Die letzte Generation: Der erbitterte Kampf um den Endsieg

Unter der Überschrift „Wir brauchen einen Sieg“ berichtete ein Nachrichtenmagazin vom Frust jener jungen Menschen, die in den letzten Jahren gegen ein System mobil gemacht haben, das sich einen Dreck um ihre Zukunft kümmert. Selbst die anfangs so erfolgreiche Bewegung ‚Fridays for Future‚ ist im Sumpf von Corona und Ukraine-Krieg aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Der Widerstand aber glimmt weiter, wenn auch weitgehend im Verborgenen.

Die Namen, die sich die Aktivisten der letzten Stunde gegeben haben, sprechen Bände: ‚Ende Gelände‘ heißt eine Gruppierung und ‚Letzte Generation‘ eine andere (1).

Bereits diese Namen lassen darauf schließen, dass man sich angesichts des ungehinderten Raubbaus an der Natur und dem fortschreitenden Klimakollaps mit friedlichen Protesten nicht mehr zufriedengeben will. In der Szene werden zunehmend Stimmen laut, die zu einer radikalen Gegenwehr aufrufen (2, 3, 4). Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis wir auf Verhältnisse zusteuern, die ich im dritten Band meiner Maeve-Trilogie bereits ausführlich beschrieben habe. Hier ein Auszug aus dem Roman ‚Feuer am Fuss‚, der die Begegnung zwischen dem Journalisten Cording und dem Anführer der Öko-Guerilla 43 a.C. schildert:

Cording betrat den rostigen Eisenbahnwaggon. Ein Mann erhob sich von der zerschlissenen Sitzbank. Er trug eine weiße, mit goldenen Ornamenten verzierte Maske, wie sie einst im venezianischen Karneval benutzt wurde. Ein roter Zylinder schmückte seinen Kopf.

„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagte der Mann, der sich ihm als Daemon vorstellte. „Nehmen Sie Platz.“

Cording setzte sich. Daemon nahm den Zylinder ab und verbeugte sich, noch ganz der venezianische Edelmann. „Ich bin ein großer Fan von Ihnen“, gestand er, „ich habe Ihre Reportagen immer mit größtem Interesse gelesen.“ Seine Worte klangen extrem gedämpft unter der Maske, sodass sich Cording fragte, ob sein Aufnahmegerät sie in vollem Umfang erfassen und in verständliche, lesbare Sätze übertragen konnte. Daemon schien seine Gedanken zu erraten, jedenfalls setzte er die Maske ab und lächelte seinem Gegenüber freundlich zu. „Ich denke, dass wir diese Maskerade nicht nötig haben“, sagte er, „ich vertraue Ihnen.“

„Ihre Gruppe nennt sich 43 a.C.“, sagte Cording, „was hat der Name zu bedeuten?“

„A.C. ist die lateinische Bezeichnung für vor Christi: ante Christum, vor dem geborenen Christus.“

„Das ist mir bekannt. Aber die Jahreszahl. Wie kommen Sie auf die Jahreszahl?“

„Sie bezieht sich auf die römische Proskription. Sagt Ihnen das was?“

„Nein.“

„43 a.C. hatte die fortdauernde Expansionspolitik des Reiches den Staatshaushalt endgültig gesprengt. Durch die erdrückende Schuldenlast steuerte das Imperium an den Rand des Untergangs. Ein Jahr, nachdem Julius Caesar ermordet worden war, ersann Gaius Octavius eine Lösung des Dilemmas. Da ein freiwilliger Schuldenverzicht eine langwierige und komplizierte Prozedur war, griff er zum Mittel der Proskription, der römischen Variante der Vogelfreiheit, die es jedermann, auch den Sklaven, erlaubte, die in öffentlichen Aushängen benannten Personen straffrei und gegen Belohnung zu töten. Stolze Senatoren, die einst Konsuln gewesen waren und über unermessliche Provinzen geherrscht hatten, verkleideten sich als Sklaven oder als Latrinenputzer. Sie flehten ihre Bediensteten an, sie nicht zu verraten und versteckten sich in aufgelassenen Gräbern und in Kloaken. Die Gesamtzahl der Ermordeten belief sich auf 2300 Personen, das berühmteste Opfer war Marcus Tullius Cicero, ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms. Ich werde ihnen nachher eine Liste von hundert Personen übergeben, die sich ab heute ihres Lebens nicht mehr sicher sein können. CEOs, Politiker, Wissenschaftler, Medienleute. Sie werden in genau der Reihenfolge getötet, wie sie auf der Liste vermerkt sind.“

Daemon strich sich eine Locke aus der Stirn:

„Die Erde stirbt nicht“, sagte er, „sie wird gemeuchelt. Und die Leute, die sie abschlachten, haben Namen und Adressen. Wir werden und wir müssen unter den Betreibern des Ökozids ein Klima der Angst erzeugen, das dem im alten Rom um nichts nachsteht. Was uns anfangs vereint hat, war die gemeinsame Ohnmacht. Wussten Sie, dass sich zweidrittel des weltweiten Vermögens in den Händen von 500 Oligarchen befinden? Diese Leute werden ihres Lebens nicht mehr glücklich, das garantiere ich Ihnen. Wir sind Aktivisten. Wir sind Computer-Nerds. Wir sind Ingenieure. Wir sind Studenten. Wir sind Bauarbeiter. Wir sind Gentechniker. Wir sind ehemalige Navy-Seals. Wir sind Sekretärinnen. Wir sind Dolmetscher. Wir sind Saboteure. Wir sind Farmer. Wir sind Anwältinnen und Krankenschwestern. Wir sind bereit, uns zu wehren. Wir sind Journalisten, nicht wahr…?“

Daemon blickte Cording so durchdringend an, als wollte er ihm sein Credo ins Herz pflanzen.

„Unser Land ist alles“, fuhr er leise fort, „es ist die Quelle allen Lebens. Aber die Wahrheit ist, dass unser Land zerstört wird. Das alleinige Maß, mit dem die, die nach uns kommen, uns beurteilen werden, ist die Gesundheit der Erde. Sie ist das Maß, mit dem wir jede Einzelne unserer Aktionen bewerten müssen.“

Daemon drehte an der Krempe seines Zylinders.

„Was mich am meisten nervt“, sagte er, „ist, dass nahezu alles, was wir machen, defensiv ist. Dass wir immer nur zu verhindern suchen. So unerlässlich diese Arbeit auch ist, sie reicht nicht aus. Wir müssen anfangen, die Zivilisation zurückzutreiben, das Land von den Zivilisierten zurückzuerobern, damit es sich erholen kann. Wir müssen die Straßen heraus reißen, die den Urwald durchschneiden, wir müssen die Staudämme beseitigen, wir müssen Ackerland in Wälder, Marschen und Wiesen zurückverwandeln. Dabei sollte uns eines immer bewusst sein: wir leben auf besetztem Territorium und natürlich werden die Herrschenden ihre Besatzung bis zum bitteren Ende aufrecht zu erhalten versuchen. Im Grunde ist es ganz einfach: wir befinden uns im Krieg… Wir dürfen die Herrschenden nicht weiter ungestraft davon kommen lassen. Wir müssen ihre Fähigkeit, derart umfassenden Schaden anzurichten, im Kern ersticken. Haben Sie vor dem Hintergrund des globalen Holocaust etwas Besseres zu tun, Mr. Cording? Dann erklären Sie mir bitte, was es ist.“

Soweit die Fiktion, die angesichts der dramatischen Umstände durchaus Wirklichkeit werden könnte. „Zu unseren möglichen Aktionsformen kann zählen“, sagte vor einiger Zeit ein Sprecher von ‚Ende Gelände‘ gegenüber Journalisten, dass wir klimaschädliche Infrastruktur gezielt außer Betriebe nehmen, und zwar so, dass sich der Wiederaufbau nicht mehr lohnt.“ Sieht so aus, als sei der Sekundenkleber unter den Fußsohlen und am Pipelineventil nicht mehr genug.


Quellen und Anmerkungen

(1) Die „Letzte Generation“ ist ein Bündnis von Aktivisten aus der Umweltschutzbewegung. Ihr Ziel ist es, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen der deutschen und der österreichischen Bundesregierung gegen die sogenannte Klimakrise zu erzwingen. Das Bündnis bildete sich 2021 aus Teilnehmern des „Hungerstreiks der letzten Generation“. Ihre Anfang 2022 einsetzenden Aktionen bezeichnen die Aktivisten des Bündnisses als Aufstand der „Letzten Generation“. Der Begriff wurde von ihnen gewählt, weil sie der letzten Generation angehören würden, die verhindern könne, dass die Erde unbewohnbar wird durch ein Kippen des Erdklimasystems.

(2) Deutschlandkurier (15.6.2022): Ökoterrorismus: Droht eine „grüne“ RAF? Auf https://deutschlandkurier.de/2022/06/oekoterrorismus-droht-eine-gruene-raf/ (abgerufen am 25.7.2022).

(3) taz (19.12.2021): Brauchen wir eine grüne RAF? Auf https://taz.de/Klimabewegung-und-Radikalitaet/!5818080/ (abgerufen am 25.7.2022).

(4) FOCUS Online (12.7.2021): Radikalgrüner Guru: Dieser Wissenschaftler will Pipelines in die Luft jagen. Auf https://www.focus.de/perspektiven/wer-ist-der-wissenschaftler-der-pipelines-in-die-luft-sprengen-will_id_13488312.html (abgerufen am 25.7.2022).

(5) Die Proskription war im antiken Rom die Ächtung einer Person. Diese durfte nach römischem Recht von jedem getötet werden, ihre Hinterlassenschaft fiel dem Staat zu. Die Namen der geächteten Menschen wurden öffentlich ausgehängt. In der Regel gab es eine Belohnung für denjenigen, der einen Proskribierten tötete. Die Proskription wurde zudem genutzt, um die Beseitigung politischer Gegner zu legalisieren und auch, um sich persönlich am Hab und Gut der Proskribierten zu bereichern.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: Robert Thiemann (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Ein Gedanke zu “Die letzte Generation: Der erbitterte Kampf um den Endsieg”

  1. Der Beitrag mit dem Titel „Die letzte Generation: Der erbitterte Kampf um den Endsieg“ von Dirk C. Fleck sehe ich so in meinen Gedanken:

    Epilog im Kaukasus

    Prometheus:
    Da sind wir wieder am Anfang, an jenem Anfang an dem das Wort stehen muss, das Wort des bewussten Seins. Das Buch der Bücher liegt aufgeschlagen vor mir auf dem Tisch. Es ist verständlich und doch anspruchsvoll, informativ und doch nachdenklich. Der Verfasser, der auf dem hübschen Frontispiz abgebildet ist, lächelt verbindlich. Sein Gesicht könnte einem Mann oder einer Frau gehören. In diesem Buch wird über die Geschichte der berühmten und besonders auch der meist vergessenen Mitglieder der uralten Menschen-Familie erzählt. Es wird von ihren Siegen und Niederlagen gesprochen und von ihren beinahe verborgen gebliebenen Entdeckungen. Und es wird aufgezeigt, wie sich die Bräuche der Menschen immer wieder neu verwandeln, denn alles ist in Bewegung und nichts bleibt wie es ist.

    Gaea erscheint:
    Prometheus, Schöpfer des Homo sapiens, bist du zufrieden?

    Prometheus:
    Noch nicht Mutter Erde, denn auch schon lange bevor die Römer Menschen an Holzkreuze nagelten, war ihnen, wie auch den Griechen und anderen Völkern, der Anfang so ziemlich egal. Und wie es derzeit aussieht, ist es noch immer so. Leben und leben lassen wollte und will man, mal demokratisch oder auch despotisch. Zu all dem Spaß hat man Gefangene als „sprechende Werkzeuge“ benutzt. Und so ist es auch heute noch.

    Gaea:
    Warum ist das so?

    Prometheus:
    Außer, dass sie offensichtlich auf Opfer angewiesen sind, leben auch heute noch die vermeintlichen Herren der Welt ganz lustig. Den Untertänigen versprachen sie das ewige Dasein im Elysium. Und die Aufbegehrenden verängstigt man mit den Qualen im Hades. Heute heißt das Himmel und Hölle.

    Plastic Ono Band – Give Peace A Chance (1969)
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    Plastic Ono Band – Give Peace A Chance (1969)
    50 years ago today – almost feels like yesterday. Achieving peace has never been more urgent. Let’s keep giving peace a chance. I love you! yokoYoko Ono Lenn…

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