Ästhetik, Fußball, Feuer und Krieg

Dass der Fußball in ‚Germanistan‘ als eine Gefahr bezeichnet werden muss, liegt nicht an der Art des Sportes, sondern an seiner Faszination. Selten ist die hiesige Bevölkerung mit einem so positiven Lebensgefühl anzutreffen wie in den Zeiten, in denen die Equipe in einem internationalen Turnier eine gute Figur abgibt. Dass das nun nicht mehr eine ausschließliche Männerdomäne ist, ist einerseits zu begrüßen, andererseits wird dadurch die Gefahr nicht kleiner. Denn der Fußball wirkt auf die Gesellschaft wie das sprichwörtliche Sandmännchen: Es trübt die Sinne für alles Übrige.

Dass wissen unsere Politiker schon seit Langem. Betrachtet man die Gesetze, die kurz vor oder während internationaler Fußballturniere verabschiedet wurden, wird sogleich klar, dass sich dahinter das Kalkül verbarg, zu erwartenden Protest mit der Euphorie für den Sport zu ertränken.

Nun, kurz vor dem EM-Finale der Frauen, in dem die deutsche Elf wegen herausragender Leistungen zurecht stand (1), lag zwar kein Gesetz auf dem Tisch, über das sich zu streiten lohnte, aber es ist eine Regierung am Werk, die in kurzer Zeit mehr zerstört hat, als Gesetze es vermögen. Noch Schlimmeres abzuwenden und den Schaden zu korrigieren, wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erfordern und das können, was einen Ausgleich der Gefühle anbetrifft, keine Titel der Welt kompensieren. Aber selbst darum geht es nicht.

Fußball, Duschköpfe und das Spiel mit dem Feuer

Nahezu unbemerkt, obwohl in den staatlichen Verlautbarungsmedien darüber berichtet wurde, allerdings mit einem vermeintlichen Stellenwert wie bei einem lokalen Unfall im kaum bewohnten Grenzgebiet, bahnt sich eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und China an.

Da plant die demokratische Politikerin Nancy Pelosi (2) einen offiziellen Besuch in Taiwan und bricht damit alle Gesetze der eigenen Politik. Denn China beansprucht Taiwan, seinerseits von lediglich 14 Staaten weltweit anerkannt, als eigenes nationales Territorium (3). Taiwan offiziell zu besuchen war bis jetzt ein Tabu. Es nun zu tun und China damit zu verdeutlichen, was die Vereinigten Staaten von der Position der Volksrepublik halten, muss als Provokation verstanden werden. Die offizielle Reaktion Pekings darauf war nur ein Satz: Spielen Sie nicht mit dem Feuer! (4)

Was als Initial für das Verlassen von Stellvertreterkriegen wie momentan in der Ukraine tatsächlich als Auftakt für einen dritten heißen Weltkrieg aussieht, verursacht bei der hierzulande schnarchenden Entourage des US-demokratischen, völlig von der Rolle geratenen Imperialismus nicht das geringste Kopfzerbrechen. Da bleibt man doch im Urlaub und überlässt es den staatlich autorisierten Plappermäulern, entweder das Volk mit der ständigen Wiederholung von zunehmend nicht mehr funktionierenden Feindbildern und dem Austausch von Duschköpfen als Reaktion auf eine törichte Energiepolitik dermaßen zu nerven, dass die Flucht in ein ästhetisch attraktives Fußballmatch allemal die attraktivere Option ist. Obwohl verständlich, helfen tut es nicht.

Verkümmerte Kompetenz

Wäre Nancy Pelosi in den Flieger mit dem Ziel Taiwan gestiegen und dort nicht ankommen, würde der große Krieg im südchinesischen Meer (vielleicht) schon beginnen, weil die demokratische Partei der USA, hierzulande von den Experten als die einzige Alternative zu Donald Trump so enthusiastisch gefeiert, in einem heißen Konflikt mit China die einzige Chance sieht, die Wahlen zum Repräsentantenhaus im November 2022 für sich zu entscheiden. Anscheinend, so muss man schlussfolgern, ist dort die strategische Kompetenz ebenso verkümmert wie in Germanistan. Die Welt steht am Abgrund; auch nach dem Fußball in Wembley. Die Cracker stehen schon bereit.

Quellen und Anmerkungen

(1) Salzburger Nachrichten (31.7.2022): Fußball-EM der Frauen: England nach 2:1 gegen Deutsche erstmals am Thron. Auf https://www.sn.at/sport/fussball/euro-2022/fussball-em-der-frauen-england-nach-21-gegen-deutsche-erstmals-am-thron-125036566 (abgerufen am 2.8.2022).

(2) Nancy Patricia D’Alesandro Pelosi (Jahrgang 194) ist eine US-amerikanische Politikerin der Demokratischen Partei. Seit 1987 ist sie im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten und seit Januar 2019 dessen Sprecherin. Diese Funktion übte sie bereits von 2007 bis 2011 aus. Von 2003 bis 2007 sowie zwischenzeitlich war Pelosi Vorsitzende der demokratischen Minderheitsfraktion. Mitten in der angespannten Weltlage und unter dem Eindruck einer Rezession in den Vereinigten Staaten, kündigte Pelosi einen Besuch in Taiwan im Rahmen einer Asien-Reise an. Trotz schärfster Proteste seitens der Regierung der Volksrepublik China, die Taiwan als Teil Chinas betrachtet, sagte Pelosi ihren Besuch nicht ab. Am 2. August 2022 landete ihre Maschine in Taipeh. Als Reaktion sollen sowohl das chinesische als auch das taiwanesische Militär die Kampfbereitschaft erhöht haben. Weitere Informationen zum Beispiel in Neue Zürcher Zeitung (2.8.2022): Nancy Pelosi in Taipeh: Ein Zwischenstopp mit Folgen. Auf https://www.nzz.ch/international/nancy-pelosi-in-taipeh-ein-zwischenstopp-mit-folgen-ld.1696237 (abgerufen am 2.8.2022).

(3) Augsburger Allgemeine (2.8.2022): Welche Länder erkennen Taiwan als Staat an? Auf https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/wer-erkennt-taiwan-an-alle-laender-beziehung-zur-usa-id63508431.html (abgerufen am 2.8.2022).

(4) Welt (29.7.2022): Xi Jinping warnt Biden vor „Spiel mit dem Feuer“ in Taiwan-Frage. Auf https://www.welt.de/politik/ausland/article240179943/Xi-Jinping-warnt-Biden-vor-Spiel-mit-dem-Feuer-in-Taiwan-Frage.html (abgerufen am 2.8.2022).


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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

2 Gedanken zu “Ästhetik, Fußball, Feuer und Krieg”

  1. Für diejenigen, die sich mit dem Kicken der Millionäre nicht mehr arrangieren können, gab es am Wochenende das Pax Terra Musica in Friesack bei Berlin. Okay, der Frauenfußball wird noch nicht überbezahlt. Was soll man noch zu unseren Angestellten, den Politikern, sagen. Ob USA oder BRD – schlimmer geht’s nimmer! Nur in Russland scheinen noch Ansätze von Verantwortung für das Ganze, Achtsamkeit, vorhanden zu sein.

  2. Hier meine Gedanken zu dem Beitrag „Ästhetik, Fußball, Feuer und Krieg“ von Gerhard Mersmann:

    Die weltweit agierende Finanzoligarchie ist letztlich ihr eigener Totengräber.

    Ob dieser Kampf im Bewahren der Wirklichkeit oder in deren Beenden mündet, hängt im wesentlichen davon ab, wie weit sich dabei das menschliche Selbstbewusstsein entwickeln kann, so dass es Konfrontation in konstruktives Miteinander wandelt, Nützlichkeit statt Profitmaximierung als Triebkraft erkennt und verantwortungsbewusste Eigentümer zu gewinnbringendem Wettbewerb motiviert.
    Das Problem von uns Menschen, den Weg in eine bessere Zukunft zu finden, liegt darin, dass wir zu ständigem handeln und zu ständig veränderndem wirken existenziell gezwungen sind, aber oft lediglich spontan agierend und dabei vermutend, aber in wachsendem Maße auch zielorientiert gestaltend und dennoch nur näherungsweise wissend sind, ob unser handeln der gewollten Richtung entspricht. Gleichgültig ob sich die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft evolutionär behäbig oder sprunghaft revolutionär vollzieht, sie ist immer dann fortschrittlich wenn sich jeder Einzelne im Rahmen der gegebenen Lebensverhältnisse als selbstbewusst konkrete Persönlichkeit emanzipieren kann und wenn sich eben diese Verhältnisse in Richtung einer Gesellschaft bewegen, in der durch eigenwilliges Wirken der Einzelnen das dauerhafte Bewahren des Mensch-Seins ermöglicht wird.
    Wir Menschen können uns entscheiden, ob wir bewahrend oder beendend wirken und entsprechend dieser grundlegenden Orientierung unser Leben sinnvoll oder sinnlos gestalten wollen. Durch unser menschliches Selbstbewusstsein sind wir in der Lage unser eigenes Ich einer umfassenderen Bestimmung zuzuordnen und daraus sinnvolles Handeln für uns selbst herzuleiten.

    „Das Gewebe dieser Welt ist aus Zufall und Notwendigkeit gebildet“, stellt Johann Wolfgang von Goethe fest. Und es sei eine von uns Menschen „zu erlernende Kunst“, uns mit Vernunft zwischen beide zu stellen, um sowohl den Zufall, als auch die Notwendigkeit beherrschen zu können. Denn unsere Vernunft wisse, dass das Notwendige der Grund unseres Daseins ist, und dass man mit Vernunft das Zufällige lenken und leiten kann. (Weisheiten deutscher Klassiker Bertelsmann Verlag Orbis Edition 1999)

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