Post-Heroismus und der Tiger im Raum

Diejenigen, die das Treiben des Menschen auf bestimmte Urinstinkte reduzieren, scheinen aus dem Erklärungsarsenal für das, was auf dem Planeten geschieht, zumindest im Westen entfernt worden zu sein. Die Auffassung, dass der Mensch ein Tier ist, dass unabhängig von der Zivilisation, in der er lebt, zunächst darauf bedacht ist, sich selbst zu erhalten, und zwar gegen alle möglichen Feinde, die ihm die Lebensgrundlagen zu stehlen bereit sind, wird immer wieder getadelt als die Sichtweise von Barbaren.

Ob es barbarisch ist, am Leben bleiben zu wollen, würde wohl von allen Menschen, die den Verstand noch nicht verloren haben, als Unsinn bezeichnet. Aber es scheint zu den vielleicht edel gemeinten, aber dennoch dekadenten Vorstellungen einer Gesellschaft zu gehören, den Überlebenswillen und den Drang zur Selbstbehauptung zu diskreditieren.

Dass diese Eigenschaften dennoch in den Genen schlummern, zeigen die vielen, rein mentalen Verbrüderungen mit denen, die sich, weit entfernt, dafür entschieden haben, sich gegen Eindringlinge und Bedrohungen zu verteidigen. Wenn man so will, handelt es sich dabei um Stellvertreterkämpfe, die die Menschen in den Gesellschaften, die als post-heroisch zu apostrophieren sind, allzu gerne führen, ohne dem Tiger direkt ins Auge sehen zu müssen. Ob die Identifikation mit den jeweiligen Kombattanten immer gelungen sein mag, ist dabei noch eine andere Betrachtung wert, doch ist sie im Hinblick auf das Problem sekundär.

Das Schweigen des Todes

Was auffällt und einer Regel gleicht, ist die Tatsache, dass tatsächlich sehr häufig Missstände und Bedrohungen angeprangert werden, die durchaus in der eigenen Zivilisation und im eigenen Kulturkreis anzutreffen sind, aber dort systematisch ausgeblendet und mit Schweigen belegt werden. Das Messer am eigenen Hals oder am eigenen Selbstverständnis wird systematisch ignoriert, aber in wohltuender Ferne in anderen Kontexten an den Pranger gestellt. Dort, ja, da tobt die Entrüstung, da wird verbal ein Kampf auf Leben und Tod geführt, da werden Tränen der Empathie wie Sympathie vergossen, aber im eigenen Behuf herrscht das Schweigen des Todes.

Man könnte das alles auch abtun als ein Phänomen der Feigheit. Man könnte unterstellen, dass zumindest das Gefühl für die Gefahr und die Ungerechtigkeit noch nicht gestorben ist, man könnte es abschreiben als eine wie auch immer geartete Degeneration des eigenen Selbsterhaltungstriebes, wenn nicht ein Phänomen dem Bild eine düstere Note verliehe:

Oft sind die mental angeklagten Verhältnisse nicht nur in weiter Ferne, sondern auch im Verantwortungsbereich anderer politischer Verhältnisse, die nicht den eigenen Rezepturen entsprechen. Nicht, dass das Unrecht auch aus solchen Kontexten resultierte, aber es ist schon erstaunlich, dass der Kampf um die eigene Existenz in der zivilisatorischen wie kulturellen Fremde soviel Feuer in den Köpfen erzeugt und in dem Verantwortungsbereich, in dem man selbst lebt, nichts als Asche zeitigt.

Der Tiger und der Post-Heroismus

Das Phänomen des Post-Heroismus ist ein weit unterschätztes, da es neben den beschriebenen Ersatzhandlungen, die für das eigene Dasein keine praktischen Folgen haben, auch zu Taten führen, die nicht mit dem eigenen Selbstverständnis in Einklang zu bringen sind, wie zum Beispiel der terroristische Einsatz von Drohnen. Es führt darüber hinaus zu einer dramatisch falschen Einschätzung tatsächlicher Gefahren. Wer meint, er säße immer nur am Spieltisch und hantiere mit kleinen Figuren, fällt völlig überrascht vom Hocker, wenn ein leibhaftiger Tiger tatsächlich im Raum erscheint.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto: Niket Goswami (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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