Lobpreis der Aasgeier

Der Wald brennt. Die Oder stirbt. Die Felder um Berlin stinken. Windhosen legen gesunde Baumriesen nieder. „Klima-depressive“ Experten geben uns fünf, maximal zehn „gute Jahre“. Trotzdem setzt die Bundesregierung ihre ohnehin lächerlichen Klimaziele aus, um Krieg zu führen und den Waffenkonzernen 100 Milliarden € in den Allerwertesten zu blasen: Koks für unsere endgültig übergeschnappte Kultur. Die Aasgeier mit den Teuerungszulagen haben ganz klar gewonnen.

Elf Jahre

Abends, wenn nach Einbruch der Dunkelheit die Hitze langsam unter 30 Grad fällt, gehe ich zum Briefkasten. Hier auf dem Land sind das gute 500 Meter, denn die Kästen stehen nicht am Haus, sondern an der Bundesstrasse. Auf dem Weg durchquere ich das Vogelschutzgebiet, das bis an die Grenze der Wohnbebauung geht.

2011 bin ich ins UNESCO Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe gezogen, weil ich die Großstadt nach über dreißig Jahren im Zentrum von Berlin unerträglich fand. Der Umzug brachte Erleichterung, denn es war hier schön abgeschieden vom Wahnsinn der Metropole, schön ruhig – außer wenn gerade Mal wieder ein Starfighter von Rostock her in 50 Meter Höhe über das Vogelschutzgebiet flog, um vor Monatsende das Kerosin zu verballern. Die Piloten, denen wir vom Hof aus ins Gesicht schauen können, wenden dazu ihre Maschinen über den im Kiefernwald auf der anderen Flussseite stehenden Atommüllbehältern von Gorleben und jagen zurück an die Ostseeküste. Zum Glück fallen die Dinger nicht mehr ständig vom Himmel wie noch zu Franz-Josef Strauß‘ Zeiten.

Bei uns am ehemaligen Todesstreifen hinterm ehemaligen antifaschistischen Schutzwall jedenfalls sieht es oberflächlich betrachtet – derzeit noch – einigermaßen prima aus. Aber wer etwas genauer hinsieht, erkennt: Nichts ist in Ordnung.

Traurige Tropen?

Ein Nachbar aus Ostpreußen, 1947 in die fast menschenleere Prignitz gekommen, sagte einmal über die Jahre vor der Wende: „Früher lebten wir am Arsch der Welt. Heute liegen wir im Herzen Europas“. Es war 2011 kein besonderes Privileg, weitab der Hauptstadt ins äußerste West-Brandenburg zu ziehen, sondern die Entscheidung für den mit Abstand günstigsten Wohnort in Deutschland – vielleicht einmal von einem verschlafenen Tal in Thüringen abgesehen, in dem sich Massen von 88er Spaßvögeln an der gleichnamigen (und somit „national befreiten“) Bundesstraße zusammengerottet und damit heftig zum Preisverfall der Wohnimmobilien beigetragen hatten.

2011 sprangen mir auf dem Weg zum Briefkasten Frösche aller Größen vor den Füßen herum?

Bei einer nachbarschaftlich organisierten Hilfsaktion (Frösche über die Bundesstraße tragen, damit sie nicht überfahren werden), wurden einmal 14.000 Tiere an einem langen Abend gezählt. Hunderte von schwarzen 10-Liter-Baueimern voll. Es gab hier sogar Laubfrösche, die bellend auf den Bäumen hockten und unser Lachen zu imitieren schienen, wenn wir draußen noch ein Bier tranken.

Zu den Fröschen kamen Teichmolche, Schwärzlinge der Ringelnatter, Kreuzottern. In Sichtweite gab es einen Seeadlerhorst. Überall lag Obst auf der Wiese, sogenanntes Streuobst und Insekten schwirrten, Vögel pickten, Nagetiere schmatzten in der Dämmerung. Der Besitzer von Ostmost, der in unserer Region die Zutaten für seine Säfte erntet, sagte einmal: „Streuobstwiesen sind der deutsche Regenwald“. Kein Wunder, dass sieben Bundesländer entschieden, die bevorzugte Lage zum Nationalen Naturmonument zu erheben, um es auf Generationen zu schützen.

Aber vor wem? Wer würde ernsthaft den nördlichsten Regenwald mit seinem Artenreichtum zerstören wollen?

Dürre

Nach drei feuchten Jahren und einem Jahrhunderthochwasser kam die Dürre. Mit der Dürre kamen Stürme. Zeitgleich oder im Zusammenhang damit – die Natur ist komplex und schwer durchschaubar – Eichenprozessionsspinner. Was nicht kahl gefressen wurde und abstarb, wurde vom Wind umgelegt.

Im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wurde massiv das Biozid Dipel ES gespritzt, das bedeutet, es wurden toxische Organismen mit dem schönen Namen „Bacillus thuringiensis„, Thüringer Bazillen, in den Kreislauf eingebracht. Da Eichen auch am Deich stehen, wurden die vorgeschriebenen Abstandswerte unterschritten, die zu Gewässern eingehalten werden müssen.

Trotz anderslautender Behauptungen in den Broschüren war eindeutig zu sehen: Insekten aller Art verschwanden, Bienenvölker mickerten plötzlich. Die Laubfrösche verschwanden. Sie sind sicher nicht direkt an der Thüringer Bazille gestorben, aber ihr Futter war tot. Dürre förderte zudem Pilzerkrankungen. Tödlich für Frösche mit ihrer sensiblen Haut.

An dieser Stelle könnte man zynisch sagen: Et cetera pp. Wir sollten, wir könnten die Geschichte kennen.

Nicht nur kennen. Man kann den Wandel sehen und fühlen. Noch eine Hitzewelle, noch zwei Windhosen wie die in der vergangenen Woche, vielleicht noch fünf – und hier ist alles kahl, öde, staubig, leer.

Es ist die Realität hinter dem, was man oft nur abstrakt und daher noch schwer vorstellbar „Komplexität“ nennt: Folgen des industriellen Eingriffs in die Natur. Auf UNESCO-geschützten Flächen, wo der Naturschutzbehörde auf ihre Anzeige hin richterlich beschieden wird, der Einsatz von Glyphosat, mit dem der Bauer einige Maschinenstunden spart, weil sich toter Acker leichter pflügen lässt, sei „gute landwirtschaftliche Praxis“. Ein entsprechender Prozess wurde „wegen Nichtigkeit“ niedergeschlagen.

Auf UNESCO-geschützten Flächen wird auch mit Neonictinoiden gebeiztes Mais-Saatgut gepflanzt, weil die Forderung der Naturschutzbehörde, keine Gaskanonen zum Vergrämen der Vögel einzusetzen, im Ergebnis dazu führte, dass jetzt alle Mais pflanzen, weil die Vögel da nicht rangehen und weil man es hinterher schön in die Biogasanlage stecken kann, der mit Abstand ineffizientesten Maschine zum Herstellen von Energie.

Gift

Mehrere Tage lang interviewte ich im Jahr 2017 Randolf Menzel, einen der weltweit führenden Experten zum Thema Bienengehirn, denn ich wollte verstehen, woran die Bienen sterben. Auch hier war das Ergebnis: Die Broschürenbehauptung, Neonicotinoid töte direkt keine Bienen, ist eingeschränkt richtig. Die Bienen erhalten beim Aufnehmen des Giftstaubes, von dem der Bauer Parkinson bekommt, einen Nervenschaden und finden ihren Weg nicht mehr. Sie sterben nicht an der Vergiftung, sondern verhungern wegen Desorientierung.

Die Parkison-Hirnschaden-Kombi stecken wir uns dann in den Tank, wodurch die Reichweite unserer – zumindest meines Autos um genau 5 % abnimmt (E10 zu E5).

Erschreckender jedoch am Menzel-Interview war eine Anekdote, die ich heute, mit Blick auf die Oder-Katastrophe, noch einmal anders höre: Als junger Mann hatte Menzel bei BASF hospitiert. Er bekam mit, dass die zuständigen Mitarbeiter der Wassergütemessstelle die „Kollegen“ beim Konzern anriefen, bevor das Boot ausfuhr. Dann wurden die Kanäle, durch die in den Rhein eingeleitet wurde, dicht gemacht. Alles floß in große Auffangbehälter für einige Tage. Die Werte im Fluß waren dann gut – bis das Boot vorbei war.

Menzel war entsetzt, dass alle das wußten, keiner etwas dagegen unternahm.

Zurück zur Dürre. Vor unseren Augen findet der Klimawandel statt. Aber das ist kein “Naturgesetz”.

Die Anzahl von Allee- und Auenwaldbäumen, die vor meiner Tür in den letzten acht Jahren verloren gegangen ist, benötigt ein massives Aufforstungsprogramm und 100 Jahre Zeit, um den Zustand von 2011 wieder zu erreichen. Unnötig zu sagen: ein Aufforstungsprogramm, das es natürlich nicht gibt.

Der Eindruck drängt sich mir auf, dass, je mehr kahlgefegte Flächen entstehen, der Sturm an Heftigkeit zunimmt.

Menzel sagte eine Zahl, die ich mir heute erst plastisch vorstellen kann: seit 1980 haben wir 80 % der Biomasse verloren. Wo – um eine fiktive Zahl zu nennen – früher 1000 Kilo Grashüpfer, Hummeln, Schmetterlinge, Käfer, Schwebfliegen, Mücken auf einem Quadratkilometer vorkamen, sind es heute noch 200 Kilo. Das Beispiel mit der verklebten Windschutzscheibe in den 1980ern ist bekannt. Heute ist alles schön sauber, selbst nach langer Fahrt. Bald wird das Land insektenfrei sein.

Wen kratzt das? Können wir nicht künstlich bestäuben? Honig, wie Jean-Marc Reiser schon in den 80ern in einem seiner legendären Comics vorschlug, aus pürierten Nacktschnecken und Zucker herstellen? Die Kleinen, die keinen echten Honig kennen, schlabbern es weg!

Können sich die Bestände erholen, habe ich Menzel vor fünf Jahren gefragt. Ja, sagte er, das ist theoretisch denkbar, aber nicht für alle Arten. Viele sind zu schwer geschädigt, um wieder eine vitale Population aufbauen zu können. Und wer bitteschön, fragte nun Menzel zurück, würde denn ein sofortiges und vollständiges Verbot für alle Produkte mit Glyphosat- und Neonictonoid-ähnlicher Wirkung durchsetzen? Wollen wir dem Bauern seine Schadinsekten-bedingten Ausfälle bezahlen?

Also nein, keine Erholung möglich?

Nein, antwortete Menzel. Wir haben diese Bestände endgültig verloren.

UFO

Als ich gestern wieder einmal im Dunkeln zum Briefkasten wanderte, war ein UFO gelandet: Taghell leuchtete es von der anderen Seite der Bundesstraße. Mitten im Vogelschutzgebiet ist es gelandet. 200 Meter Kantenlänge, rundum in schneeweiße Folie gekleidet, wohl 10 oder 12 Meter hoch, mitten in der Nacht taghell beleuchtet, sodass man es vom Orbit aus lokalisieren könnte. Das UFO ist der neue Stall des lokalen Energiebauern. Energiebauern pflanzen Energiepflanzen auf Flächen, die besser der Herstellung von Nahrungsmitteln dienen sollten. Energiebauern nennt man Unternehmer, die ihre Kühe im Wesentlichen zum Scheißen benötigen. Um mit dem Kot eine (politisch wie funktional) aufgeblähte Energieanlage zu füttern. Deren Energie zu 60 % im Prozess verloren geht.

60 %? Ist das nicht mehr als die Hälfte? Ich muss mal meinen alten Mathematiklehrer anrufen. Der kann noch Kopfrechnen.

Weil das Ganze so wahnsinnig wenig lohnt, schüttet die Regierung dafür Fördermittel in Quantitäten aus und behauptet (wo bleibt der Fakten-Check?), die Sache sei so grün wie die geschwollenen Dächer der Gärbehälter. Dunkelgrün. Die Farbe der Stunde. Fast schon schwarz.

Das UFO zumindest leuchtet schön knallhell. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die mühselig erzeugte Energie, die ohnehin verlustfrei nur ein paar Kilometer weit zu transportieren ist, hier gleich an Ort und Stelle komplett vernichtet wird, bevor sie ganz verloren geht.

Meine Beschreibung hört sich so an, als wäre ich „pro“ Kernenergie. Nein. Aber deswegen ist Maisvergärung trotzdem kein Ausweg aus der Klimakrise. Es ist eben etwas komplexer.

Übrigens: Die Störche kommen nicht mehr. Hier in Deutschlands „Storchenland“ waren sie mal ein bedeutender „Tourismusfaktor“.

Warum kommen die Adebare nicht? Wissen die etwa, dass die Frösche tot sind?

Nein. Auch das ist etwas komplexer.

Der Energiebauer hat – sagen wir – 1000 Tiere im Stall stehen. Sogenannte Großvieheinheiten. Es gibt auch größere Anlagen. Drum herum hat er Tausende Hektar Land, die er als Nachweisfläche benötigt, gegenüber Ministerium und EU. Tiere dürfen da nicht frei drauf laufen. Sie stehen im UFO. Ein autonomer Roboter schiebt ihre Kacke zusammen. Dann kommt sie entweder in den Gärbehälter oder direkt raus aufs Feld. „Mama, es stinkt, wir sind zu Hause“ war mal ein erfolgreicher, viral gehender Film, der diesen Zusammenhang treffend-ironisch erläuterte.

Die Gärreste werden im Feld ausgebracht und untergeackert. Nicht immer sofort, wie es der Gesetzgeber gern sähe. Da ist dem Energiebauern, der übrigens rein aus Kostengründen hauptsächlich Bulgaren beschäftigt, wohl etwas anderes dazwischengekommen. Gärreste stinken besonders stark. Am meisten stinken sie, wenn sie das ganze Wochenende lang in der glühenden Sonne gelegen haben.

Stört das etwa die Störche und bleiben sie deswegen weg? Weil sie sich bei der Futtersuche nicht die Füße schmutzig machen wollen?

Nein, nicht ganz genau. Aber so ähnlich.

Seuchen

1000 Tiere in einem Stall – da gibt es erhebliche Infektionslast. Erhebliche Ansteckungsgefahr. Erhebliche Krankheiten.

Irgendwo hat doch jeder von uns schon mal gelesen, dass in gewissen ländlichen Regionen in den Arztpraxen die Bauern und Bauernkinder in einem von den übrigen Bewohnern getrennten Warteraum sitzen müssen? Oder? Nie gehört? Nie gefragt, warum wohl?

In der Massentierhaltung jedenfalls werden wegen der ganzen Seuchen alle Tiere prophylaktisch medikamentiert. Immer rein mit dem Gift. Wurmkur.

Würmer sind Parasiten und woran sie sterben, sterben auch Insekten.

Wenn ihre Scheiße, die man Gülle nennt, wenn sie mit Wasser versetzt zum Sprühen aufbereitet ist, aufs Feld rausbringt, ist sie pharmakologisch verseucht.

Früher waren große Rinderherden die bevorzugten Verweilplätze für Störche. Wenn die Kuh auf die Wiese kackte, kamen Fliegen und legten ihre Eier, Käfer kamen und zersetzen die Fladen und die Wiese wurde gedüngt und wuchs prächtig und die Störche hatten unendlich viel Futter (Biomasse) für die Aufzucht der Brut. Die „Grützköpfe“ (Jungstörche) essen nämlich zunächst gar keine Frösche.

Heute tötet die Gülle alle Insekten und unter der Giftbrühe verbrennt das Gras, denn der verdünnte Kot wird nun nicht mehr biologisch abgebaut und erstickt die Wiese.

Wenn ich hier auf dem Land das Wort „Gülle“ öffentlich in den Mund nehme, ruft mich die zuständige Vertreterin der Bauernschaft auf meinem Handy an und sagt mir, ich solle mal die Füße stillhalten. Sie fragt allen Ernstes, warum wir Städter eigentlich aufs Land ziehen? Um uns zu beschweren, dass es dort stinkt? Die gute Frau scheint den Unterschied zwischen dem Geruch von Mist und Gülle nicht zu kennen.

Im Gegenzug wäre eher zu fragen, warum eigentlich Menschen, die ihr Einkommen aus und mit der Natur verdienen, mit solcher Todesverachtung gegen alles Lebendige vorgehen? Mit solcher Ignoranz.

Wer einmal einige Stunden, ja tagelang Traktoren beobachtet, die mit Vollgas von der Straße aus ins Feld brettern und in hohem Bogen Jauche versprühen, der versteht, was ich mit „Hass auf die Scholle“ meine.

Aber vielleicht ist der Energiebauer in der klimatisierten, schallisolierten, vollvernetzten Kabine seines Traktors, die er den ganzen Tag nicht verlässt, dermaßen von seiner Umwelt entkoppelt, dass ihm alles „da draußen“ wie eine Videolandschaft vorkommt, die es einkommensgerecht zu verändern, letztlich zu besiegen gilt. So wäre der bäuerliche Krieg gegen die Natur eine mit Chemiewaffen geführte Folge seiner Deprivation, eine Art Kabinen-Koller.

Soll ich noch weitererzählen?

Na gut, einen noch.

Drohne

Viel Geld verdient der Bauer mit Flächennachweisen. Mit Subventionen für Flächen. Die Flächen werden von einer staatlichen Drohne ausgemessen. Kurz bevor die Drohne fliegt und die Zuwendungen errechnet werden, fährt der Bauer mit dem Gestrüppmähbalken und häckselt den ohnehin kärglichen Feldrain-Bewuchs ab. Metzelt alle Vogelnester nieder. Wohlgemerkt: im Vogelschutzgebiet des UNESCO-Biosphärenreservates.

Der Bauer ist ein „rechtlich privelegierter“ Unternehmer mit Sonderbaurechten in Schutzzonen, Sonderweiderechten und der Erlaubnis, die Wiese mit den Bodenbrütern Ende Mai, also während der Nistzeit, abzusemmeln und hinterher mit einem Riesensauger, der passenderweise „Gama Super Claas Jaguar Feldhäcksler“ heißt, die zerhackten Tierchen zusammen mit der Wiese einzusaugen. Eigentlich darf er erst nach der Lerchenbrutzeit mähen, aber, Sie wissen schon, da ist das Wetter schlechter oder etwas anderes liegt an und wenn einer herginge und sich beschwerte, weil er Lerchenschützer ist, greift wieder die Nichtigkeit.

Überhaupt, fahren Sie in ihrem Auto etwa Sprit, der zu 10 % mit Lerchen versetzt ist?

Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen.

Und der Jaguar fährt.

Millionen Tote?

Na gut, einen Letzten noch. Aber der hat nichts, rein gar nichts mit Industrieller Landwirtschaft zu tun. Deswegen hat den Zusammenhang seit Simone Weils Zeiten auch niemand untersucht.

Im Jahr Null ante Corona gab es einen kurzzeitig viel beachteten und heute wahrscheinlich schon wieder vergessenen Artikel, den ich aus diesem Grund gern in Erinnerung rufen möchte.

Der Autor des Artikels heißt Rob Wallace. Es gibt auf Deutsch ein höchst interessantes Interview unter dem Titel „Coronavirus: Die Agrarindustrie würde Millionen Tote riskieren“. In dem Interview stellt Wallace einen Zusammenhang her zwischen industrieller Landwirtschaft, fehlendem Bremseffekt für die Viren-Ausbreitung durch mangelnde Artenvielfalt und rasanter Zunahme von Infekt-Krankheiten.

In seinem Buch „Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science“ belegt er umfangreich, wie Epidemien zustande kommen: durch die Art, wie wir unsere Nahrung erzeugen.

All das habe ich schon einmal in „Der Brunner-Affekt“ geschrieben. Immerhin wurde der Text 140-mal kommentiert und mir zum Schluss ein Toast ausgebracht: „Ein desinfizierendes Mittagsschnäpschen auf Sie und Ihren hervorragenden Appell.“

Aber der gute Nachgeschmack verging schnell und so musste ich es heute noch einmal erzählen und zwar:

Angesichts der Oder-Katastrophe.

Angesichts zunehmender Waldbrände.

Angesichts steigender Zahlen von multiplen Infektionskrankheiten.

Angesichts der Diffamierung von Naturschützern als „Extremisten„.

Angesichts der Wiederzulassung von Glyphosat unter anderem Markennamen.

Angesichts der signifikanten Störungen der Darmflora durch viszeralen Botulismus in glyphosatverseuchten Gebieten, sprich überall auf dem Lande, wo sich im Brunnenwasser eine Gülle-induzierte Keimlast von 10 hoch n über dem Grenzwert nachweisen lässt.

Angesichts der Neubestimmung der letalen Dosen für Honigbiene und Mensch.

Weitermachen

Eigentlich müsste – erstmals seit 50 Jahren – ein Dichter wegen unhaltbarer Behauptungen ein Gedicht zurücknehmen. Wenn er noch leben würde, sollte Rolf Dieter Brinkmann zumindest teilweise widerrufen, was er in „Westwärts“ schrieb.

Richtig ist: Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Preise machen weiter.

Falsch aber ist Brinkmanns Zeile: … die Tiere und Bäume machen weiter.

Sie machen nicht weiter.

Doch die Aasgeier des Kapitals setzen darauf, dass wir nichts unternehmen.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay „Lobpreis der Aasgeier“ wurde am 18. August 2022 erstmals auf der Webseite von Olaf Arndt (https://olaf.bbm.de) publiziert und Neue Debatte vom Autor zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Zur besseren Lesbarkeit im Netz wurden einzelne Absätze hervorgehoben.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.


Foto: (Unsplash.com)

Autor, Künstler und Kurator | Webseite

Olaf Arndt arbeitet als Künstler, Kurator und Autor. 1989 gründete er in Berlin die Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) und beschäftigt sich seither in seinen Performances, Ausstellungen und Texten mit dem Thema Gewalt. 2005 erschien sein Sachbuch "Dämonen – Zur Mythologie der Inneren Sicherheit". Seit 2012 betreibt Arndt in der Prignitz am Ufer der Elbe eine praxisorientierte Denkfabrik. Es finden dort regelmäßig Kunst-Ausstellungen, Konferenz- und Vortragsveranstaltungen zu aktuellen Themen wie Finanzkapital, Rechtspopulismus und industrielle Landwirtschaft statt. Unter anderem erschienen von Olaf Arndt die Werke "Supramarkt – 25 Essays zur Bewältigung der globalen Krisen" (2015) sowie 2017 "Enquete BBM", eine 500-seitige Fotodokumentation, und 2020 der Roman "Unterdeutschland".

2 Gedanken zu “Lobpreis der Aasgeier”

  1. tja, was soll oder kann ich sagen? bei uns ganz im westen dieser de-publik, nahe der frz grenze, ist nicht anders, als im artikel mit sehr viel verve beschrieben, nur vielleicht, dass uns hier im westen/südwesten die klima-drift inform trockenheiten noch mehr betrifft – es hat sich wohl ausgekaspert, spätestens wenn wir demnächst schon sehr nahe „kipp-punkte“ des klimas erreichen.

    auch ich ging vor wenigen jahrzehnten noch in einer natur spazieren, die voller insekten, lurche, vögel war, und heut? nix mehr, landschaften still und ausgeräumt. friedhofsstille statt leben, und selbst die kräuter, die ich früher sammelte = fast alles futsch, gibts nicht mehr …

  2. Olaf Arndt beginnt seinen Beitrag mit dem Titel „Lobpreis der Aasgeier“ mit der Feststellung:

    „Der Wald brennt. Die Oder stirbt. Die Felder um Berlin stinken. Windhosen legen gesunde Baumriesen nieder. „Klima-depressive“ Experten geben uns fünf, maximal zehn „gute Jahre“. Trotzdem setzt die Bundesregierung ihre ohnehin lächerlichen Klimaziele aus, um Krieg zu führen und den Waffenkonzernen 100 Milliarden € in den Allerwertesten zu blasen: Koks für unsere endgültig übergeschnappte Kultur. Die Aasgeier mit den Teuerungszulagen haben ganz klar gewonnen.“

    Hier meine Gedanken dazu:

    Die menschliche Gesellschaft ist ein Teil des Ökosystems Erde und nur darin können wir Menschen leben.
    Auch in Ökosystemen ohne Menschen geschieht durch Interaktionen zwischen allen dort lebenden Pflanzen und Tieren als Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern ihr Dasein, wobei jedes in die ökologischen Kreisläufe integrierte Lebewesen sowohl den Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden kann.
    In diesen Systemen und selbstverständlich auch im gesamten Ökosystem Erde in dem auch wir Menschen leben, werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird.
    Von Menschen nicht genutzte Ökosysteme passen sich spontan an die sie bestimmenden äußeren Bedingungen im Rahmen der sie bewirkenden und durch sie selbst mitverursachten Auf- und Abbauprozesse an und bewegen sich erhebend, verkomplizierend und ihre Existenz bewahrend, solange es eben die vorhandenen äußeren und inneren Bedingungen zulassen.
    Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und sich mit harmonisch verlaufenden Wirtschaftskreisläufen in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert eingliedern.

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