Tabu gebrochen: 2034 – A Novel Of The Next World War

Lange war es Tabu, sich mit dem öffentlichen Durchspielen eines Atomkrieges zu befassen. Nicht, dass in den verschiedenen Thinktanks und Universitäten, die sich mit den Aufträgen des militärisch-industriellen Komplexes ein mächtiges Zubrot verdienen, schon seit langem Szenarien durchgespielt werden, wie es denn aussähe, wenn zumindest mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen eine geopolitische Auseinandersetzung geführt würde. Und so wie man hört, sind die Optionen nicht sonderlich gut für das westliche Imperium.

Und die Frage, die in jenem Kreis der Krieg als reale Option anerkennt, virulent bleibt, ist dennoch nicht mehr das „Ob“, sondern das „Wann“.

Der ehemalige 4-Sterne-Admiral der US-Navy, Jim Stavridis, hat etwas gemacht, was Menschen seines Rangs und seiner Profession in der Regel nach dem aktiven Dienst vermeiden. Er hat zusammen mit dem Schriftsteller Elliot Ackerman einen richtigen Thriller zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt geworfen und zumindest im anglofonen Sprachraum für mächtig Aufregung gesorgt.

Das atomare Kriegsbeil

Das Buch trägt den Titel „2034 – A Novel Of The Next World War“. Mit seiner gesamten militärischen Erfahrung und der Thriller-Komposition des Co-Autors hat er mit dem Tabu, einen begrenzten Atomkrieg überhaupt öffentlich zu thematisieren, gebrochen und einer zivilen Leserschaft so die Möglichkeit gegeben, sich auszumalen, was passieren kann, wenn die großen Mächte dieser Welt in der Zeit von mächtigen Verschiebungen auf die Idee kommen, das atomare Kriegsbeil auszugraben.

Admiral James Stavridis und Eliot Ackerman: 2034. A Novel Of The Next World War (Quelle: YouTube/Gerd Mersmann)

Und es ist realistisch und korrespondiert mit den geheimen Planspielen, die angestellt werden, dass der Konflikt im südchinesischen Meer entsteht, in dem es heute bereits ein ständiges Gerangel um Hoheitsgewässer gibt, in der der geostrategische Konflikt zwischen den USA und der Volksrepublik China präsent und wegen der Nähe zu Taiwan virulent ist.

Indien als neue Ordnungsmacht

Dass ein amerikanischer Autor auch in der Fiktion davon ausgeht, dass die chinesische Seite mit den kriegerischen Handlungen beginnt, passt zum Zeitgeist. Dass die Sache dann eskaliert bis hin zu taktischen Atomschlägen auf beiden Seiten, kann – und das ist die bittere Erkenntnis unserer Tage –, als ein durchaus zu akzeptierender Realismus bezeichnet werden.

Das Interessante bei dem furchtbaren Spiel sind nicht nur die militärtechnischen Aspekte und die damit verbundenen verheerenden Verluste auf beiden Seiten, sondern auch und vor allem die daraus entstehende geopolitische Konstellation.

Russland findet kaum statt, Europa gar nicht, dafür aber neben den Rivalen China und den USA vor allem Indien und der Iran. Es kristallisiert sich eine Weltordnung heraus, deren Konturierung durch den Einsatz der taktischen Atomwaffen beschleunigt wird, in der China an Bedeutung verliert, die USA als Schatten früherer imperialer Herrlichkeit als Elendszone dahinvegetieren und Indien als eine neue Ordnungsmacht aufscheint.

Die USA als Verlierer

Admiral James Stavridis ist zu bescheinigen, dass er sowohl die verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung als auch das sich verändernde Standing der beteiligten Staaten so beschreibt, wie es einem Mann mit seinen Kenntnissen entspricht und was sich deutlich unterscheidet von den bellizistischen Elogen (1) so mancher Journalisten in den gegenwärtigen Krisen. Das alleine ist eine Lektion, der man sich nicht entziehen sollte.

Dass er zudem auch die Rolle des US-amerikanischen Imperiums als möglichen Verlierer zulässt, zeugt von großem Mut und dokumentiert, wie viel Rationalität zuweilen in Militärkreisen zugegen ist, ganz im Gegensatz zu einer vom eigenen Moralismus geblendeten Zivilgesellschaft.

Leider existiert bis jetzt nur eine englischsprachige Ausgabe, eine deutsche wäre dringend erforderlich. Die Lektüre ist auf jeden Fall unbedingt zu empfehlen.


2034. A Novel of the next Wolrd War. (Buchcover: Penguin Random House)

Informationen zum Buch

2034 – A Novel Of The Next World War

Autoren: Elliot Ackerman und James Stavridis

Genre: Thriller (Military Fiction)

Sprache: Englisch

Seiten: 320

Erscheinung: 2021

Verlag: Penguin Press

ISBN-13: 978-1-984-88125-0


Über die Autoren

James Stavridis

James „Jim“ George Stavridis (Jahrgang 1955) war über dreißig Jahre in der US-Marine und stieg bis in den Rang eines Vier-Sterne-Admirals auf. Auf See befehligte er einen Navy-Zerstörer, ein Zerstörergeschwader und eine Flugzeugträger-Kampfgruppe. Später hatte er unter anderem die Führung über das US-Südkommando inne, wo er die militärischen Operationen in Lateinamerika leitete. Von Juli 2009 bis zu seiner Pensionierung im Mai 2013 war er Supreme Allied Commander Europe (Deutsch: Alliierter Europa-Oberkommandierender) der NATO.

Stavridis promovierte im US-Bundesstaat Massachusetts an der „Fletcher School of Law and Diplomacy“ der Tufts University, wo er rund fünf Jahre als Dekan tätig war. Während seiner militärischen Laufbahn erhielt Stavridis 50 Auszeichnungen, darunter 28 von ausländischen Nationen. Als Autor veröffentlichte mehrere Bücher, darunter zusammen mit Elliot Ackerman „2034 – A Novel Of The Next World War“, ein Military Fiction Thriller über den nächsten Weltkrieg.

Stavridis ist Chefanalyst für internationale Fragen bei NBC News und mitwirkender Redakteur des TIME Magazine. Derzeit ist er stellvertretender Vorsitzender für globale Angelegenheiten und Geschäftsführer der Carlyle Group. Seit 2018 ist Stavridis Mitglied des Kuratoriums der Rockefeller Foundation. Im Juni 2021 wurde er Vorsitzender des Gremiums.

Elliot Ackerman

Elliot Ackerman (Jahrgang 1980) ist Autor der von der New York Times als Bestseller geführten Romane 2034, Red Dress In Black and White, Waiting for Eden, Dark at the Crossing und Green on Blue sowie der Memoiren Places and Names: On War, Revolution and Returning. Seine Bücher wurden unter anderem für den National Book Award, die Andrew Carnegie Medal für Belletristik und Sachbücher und den Dayton Literary Peace Prize nominiert.

Ackerman studierte Literatur und Geschichte an der Tufts University und schloss sein Studium 2003 ab. Er hat einen Master-Abschluss in International Affairs an der Fletcher School of Law and Diplomacy erworben, außerdem absolvierte mehrere Trainingskurse des US-Militärs für Sondereinsätze.

Ab 2003 war er acht Jahre als Soldat bei der Marineinfanterie (United States Marine Corps) und hatte Einsätze im Irak und in Afghanistan. Er wurde ausgezeichnet mit dem Silver Star (besondere Tapferkeit), dem Bronze Star for Valor (herausragende Leistungen im Kampfeinsatz) und mit dem Purple Heart (Verwundetenabzeichen). In den Jahren 2012 und 2013 war er Mitarbeiter der Obama Administration. Heute lebt Ackerman überwiegend in New York City und Washington, D.C.

Quellen und Anmerkungen

(1) Der Begriff Eloge steht für überschwängliches Lob oder auch eine Lobrede.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Fotos und Video: Ye Junhao (Unsplash.com), Penguin Random House und Gerhard Mersmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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