Joseph Déjacque: Nieder mit den Bossen!

In seinem historischen Text, verfasst am Vorabend des Bürgerkriegs in den USA, geht der französische Dichter Joseph Déjacque (1821 bis 1864) auf Macht und Herrschaft und die Diktatur des Proletariats ein. Déjacque schreibt: „Es gibt nur eine revolutionäre Diktatur, nur eine humane Diktatur, nämlich die des Geistes und der Moral. Jeder ist frei, daran teilzunehmen. Es genügt, es zu wollen, um es zu können.“


Nieder mit den Bossen!

Wir leben nicht mehr in den mythischen Zeiten des Saturn, in denen der Vater seine Kinder zerfleischte; noch in der jüdischen Zeit des Herodes, in der eine ganze Generation unschuldiger Kinder abgeschlachtet wurde; was trotz allem nicht verhindern konnte, dass Jesus dem Massaker und Jupiter der Zerfleischung entkam. Wir leben in einer Epoche, in der die Kinder nicht durchs Schwert getötet oder von Zähnen zerrissen werden, und in der es ganz natürlich erscheint, dass die Jungen die Alten beerdigen. Beerdigen wir also alles, was überlebt ist.

Herkules ist tot. Warum sollten wir ihn wieder beleben? Man könnte ihn höchstens galvanisieren. Die Keule ist schwächer als das Schießpulver, das Schießpulver ist schwächer als die Elektrizität, und die Elektrizität ist schwächer als die Idee: Heil jeder gegenwärtigen und zukünftigen Idee!

Die Autorität hat die Menschen so lange regiert, sie hat so sehr von der Menschheit Besitz genommen, dass sie ihren Geist völlig besetzt hat. Auch heute ist es schwierig, sie anders als in Gedanken zu unterminieren. Jeder der Zivilisierten ist für sie eine Festung, die unter der Obhut von Vorurteilen sich der Freiheit, diese anstürmende Amazone, feindlich in den Weg stellt.

So kommt es, dass die, die sich Revolutionäre glauben und schwören auf die Freiheit, trotzdem die Notwendigkeit der Diktatur proklamieren; als ob die Diktatur nicht die Freiheit und die Freiheit die Diktatur ausschließen würde. In der Tat, was für große Kinder es doch unter den Revolutionären gibt! Große Kinder, die ihr Hobby nicht aufgeben wollen; die ohne Zweifel die demokratische und soziale Republik wollen, aber mit einem Kaiser oder Diktator, was egal ist, um sie zu regieren.

Menschen rittlings und mit dem Gesicht nach hinten auf dem Kadaver eines Esels sitzend, die Augen auf die Aussicht auf Fortschritt gerichtet, von dem sie sich sobald entfernen, je mehr sie versuchen, sich ihm zu nähern, mit den Füßen in einer solchen Position, galoppieren sie in die gegenüberliegende Richtung des Kopfes. Diese Revolutionäre, Politikaster mit kahlem Hals, haben mit dem Abdruck des Halsriemens den moralischen Schandfleck der Sklaverei, den steifen Hals des Despotismus behalten. Ach, sie sind einfach noch zu viele unter uns. Sie nennen sich Republikaner, Demokraten und Sozialisten, und dabei gilt ihre ganze Liebe nur der Autorität des stählernen Armes, des eisernen Herzens; tatsächlich sind sie monarchistischer als Monarchisten, die neben ihnen fast als An… archisten wirken.

Die Diktatur, ob eine Hydra mit hundert Köpfen oder hundert Schwänzen, ob demokratisch oder demagogisch, kann die Freiheit sicherlich nicht fördern, sie verewigt nur die Sklaverei, moralisch wie physisch. Intelligente und freie Menschen entstehen nicht dadurch, dass Mensch ein Volk von Heloten unter ein eisernes Joch zieht (denn Eisen ist es), dass es in die Uniform des Willens seiner Prokonsule (=Statthalter) zwängt.

Alles, was nicht die Freiheit ist, ist gegen die Freiheit. Freiheit lässt sich nicht aufzwingen. Es ist nicht in das Vergnügen irgendeiner Person oder eines „Wohlfahrtsausschusses“ gestellt, sie per Dekret großzügig zu gewähren. Die Diktatur kann die Menschen um einen Kopf kürzer machen, aber sie kann keine Köpfe wachsen lassen; sie kann die Intelligenzen in Kadaver verwandeln, aber sie kann diese nicht in Intelligenzen verwandeln; sie kann Sklaven wie Würmer oder Rauben unter ihre Fuchtel kriechen und krabbeln lassen, sie unter ihrem schweren Schritt zerquetschen, aber nur die Freiheit allein kann ihnen Flügel geben.

Nur durch die freie Arbeit, die des Geistes und der Moral, wird unsere Generation, die Zivilisation oder Schmetterlingspuppe, in einen lebendigen und schimmernden Schmetterling verwandeln, der menschlichen Art ein neues Gewand geben und in Harmonie gedeihen.

Viele Leute, die ich kenne, reden über Freiheit, ohne sie zu verstehen, sie haben weder die Wissenschaft noch das Gefühl dafür. Sie sehen in der Zertrümmerung der Autorität nie etwas anderes als den Austausch von Namen oder Personen, sie können sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft ohne Meister und Diener, ohne Führer oder Soldaten funktionieren kann; sie sind darin jenen Reaktionären gleich, die sagen: „Arm und Reich waren schon immer, werden immer sein. Was wäre der Arme ohne den Reichen? Er würde verhungern!“

Die Demagogen reden nicht ganz so, aber sie sagen: „Es hat immer Herrscher und Beherrschte gegeben, Regierende und Regierte, und wird sie immer geben. Was würde aus den Menschen ohne eine Regierung? Sie würden in der Sklaverei verschmachten.“

All diese Händler, die roten wie die weißen, sind Spießgesellen und Weggefährten; die Anarchie, die Lehre von der Freiheit stört ihr bisschen Verstand, der voll ist von unwissenden Vorurteilen, hohlen Nichtigkeiten und Kretinismus. Plagiatoren der Vergangenheit werden diese Revolutionäre, die rückwärts blicken und rückwärts handeln, die Anbeter der Diktatur, die Anhänger der brutalen Gewalt, all diese karmesinroten Autoritäten, die nach der rettenden Macht verlangen, ihr Leben verquaken, ohne zu finden, was sie wollten.

Wie die Frösche, die einen König haben wollten, vertauschen sie jetzt und immer einen unbrauchbaren Herrscher gegen den nächsten untauglichen Regenten, die Juliregierung mit der Februarregierung, die Schlächter von Rouen für die Mörder des Juni, Cavaignac gegen Bonaparte und morgen vielleicht Bonaparte für Blanqui… (1, 2)

Untertanen waren sie, Untertanen sind sie, Untertanen werden sie bleiben. Sie wissen weder, was sie wollen, noch was sie tun. Sie beklagen sich am Abend, nicht den Vertreter ihrer Wahl zu haben, sie beklagen sich am Morgen, ihn viel zu sehr und zu lange zu haben.

Schließlich rufen sie jederzeit und an jeder Ecke die Autorität mit dem „langen Schnabel auf dem langen Hals“ an, um sich zu wundern, wenn sie gebissen, wenn sie getötet werden.

Wer sich Revolutionär nennt und von Diktatur spricht, ist ein Narr oder ein Schuft, ein Betrogener oder ein Verräter: Schwachkopf und Betrogener, wenn er sie, die Diktatur, als Hilfsmittel der sozialen Revolution, als eine Form des Übergangs von der Vergangenheit zur Zukunft anpreist, denn das bedeutet, die Autorität in der Gegenwart konjugieren. Schuft und Verräter, wenn er sie nur als eine Möglichkeit ins Auge fasst, um einen Platz im Etat zu ergattern und bei jeder Möglichkeit und zu allen Zeiten den Volksvertreter zu spielen.

Wie viele Zwerge gibt es wahrlich, die nach nichts anderem streben als einem Amtsgewand, einem Titel, Gehalt, irgendeine Vertretung, um sich aus dem Sumpf zu ziehen, wo der gewöhnliche Mensch nur zappelt und sich das Aussehen eines Riesen zu geben! Wird der gewöhnliche Sterbliche immer so dumm sein, dass er für diesem Pygmäen ein Podest bietet?

Wird Mensch sich immer sagen lassen müssen: „Sie wollen die Erwählten der allgemeinen Wahlen entfernen, die nationale und demokratische Vertretung aus dem Fenster werfen? Aber was setzen Sie an deren Stelle? Denn etwas muss doch da sein, muss da doch jemand das Sagen haben? Ein Komitee der öffentlichen Rettung vielleicht? Ihr wollt keinen Kaiser, keinen Tyrann, das ist verständlich. Aber wer soll ihn ersetzen. Ein Diktator? Denn es kann doch nicht jeder sich selbst führen, es muss einer sein, der sich der Aufgabe widmet, die anderen zu führen …“

Ach, ihr Herren und Bürger, was nützt es, ihn zu unterdrücken, wenn es nur darum geht, ihn zu ersetzen. Wir müssen das Übel ausmerzen, statt es zu verlagern. Was kümmert es mich, ob es diesen oder jenen Namen trägt, ob es hier oder dort auftritt, wenn es mir doch unter dieser Maske und mit diesen Allüren immer und ewig im Wege steht. Es sollte der Feind beseitigt werden, statt ihn auszutauschen.

Anzuerkennen, dass die Autorität, die das Übel ist, das Gute bewirken kann, heißt, den Despotismus zu rechtfertigen, von der Revolution abzufallen. Wenn wir diese unumschränkten Partisanen der brutalen Gewalt, diese Prediger der demagogischen und verpflichtenden Autorität fragen, wie sie die denn ausüben werden, auf welche Weise sie diese allgewaltige Macht organisieren werden, so werden die einen antworten, dass sie einen Diktator wollen, dessen Füße mit Eisenkugeln gefesselt sind und der sich dem Willen des Volkes unterwirft.

Aber unterscheiden wir zunächst: Entweder handelt der Diktator nach dem Willen des Volkes, dann ist er kein wirklicher Diktator, sondern nur ein fünftes Rad am Wagen – oder er ist ein richtiger Diktator, dann hat er die Zügel und die Peitsche und wird nur nach seinem Vergnügen, zum alleinigen Nutzen seiner „göttlichen Persönlichkeit“ handeln.

Im Namen des Volkes handeln heißt, im Namen eines Jeden handeln. Und nicht jeder ist im Sinne der Wissenschaft, der Harmonie und der Intelligenz ein Revolutionär. Aber ich gebe zu, um den Gedanken der Blanquisten zu folgen,… dass Mensch zwischen Volk und Volk unterscheiden muss, dem der „verschworenen Brüder“ und dem „gewöhnlichen Volk“, dem Pöbel der Laien.

Aber werden diese Verbrüderten, diese Verschwörer immer miteinander übereinstimmen? Werden sie immer einer Meinung sein über alle Fragen und in all ihren Sektionen? Wenn ein Dekret über Eigentum oder über die Familie oder über was auch immer erlassen wird, werden die einen es zu radikal und die anderen nicht radikal genug finden. Tausend Dolche werden sich tausendmal am Tag gegen den erheben, der den Diktator spielt. Der eine solche Rolle übernähme, würde keine zwei Minuten leben. Aber er wird sie nicht ernsthaft übernehmen, er wird seine Clique haben, all diese Stellenjäger, die sich um ihn scharen und ein Bataillon von Dienern bilden werden, um die Reste seiner Autorität, die Krümel der Macht zu erhalten.

Er wird dann vielleicht im Namen des Volkes befehlen können, aber ganz sicher gegen das Volk. Er wird alle, die noch libertäre Neigungen haben, erschießen oder deportieren lassen. Wie Karl der Große oder welcher König auch immer, der die Menschen nach der Länge seines Schwertes maß, er wird alle Intelligenzen enthaupten, die sein Niveau übersteigen, er wird jeden Fortschritt verbieten, der weiter geht als er selbst.

Er wird die allgemeine Verdummung ausbreiten, er wird die Einzelinitiative vernichten, er wird den jungen Tag in Nacht verwandeln, die soziale Idee in Dunkelheit hüllen, er wird uns, tot oder lebendig, in das Massengrab der Zivilisation versenken, er wird die Menschen, statt in eine intellektuelle und moralische Autonomie zu bringen, in einen Automaten aus Fleisch und Knochen verwandeln, einen Körper aus Rohstoffen. Denn für einen Diktatoren wie für einen jesuitischen Direktor ist das Beste am Menschen, das einzig Gute an ihm, sein Kadaver …

Die anderen unterscheiden sich in ihrem Traum von der Diktatur nur wenig von den Ersteren, indem sie zwar nicht die Diktatur eines Einzelnen wollen, sondern die der kleinen Wundertiere des Proletariats, die berühmt sind, weil sie einmal ein paar Nichtigkeiten in Versen oder Prosa heruntergeleiert haben, weil sie ihre Namen in Wählerlisten oder in die Register irgendeiner kleinen politisch-revolutionären Gemeinde geschmiert haben.

Sie denken, dass das Übel nicht so sehr in den freiheitsmörderischen Institutionen liegt als vielmehr in der Auswahl der Tyrannen. Egalitär vom Namen her sind sie im Prinzip doch für die Beibehaltung der Kasten. Und in dem sie an Stelle der Bourgeoise die Arbeiter an die Macht bringen, zweifeln sie in keiner Weise daran, dass alles zum Besten geordnet ist in der besten aller Welten!

Die Arbeiter an die Macht! Wie auf den Stufen des Thrones die Höflinge noch königlicher gesinnt sind als der König, so sind in den Rängen der offiziellen oder gesetzlichen Autorität die republikanischen Arbeiter noch bourgeoiser als die Bourgeois. Und das ist verständlich: der freigelassene Sklave, nun zum Herr geworden, übertreibt die Laster derer, die ihn erzogen. Er ist desto mehr bereit, seine Befehlsgewalt zu gebrauchen, je mehr er vorher zur Unterwerfung durch seine Herren gezwungen wurde.

Ein aus Arbeitern zusammengesetztes Komitee ist sicherlich eines der am meisten von Dünkel und Nichtigkeit aufgeblasenen und folglich völlig antirevolutionären Gebilden, die wir finden können. Wenn wir es ernst meinen mit dem Wort der öffentlichen Wohlfahrt, müssen wir als erstes und bei allen Gelegenheiten die Arbeiter aus der Regierungsautorität und dann für immer und so schnell wie möglich die Regierungsautorität aus der Gesellschaft verdrängen (Besser verdächtige Feinde an der Macht zu haben als zweifelhafte Freunde).

Die offizielle und gesetzliche Autorität, mit welchem Namen Mensch sie auch ausstattet, bleibt immer betrügerisch und schädlich. Nur die natürliche und anarchistische Autorität ist wahrhaftig und wohltätig.

Alle Regierungsautoritäten, auch die selbstherrlichsten, sind keine treibenden Kräfte, sondern Maschinen. Sie funktionieren durch den Willen einer Parteiung und im Dienste dieser Parteiung, mal abgesehen von den Zwischenfällen durch Intrigen und den Explosionen aufgestauten Ehrgeizes. Die wahrhafte Autorität von 1848 lag nicht bei der Regierung, sondern wie immer außerhalb der Regierung bei der Einzelinitiative: Proudhon (1) war ihr beispielhafter Vertreter (bei der Bevölkerung und nicht im Parlament).

In ihm ist die revolutionäre Bewegung der Massen personifiziert. Und dafür bedarf es keines Titels und Mandates. Seine Arbeit brachte ihm seinen einzigen Titel, sein Wissen, seine Genialität. Sein Mandat bekam er nicht von anderen, von den willkürlichen Wahlen der rohen Gewalt, sondern nur durch sich selbst, von dem Bewusstsein und der Spontaneität seiner geistigen Kraft.

Als natürliche und anarchistische Autorität hatte er Einfluss, wo immer er wollte. Und es ist eine Autorität, die keine Prätorianer braucht, denn sie ist eine Diktatur des Geistes, die erwärmt und belebt.

Ihre Aufgabe ist es nicht, die Menschen zu erwürgen und zu köpfen, sondern ihren Kopf stolz zu erheben und ihre geistige Natur mit aller Kraft zu entwickeln. Sie erzeugt nicht wie jene Sklaven im Namen der öffentlichen Freiheit, sondern sie zerstört die Sklaverei im Namen der Autorität jedes Einzelnen. Sie lastet nicht auf der Plebs wie die feudalen Barone, indem sie sich in einem Palast verschanzt, mit einem Brustpanzer wappnet und inmitten ihrer Bogenschützen reitet, sondern sie behauptet sich in den Menschen, wie sich die Sterne am Himmel behaupten, während sie ihre Strahlen auf ihre Satelliten werfen.

Welche Macht hätte Proudhon in einer Regierung gehabt? Sie wäre nicht nur nicht größer gewesen, sondern sogar kleiner geworden, selbst wenn er seine revolutionären Leidenschaften hätte bewahren können.

Seine Macht kommt von seinem Gehirn, alles, was die Arbeit des Gehirns behindern würde, wäre ein Angriff auf diese Macht. Wenn er ein Diktator gewesen wäre, gestiefelt und gespornt, von Kopf bis Fuß bewaffnet und bekleidet mit Schärpe und Kokarde, so hätte er die ganze Zeit, die er benutzt hat, um die Menschen zu sozialisieren, für nutzlose Politisierereien an seine Umwelt verloren. Er hätte so der Reaktion gedient, anstatt die Revolution gemacht zu haben.

Die regierungsamtlichen Titel und Mandate sind nur für jene gut, die nicht aus sich selbst heraus etwas darstellen können, die aber den Schein wahren wollen. Ihre einzige Daseinsberechtigung ziehen sie aus der Existenz dieser Missgeburten. Der starke Mensch, ein Mensch der Intelligenz, ein Mensch, der durch seine Arbeit alles und durch die Intrige nichts ist, der Mensch, der der Sohn seiner Werke ist und nicht der Sohn eines Vaters, Onkels oder Chefs, hat mit diesem karnevalistischen Attributen nichts zu schaffen; er hasst sie als eine Verkleidung, die seine Würde wie etwas Obszönes und Berüchtigtes verunreinigen würde.

Selbst dem schwachen Menschen, dem unwissenden Menschen, der sich aber ein Gefühl der Menschlichkeit bewahrt hat, muss sie zweifelhaft vorkommen: es erfordert nun ein wenig gesunden Menschenverstand.

Wenn schon jede Harlekinade lächerlich ist, so ist sie um so mehr verhasst, wenn sie mit einem Säbel bewaffnet ist. Jede diktatorische Regierung, ob sie nun im Singular oder im Plural verstanden wird, jede demagogische Macht könnte den Tag der sozialen Revolution nur verzögern, in dem sie ihre eigene Initiative, wie immer sie auch beschaffen sein mag, ihre Allmacht, ihren staatsbürgerlichen und aufgezwungenen Willen an die Stelle der anarchistischen Initiative, des wohlerwogenen Willens, der Autonomie des Einzelnen setzt. Die soziale Revolution kann nur durch die individuelle Anstrengung aller in Gang gesetzt werden, sonst ist sie keine soziale Revolution.

Mensch muss also danach streben, alle und jeden in den Stand, das heißt in die Notwendigkeit des Handelns zu versetzen, damit die Bewegung, die sich so von dem einen zum anderen mitteilt, den Anstoß zum Fortschritt gebe und empfange und so dessen Kraft verzehn- und verhundertfache.

Schließlich muss es genauso viel denkende Wesen, Frauen und Männer, wie Diktatoren in der Gesellschaft geben, um sie aufzurütteln, sie zum Aufstand anzustacheln, sie aus ihrer Trägheit zu reißen.

Dafür braucht Mensch keinen mit roter Mütze, keinen politischen General, um den einen oder die anderen zu disziplinieren, d. h. zu lähmen, um wie ein Albtraum auf ihrer Brust und ihrem Herzen zulasten, um sein Pulsieren zu unterdrücken; um wie eine Zwangs- oder katechetische Anordnung auf ihrer Stirn und ihrem Gehirn zulasten, um den Verstand zu foltern.

Die Autorität der Regierung, die Diktatur, ob sie sich nun Kaiserreich oder Republik nennt, Thron oder Sitz, Retter der Ordnung oder des Wohlfahrtsausschusses; ob sie heute unter dem Namen Bonapartes oder morgen unter dem Blanquis existiert; ob sie einen Adler oder einen Löwen in ihrem Wappen hat …. die Diktatur ist die Vergewaltigung der Freiheit durch verdorbene Männlichkeit, durch die Syphilis; sie ist die cäsarische Krankheit, deren sich regenierende Keime den Verstandesorganen der Volksgenerationen eingeimpft wurde. Sie ist kein Kuss der Befreiung, keine natürliche und fruchtbare Manifestation der Pubertät, sie ist die Unzucht der Jungfräulichkeit mit dem Siechtum, ein Attentat auf die Sitten, ein Verbrechen wie der Missbrauch des Vormunds am Mündel, sie ist der Mord am Menschen!

Es gibt nur eine revolutionäre Diktatur, nur eine humane Diktatur, nämlich die des Geistes und der Moral. Jeder ist frei, daran teilzunehmen. Es genügt, es zu wollen, um es zu können. Um sich Anerkennung zu verschaffen, brauchen sie keine Bataillone, keine Trophäen von Bajonetten; es funktioniert allein aus ihren freien Gedanken, ihr einziges Zepter ist ein Bündel von Licht.

Sie erlässt keine Gesetze, sondern entdeckt sie; sie ist keine Autorität, sie gilt als solche. Sie existiert nur durch den Willen zur Arbeit und das Recht auf Wissen. Wer sie heute verneint, wird sie morgen anerkennen. Sie kommandiert nicht durch das Manöver, in dem sie sich wie der Offizier in ihrer Trägheit zuknöpft, sondern sie lenkt die Bewegung, in dem sie mit ihrem Beispiel vorangeht, sie belegt den Fortschritt durch den Fortschritt.

Alle im gleichen Tempo, sagt die Diktatur der rohen Gewalt, die animalische Diktatur. Wer mich liebt, geh mit mir, sagt die andere, die Diktatur der geistigen Gewalt, die hominale Diktatur. Die eine hat als Stütze alle Hirtennaturen, alle Herdenmenschen, alles, was im Schafstall befiehlt und gehorcht, alles was in der Zivilisation ansässig ist. Die andere hat die Individualität des Menschen für sich, die dezivilisierten Intelligenzen. Das eine ist die letzte Aufführung des modernen Heidentums, der Abend seines endgültigen Abschiedes von der Öffentlichkeit. Das andere ist der Beginn einer neuen Ära, ihr Debüt, der Triumph des Sozialismus. Das eine ist so alt, dass sie am Grabe steht. Das andere so jung, dass sie noch die Wiege berührt.

Das Alte, so will es das Gesetz, muss sterben. So will es das Gesetz der Natur, mein Kind! – Du aber wirst wachsen!!!!


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Nieder mit den Bossen!“ (Originaltitel: A Bas Les Chefs) wurde von Joseph Déjacque 1859 publiziert. Die Übersetzung, ursprünglich von Gustav Landauer verfasst, wurde unwesentlich gekürzt von Radio Chiflado im Februar 2012 veröffentlicht. Die Anarchistische Bibliothek hat das Werk am 22. August 2015 von der Webseite http://radiochiflado.blogsport.de/2012/02/12/joseph-dejacue-nieder-mit-den-bossen-1859 entnommen und archiviert. Neue Debatte hat das Werk übernommen, um unter dem Eindruck einer tiefen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spaltung der Gesellschaften eine kritische Diskussion über die allgemeine Lage in Europa und die Zukunft der modernen Klassengesellschaften aus einem historischen Blickwinkel anzuregen. Die Rechtschreibung wurde an die Duden-Empfehlungen angepasst, Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben sowie Anmerkungen zu im Text genannten Personen und deren historische Bedeutung ergänzt und Informationen zum Autor beigefügt.


Quellen und Anmerkungen

(1) Louis-Eugène Cavaignac (1802 bis 1857) war ein französischer Generalmajor (Général de division) und Kriegsminister. Die Nationalversammlung übertrug Cavaignac den Oberbefehl über die Einheiten der französischen Armee und der Nationalgarde, die den Juniaufstand (22. bis zum 26. Juni 1848) niederschlagen sollten. Während der viertägigen Straßenkämpfe in Paris wurden bis zu 5.000 Aufständische und etwa 1.600 Soldaten getötet. Nach der Niederschlagung des Aufstands wählte ihn die Nationalversammlung einstimmig zum Ministerpräsidenten. Anfang November 1848 wurde von der Nationalversammlung eine Verfassung verabschiedet, in der auch die Wahl eines Staatspräsidenten vorgesehen war. Der aus dem Exil zurückgekehrte Neffe von Napoleon Bonaparte, Louis Napoléon, gewann die Wahl gegen Cavaignac am 10. Dezember 1848 mit einer überwältigenden Mehrheit und wurde neuer französischer Staatspräsident.

(2) Louis-Auguste Blanqui (1805 bis 1881) war ein Revolutionär, Theoretiker und 1871 Mitglied der Pariser Kommune. Blanqui war am Sturz Karls X. in der Julirevolution von 1830 beteiligt und an der Organisation eines bewaffneten Aufstands gegen Louis-Philippe I. im Mai 1839 in Paris. Nach seiner Festnahme wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt und neun Jahre später begnadigt. Kurz nach seiner Freilassung trat er als Wortführer der Linken im Pariser Juniaufstand von 1848 in Erscheinung. Daraufhin wurde er erneut verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. In der Haft entwarf er eine eigene sozialistische Theorie, in deren Zentrum die Idee einer Diktatur des Proletariats stand. Seine Lehre, nach der eine soziale Revolution durch die Verschwörung einer kleinen, hochkonspirativen Gruppe ohne Massenbasis herbeigeführt werden könne, wird als Blanquismus bezeichnet.

(3) Pierre-Joseph Proudhon war in der Februarrevolution 1848 Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Déjacque selbst wandte sich 1857 in einem Brief scharf gegen den Antifeminismus von Proudhon, nannte ihn einen Keiler, der nun zum Hausschwein geworden ist, einen „Kollegbruder, der laut und aufdringlich ins Blaue hinein und mit Impertinenz von Frauen redet, der sich dabei als Kenner ausgibt, aber nicht die leiseste Ahnung hat“.


Joseph Déjacque (Foto: Libcom.org)

Über den Autor: Joseph Déjacque (1821 bis 1864) war ein Philosoph, Schriftsteller und frühanarchokommunistischer Dichter aus Frankreich. Déjacque prägte den Begriff „libertär“ (von lat. libertas: „Freiheit“) für sich selbst in einem politischen Sinn, den er in einem Brief aus dem Jahr 1857 formuliert haben soll. In dem Schreiben soll er Kritik an Pierre-Joseph Proudhon (1809 bis 1865), einem Vertreter des solidarischen Anarchismus, geübt haben, für dessen sexistische Ansichten über Frauen, seine Unterstützung des individuellen Eigentums am Arbeitsprodukt und der Marktwirtschaft, indem Déjacque ausführte, dass „der Arbeiter nicht auf das Produkt seiner Arbeit ein Recht hat, sondern auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse, welcher Art sie auch sein mögen“.

Déjacque wuchs ohne Vater auf, seine Mutter war eine Arbeiterin (Leinenmacherin). 1834 begann er eine Lehre, wurde Verkäufer und ging 1841 zur französischen Marine. Die militärische Autorität beeinflusste ihn nachhaltig. Als er 1843 ins Zivilleben zurückkehrte, arbeitete er wieder als Verkäufer, doch seine geistige Unabhängigkeit und die Autorität eines Arbeitgebers passten nicht mehr zusammen.

Ab 1847 begann er sich für sozialistische Ideen zu interessieren. Er verfasste Gedichte, in denen er die Zerstörung jeglicher Autorität durch Gewalt forderte, und arbeitete an der sozialistischen Zeitung „L’Atelier“ mit, die von Arbeitern für Arbeiter geschrieben wurde. Er war Mitglied eines Frauenklubs, der im April 1848 von der Schriftstellerin und Feministin Eugénie Niboyet (1796 bis 1883) gegründet wurde.

Déjacque wurde in der Öffentlichkeit bekannter durch seine Verhaftung im Rahmen der revolutionären Umwälzungen in Frankreich 1848. Er war inhaftiert wegen sozialistischer Agitation, kam aber 1851 wieder frei. Wegen seiner Gedichtsammlung „Les Lazaréennes: Fables et Poésies Sociales“ wurde er zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 2.000 Francs verurteilt.

Déjacque flüchtete nach London, wo er sich Gustave Adolphe Lefrançais (1826 bis 1901), einem Mitglied der Ersten Internationale, anschloss. Mit ihm gründete Déjacque die Arbeiterhilfsgesellschaft „La Sociale“, bevor er sich einer Gemeinschaft auf der Kanalinsel Jersey anschloss. Zwischen 1852 und 1853 veröffentlichte er „La question révolutionnaire“, eine Darstellung des Anarchismus.

Neben zahlreichen Artikeln über die Revolution und die aktuellen politischen Ereignisse in Frankreich und den USA kritisierte Déjacque die Hinrichtung von John Brown. Dieser hatte sich gegen die Sklaverei aufgelehnt und im Oktober 1859 mit einer Gruppe militanter Abolitionisten versucht, das Waffenarsenal der United States Army in Harpers Ferry einzunehmen. Sein Ziel war die Befreiung von Sklaven und deren Bewaffnung. Der Überfall gelang, aber ein bewaffneter Aufstand blieb aus. Brown, der bei den Kämpfen verletzt wurde, wurde gefangen, in einem sich anschließenden Schauprozess, den John Brown geschickt als Bühne nutzte, um die moralische Überlegenheit seines Handelns gegenüber den Sklavenhaltern zu belegen, zum Tode verurteilt und gehängt.

Joseph Déjacque machte nach dem Tod von Brown Propaganda für die Sache der Abolitionisten. Im Februar 1861, kurz vor Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, veröffentlichte er eine letzte Ausgabe des „Le Libertaire“ mit dem Leitartikel „Die amerikanische Frage: Der unaufhaltsame Konflikt. – Der Aufruf an das Volk.„; er forderte das amerikanische Volk auf, die Freiheit und die Republik gegen die „Jesuiten, Sklavenhändler, Absolutisten und Autoritären“ zu verteidigen:

Alerte! Américains! alerte! – Les Jésuites, les esclavagistes, sont à vos portes! les Jésuites, les absolutistes, sont dans vos murs! – Debout! contre les ennemis nocturnes! En avant! contre les autoritaires!!! PEUPLE, SAUVE LA RÉPUBLIQUE!!

Alarm! Amerikaner! Alarm! – Die Jesuiten, die Sklavenhalter, sind vor euren Toren! Die Jesuiten, die Absolutisten, sind in euren Mauern! – Aufstehen! gegen die dunklen Feinde! Vorwärts! gegen die Autoritären!!! VOLK, RETTET DIE REPUBLIK!! (siehe: La Question Américaine. L’IRREPRESSIBLE CONFLIT. — L’APPEL AU PEUPLE. Auf joseph.dejacque.free.fr/libertaire/n27/lib02.htm; Link abgerufen am 23.7.2022).

Als Déjacque durch die vom Bürgerkrieg verursachte Wirtschaftskrise keine Arbeitsmöglichkeiten mehr fand, kehrte er nach London und später nach Frankreich zurück. Joseph Déjacque verstarb 1864 verarmt in Paris.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Ein Gedanke zu “Joseph Déjacque: Nieder mit den Bossen!”

  1. „und morgen vielleicht Bonaparte für Blanqui“ Sicher nicht! Warum flüchten sich Intellektuelle in die Betrachtung der Vergangenheit? Wir haben ein Grundgesetz, 1948 noch unter den Einwirkungen der Diktatur geschrieben. Warum wurde dort, sicher nicht von Deppen, ein Satz formuliert, der heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und dieser Artikel 1 wurde mit Ewigkeitscharakter versehen, er ist Bestandteil aller Artikel bis 19 und Grundlage des Artikel 20 GG, der die Staatsstruktur beschreibt.
    Die Würde jedes einzelnen Menschen ist zu achten, besonders steht sie VOR jeglicher Volksgesundheit. Das haben Intellektuelle als Grundlage für Deutschlands Zukunft erkannt und beschlossen.

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