Kalte Hinrichtung: Linksakademische Publizistik in der BRD 1972

Nachdem 1971 trotz positiver „Begutachtung“ in der 1959 von W. F. Haug gegründeten linksakademischen Zeitschrift Das Argument mein Aufsatz über Karl Mannheims Intellektuellensoziologie (warum auch immer) nicht wie vereinbart erschien, wurde dort im September 1972 im vierten Themenheft „Fragen der marxistischen Theorie“ meine erste größere wissenschaftliche Veröffentlichung gedruckt – der Aufsatz „Die Kritik von Korsch und Pannekoek an Lenins Materialismus und Empiriokritizismus“. (1, 2)

Anton Pannekoek 1908
Anton Pannekoek (1873 bis 1960) war Astrophysiker und Theoretiker des Rätekommunismus. 1938 veröffentlichte er unter dem Namen John Harper sein Werk „Lenin als Philosoph“. (Foto: Unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Es handelt sich um Teile meiner von Louis Althussers Werk „Lénine et la philosophie“ (1969) angeregten, im Wintersemester 1970/71 in Heidelberg geschriebenen, an der baden-württembergischen Reformuniversität Mannheim (WH) im April 1971 eingereichten und von den dortigen Professoren Harald Delius und Ulrich Steinvorth (Lehrstuhl Philosophie I) mit „befriedigend“ bewerteten philosophiegeschichtlichen Diplomarbeit „Probleme der Erkenntnistheorie Lenins“ (Manuskript, II/127 p.).

Der „Argument“-Text wurde 1973 so oberflächlich wie unwirsch von Professor Anton Leist im ersten Themenheft zu „Streitfragen der materialistischen Dialektik“ kritisiert (siehe: Das Argument 81/1973: 574 ff.), genauer: der Text wurde, so Herausgeber Haug im ZK-Jargon 1975 im Editorial zum vierten Themenheft „Streitfragen der materialistischen Dialektik“, einer von der „Argument“-Redaktion gebilligten „Kritik unterzogen“ (siehe: Das Argument 90/1975: 185 ff.) Dabei konnte Haug an seinen Professorenkollegen Oskar Negt anschließen.

Dieser hatte mich wegen meiner – zugegeben: linksleninistischen – Kritik sowohl an rätekommunistischen Autoren in Das Argument (1972) als auch wegen meines folgenden Beitrags zur Kritik der bundesdeutschen Korsch-Renaissance (siehe: „Sozialistische Politik“, 5 [1973] 22: 49-76) als „neostalinistischer Schmierer“ öffentlich denunziert (3).

Als unbekümmerter, damals 27 Jahre alter Jungwissenschaftler hatte ich in der Tat bemerkt, dass Negts Kritik an den in der Sowjetunion der 1930er-Jahre herrschenden Verhältnissen „sich noch nicht einmal auf die Höhe der Erkenntnisse des konservativen und gewiss jeder marxistischen Tendenz unverdächtigen geistesgeschichtlichen Forschers Ernst Nolte heraufarbeiten konnte“. Dieser hatte die stalinistische Sowjetunion der 1930er-Jahre als „nicht imperialistisch“, aber notwendig „totalitär“ klassifiziert und betont, dass deren „Telos nicht der Krieg zu sein brauchte“.

Was ich dann als Jungwissenschaftler bis Mitte der 1970er-Jahre im linksakademischen Bereich erfahren durfte, war keine (r)echte Berufsverbotspraxis. Sondern als zweite Exklusions- oder Ausgrenzungsvariante die denunziatorisch-verlogene Praxis einer „kalten Hinrichtung“ (Bertolt Brecht), als bürgerliche Existenzvernichtung, wenn Betroffene nicht des Lebens selbst, sondern „nur der Mittel zum Leben beraubt“ werden (5).

Der Sozialpsychologe und marxistische Subjektwissenschaftler Harald Werner hat diese Praxis später so erinnert:

„An der Carl-von-Ossietzky-Universität, die sich damals noch als linke Reformuniversität verstand, stieß ich nur noch auf verschlossene Türen. Wobei auch dies weniger an den Rechten lag als an den sich undogmatisch nennenden Linken. Sie achteten eifersüchtig darauf, dass ihre eigenen Leute berufen wurden und sich die in der Studentenschaft bestehende Mehrheit aus MSB und SHB nicht im Lehrkörper fortsetzte. Und im Laufe der Zeit sollte sich erweisen, dass sie damit deutlich erfolgreicher waren als die Politik der Berufsverbote.“ (6)

Quellen und Anmerkungen

(1) Das Argument, 14 [1972] 74: 586-625. Das gesamte Heft 74 (1972) ist verfügbar als PDF auf http://neu.inkrit.de/mediadaten/archivargument/DA074/DA074.pdf (abgerufen am 5.9.2022).

(2) Empiriokritizismus ist ein erkenntnistheoretischer Ansatz, der Schlüsse über den Erfahrungshorizont hinaus in die Realität als metaphysisch ablehnt. Erfahrungen gelten darin als die alleinigen Gegenstände, von denen ausgehend sich Wissenschaft befassen soll.

(3) Jahrbuch Arbeiterbewegung (Band 1): Über Karl Korsch (Frankfurt/Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1973).

(4) Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche (München, R. Piper, 1963: 470f.)

(5) Bertolt Brecht: Wir Neunzehn. Gesammelte Werke 19; Schriften zur Literatur und Kunst (2. Werkausgabe 1967: 490-493).

(6) Harald Werner: Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung. Das erfolgreiche Scheitern einer Kaderperspektive (Köln 2011). Siehe dazu auch: „Geschlossene Abteilung mit Offenen Fragen“, in: TREND 12/2011. Verfügbar auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1211/t101211.html (abgerufen am 5.9.2022).


Redaktioneller Hinweis: Der 1972 publizierte wissenschaftliche Aufsatz „Die Kritik von Korsch und Pannekoek an Lenins Materialismus und Enpiriokritizismus“ ist verfügbar auf infopartisan.net:


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Fotos: Mickey O’neil (Unsplash.com) und Internationales Institut für Sozialgeschichte Amsterdam (Aufnahme von Anton Pannekoek, BG A10/804, unbekannter Fotograf, gemeinfrei).

Kultur- und Sozialwissenschaftler | Webseite

Richard Albrecht ist Kultur- und Sozialwissenschaftler. Er lebt als Dozent im Ruhestand und Freier Autor in Bad Münstereifel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialforschung, politische Soziologie und kulturanalytische Sozialpsychologie. Er absolvierte ein Studium der Soziologie und Sozialpsychologie mit den Nebenfächern Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Sein Diplom erlangte er 1971, die Promotion erhielt er 1976 und seine Habilitation 1989. Aktuelle Veröffentlichung: Gesellschaft – Einführung in soziologische Sichten (2022).

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