Grüne: Der Iran als rhetorische Kompensationshandlung

Das alte Geld befragt, woran Neureiche zu erkennen sind, so ist die Antwort in der zu erwartenden arroganten Tonlage, man sähe es sogleich an teuren Accessoires und allmählich an kollektiver Gewichtszunahme. Und schon sind wir beim Parteitag der Grünen.

Aufsteiger aus dem moralischen Prekariat

Irgendwie sah es aus und fühlte sich so an wie ein Konvent von Neureichen, die Gestus, Habitus und Diktion der Klasse, die sie glauben erreicht zu haben, noch einüben müssen.

Das mit der Gewichtszunahme haben viele bereits erreicht und die neuen Statussymbole und die chice, natürlich nachhaltig erstellte Garderobe war ebenso zu beobachten. Es wurde deutlich, dass man das Gefühl hatte, das Ziel erreicht zu haben.

Dass der Parvenü sich nicht um sein Geschwätz von gestern schert, ist zu bekannt, als dass es noch ausreichte, sich darüber aufzuregen. Das, was bei Personen gang und gäbe ist, gleich einer Partei zu unterstellen, hätte man vor nicht allzu langer Zeit noch für eine Überzeichnung gehalten. Das Tempo jedoch, mit dem die Grünen auch in Bezug auf ihr politisches Selbstverständnis ihre alte politische Identität abgelegt haben, ist atemberaubend.

Plumpeste rhetorische Figuren reichten aus, um den Jahrzehnte als essenzielles Credo gehandelten Atomausstieg zu revidieren. Unbegrenzte Waffenlieferungen in die Ukraine gehörten bereits zum Selbstverständnis, doch die an Saudi-Arabien, welches seit einiger Zeit dabei ist, die Zukunft des Jemen abzuschlachten, gesellte sich schnell zum neuen Grünen Cargo, das den Tod in alle Welt trägt.

Der Verweis auf alte Vertragsverpflichtungen wirkte im Saal wie aufrichtiges Bedauern, beim Betrachter aus der Distanz allerdings wie eine Bräsigkeit, die nur dem Aufsteiger aus dem moralischen Prekariat vorbehalten ist.

Haltet den Dieb!

Und so wurde alles, was der Klientel einmal heilig war, an einem einzigen Nachmittag abgeräumt und verschwand wie altes, schäbiges Mobiliar auf dem Sperrmüll in der Seitenstraße. Ja, sie haben es geschafft. Scham, die haben sie sich noch nie geleistet und fadenscheinige Begründungen, sobald der erste richtige Job im Leben winkt oder die erste regelmäßige Überweisung auf dem Konto, strömen inflationär aus den ansonsten moralinsaueren Mündern.

Und auch das ist nichts Neues. Wer große Kalamitäten anrichtet, kann sich dem Gericht der kritischen Meinung stellen, sein eigenes Tun noch einmal betrachten und versuchen, die eigenen Fehler zu erklären und dafür Verantwortung übernehmen.

Oder er macht sich eine andere Technik zunutze, die zwar verbreitet wie abgenutzt ist, aber bei den schlichten Gemütern immer wieder wirkt. Er zeigt woanders hin, wo es auch drunter und drüber geht, wo sich jedem vernünftigen Menschen der Magen umdreht und der Zorn dabei ist, den klugen Blick zu trüben. Haltet den Dieb!

Und genau dieses Prinzip sollte dann auch die Gemüter auf dem Konvent der Neureichen beruhigen. Mit Entrüstung und der Forderung nach scharfen Konsequenzen wurden die momentanen Auseinandersetzungen im Iran an den Pranger gestellt.

Die Iran-Kompensation

Ja, die Proteste der Frauen im Iran (1) sind berechtigt, sie sind ungemein mutig, sogar todesmutig, und ihnen ist zu wünschen, dass sie einen Steppenbrand entfachen, der das Tor zu einer freieren Zukunft im Iran aufzustoßen vermag. Wer jedoch bereit ist, Waffen nach Saudi-Arabien zu schicken, hat jedes Recht verwirkt, sich zu diesen Protesten zu äußern. Aber zur Beruhigung trifft die Bewertung zu, dass es sich auf dem Parteitag der Grünen lediglich um eine rhetorische Kompensationshandlung handelte, um von der eigenen Verkommenheit abzulenken.

Quellen und Anmerkungen

(1) Wiener Zeitung (15.10.2022): Feuer in berüchtigtem iranischen Gefängnis – Proteste gehen weiter. Auf https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2165097-Proteste-gehen-trotz-Gewalt-der-Sicherheitskraefte-weiter.html (abgerufen am 16.10.2022).


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Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Ein Gedanke zu “Grüne: Der Iran als rhetorische Kompensationshandlung”

  1. Rhetorische Kompensationshandlungen sind wir Heiße Luft nach Kaltem Krieg. Nichts von Bestand – sie werden platzen. Auch das Auseinandersetzen mit dieser Heißen Luft macht den Kopf nicht frei für großes Denken. Die „Erneuerung der Bundesrepublik an ihren eigenen Idealen“, wie der zweite Teil des Weges Berlin – Karlsruhe, Karlsruhe – Chiemsee genannt wird, wird uns nach Grundgesetz ENDLICH zum Souverän machen. Schauen Sie bitte auf die Seite http://www.unsere-verfassung.de, stimmen Sie ab, helfen Sie mit. Die erste (Volks)Abstimmung auf Bundesebene läuft! Ohne Zeitlimit zwar, aber die Zeit drängt, wir brauchen Ihre Beteiligung. Kenntnisse unseres Grundgesetzes und die Lektüre der Seite scheinen förderlich, denn: Die Regularien wie bei einer Bundestagswahl sind zwingend einzuhalten!

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