Das andere Ich: Die Verlagerung des Lebens ins Virtuelle und die Folgen

Teile unseres Lebens verlagern sich in digitale, virtuelle Welten. Die Identität erweitert sich; oder eher: verändert sich. Viele Informationen werden heute online erfasst, wie dein Aufenthalt durch Smartphone-Nutzung, Fotos durch das Teilen bei Instagram, deine Vorlieben durch Online-Einkäufe, Beziehungsmuster durch „Freunde“ bei Facebook und vieles, vieles mehr.

Firmen wie Google arbeiten daran, diese Entwicklung weiter voranzutreiben. Sogar die Verschmelzung von realer Realität und Virtuellem, von Mensch und Maschine ist ein Ziel.

Die Sammlung und Auswertung all dieser Daten ermöglicht deine virtuelle Identität bei Facebook und bessere Suchergebnisse bei Google. Wer hatte jemals so viele „Freund*innen“, war so gut „informiert“? Und alles kostenlos, alles nur für dich? Die Verlagerung des Lebens ins Virtuelle ermöglicht es dir, anders zu sein. Umfragen nach reden Menschen mehr als doppelt so oft über sich selbst, wenn sie online sind, als wenn sie sich ‚face-to-face‘ unterhalten. Du musst mir nicht ins Gesicht sehen, wenn du mit mir redest. Also eine super Sache für eine schüchterne Person oder jemanden, der sich nicht als schön empfindet?

Alles soll reibungslos, konfliktfrei und effizient sein. Die Vermeidung von Auseinandersetzungen ist Symptombehandlung, die Ursachen von Unsicherheit und Schönheitsidealen beispielsweise werden nicht angegangen. Was in dieser Gesellschaft als schön gilt, definiert die Industrie, um damit Geld zu verdienen. Und es fehlt die Selbstermächtigung im Handeln, damit wir Konflikten aus dem Weg gehen und uns den Verhältnissen wehrlos hingeben.

Diese eigentlichen Probleme können deshalb nur im tagtäglichen Konflikt angegangen werden. Die Logik der Industrie und der Marktwirtschaft muss zerstört werden, wenn wir Schönheit selbst definieren wollen. Um uns selbst ausdrücken zu können, damit ich ich sein kann, braucht es den direkten Kontakt.

Wenn ich bei jedem Problem einfach das Gespräch per Knopfdruck beenden kann, bekommt die Maschine eine ungeheure Macht über mein Handeln, denn mit der Zeit verlerne ich dir direkt zu antworten, dir manchmal auch die Stirn zu bieten, auch mal was auszuhalten und vor allem auch Empathie zu üben. Empathie aber ist notwendig, um uns zu verstehen, zu fühlen und gegenseitig zu unterstützen.

Außerdem verschenke ich Teile meiner selbst. Anbieter wie Google oder Facebook verwenden meine Daten, um daraus Gewinn zu erwirtschaften und umfassende Kategorisierungen von Menschen zu organisieren. Erzähle ich unbekannten Leuten, mit wem ich was kommuniziere, wo ich mich bewege und lege meine Fotos auf die Straße, sodass alle mal gucken können?

Genau das machen diese Konzerne und ich gebe die Kontrolle über mein eigenes Leben ab. Die Entscheidung darüber, welche Dinge meines Lebens bei mir bleiben oder mit wem ich was teilen möchte, gebe ich ab.

In unserer Gesellschaft nehmen Konzentrationsschwierigkeiten, Bindungsprobleme, Depressionen und psychische Not enorm zu. Auch das nützt der totalen Abhängigkeit. Aber was, wenn der Strom ausfällt? Oder was, wenn Google beschließen sollte, all die Informationen über dich gegen dich zu nutzen?

Wenn ich selbstbestimmt sein will, wenn ich würdevoll durch das Leben gehen möchte, wenn ich frei sein möchte, dann müssen die Strukturen der entfremdeten Herrschaft abgeschafft werden. Die Kraft ergibt sich aus direkten Beziehungen, aus der alltäglichen Auseinandersetzung. Die Freiheit ist nichts ohne Selbstorganisierung, deren Grundbedingung die Autonomie des Einzelnen ist.

Jede*r muss möglichst viel selbst bestimmen können, um sich auf Augenhöhe mit anderen zusammentun zu können. Die Strukturen der Herrschaft, besonders auch der digitalen Vollkontrolle, stehen dem absolut gegenüber. Bleibt dann, sich zu entscheiden: Will ich meine Selbstbestimmung ausweiten, muss ich mich manchem verweigern, Feinde der Freiheit angreifen und Beziehungen üben, die nicht auf Unterwerfung oder Ausbeutung beruhen.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag „Das andere Ich: Die Verlagerung des Lebens ins Virtuelle und die Folgen“ wurde von einem anonymen Autor verfasst. Er erschien erstmals in SHITSTORM – Anarchistische Zeitung Berlin (Januar 2019 – #3), wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über die fortschreitende Entfremdung zu ermöglichen, die durch die digitale Revolution und die Verlagerung von Beziehungen und Kommunikation in den virtuellen Raum angetrieben wird. Einzelne Abschnitte wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


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