Ganz weit vorn: Bullshit Jobs

Gäbe es im gegenwärtigen Ganzdeutschland einen Buchpreis für unbeschwerte „Fröhliche Wissenschaft“, dann stünde bei mir David Graebers Buch über Bullshit Jobs (dt. Scheißjobs) ganz weit vorn.

Schulden. Bürokratie. Bullshit Jobs.

Der Autor, David Graeber, war ein 1961 in New York geborener Sozialanthropologe und linksanarchistischer Aktivist. Er lebte als Exulant in England und lehrte an der London School of Economics and Political Science (LSE). Sein Buch mit dem griffigen Titel „Bullshit Jobs“ ist die gut lesbare deutsche Fassung der gleichbetitelten US-amerikanischen Originalausgabe (New York 2018); und wie auch Graebers vorgängige und ins Deutsche übersetzte Bücher „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ (München: Goldmann, 2014, 633 p.) und „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ (Stuttgart: Klett-Cotta 2015, 329 p.) ein Bestseller.

„Bullshit Jobs“ knüpft an subjektive Alltagserfahrungen vor allem des auch hierzulande realexistierenden Millionenheers von Bullshit Jobbern an. Freilich ohne sich in seinen sieben großflächigen Kapiteln jeweils im Gestrüpp von diversen – auch mitgeteilten – Details und oft bizarren Einzelheiten dieser auch weltweit relevanten „bullshit jobbery“ nicht nur in distributiv-verteilungsbezogenen und administrativ-verwaltungsbezogenen erwerbswirtschaftlichen Bereichen zu verfangen.

Die stufenweise entwickelten Definitionsversuche des Autors zum Kern der unterhaltsam variierten Stationen und Formen dieser (um ‚bullshit job‘ wörtlich zu übersetzen) Scheißarbeit im gegenwärtigen entwickelten Spätkapitalismus mit seiner neoliberalen Ideologie und vor allem seiner wirkmächtigen globalen Finanzwirtschaft, veranschaulichen, was im Grunde gemeint ist, aber direkt nicht angesprochen wird – nämlich gesellschaftlich überflüssige, schädliche und vor allem parasitäre Ökonomie (deren Kern hat Karl Marx im dritten Band von „Das Kapital“ aus Funktionen zinstragenden Kapitals ausführlich entwickelt). (1)

Destruktive Banker, produktive Hausfrauen

Dieser arbeitssoziologisch wichtige Argumentationsstrang wurde vor dreißig Jahren in der (bundes-)deutschen Wirtschaftssoziologie vor allem vom Kieler Lehrstuhlsoziologen Lars Clausen (1935 bis 2010) angesprochen. (2)

Relevant ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die vom bekannten Quallischurn-Rechercheverbund von SZ, WDR und NDR unentdeckte gesellschaftliche Konstellation mit empirisch kontrastiven Antipoden wie dem destruktiv erwerbsarbeitenden, sozial angesehenen Vollzeitbankster in Frankfurt am Main mit zu versteuerndem Jahreseinkommen einschließlich Boni in Höhe von 1.823.500 Euro … und der lebenslang produktiv tätigen Hausfrau und vierfachen Mutter ohne eigenes Erwerbseinkommen in der Kyllburger Hocheifel, der als sozial Ausgegrenzte im Alter eine steuerfreie Grundsicherung in maximaler Höhe von 449 Euro im Monat zustünde.

Solch‘ systematisch-kritische Sicht ist Graebers Ding nicht. Ihm geht es vielmehr um plakative und unterhaltsam kapitelweise vorgeführte Scheißarbeiterei als „bullshit jobs“ (und nicht um needless, superfluous, unnecessary, surplus, redundant oder waste rubbish jobs).

Fröhliche Wissenschaft

Graebers locker erzählte fröhliche Wissenschaft hat denn auch einen grundlegenden Webfehler: Die vielen fröhlichen Passagen sind sozialwissenschaftlich unerheblich. Und die wenigen sozialwissenschaftlich erheblichen Passagen sind ganz und gar nicht fröhlich. Wen auch immer das nicht (ver)stört … mag sich Graebers Buch als unterhaltsame „Fröhliche Wissenschaft“ reinziehen.

Bullshit Jobs David Graeber (Buchcover: Klett Cotta)

Informationen zum Buch

Bullshit Jobs

Vom wahren Sinn der Arbeit

Original: Bullshit Jobs, a Theory

Autor: David Graeber

Genre: Sachbuch (Gesellschaft/Ökonomie)

Sprache: Deutsch

Übersetzung (aus dem Englischen): Sebastian Vogel

Erscheinung: 2018

Seiten: 464 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN: 978-3-608-98108-7

Quellen und Anmerkungen

(1) Marx-Engels-Werke Band 25 (MEW 25, besonders S. 451-457). Verfügbar auf http://www.mlwerke.de/me/me25/index.htm (abgerufen am 9.11.2022).

(2) Lars Clausen: Produktive Arbeit, destruktive Arbeit. Soziologische Grundlagen (Berlin; New York: De Gruyter, 1988, 168 p.).

Redaktioneller Hinweis: Die Rezension von Richard Albrecht ist die aktualisierte Fassung seiner in der Onlinezeitung trend publizierten Buchbesprechung „Ganz weit vorn“ – David Graeber: Bullshit Jobs“ (12/2018). Die Rezension ist verfügbar auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1218/t061218.html (abgerufen am 9.11.2022).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Foto: Gian Cescon (Unsplash.com) und Klett-Cotta

Kultur- und Sozialwissenschaftler | Webseite

Richard Albrecht (Jahrgang 1945) ist habilitierter Sozialwissenschaftler, Forschungsansatz "The Utopian Paradigm" (1991). 2010-2022 Autor des Fachmagazins soziologie heute, 2011-2021 des Netzmagazins trend.infopartisan und seit 2019 des Netzjournals Neue Debatte.

Ein Gedanke zu “Ganz weit vorn: Bullshit Jobs”

  1. „Ganz weit vorn: Bullshit Jobs“ ist der Titel des Beitrags von Richard Albrecht in der „Neuen Debatte“:
    Gäbe es im gegenwärtigen Ganzdeutschland einen Buchpreis für unbeschwerte „Fröhliche Wissenschaft“, dann stünde bei mir David Graebers Buch über Bullshit Jobs (dt. Scheißjobs) ganz weit vorn.
    Dazu hier meine Gedanken:
    “Die Marktwirtschaft kennt keine Ethik”, sagte Mitte der neunziger Jahre der deutsche Politiker Otto Graf Lambsdorff in einem Interview, in dem es um die Rolle der Wirtschaft zur Lösung sozialer Fragen ging. Er wollte damit wohl deutlich machen, dass Menschen, die in ihren Unternehmungen gezwungenermaßen die Nützlichkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen der Profitmaximierung unterordnen müssen.
    „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“(Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, I. Marx/Engels, MEW 4, S. 474, 1848 )
    Der Kapitalismus ist sein eigener Totengräber, der in seine selbst ausgegrabene Grube geworfen wird, wenn die Obrigkeit nicht mehr so weitermachen kann wie bis dahin und die Unterdrückten nicht mehr so weiter machen wollen. Dazu muss es aber erst kommen, jegliches hat seine Zeit. Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen lassen sich nicht willkürlich herbeiführen. Der Wille aufzubegehren entsteht per se. Gegenwärtig ist die kapitalistische Wirtschaftsweise zwar im Verfall, aber noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt und die Machthaber agieren mit einem umfangreichen Potenzial von Machtinstrumenten. Damit die notwendigen Veränderungen letztendlich von den Unterdrückten erfolgreich durchgesetzt werden können, ist es darum wichtig, dass es Vorstellungen gibt, wie denn was verbessert werden muss und mit welchen Zielstellungen die Veränderungen erreicht werden können.
    Darum gilt es für ein schönes Heute und Morgen intensiv am Bau der Humanität und besonders an dessen Fundament zu arbeiten
    1. Zur Human-Kraft wird Wissenschaft dann, wenn sie die Grundlagen für die Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der Fort-Existenz und
    Weiterentwicklung der Menschheit dienen.
    2. Unser menschliches Mit- und Füreinander fordert den weiteren Ausbau der Demokratie.
    3. Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und
    sich mit harmonisch verlaufenden Wirtschaftskreisläufen in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert eingliedern.

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