Die Zeit hinter uns

Ich glaube, dass wir alle „entrümpelt“ werden mit der Zeit, bis wir uns nicht mehr als die Person wahrnehmen, für die wir uns so lange gehalten haben. „Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut“, schrieb der Begründer der analytischen Psychologie, C. G. Jung (1875 – 1961) kurz vor seinem Tod. Und weiter schrieb er:

„Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiß nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne. Trotz all der Unsicherheit fühle ich eine Solidität des Bestehenden und eine Kontinuität meines Soseins.“

Keine Vorstellung mehr von sich zu haben, nicht mehr verhaftet zu sein durch Verstand und Intellekt, zu leben, was man im Kern ist, nämlich ein mit allem verbundenes Wesen, welches sich zu Hause FÜHLT – das ist die wahre Befreiung.

All die Zeit hinter uns, als wir Schatten eines Schattens waren, versunken im Schlamm von Ehrgeiz, Meinung, Eitelkeit, Angst und Vorurteil, gleitet dahin wie eine verlorene Badeente auf dem Meer, dessen Tiefgang exakt unserem alten Bewusstsein entspricht.

Quellen und Anmerkungen

(1) Carl Gustav Jung (1875 bis 1961), häufig genannt in der Kurzform C. G. Jung, war ein Schweizer Psychiater. Jung, der ab etwa 1906 eine enge Freundschaft zu Sigmund Freud pflegte und dessen damals noch unpopulären Ansichten unterstützte, gilt als Begründer der analytischen Psychologie. Jung war ab 1908 als Redakteur des „Internationalen Jahrbuches für psychoanalytische und psychopathologische Forschung“ tätig und von 1910 bis 1914 Präsident der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“. Unterschiedliche Interpretationen und fachliche Positionen, die in einem Streit zwischen Jung und Freud gipfelten, führten 1913 zum Ende der Freundschaft.

Carl Gustav Jung 1935. (Foto: ETH-Bibliothek, gemeinfrei)
Carl Gustav Jung etwa 1935. (Foto: ETH-Bibliothek, gemeinfrei)

Anschließend startete Jung ein Selbstexperiment, das später als „Auseinandersetzung mit dem Unbewussten“ bekannt wurde. Er unternahm mehrere Reisen wie zum Beispiel zu den Pueblo-Indianern Neu-Mexikos, in die Oasenstädte Nordafrikas und in die Buschsavanne Ostafrikas. Über viele Jahre hielt er seine Fantasien als Notizen und Skizzen in schwarzen Notizbüchern fest.

Seine Aufzeichnungen überarbeitete er, ergänzte sie mit Reflexionen und übertrug sie zusammen mit Illustrationen in ein rot gebundenes Buch. Diesem gab er den Titel „Liber Novus“. Das „Rote Buch“, das zwischen 1914 bis 1930 entstand, wurde erstmals der Öffentlichkeit 2009 im Rubin Museum of Art in New York zugänglich gemacht.

Auf Basis der inneren Erlebnisse bei seiner Konfrontation mit dem Unbewussten entwickelte Jung später seine Theorien. Durch seine Arbeit mit Patienten und durch die gesammelten Eigenerfahrungen gelangte C. G. Jung zur Überzeugung, dass das Leben einen spirituellen Sinn haben muss, welcher über den materiellen Bereich hinausweist.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Joyce McCown (Unsplash.com) und unbekannter Urheber (Gemeinfrei). Hinweis: Das Bild von C. G. Jung stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH veröffentlicht.

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Ein Gedanke zu “Die Zeit hinter uns”

  1. Hier meine Überlegungen, die mir beim lesen des Beitrags mit dem Titel „Die Zeit hinter uns“ von Dirk C. Fleck in den Sinn kamen:

    Unsere Welt befindet sich in einem unser gesamtes Mensch-Sein umfassenden Umwälzungsprozess.

    Mit Weisheit können wir das Sinnvolle und das Nützliche einleiten. Bildung und Wissenschaft hat seit je her mehrere Funktionen erfüllt. Sie wird zur Produktivkraft, wenn sie die Effektivität menschlicher Tätigkeit erhöht. Wissenschaftsfortschritt als Kulturfortschritt bedeutet Erweiterung des Erklärungs-, Vorhersage- und Gestaltungspotentials der Wissenschaft, das durch Bildung weiter gegeben werden kann und muss. Zur Humankraft wird Wissenschaft dann, wenn sie die Grundlagen für die Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der Weiterexistenz und Weiterentwicklung der Menschheit dienen.
    Überaus viele Inhalte im Sinne gesellschafts- und naturwirklicher Notwendigkeiten gilt es zu durchdenken, zu diskutieren und zu bearbeiten, um das produktive Potential der Gesellschaft zu erschließen. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass das produktive Potential sowohl zum bewahren als auch zum beenden eingesetzt werden kann.
    Mathematisch kann zum Beispiel berechnet und bemessen werden, wie lange ein Herzschrittmacher funktioniert, aber auch dass eine Mittelstreckenrakete pünktlich ihr Ziel erreicht.
    Die Astronomie lässt uns erkennen, dass das Universum sowohl unendlich groß als auch unendlich klein ist. Und das bedeutet, dass die Menschen zwar immer tiefer in das jeweils bisherige Sein vordringen, aber niemals alles erkennen und benutzen können.
    Physikerinnen und Physiker weisen nach, dass sich alles Materielle ununterbrochen durch Stoff- und Energiewechsel bewegt und dabei ständig Information überträgt. Darum müssen wir Menschen beachten, dass das was gestern war und was heute ist, sich morgen verändert.
    Chemisch lassen sich Stoffe analysieren und neu synthetisieren, die sowohl nützlich aber auch gefährlich sein können.
    In der Biologie wird nachgewiesen, dass die Menschen aus materiellen Strukturen bestehen und nur mittels deren Funktionalität leben können.
    In der Psychologie wird dem nach gegangen, dass Wahrnehmung und Erfahrung sowohl die Empfindung als auch den Verstand eines Menschen bestimmen. Wahrnehmungen und Erfahrungen können sowohl Freude machen als auch Leid bringen.
    Soziologie untersucht warum das Zusammenleben der Menschen einerseits füreinander und andererseits gegeneinander verläuft. Und die Soziologinnen und Soziologen versuchen zwischen dem jeweiligen Minimum beziehungsweise Maximum das Optimum aufzuzeigen.
    Das alles zeigt auf, dass alles zwei Seiten hat und es zeigt auch auf, dass man sein Leben mit Schaffensfreude und Wahrheitsliebe pflichtbewusst, umsichtlich und auf der Suche nach Gerechtigkeit gestalten sollten.
    Im konstruktiven Miteinander finden wir die Stärke, um das Sinnvolle und das Nützliche erarbeiten zu können. Unser menschliches Mit- und Füreinander fordert wahrhaftig demokratische Verhältnisse, die es allen ermöglicht ihr Leben selbst zu gestalten und ihre eigenen Lebensentwürfe verwirklichen zu können. Nur so werden die schöpferischen Potenzen aller auch allen Nutzen bringen.
    Humane Daseinsbedingungen sind in zunehmendem Maße nur durch das aktive Wirken, durch die organisierte und koordinierte Teilhabe vieler, wenn nicht aller Menschen zu realisieren. Darum müssen sich die demokratischen Verhältnisse auf den Ebenen der Grundwerte, der kulturvollen Lebensweise, der politischen Lenkung und Leitung und der Erwirtschaftung der materiellen Grundlagen weiterentwickeln.
    Staatliche Institutionen müssen dienstleistende Verwaltungsorgane werden. Steuern und Abgaben müssen dort, wo man sie erarbeitet, für das Nützliche investiert, für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und für kulturelle Bedürfnisse der Einzahlenden ausgegeben werden.
    Bildung sollte in ihren Zielstellungen darauf gerichtet sein, dass jeder Mensch seine Begabungen und Talente erkennen und den auf deren Grundlage entstehenden Neigungen im Lernprozess nachgehen kann.
    Sowohl in der Natur als auch in unserem kreativen Wirken entdecken wir die Schönheit des Sinnvollem und des Nützlichem. Unbedingt muss in unserem Tun und Handeln beachtet werden, dass die menschliche Gesellschaft ein Teil des Ökosystems Erde ist. Leben kann ein Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm lebensnotwendiger Weise zu erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt.
    In Ökosystemen geschieht Gleichwertiges durch Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern, wobei jedes in die ökologischen Kreisläufe integrierte Lebewesen sowohl den Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden kann.
    In diesen Systemen und selbstverständlich auch im gesamten Ökosystem Erde in dem auch wir Menschen leben, werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird.
    Von Menschen nicht genutzte Ökosysteme passen sich spontan an die sie bestimmenden äußeren Bedingungen im Rahmen der sie bewirkenden und durch sie selbst mitverursachten Auf- und Abbauprozesse an und bewegen sich erhebend, verkomplizierend und ihre Existenz bewahrend, solange es eben die vorhandenen äußeren und inneren Bedingungen zulassen.
    Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und sich mit harmonisch verlaufenden Wirtschaftskreisläufen in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert eingliedern.

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