Wer schweigt, stimmt zu: Der Bericht zur Entmündigung 

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hat sich mit einem Buch zu Wort gemeldet, das in positivem Sinne als ein Pamphlet in unruhigen Zeiten bezeichnet werden muss. Unter dem Titel „Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollen“ zieht sie Bilanz über das, was als die Corona-Pandemie bezeichnet wird.

Guérot zeigt auf, was der Versuch, eine Krise zu managen, als Ergebnis zutage gefördert hat. Vor allem unter dem Aspekt der tatsächlichen Ergebnisse hinsichtlich der Gesundheit und ihres Systems, der Art und Weise, wie die Wissenschaft und ein wie auch immer selektiertes Expertentum zu Wort kam und mit welchen Mitteln die Politik versucht hat, ohne den Demos als Subjekt die Krise zu bewältigen.

Ulrike Guérot. Wer schweigt, stimmt zu. Quelle: (YouTube/Gerd Mersmann)

Mit dem Skalpell hat Ulrike Guérot die Vorgänge untersucht und ihre Urteile liegen in dieser Schrift auf dem hell beleuchteten Seziertisch. Auf den ihr zur Verfügung stehenden rund 140 Seiten hat sie in drei Kapiteln das Geschehen analysiert.

In „Wo wir stehen“ zieht sie die verheerende Bilanz. Es wird der radikale Abbau demokratischer, in der Verfassung als „unveräußerlich“ apostrophierter Rechte geschildert, es wird die Propaganda dokumentiert, die Angst und Schrecken verbreitete und die daran gearbeitet hat, positive Begriffe in ihr Gegenteil zu verkehren.

Ulrike Guérot über das Narrativ und das Gegenkonzept

Das Machwerk der privaten wie staatlich organisierten Meinungsmaschinen, so wie es sich heute gebärdet, könnte Stoff literarischer Dystopien sein. Das System von Regel und Sanktion, das nahezu von der kompletten politischen Elite zum Mantra erhoben wurde, ist, so das bittere Fazit, eine dramatische Ramponierung der Demokratie, durchgesetzt mit der absurden Rhetorik, es handle sich um deren Rettung.

In „Was passiert ist““ geht es um Wahrheit und Erzählung sowie um Macht und Verschwörung. Es sind die Felder, auf denen sich das Spiel entfaltet hat. An zahlreichen, gut recherchierten und ebenso nachvollziehbaren Beispielen illustriert Guérot die Diskrepanz zwischen dem, was als Faktenlage bezeichnet werden kann und muss und dem, was in einer Erzählung oder im Neusprech der Consulting-Welt als Narrativ bezeichnet wird.

Wer weiß eigentlich nicht, dass das Feindbild der Nicht-Geimpften mit der vermeintlich totalen Eindämmung des Virus nichts, aber mit den Mängeln des Managements alles zu tun hat? Und was in der heutigen Welt der Politik wie des Journalismus zu peinlicher Ausgrenzung führt, aber den Schlüssel zu tatsächlicher Kausalität bietet, nämlich die Frage nach der Macht, wurde mit den lächerlichen Vorwürfen der Verschwörungstheorie versucht zu unterbinden.

In einem dritten Kapitel mit dem Titel „Was wir jetzt machen“, entwirft die Autorin das Gegenkonzept zu der gegenwärtig die Demokratie schreddernden Politik einer überforderten Funktionselite, die zunehmend aggressiv wird, weil sie um ihre strategische Lage weiß. Es ist das Konzept einer radikalen Demokratisierung, der Dezentralisierung von Regionen und Macht, einer Reinkarnation des Souveräns, der selbst in die Verantwortung muss. Das ist keine kleine Aufgabe, aber alle anderen Wege führen in den autoritären Staat.

Das Buch ist nicht nur lesenswert, es ist in seiner konzisen Form ein Muss, wenn man aus dem Albtraum des Corona-Managements erwachen und den Blick für die Zukunft freibekommen will. Es ist eine Art Prüfungsbericht, der die Aktivitäten und Resultate unter die Lupe nimmt. Und angesichts dessen, was momentan den Krieg in der Ukraine betrifft, ist es ebenso erhellend. Man ist dabei, die Techniken der Entmündigung zu verfeinern. Auf brutal banale Art.

Wer schweigt, stimmt zu. (Buchcover: Westend Verlag)

Informationen zum Buch

Wer schweigt, stimmt zu

Über den Zustand unserer Zeit. Und darüber, wie wir leben wollen.

Autorin: Ulrike Guérot

Sprache: Deutsch

Genre: Sachbuch

Seiten: 144

Erscheinung: März 2022

Verlag: Westend

ISBN: 978-3-86489-359-9

Über die Autorin: Ulrike Beate Guérot (Jahrgang 1964) ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Nach dem Abitur studierte sie zuerst am Institut d’études politiques de Paris, später in Bonn an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität und promovierte 1995 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Guérot war als Direktorin für Kommunikation bei der Association for the Monetary Union of Europe (1995 bis 1996 ) tätig und in Paris als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Organisation Notre Europe (Jacques-Delors-Institut).

Von 1998 bis 2000 war sie in den USA an der Paul H. Nitze School for Advanced International Studies der Johns Hopkins University Juniorprofessorin. Anschließend leitete sie für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin die „Programmgruppe Europa“ und unterrichtete an der INSEAD Business School in Singapur.

2014 gründete sie das European Democracy Lab, eine Denkfabrik zum Neudenken von Europa. Ihr 2016 veröffentlichtes Buch „Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie“ wurde ein europäischer Bestseller. Seit Ende 2021 hat Ulrike Guérot die Professur für Europapolitik an der Universität Bonn inne. Einer der Forschungsschwerpunkte von Ulrike Guérot ist die Entwicklung von Konzepten zur Zukunft des europäischen Integrationsprozesses. Außerdem ist sie Co-Direktorin des CERC (Centre Ernst Robert Curtius).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Jon Tyson (Unsplash.com) und Westend Verlag

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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