Äh, tss, ahem, nee, nicht wahr oder, das is …, ARRRRGH!

Sie sehen, mir fehlen die Worte. Tief durchatmen, Fleck, es wird schon wieder. Ich fürchte nur, dass die Worte, die ich dann finden werde, bis ins Mark vergiftet sind. Jedes einzelne von ihnen ein Attentatsversuch, von denen hoffentlich einer erfolgreich sein wird. „WORT-MORD in DOWNING STREET“, hach, wäre das eine Headline!

Träum weiter, Schwachkopf. Erstens ändert das überhaupt nichts, weil der enthaupteten Hydra sofort neue Köpfe nachwachsen würden und zweitens haben Worte noch nie getötet, jedenfalls nicht direkt.

Und trotzdem würde ich mich über einen Wort-Mord in Downing Street freuen, schon deshalb, weil er den anderen Polit-Verbrechern gehörig in die Glieder fahren würde. Aber es bräuchte schon einen motivierten Wort-Killer, um die Tussi ins Jenseits zu befördern. Meinen Segen hätte er. Damit schließe ich mich dem Herausgeber der ZEIT an. Josef Joffe plädierte im Presseclub der ARD für einen Mord im Weißen Haus (1).

Wen hatte er gemeint? Donald Trump hatte er gemeint, der im Gegensatz zu den Gewohnheiten eines US-Präsidenten in seiner Amtszeit nie einen Krieg geführt hatte. Und wen meine ich? Liz Truss (2) meine ich, die neue britische Premierministerin, die kürzlich in Birmingham vor der Führung ihrer konservativen Partei erklärte, dass sie einen Atomschlag gegen Russland durchführen würde, auch wenn das Ergebnis die „weltweite Vernichtung“ wäre (3).

Das sagte sie kurz vor ihrer Wahl, quasi als Bewerbungsstatement. Der Journalist John Pienaar vom Times Radio machte sie darauf aufmerksam, dass man ihr im Falle ihrer Wahl zur Premierministerin schnell die Verfahren zum Abschuss von Atomraketen von den britischen Trident-U-Booten zeigen würde (4). „Das würde die globale Auslöschung bedeuten“, fügte er hinzu und fragte: „Wie fühlen Sie sich bei diesem Gedanken?“

Mit leerem Blick und emotionslosem Gesichtsausdruck antwortete Truss: „Ich denke, es ist eine wichtige Aufgabe des Premierministers, und ich bin bereit, sie zu erfüllen. Ich bin bereit, das zu tun“, wiederholte sie und erntete dafür Applaus von den versammelten Tories.

Die Lady sprach auch im Namen der gesamten britischen herrschenden Klasse. Nicht nur ihr Rivale in der Führungsriege, Rishi Sunak, hätte diese Frage bejaht, sondern auch jedes andere Mitglied des politischen Establishments des Vereinigten Königreichs, das sich um das höchste Amt des Landes bewarb.

Truss‘ roboterhafte und sofortige Antwort muss als finale Warnung verstanden werden, wie nah die Menschheit an einem nuklearen Armageddon steht. Liz Truss, der ich so gerne ins Handwerk pfuschen würde, ist die führende Propagandistin für einen direkten militärischen Konflikt mit Moskau. Und dabei steht ihr unser(e) Baerbock fest zur Seite.

Wir erinnern uns: Im Februar 2022 versetzte der russische Präsident Wladimir Putin die russischen Atomstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft. Sein Sprecher Dmitri Peskow sprach von „inakzeptablen“ Äußerungen „verschiedener Vertreter auf verschiedenen Ebenen“ über mögliche „Zusammenstöße“ zwischen der NATO und Moskau:

„Ich möchte die Autoren dieser Äußerungen nicht beim Namen nennen, wenngleich es die britische Außenministerin war.“

Und die hieß damals Liz Truss.

Truss und alle anderen Kriegstrommler wissen genau, dass moderne Atomwaffen weitaus leistungsfähiger sind als die, die 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Nur 50 davon könnten 200 Millionen Menschen töten, das entspricht der Bevölkerung von Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Deutschland zusammen. Aber das wäre nur der Anfang.

Ein groß angelegter Atomkrieg hätte massive Brände und Rußwolken zur Folge, die das Sonnenlicht blockieren und die Ernten vernichten würden. Eine anschließende nukleare Eiszeit würde für drei Viertel der Menschen den Hungertod bedeuten und innerhalb von zwei Jahren bis zu fünf Milliarden Menschen töten. Selbst ein „kleinerer“ Nuklearkonflikt würde wahrscheinlich zu 2,5 Milliarden Toten führen. Aber Liz Truss wäre dazu bereit. Wacker, wacker, kleiner Kacker haben wir in der Schule gesagt, wenn sich jemand zu großspurig in Szene setzte.

Nun muss man sich natürlich fragen, warum die NATO unter Federführung der USA diese hochbrisante Drohkarte spielt. Ganz einfach: Es geht um die Neuaufteilung der Welt. Die Regierungen der USA und Europas reagieren nicht auf eine russische Aggression, wie die „freien Medien“ des Westens nicht müde werde zu propagieren. Sie versuchen, die seit der Auflösung der UdSSR im Dezember 1991 verfolgte Politik der militärischen Einkreisung zu vollenden, um den Sturz des Putin-Regimes vorzubereiten und im Namen des Finanzkapitals die Kontrolle über die riesigen Ressourcen Russlands zu übernehmen. Nicht mehr und nicht weniger.

Wo bleiben wir dabei? Wo bleiben die Menschen, die ganz andere Sehnsüchte haben? Für die ein friedliches Miteinander auf diesem Planeten noch ein hehres Ziel ist, für das es sich zu kämpfen lohnt, insbesondere, wenn sie sich in demokratischen Verhältnissen wähnen, in denen ihr Protest noch Gewicht haben sollte.

Seit Jahrzehnten haben wir uns mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet unsere Erde, rettet den Regenwald, rettet die Nordsee, rettet das Nashorn, die Bienen, Elefanten und Kröten. Rettet alles Mögliche. Und täglich kommen neue Parolen hinzu.

Das Seltsame ist nur, dass all diese aus unserem Entsetzen erwachsenen Forderungen mit der Zeit zu hohlen Phrasen verkommen, bis sie ihre Bedeutung vollständig verloren haben. Sie verschwinden einfach unter einem Berg nachgeschobener Schweinereien, für die es erst noch wohlfeile Worte der Empörung zu finden gilt.

Aktueller Spitzenreiter auf den Transparenten von uns Verarschten: FREE ASSANGE. Aber auch dieser Aufschrei wird vermutlich im Mahlwerk der Mächtigen zerrieben werden und den Massen schon bald so viel Aufmerksamkeit abringen wie eine weggeworfene Zigarettenschachtel. Vielleicht hilft ja nur noch eines: Rette sich wer kann! Aber wohin denn noch … ?

Wahrheit lässt sich nicht einsperren. Interviews und Analysen zum Fall Julian Assange mit zum Beispiel Todenhöfer und Varoufakis. (Illustration: Neue Debatte)

Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck wurde unter dem Titel „Äh, tss, ahem, nee, nicht wahr oder, das is …, ARRRRGH!“ auf Apolut.net publiziert und Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Es wurde aktualisiert. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Anmerkungen ergänzt.

Quellen und Anmerkungen

(1) Swiss Policy Research (Juni 2017): Josef Joffe: “Mord im Weißen Haus”. Verfügbar auf https://swprs.org/video-joffe-trump (abgerufen am 8.9.2022).

(2) Mary Elizabeth „Liz“ Truss (Jahrgang 1975) ist Politikerin der Conservative Party. Sie studierte sie Philosophie, Politik und Ökonomie am Merton College der University of Oxford und war später als Ökonomin im Rechnungswesen bei Shell und dann bei Cable & Wireless tätig. Als Studentin soll sie linke politische Positionen vertreten haben, wechselte 1996 dann aber ins Lager der Konservativen und steht heute für neoliberale bzw. marktfundamentalistische Positionen. Anfang 2008 wurde sie stellvertretende Vorsitzende des Think-Tanks Reform. Sie war von 2016 bis 2017 Justizministerin und Lord Chancellor im Vereinigten Königreichs. Anschließend war sie bis 2019 Staatssekretärin im Schatzamt (Chief Secretary to the Treasury) sowie von 2019 bis 2022 Ministerin für Frauen und Gleichstellung und zusätzlich von September 2021 bis 2022 Außenministerin. Nach der Wahl zur Vorsitzenden der Konservativen Partei wurde sie am 6. September 2022 zur Premierministerin ernannt.

(3) World Socialist Web Site (27.8.2022): Liz Truss, Großbritanniens nächste Premierministerin, erklärt ihre Bereitschaft zur globalen nuklearen Vernichtung. Auf https://www.wsws.org/de/articles/2022/08/26/pers-a26.html (abgerufen am 8.9.2022).

(4) Freedom Rock Radio (27.8.2022): British prime minister front runner ‚ready‘ to push nuclear button. Auf https://freedomrockradio.co/news/british-prime-minister-front-runner-ready-to-push-nuclear-button (abgerufen am 8.9.2022).

(5) Deutsche Welle (2.3.2022): Wladimir Putins Atomdrohung – Wie ernst ist die Lage wirklich? Auf https://www.dw.com/de/wladimir-putins-atomdrohung-wie-ernst-ist-die-lage-wirklich/a-60973058 (abgerufen am 8.9.2022).

Infos zum Titelbild: Das Foto wurde im September 2018 auf Unsplash.com von Gareth Harrison veröffentlicht. Es entstand im Museum of Old and New Art (MONA) im australischen Tasmanien, einem Ort der Nachdenklichkeit. Auf dem Gelände befindet sich ein Atombunker, der an den Kalten Krieg erinnert und in dem eine Vielzahl an Kunstwerken untergebracht ist. Der Berufsspieler, Kunstsammler und Geschäftsmann David Dominic Walsh (Jahrgang 1961) gründete MONA 2011. Zur Eröffnung errichtete ein Künstler aus der Schweiz eine Installation mit einem Pkw. Das Fahrzeug, das auf dem Museumsparkplatz steht, wurde zwischen zwei Betonwänden eingezwängt und für Betrachter perfekt platziert, um die Wahrnehmung und die Sichtlinie zu verbessern. Gründer David Walsh bezeichnete das MONA als ein „subversives Disneyland für Erwachsene“. Mehr Infos auf https://mona.net.au im Netz.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Foto: Gareth Harrison (Unsplash.com).

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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