Das Untier: Am Ende einer durch und durch pornografischen Epoche

Ich konnte nicht einschlafen und so versuchte ich, mir einige frische Gedanken zu notieren, die eventuell für den Sittenroman taugen, an dem ich seit zwanzig Jahren arbeite. Im Sittenroman ist der Held immer ein Paria, ein von der kranken Gesellschaft Ausgestoßener. Allerdings ist der Sittenroman als Gattung ausgestorben. In ihm hat man sich bemüht, das Aroma einer Epoche einzufangen, es dem Leser sozusagen schmackhaft zu machen. Flauberts „Madame Bovary“ (1) ist einer, Zolas „Nana“ (2) und im weiteren Sinne auch Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, um nur einige zu nennen (3).

Wie schmackhaft ist das Aroma unserer Zeit, was zeichnet das Ende der Zivilisation, an dem wir so fleißig werkeln, im Kern aus? Wonach duftet es, wenn man dieser faulenden Geschwulst überhaupt noch so etwas wie einen Duft zubilligen will? Gestank, ja, das trifft es wohl eher. Außerdem, und das ist das eigentliche Merkmal unserer Epoche, präsentiert sie sich durch und durch pornografisch.

Alle Zeitalter hatten pornografische Züge, aber durch und durch? Nein. Das bleibt uns vorbehalten. Ob Politik, Wirtschaft, Sport, Unterhaltungs- und Freizeitindustrie, Debattenkultur, Demokratieverständnis, ja selbst große Teile der Kulturszene: versifft, haltlos, brutal, egoistisch, bar jeder Vernunft und bar jedes Wertekanons – pornografisch eben.

Und an den Schalthebeln dieser Geschichte sitzen Menschen, deren Herz im spirituellen Sinne auf die Größe einer vertrockneten Erbse geschrumpft ist und die Empfindungen ausschließlich dann zu zeigen vermögen, wenn man ihnen den kleinen Finger ritzt oder so.

Unserer pornografischen Epoche liegt eine Entwicklung zugrunde, die sich in der Menschheitsgeschichte von Anfang an aufgebaut hat und die wie ein reißender Strom über alle humanistischen Ideale hinweggefegt ist. An seinen Ufern liegen die Leichen unzähliger Mahnwesen, die der Schlammlawine unserer Zivilisation zum Opfer gefallen sind. Der Schriftsteller Ulrich Horstmann (4) hat in seinem Buch „Das Untier“ meiner Meinung nach eine sehr überzeugende Erklärung dafür gefunden:

(…) Wir Untiere wissen es längst, und wir wissen es alle. Hinter dem Parteiengezänk, den Auf- und Abrüstungsdebatten, den Militärparaden und Anti-Kriegsmärschen, hinter der Fassade des Friedenswillens und der endlosen Waffenstillstände gibt es eine heimliche Übereinkunft, ein unausgesprochenes großes Einverständnis: daß wir ein Ende machen müssen mit uns und unseresgleichen, so bald und so gründlich wie möglich – ohne Pardon, ohne Skrupel und ohne Überlebende. Was sonst trüge das, was das Untier nennt, wenn nicht die Hoffnung auf die Katastrophe, den Untergang, das Auslöschen der Spuren. Wer könnte eine sich Jahrtausend und Jahrtausend fortsetzende Litanei des Hauens, Stechens, Spießens, Hackens, die Monotonie des Schlachtens und Schädelspaltens, das Om mani padmehum der Greuel ertragen, ja seinerseits nach Kräften befördern, der nicht zugleich in der Heimlichkeit seiner Vernunft gewiß wäre, daß diese rastlosen Übungen ihn und seine Gattung Gemetzel um Gemetzel, Schlacht um Schlacht, Feldzug um Feldzug, Weltkrieg um Weltkrieg unaufhaltsam jenem letzten Massaker, jenem globalen Harmageddon näherbringen, mit dem das Untier seinen Schlußstrich setzt unter die atemlose Aufrechnung sich fort- und fortzeugenden Leids.

Zurück zu meinem Sittenroman. Die Arbeit an ihm ist längst aus dem Ruder gelaufen. Er ist zu einer unendlichen Geschichte mutiert, die ich mit immer neuen Informationen mäste. Längst bin ich vom Schreiber zum Sammler geworden. Zum Glück habe ich mir für das ambitionierte Werk kein Limit gesetzt, weder zeitlich noch was den Umfang betrifft.

Zum Glück? Ein Roman ist ein wildes Tier, das es rechtzeitig zu bändigen gilt. Das habe ich in diesem Fall versäumt. Also muss ich wohl damit leben, dass mein Projekt zu scheitern droht. Gelegentlich werfe ich einen Blick in das angeschwollene Archiv. Ich zapfe es auch an, um meiner journalistischen Arbeit mit der einen oder anderen Anleihe Seriosität und Stabilität zu verleihen.

Eben zum Beispiel fand ich den folgenden Auszug aus der Schrift „Dschong lun“, eine konfuzianische Rechtfertigung der Diktatur aus der Han-Zeit (2. Jahrh. n. Chr.), die der chinesische Staatsmann Tsui Schi verfasst hatte (5). Sie lässt sich perfekt auf die heutige Situation übertragen:

„(…) Unordnung im Staate kommt gewöhnlich daher, wenn im Laufe langer Friedenszeiten die Sitten sich unmerklich verschlechtern und die Regierung schrittweise in Verfall gerät, ohne dass man sich zu Reformen aufrafft. Regierung und Staatsautorität sind heute angefault und ein Spielzeug geworden. In allen Kreisen herrschen Nachlässigkeit und Zügellosigkeit. Die Sitten sind heruntergekommen und verderbt. Das Volk befindet sich in Gärung. Aber mit bloßer Ausbesserung der Risse, Bekämpfung von Verderbnis und Irrlehre ist es allein nicht getan. Die heutige Lage erfordert einschneidende Maßnahmen. Aber heute hat der Lenker des Staatswagens die Zügel zur Erde gleiten lassen. Die vier Hengste haben ihr Gebiss abgestreift und rennen quer. Die erhabene Bahn neigt sich zum Abgrund. Da kommt man nicht einfach mit den Lehren einfacher Moralweisheit aus, sondern man muss zu diktatorischen Maßnahmen greifen. Die anständige Gesinnung muss durch doppelt hohe Prämien ermuntert, das Verbrechen durch einschneidende Strafen abgeschreckt werden.“

Geschichte wiederholt sich. Den Zombies unter uns, die ca. tausend bis dreitausend Jahre leben, muss das todlangweilig vorkommen …


Quellen und Anmerkungen

(1) Madame Bovary ist ein Roman des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert (1821 bis 1880). Das Werk zählt wegen der seinerzeit neuartigen realitätsnahen Erzählweise zur Weltliteratur. Der Roman wurde 1856 in einer gekürzten Fassung zuerst in der Zeitschrift „La Revue de Paris“ veröffentlicht. Flaubert wurde in der Folge unter anderem der „Verherrlichung des Ehebruchs“ beschuldigt und von der Zensurbehörde wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ angeklagt. In dem sich anschließenden Prozess wurde Flaubert freigesprochen. Die vollständige Romanfassung erschien als Buch 1857 im Verlag Lévy Frères in Paris.

(2) Der französische Naturalist Émile Zola (1840 bis 1902) verfasste seinen Roman „Nana“ 1880. Das Werk thematisiert die Natur- und Sozialgeschichte der französischen Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich. Zola wollte den Verfall der Gesellschaft durch das promiskuitive Treiben der vornehmen Gesellschaft darstellen. Er beschrieb aber nicht nur die Verdorbenheit und Dekadenz der Protagonistin, sondern auch die der oberen Gesellschaftsschicht.

(3) Der Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist nicht nur das Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers und Theaterkritikers Robert Musil (1880 bis 1942), sondern wird zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt. Der Roman, der in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie spielt, erschien ab 1930 in drei Bänden. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein junger Intellektueller, der sich auf der Suche nach sinnvoller und ihn ausfüllender beruflicher und privater Existenz befindet. Musil bezeichnet die in überkommenen Strukturen erstarrte, spannungsgeladene und dem Untergang geschäftig entgegentaumelnde k. u. k. Monarchie als „Kakanien“. Seine Titelfigur wird zum „Mann ohne Eigenschaften“, indem sie sich zu nichts ernsthaft bekennen mag. Sie entzieht sich jeder Festlegung im eigenen Leben, immer offen für neue Optionen und Konstellationen.

(4) Ulrich Horstmann (Jahrgang 1949), der auch unter den Pseudonymen Horst-Ulrich Mann und Klaus Steintal publiziert, ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Er studierte an der Universität Münster Anglistik und Philosophie. Horstmann promovierte 1974 und habilitierte mit einer Studie über Ästhetizismus und Dekadenz 1983. Seine apokalyptische Abhandlung „Das Untier“ (erschienen im Wiener Medusa-Verlag 1983) machte ihn bekannt. Entgegen dem friedensbewegten Zeitgeist der damaligen Jahre vertrat Horstmann eine diametral entgegengesetzte philosophische Position. Als (quasi finaler) Zielpunkt der Kulturgeschichte sah er die mögliche Selbstauslöschung der Menschheit mithilfe der angehäuften Atomwaffen. „Das Untier“ – Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. (2004, 1999, 1985–1998, 1983 – ist als PDF im Netz verfügbar auf https://untier.de/wp-content/uploads/Ulrich-Horstmann-%E2%80%93-Das-Untier.pdf (abgerufen am 12.6.2022).

(5) Franz Kuhn: Das Dschong lun des Tsui Schi. Eine konfuzianische Rechtfertigung der Diktatur aus der Han-Zeit (2. Jahrh. n. Chr.). Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften. Jahrgang 1914. Philosophisch-Historische Klasse. Nr. 4. Berlin: Königl. Akademie der Wissenschaften, 1914). Auf https://china-bibliographie.univie.ac.at/2012/05/02/kuhn-das-dschong-lun-des-tsui-schi (abgerufen am 12.6.2022).


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck wurde unter dem Titel „Am Ende einer durch und durch pornografischen Epoche“ auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.


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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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