Gerundiumismus

UnisexSprache als jüngstes Stadium des gesellschaftlichen Idiotismus in Ganzdeutschland. Vom WDR-Sternchenschluck*auf vergrünter Genderei zum metropolischen Gerundiumismus.

Unzeitgemäße Betrachtung von Richard Albrecht

Einleitung

Im populärwissenschaftlichen Verständnis bedeutet das ‚Generisches Maskulinum‘ vor allem die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen (männliche Hauptwörter oder sie ersetzende Fürwörter). Das generische Maskulin meint die Fähigkeit männlicher Personenbezeichnungen, geschlechtsabstrahierend (nicht auf das jeweilige Geschlecht bezogen) benützt zu werden.

Wer auch immer diesen Grundtatbestand objektiv nicht so sieht oder/und subjektiv nicht anerkennt, muss sich zur personalen verbalen Kommunikation (dem Austausch von Personen durch Sprache) anders ausrichten wie im WDR Köln besonders ausgeprägt mit Gendersternchen vor der kurzen *in-Silbe am Wortende. Oder das Gerundium als allgemeines vom Geschlecht absehendes Verbalsubstantiv (ein zum Hauptwort umgeformtes Tätigkeitswort) benützen. Was deshalb in der gegenwärtigen Welt der deutschen Sprache so abstrakt, gestelzt und ungewohnt wirkt, weil es das lateinische Gerundium als Ausdrucksform in der alltäglichen Sprechpraxis im Deutschen schon seit vielen Jahrhunderten im lebendigen Sprachgebrauch nicht mehr gibt. Die Ersetzung des generischen Maskulins durch das Gerundium sieht dann beispielsweise so aus:

Beispiele, Beispiele, Beispiele …

Studierendenausschuss, Demonstrierende, Triumphierende, Spazierengehende, Denunzierende, Marodierende, Soldatierende, Desertierende, Irrende, Aufdenstrichgehende, Sichfreuende, Prostestierende, Rentenempfangende, Schwörende, Störende, Umfallende, Sozialleistungsempfangsberechtigte, Zeichner, Feminisierende, Unterhaltzahlungspflichtige, Bonzende, Forschende, Rechtschreibsicherschreibende, Praktizierende, Sichvollfressdende, Sichentleerende, Rasende, Sichprügelnde, Leugnende, Lehrende, Arbeitende, Dozierende, Schreiende, Schnaufende, Dauerlaufende, Joggende, Turnende, Faulenzende, Stinkernde, Ballspielende, Betrügende, Belügende, Schreibende, Hilferufende, Malernde, Tanzende, Glühende, Krüppelnde, Knüppelnde, Fliehende, Keglernde, Verbrennende, Verkohlende, Sinkende, Dünnpfeifende, Verschießende, Unterzeichnernde, Schließernde, Kollegende, Täuschende, Dünnscheißende, Versiffende, Versoffene, Kriegsverbrechenbegehende, Schwarzfahrende, Stehlende, Spendende, Stehende, Hellsehernde, Aufklärende, Fensterredende, Opti- und Pessimisierende, Ruhende, Wohltätende, Schwindelnde, Polemisierende, Schwindende, Fürchtende, Gebährende, Arbeitende, Faulenzende, Reizende, Singende, Bauernde, Denkende, Verweigernde, Schlafende, Fahrende, Sparende, Weinende, Reisende, Lachende, Zustimmende, Genossende, Rauchende, Schwitzende, Sitzende, Saufende, Zuschaurende, Selbstzahlende, Irrlaufende, Marathonlaufende, Kurzstreckendelaufende, Parlamentarisierende, Hoch- und Weitspringende, Olympischringende, Rauchende, Tauchernde, Spielernde, Leidende, Wählernde, Kiffernde, Spritzernde, Lachernde, Mitfahrernde, Schwarzfahrernde, Barzahlernde, Laufende, Betthüpfernde, Betrügende, Besaufende, Beiträgernde, Autorende, Schreibernde, Weinernde, Prahlende, Scheißernde, Pinkelnde, Strahlende, Leuchtende, Helfernde, Lahmernde, Mordende, Trödelnde, Nörgelnde, Bescheißende, Bedienende, Bewirtende, Schwindende, Beparkende, Liegende, Stöhnende, Bespaßende, Sendernde, Empfangende, Dränglernde, Seufzernde, Lachende, Beprahlende, Lügnernde, Wohlhabende, Schmusende, Atmende, Pilotende, Fliegernde …

Es reicht auch so – ohne dass die vorliegende Liste durch die Vorsilbe Nicht zur Kennzeichnung des jeweiligen Gegenworts, Gegenbegriffs oder Antonyms noch verdoppelt würde.

Ausblick

Wie im alltäglichen Landesleben noch so viele Bäume ohne Anstrengung des Begriffs keinen Wald ausmachen können, gilt auch hier: All das, was verkünzelt und sprachakrobatisch mit -ernde oder -ende ausklingt, unterliegt dem von Stephan Remmler 1986 propagierten schlagerphilosphischen Grundsatz: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei (1).

Grotesk, vollabsurd und verfälschend wird es, wenn der aktuelle Gerundiumismus retrospektiv, also rückwirkend angewandt und verordnet wird. Und keine ideologische Praxis oder praktische Ideologie wird mich davon abhalten, daran zu erinnern: Ich war 1968 an der damals noch kleinen Reformuniversität Mannheim nicht Mitglied des Allgemeinen Studierendenauschusses und 1969 des Studierendenparlaments, sondern des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) und des Studentenparlaments (StuPa). Und weil es damals so war, ist es auch heute noch so und wird, auch wenn es mich als Lebendperson nicht mehr geben wird, so sein.

Diese Betrachtung veranschaulichte bewusst nur das jüngste Stadium des idiotischen sprachlichen UniSexismus in Ganzdeutschland. Und wie es ausschaut, könnte das nächste Stadium – Stichwort: Gerundivumismus als vom Tätigkeitswort hergeleitetes Eigenschaftswort mit passiv-auffordernder Bedeutung wie ausgedrückt in der Formel ist zu – aktuell das nächste und wie ich annehme, dann auch das letzte unisexsprachliche Endstadium potenzierten sprachkulturellen Schwachsinns sein …

Quellen und Anmerkungen

(1) Stephan Remmler (Jahrgang 1946) ist Sänger, Komponist und Musikproduzent. Bekannt wurde er 1982 als Sänger der Gruppe Trio, zu der Gert „Kralle“ Krawinkel (Gitarre) und Peter Behrens (Schlagzeug) gehörten. Ihr Lied „Da Da Da“ wurde mit mindestens 13 Millionen verkauften Exemplaren weltweit vielleicht der größte kommerzielle Erfolg der sogenannten Neuen Deutschen Welle. Mit der englischen Version war Trio auch der Sprung ins internationale Musikgeschäft gelungen, aber bereits 1986 löste sich die Gruppe auf. Remmler startete eine Solokarriere. Schon seine ersten Singles „Keine Sterne in Athen“ und „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ wurden Erfolge.

Cover der Promo-Single zum Lied "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei". Das Lied erschien im Herbst 1986 als letzter Song auf Stephan Remmlers Debütalbum "Stephan Remmler". (Foto: Gemeinfrei)
Das Cover der Promo-Single zum Lied „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Der Song erschien im Herbst 1986 als letztes Lied auf Stephan Remmlers Debütalbum „Stephan Remmler“. (Foto: Gemeinfrei)

Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Richard Albrecht (Jahrgang 1945) ist habilitierter Sozialwissenschaftler, Forschungsansatz "The Utopian Paradigm" (1991). 2010-2022 Autor des Fachmagazins soziologie heute, 2011-2021 des Netzmagazins trend.infopartisan und seit 2019 des Netzjournals Neue Debatte.

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