Reportage: Eine Stadt auf Abruf – Gehen in Schwedt die Lichter aus?

Die Provinzstadt Schwedt, an der Grenze zu Polen gelegen, hat es in die Schlagzeilen der bundesdeutschen Medien geschafft. Genauer gesagt, die Situation der in Schwedt ansässigen PCK Raffinerie, ein Erdölverarbeitungswerk, das Berlin und Brandenburg mit Heizöl, Benzin, Diesel und Flugturbinenkraftstoff versorgt. Verarbeitet wird in Schwedt hauptsächlich Rohöl aus Russland; und darin liegt nicht erst seit Beginn des Ukrainekrieges ein Problem.

Gaby Weber hat sich in Schwedt umgesehen. In ihrer Reportage kommen Vertreter aus den unterschiedlichen politischen Lagern zu Wort, aber auch Beschäftigte der Raffinerie, die in einer Phase internationaler Spannungen und der voranschreitenden Deindustrialisierung Deutschlands in eine unsichere Zukunft blicken. Sie werden zum Spielball einer Politik, die Russland zum Feindbild Nummer 1 erklärt hat und der Gesellschaft einen Öl- und Gasboykott verordnet – offenbar ohne über die weitreichenden Folgen nachzudenken oder diese schlicht auszublenden.


Reportage: Eine Stadt auf Abruf – Gehen in Schwedt die Lichter aus? (Quelle: YouTube/Gaby Weber)

Im Rahmen einer Demonstration für den Erhalt der Raffinerie sprach Gaby Weber mit dem leitenden PCK-Ingenieur Ronny Reinke. Außerdem befragte sie Silvio Moritz, den stellvertretenden Bürgermeister von Schwedt, den Kommunalpolitiker Nino Pawlak (ehemaliger Fraktionschef der AfD in der Schwedter Stadtverordnetenversammlung und heute parteilos), Volker Hermann vom „Zukunftsbündnis“, den Finanzexperten Patrick Seidel und Elisabeth Becker (Grüne).

Vom Trümmerhaufen zum Industriestandort Schwedt

Schwedt wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in eine Trümmerwüste verwandelt. Reste der Deutschen Wehrmacht und Einheiten der Waffen SS kämpften an der Oder in aussichtsloser Lage gegen die auf Berlin vorrückende Rote Armee. Nach der totalen Niederlage Nazi-Deutschlands und der Teilung des Landes, wuchs die Stadt in der Uckermark zu einem bedeutenden Industriestandort der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) heran.

Seit dem Beitritt der DDR zur BRD verändert sich die Stadt massiv. Die volkseigenen Betriebe wurden abgewickelt, die auskömmlichen Erwerbsarbeitsplätze verschwanden Stück für Stück und die Menschen wanderten ab. Schwedt hat seit 1990 über 40 Prozent seiner Einwohnerschaft verloren.

Der relevanteste Erwerbsarbeitgeber in Schwedt ist die PCK Raffinerie, die etwa 1200 Beschäftigt hat und in dessen Umfeld sich zahlreiche Zulieferer und Dienstleister angesiedelt haben. Sie beschäftigen zusammen rund 2000 Menschen. Die PCK ist ein Gemeinschaftsunternehmen verschiedener Erdölverarbeitender Konzerne. Der größte Gesellschafter ist die Rosneft Deutschland GmbH, die aktuell rund 54 % der Anteile hält.

Rohöl für Schwedt

Rosneft ist ein russisches Mineralölunternehmen mit Stammsitz in Moskau. Schon vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine wurde der Konzern sanktioniert, weitere Sanktionen verhängte die Europäischen Union. Die Bundesregierung strebt ein Öl-Embargo gegen Russland an (1). Würde die Druschba-Pipeline (2), über die aus Westsibirien Rohöl nach Schwedt gelangt, abgedreht, müsste das schwarze Gold des Industriezeitalters über andere Wege an den Standort transportiert werden. Ob das ein realistisches Szenario im aktuellen Wirtschaftskrieg ist, scheint mehr als fraglich. Eine weitere Deindustrialisierung der Region ist dagegen mehr als wahrscheinlich (3).


Informationen zur Reportage

Eine Stadt auf Abruf: Gehen in Schwedt die Lichter aus?

Deutschland: 2022
Sprache: Deutsch
Länge: 43:51 Minuten
Realisierung: Gaby Weber

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Quellen und Anmerkungen

(1) RTL news (26.7.2022): Alcmene – Grünes Licht für PCK-Raffinerie-Beteiligung. Auf https://www.rtl.de/cms/alcmene-gruenes-licht-fuer-pck-raffinerie-beteiligung-7f586bb2-be2d-5487-a772-a92633707441.html (abgerufen am 27.7.2022).

(2) Die Druschba-Pipeline, die eine Transportkapazität von 2,5 Millionen Barrel pro Tag hat (ein Barrel entspricht etwa 159 Litern), verbindet russische Ölfelder mit Raffinerien in Ost- und Mitteleuropa. Die Pipeline wurde von 1959 bis 1964 gebaut und später nach Osten bis zu den westsibirischen Erdölquellen in der Oblast Tjumen verlängert. Bis nach Schwedt sind es 5327 Kilometer. Die Pipeline beginnt im Raum von Almetjewsk, einer Großstadt in der autonomen Republik Tatarstan, und gabelt sich nahe der weißrussischen Stadt Masyr in einen Nordstrang, der über Polen bis nach Deutschland reicht, und einen Südstrang, der über die Ukraine die Slowakei, Tschechien und Ungarn mit Rohöl versorgt. Die Gesamtlänge des Pipeline-Systems beläuft sich auf rund 8900 Kilometer.

(3) Augsburger Allgemeine (7.6.2022): Zukunftsbündnis Schwedt fordert Erhalt aller Arbeitsplätze. Auf https://www.augsburger-allgemeine.de/berlin-brandenburg/industriepark-zukunftsbuendnis-schwedt-fordert-erhalt-aller-arbeitsplaetze-id62927661.html (abgerufen am 27.7.2022).


Foto und Video: Zbynek Burival (Unsplash.com) und Gaby Weber

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