Stalingrad: Die Stadt, die heute anders heißt

Wie alles, was in den Turbulenzen eines Krieges entsteht, hat auch dieses Stück einzigartiger Literatur sehr lange gebraucht, bis es einem größeren internationalen Publikum in einem Zeitraum namens „Danach“ zugänglich werden konnte.

Wassili Grossman, dessen zweiter Band „Menschen und Schicksale“ längst gelesen und rezipiert worden war, hatte den ersten Band mit dem Titel bedacht, der zumindest für einen Deutschen bis heute einen Moment des schaurigen Innehaltens auslöst und für einen Russen den Glauben an sich selbst bestärkt: Stalingrad.

Grossman hatte sich als Berichterstatter vor Ort aufgehalten und im Jahr 1942 beim Angriff auf Stalingrad, der Stadt, die den Krieg entscheiden sollte, einen Fortsetzungsroman begonnen, der in verschiedenen Journalen erschien, die auch von den russischen Soldaten gelesen wurden.

Mosaike strategischer Überlegenheit

Auf über 1200 Seiten suchte Grossmann die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Krieg, auf die Verhältnisse eines Landes, das sich an einem großen historischen Projekt wähnte und die tatsächlichen Veränderungen in dem Leben der einzelnen Glieder. Sehr präzise werden die unterschiedlichen Sichtweisen geschildert und minutiös die Veränderungen untersucht, die in das Leben der verschiedenen sozialen Schichten dieser Sowjetunion Einzug gefunden hatten.

Wassili Grossman: Stalingrad (Quelle: Gerhard Mersmann/YouTube)

Ohne mit dem Zeigefinger zu sehr auf den Zusammenhang von positiver gesellschaftlicher Umgestaltung, die vielen Bürgerinnen und Bürgern einen Zugang zu qualifizierten Berufen bot, die Bildung jedermann zugänglich machte, die eine medizinische Versorgung garantierte, die gigantischen Karrieren den Weg ebnete etc. hinzuweisen, werden in diesem monumentalen Werk die kleinen Mosaike sichtbar, die die Basis für die strategische Überlegenheit einer an Technik und Militärressourcen unterlegenen Nation garantierten.

Die wenigen Schlaglichter, die Grossman in Stalingrad auf die deutsche Seite wirft, zeugen von einem scharfen Blick – sowohl auf Hitler und das ihn umgebende Personal als auch auf die Offiziere und Soldaten, die scheinbar ohne Unterbrechung immer weiter nach Osten in die Sowjetunion vordringen.

Wer Hinweise auf propagandistische Überzeichnung erwartet, muss sich enttäuscht abwenden. Denn so wenig Grossman die tatsächlichen Lebensverhältnisse auf russischer Seite glorifiziert, so wenig verteufelt er die deutsche Seite in toto.

Obwohl er die Psychopathie und den imperialen Irrsinn der Protagonisten grandios erfasst, wird sein Blick nicht eingeengt. Denn dort, auf dieser Seite, gibt es sie, die Individuen, die unter dem Wahn der nationalistischen und rassistischen Überhebung leiden und daran scheitern.

Auf Leben und Tod

Stalingrad ist ein Konvolut von Einzelaspekten aus dem Leben in der Sowjetunion, das in seiner Fülle einen Eindruck von dem Gefühl vermittelt, dass durch den Angriff auf dieses Land bei seinen Bewohnerinnen und Bewohnern ausgelöst wurde. Die Gewissheit, nicht nur einen Kampf auf Leben und Tod führen zu müssen, sondern auch das Bewusstsein, an einem Projekt zu arbeiten, das der Menschheit eine Alternative zu der sich immer wieder ereignenden imperialistischen Zerstörung und Versklavung bietet. Grossmans Schilderungen machen deutlich, wo der Schlüssel zu suchen war, der den Krieg entschieden hat.

Dass die Sieger Geschichte schreiben, ist bekannt. Und dass so manches, was den Krieg entschieden hat, selbst von den Siegern hinterher nicht geschätzt wird, ist keine neue Erkenntnis. In Wassili Grossmans Stalingrad-Dilogie geht es um Menschen, Schicksale und es wird die eigentliche Schlacht um Stalingrad geschlagen. Aber es werden auch die restaurativen Züge beschrieben, die letztendlich den strategischen Vorteil der eigenen Seite konsequent zerstörten, was wohl für die Person des Autors das weitaus schlimmere Schicksal war als die Malaisen um die Veröffentlichung der verschiedenen Bände des Romans. Das Gute entscheidet die Schlacht und das Böse schreitet im Lorbeerkranz umher.

Wer den Namen der Stadt, die heute anders heißt, die jedoch aus der Geschichte nicht mehr wegzudenken ist, entzaubern will, und wer ein Interesse daran hat, die gängige Geschichtsschreibung zu entlarven, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Informationen zum Buch

Stalingrad

Autor: Wassili Grossman

Mitarbeit: Jochen Hellbeck und Robert Chandler

Übersetzung: Christiane Körner, Maria Rajer und Andreas Weihe

Genre: Roman

Sprache: Deutsch

Seiten: 1280

Erscheinung: November 2021

Verlag: Claassen Verlag

ISBN: 978-3-546-10013-7

Wassili Grossman mit der Roten Armee in Schwerin 1945. (Foto: Keith Gessen; Fair use)
Wassili Grossman mit der Roten Armee in Schwerin 1945. (Foto: Keith Gessen; Fair use)

Über den Autor: Wassili Semjonowitsch Grossman (1905 bis 1964) war Journalist und Schriftsteller. Er wurde im Süden der heutigen Ukraine geboren. Grossman studierte in Moskau Chemie und schrieb nebenher Kurzgeschichten. Erst später, Grossman war als Ingenieur im Donezbecken tätig, wurden die Schriftsteller Maxim Gorki und Michail Bulgakow durch die Kurzgeschichte „In der Stadt Berditschew“ auf ihn aufmerksam und ermutigten ihn, zu schreiben. Etwa Mitte der 1930er-Jahre gab Grossman seinen Beruf auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmeten.

Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 meldete sich Grossman, der vom Einsatz in der Roten Armee freigestellt war, freiwillig zur Front. Dort verbrachte er mehr als 1000 Tage. Grossmann wurde Kriegsreporter und schilderte die Ereignisse, darunter die Schlachten um Moskau und Stalingrad, die Schlacht im Kursker Bogen und die Schlacht um Berlin.

Grossman verfasste außerdem dokumentarische Berichte unter anderem über die Konzentrations- und Vernichtungslager Treblinka und Majdanek. Sein 1944 veröffentlichter Artikel „Die Hölle von Treblinka“ wurde während der Nürnberger Prozesse als Dokument der Anklage verbreitet. Sein Roman „Dies Volk ist unsterblich“ wurde 1946 veröffentlicht. Der Roman „Stalingrad“, der auf Grossmanns Kriegserfahrungen basiert, erschien 1950 und wurde später in „Die gerechte Sache“ umbenannt.

Auf Anregung von Albert Einstein begann das Jüdische Antifaschistische Komitee seit Sommer 1943, Dokumente über die Ermordung der Juden auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion zu sammeln, die in einem Schwarzbuch veröffentlicht werden sollten. Politische Instanzen der Sowjetunion brachten immer mehr Einwände gegen das Projekt vor, das auch die Rolle beispielsweise lettischer und ukrainischer Hilfspolizeitruppen oder der rumänischen Behörden beim systematischen Massenmord thematisierte. Stellen, die den politischen Interessen der Sowjetunion beziehungsweise des Stalin-Regimes widersprachen, wurden verkürzt, in Teilen zensiert oder gleich ganz gestrichen.

1947 gelang es Grossman, der die Redaktion des Schwarzbuches von dem Journalisten Ilja Ehrenburg übernahm, den Satz des Buches fertigzustellen. Doch die sowjetische Zensurbehörde verhinderte erst die Fertigstellung des Drucks und ließ schließlich den fertigen Satz zerstören. Die erste vollständige Ausgabe wurde in deutscher Sprache 1994 unter dem Titel „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden“ publiziert. Sie stützte sich vor allem auf die Korrekturfahnen Grossmans von 1946 und 1947. Ausführliche Informationen sind auf der Webseite des Study Center Vasily Grossman unter www.grossmanweb.eu verfügbar.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Fotos und Video: Dmitriy Zotov (Unsplash.com), Gerhard Mersmann und Keith Gessen (6. März 2006); „Under Siege“. The New Yorker. Lizenz: Fair use.

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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