Redesign: Wahre Vernetzung findet nicht über Bits und Bytes statt

Ich glaube, dass wir alle „entrümpelt“ werden mit der Zeit, bis wir uns nicht mehr als die Person wahrnehmen, für die wir uns so lange gehalten haben.

„Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut“, schrieb C. G. Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, kurz vor seinem Tod (1). Und weiter:

„Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiß nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne. Trotz all der Unsicherheit fühle ich eine Solidität des Bestehenden und eine Kontinuität meines Soseins.“

Carl Gustav Jung 1935. (Foto: ETH-Bibliothek, gemeinfrei)
Carl Gustav Jung 1935. (Foto: ETH-Bibliothek, gemeinfrei)

Keine Vorstellung mehr von sich selbst zu haben, nicht mehr verhaftet zu sein durch Verstand und Intellekt, zu leben, was man im Kern schon immer war, nämlich ein mit allem verbundenes Wesen, welches sich zu Hause fühlt – das ist die wahre Befreiung. Was wir vorher waren, all die Zeit hinter uns, als wir Schatten eines Schattens waren, versunken im Schlamm von Ehrgeiz, Meinung, Eitelkeit, Angst und Vorurteil, hat in der Rückschau den Tiefgang einer verlorenen Badeente auf dem Meer.

Steven Jobs (2), der als Mitbegründer von Apple das Konzept des Homecomputers als auch später die Generationen der Smartphones und Tabletcomputer populär machte, kam nach seiner Krebsdiagnose zu der Erkenntnis, das er sein Leben größtenteils verplempert habe.

Er wurde sich plötzlich bewusst, dass er nicht genügend Zeit investiert hatte, die wahren Schätze des Lebens zu heben, wie Liebe und Mitmenschlichkeit. Besonders seiner Familie gegenüber … Das aus dem Munde eines Mannes, der entschieden dazu beigetragen hat, die Weltgemeinschaft in affenartiger Geschwindigkeit zu vernetzen und digital zu verblenden, was ihm ein geschätztes Privatvermögen von 8,3 Milliarden US-Dollar bescherte.

Vielleicht hat Jobs angesichts des nahenden Todes erkannt, dass wahrer Reichtum nicht am Bankkonto gemessen wird, dass es mehr als Bits und Bytes braucht, um die Menschen einander nahezubringen. Vielleicht ist ihm zu Bewusstsein gekommen, dass die Apple-Welt eine Welt ohne Ehrfurcht ist, dass durch den digitalen Anstrich unsere spirituelle Potenz abgesaugt wird, dass nur noch eine leere, entseelte, eine stumme und tote Welt übrig bleibt.

Die Frage ist, ob ein Gesellschaftskonstrukt, das eine strenge Trennung zwischen Geistigem und Materiellem vollzieht, uns überhaupt noch Heimat sein kann. Ich bin davon überzeugt, dass das eigentliche Wesen eines jeden Menschen nach etwas ganz anderem verlangt. Es möchte in die Welt eingeordnet sein und sich ihr nicht gegenüber gestellt sehen. Es waren die Mystiker, Künstler, Dichter und Philosophen, welche die anthropozentrische Weltsicht immer wieder durchbrachen. Johann Wolfgang Goethe drückte es folgendermaßen aus:

Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,

Im Kreis das All am Finger laufen ließe!

Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,

Natur in sich, sich in Natur zu hegen,

So dass, was in ihm lebt und webt und ist,

Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.

Auffallend ist, dass die Naturverbundenheit indigener Völker in unserer abgewirtschafteten Zivilisation auf immer größeres Interesse stößt. Und das zu einer Zeit, da auch noch ihre Restbestände von der Vernichtungswalze, mit der die kapitale Gier zu Werke geht, überrollt werden. Brasilien ist aktuell nur eines von vielen Beispielen.

Dabei geht es nicht mehr um die Unterwerfung und das gefügig machen indigener Völker, diese Schlacht ist längst gewonnen. Es geht um das Unterwerfen und gefügig machen der Natur: Imperialismus ist beides. In beiden Fällen gilt er dem Fremden, dem Anderssein.

Da wir spirituell entwurzelt sind, haben wir Angst vor allem, was uns unverständlich ist. Diese Angst ist offensichtlich ein Kennzeichen der abendländischen Kultur. Der italienische Philosoph Emanuele Severino (3) behauptete, dass das Abendland zwangsläufig zur radikalsten Angst bestimmt sei.

Auch die Natives in den USA haben die Angst als ein entscheidendes Charakteristikum abendländischer Mentalität erkannt. So schreibt die indianische Schriftstellerin Leslie M. Silko (4) in einem ihrer Romane über die weißen Menschen:

„Sie haben Angst. Sie haben Angst vor der Welt. Sie haben Angst vor sich selbst. Sie werden Angst vor dem haben, was sie entdecken. Sie werden Angst haben vor den Menschenvölkern. Sie töten das, vor dem sie Angst haben …“

Wer sich heute auf das Wissen der Naturvölker beruft, wird oft als nostalgischer Romantiker oder esoterischer Spinner diffamiert. Das ist er nicht. Er ist jemand, dem aus der Erkenntnis, dass es Kulturen gab, die im Einklang mit der Natur gelebt haben, Trost erwächst. So waren wir wohl gemeint, denkt er sich.

Für den modernen Menschen hat der Kosmos seine transzendente Dimension verloren; er ist blind, undurchsichtig und stumm geworden. Er spricht nicht mehr zu uns. Oder besser: wir verstehen seine Sprache nicht mehr. Manche indigenen Völker aber stehen noch in Verbindung mit ihm. Dabei brauchen sie keinen Transmitter. Die Pueblo-Indianer haben nicht einmal ein Wort für Religion. Für sie ist alles beseelt und miteinander verwoben. Wer von uns Geschädigten diese Entdeckung nun ebenfalls macht, tut gut daran, damit nicht hausieren zu gehen, das provoziert nur Widersprüche und Missverständnisse. Lasst uns die Rückkehr ins All-Bewusstsein mit jedem Atemzug genießen. Lasst uns miteinander gesunden.


Quellen und Anmerkungen

(1) Carl Gustav Jung (1875 bis 1961), meist kurz C. G. Jung genannt, war ein Psychiater aus der Schweiz. Jung gilt als Begründer der analytischen Psychologie.

(2) Steven „Steve“ Jobs (1955 bis 2011) gründete 1976 zusammen mit Steve Wozniak und Ron Wayne das Unternehmen Apple. Als unternehmerisch erfolgreich erwies sich das Konzept des Heimcomputers sowie auch die späteren Smartphones und Tabletcomputer. Außerdem war Jobs ab etwa Mitte der 1980er-Jahre maßgeblich an der Einführung und Verbreitung von Personal Computern mit grafischer Benutzeroberfläche beteiligt. Als weitere erfolgreiche Innovationen im Digitalbereich erwiesen sich iTunes Store und das Medienabspielgerät iPod. Jobs war neben seiner langjährigen Funktion als CEO von Apple Inc. auch Geschäftsführer und Hauptaktionär der auf Computeranimationen und 3-D-Computergrafik spezialisierten Firma Pixar Animation Studios und später größter Einzelaktionär der Walt Disney Company.

(3) Emanuele Severino (1929 bis 2020) war ein italienischer Philosoph. Er lehrte an der Universität Venedig. In seinen Überlegungen folgte er dem Identitätsprinzip (auch Satz der Identität genannt). Dieser besagt, dass ein Gegenstand A genau dann mit einem Gegenstand B identisch ist, wenn sich zwischen A und B kein Unterschied finden lässt. Entsprechend könnten alle Dinge ewig sein. Die Methode, durch die Identität erkannt wird, ist der Vergleich. Severino meinte, dass in der Europäischen Philosophie der Nihilismus herrschen würde, da angenommen würde, dass Dinge aus dem Nichts entstehen und auch wieder ins Nichts vergehen können.

(4) Leslie Marmon Silko (Jahrgang 1948) ist eine indianisch-amerikanische Schriftstellerin. Sie studierte Jura an der University of New Mexico und lehrte später an Universitäten in Alaska, New Mexico und Arizona. In ihren Romanen greift sie Motive aus der Erzähltradition der indigenen Völker Nordamerikas und vor allem der Pueblo-Kultur auf. Silko verband Anliegen der Laguna-Spiritualität, wie die Beziehung zwischen den Menschen und den natürlichen Elementen, mit komplexen Darstellungen des zeitgenössischen Kampfes um die Bewahrung der indianischen Kultur in einer angloamerikanischen Welt. Eines ihrer bekanntesten Werke ist der 1977 publizierte Roman Ceremony (Zeremonie), dessen Inhalt mündliche Überlieferungen und zeremonielle Praktiken der Navajo und Pueblo Völker einbezieht.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck wurde unter dem Titel „Die wahre Vernetzung findet nicht über Bits und Bytes statt“ auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Es wurde aktualisiert. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Steve Johnson (Unsplash.com) und ETH-Bibliothek (gemeinfrei)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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