachforscht.
    – Da ist die Behauptung, alle Menschen seien von Geburt an mit „narzisstischen“ Zügen ausgestattet. Wer diese Impulse nicht zu kontrollieren verstehe, der bekommt später Probleme. Auch hier stellt Freuds Narzissmus-Begriff den Inhalt des antiken Mythos völlig auf den Kopf. Auch dieses Konzept eignet sich vorzüglich zur Verwirrung und Opferbeschuldigung.
    Fazit: Sigmund Freud war ein Verbrecher, der – wie sein Neffe Edward Bernays – im Dienst der Mächtigen dieser Welt die Menschheit belogen und betrogen hat.

  2. Vielleicht interessieren den Autor dieses Beitrages die Online-Vorlesungen des politischen
    Philosophen Schönherr-Mann über „Sigmund Freuds kollektives Seelenleben und die Kulturindustrie“
    Eine Zusammenfassung seiner Kernthesen publizierte Hans-Martin Schönherr-Mann unter dem Titel

    Medizin als göttliche Gewalt. Philosophische Kritik der Corona-Politik

    als Band drei unserer Edition Halkyon (Link).

    Programm
    1) 27.4. Sigmund Freuds kollektives Seelenleben und die Kulturindustrie. Gilt noch das Modell aus Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung (1947), dass Medien Inhalte senden und damit die Individualpsychologie an die Massenpsychologie anschließen, so dass viele dasselbe für wirklich halten, nämlich genau das, was die Medizin durch die Medien vermittelt und was dann die Politik ausführt? Generiert sich das kollektive Seelenleben heute medizinisch? Und natürlich nicht erst seit der Corona-Politik.

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    2) 4.5. Freud: Einheit, Liebe, Schwäche; Jean Baudrillard: Simulation und Verführung. Oder stellt sich die massenpsychologische Einheit dadurch her, dass sich die Liebe zur Schwäche mit Selbstliebe zur eigenen Schwäche so verwickelt – man muss die Schwächsten schützen –, dass medizinische wie politische Simulationen von Krankheit zu individuellen Aktivitäten verführen, die vermittels medialer Intonierung eine hordengestützte Stärke entfalten? Erotik verführt nicht mehr, sondern die Gleichschaltung durch die Maske, die durch erzwungene Mindestabstände zwischen den Individuen alle Unterschiede verführerisch beseitigt. Die Wiederkehr der Religion in Form der Medizin: Es kommt nicht auf die Äußerlichkeit an, sondern auf eine Innerlichkeit als eine organische, über die nicht die eigene Befindlichkeit, sondern nur die Medizin Auskunft geben, wie nur die Priester über den eigenen Gnadenstand Auskunft geben können. Auch der Protestant weiß das nicht genau.

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    3) 11.5. Freuds künstliche Masse und die Medizin; Nietzsches grausame Mnemotechnik und Derridas Gewalt der Schrift. Bei Freud bilden Kirche und Heer künstliche Massen. Viel umfassender und vor allem anpassender Selbstlenkung erzeugend, somit eine quasi natürliche körperliche Einheit herstellend, schreibt sich die Medizin in einen sozialen Körper ein, den sie dadurch erst erzeugt, indem sie den Individuen ihre Botschaft traumatisch ins Unbewusste einbrennt, um derart eine Art Kollektivität herzustellen. Das wird denn durch die Unterschrift besiegelt, die die Medizin ermächtigt, im Namen ihrer Opfer diese ihrer Gewalt auszusetzen. Da das gemeinhin gewünscht wird, darf man natürlich in Frage stellen, ob es dann noch Gewalt ist. Gemeinsames Leiden verbindet – die Medizin als soziales Band.

    4) 18.5. Freuds Herdentrieb, Hans Blumenbergs Visibilität, Henri Bergsons universelle Bildproduktion. Der Herdentrieb hat eine psychologische Urgeschichte im Schuldbewusstsein der ersten Brüderhorde. Sie spiegelt sich in den Metaphern der Bibel, die nach Blumenberg vom Schrecken der Visibilität künden: Man kann nicht in den Boden versinken, man wird gesehen. Aber die Vorstellung der Visibilität macht im Anschluss an Bergson das Bewusstsein zu einem Kaleidoskop von Bildern, die medial das Bewusstsein als medizinisches Bildbewusstsein generieren: Ich bin kein Anderer, sondern derselbe so kranke wie gefährliche Körper wie alle anderen. Als solcher werde ich gesehen. Dem muss ich gehorchen!

    5) 25.5. Freuds Kulturtheorien, Leonardo da Vincis Bildphilosophie der Natur, die mediale Massenpsychologie Siegfried Kracauers. Ist es wirklich die Kultur, die den Menschen unvermeidlich leiden lässt? Es könnte auch die Natur sein? Oder ist es die Hybris, die Natur immer weiter zu kulturieren? Macht sich der Mensch mit der Medizin zum Prothesengott, der dadurch von der Medizin abhängig wird? Medizin als Sucht? Schlägt Natur in Form von Krankheit zurück, so dass nur die Medizin uns noch retten kann? Oder hat die Medizin das Bewusstsein längst prothetisch so erweitert, dass es nicht mehr selbst, sondern nur noch medizinisch denken kann? Zeigt sich das in der Film- und Fernsehproduktion der letzten Jahrzehnte? Diese Frage werde ich nicht hinlänglich beantworten können, weil ich keinen Fernseher habe.

    6) 1.6. Freuds Traumdeutung, Kracauers Filmtheorie, Gilles Deleuzes Kino. Traumdeutung avanciert zur zentralen Technik der Psychoanalyse. Traumbilder zeugen von der metaphorischen wie metonymischen Struktur eines vom Unbewussten unterlegten Bewusstseins. Für Kracauer interpretieren die Filmbilder die eigene Existenz. Ob sie sie enthüllen oder ob sie sie damit konstruieren, beides hat dieselbe Konsequenz: technisch produzierte Bilder prägen das Selbstbewusstsein, mit Deleuzes Zeitbild als Zentrum des Nachkriegsfilms um so mehr. Das medial omnipräsente Thema Medizin prägt bildlich das individuelle Bewusstsein medizinisch – man denke nur an die umfassende Präsenz des Themas Corona in den Medien. Aber auch unter anderen Umständen sind medizinische Themen in den Medien sehr beliebt.

    7) 8.6. Freuds Todestrieb-Hypothese, Paul Virilios Geschwindigkeit als Politik, Friedrich Kittlers Verknüpfung von Medien und Krieg. Die Medizin bewahrt nicht vor dem Tod; sie realisiert den hypothetischen Todestrieb. Indem sie vor dem Tod bewahren will, führt sie diesen als Orientierungspunkt in die Sozialordnung ein, hat sich Freuds zunächst vorsichtige Hypothese damit realisiert. Dabei spielt die Geschwindigkeit eine zentrale Rolle. Deren Steigerung rettet umso mehr Leben, wie Virilios Miniaturisierung in der Nanotechnologie erscheint und das Feld der Eingriffe wie der Zugriffe unendlich erweitert – selbstredend im Dienste der Opfer wie des Gesundheitswesens. Die Geschwindigkeit der Information macht sie umso mehr zur Information selbst, deren Ziel der Instantaneität fast erreicht ist und nur noch materiell hinterherhinkt, woran aber vor allem mit Kittler die Kriegstechnologie arbeitet, die die Basis der Medienentwicklung und natürlich mit der Medizin eng verbunden ist: Wer Menschen vorsätzlich verletzt, bedarf jener, die die Verletzten verarzten.

    https://harp.tf/2022/23/03/online-vorlesung-im-sose-2022-philosophische-kritik-der-medialen-massenpsychologie-der-corona-politik/#

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