Position: Stellungnahme der Neuen Gesellschaft für Psychologie zum Krieg

Dass die Boykottmaßnahmen gegen Russland sich gegen die Interessen der Bevölkerung richten, sieht jeder: an den rasant steigenden Lebenshaltungskosten, den Drohungen mit Einschränkungen der Strom und Energieversorgung, den Einschränkungen im Zugverkehr usw.

Das sieht jeder? Nur der, der es sehen will!

Die sichtbaren Einschränkungen, Bedrohungen und für nicht wenige bereits real gewordenen, ihre existenzbedrohenden Verluste treffen „nur“ die „unteren und mittleren Einkommensempfänger“, – aber diese stellen die Mehrheit der Bevölkerung. Robert Habeck „muss nicht in den Krieg“, wie er bei Maischberger (1) frech einräumte, er „muss nicht sterben!“ Er muss auch nicht frieren und er muss nicht zur Tafel!

Die Mehrheit der Bevölkerung dagegen sieht sich einer anderen Situation gegenüber. Sie will keinen Krieg, vor allem keine Verlängerung des Krieges (2). Schon wegen der Einschränkungen nicht, die ihr zugemutet werden durch die Maßnahmen, die die Regierung als „Reaktion“ auf die vorausgegangene Aktion des von Russland vorgeblich begonnenen Krieges erklärt.

Diese Erklärung setzt allerdings die Verleugnung der Vorbereitung zum Krieg voraus. Diese Vorbereitung beginnt allerspätestens mit dem Putsch auf dem Maidan in Kiew 2014, wenn man nicht den Informationskrieg seit den 1990er-Jahren dazurechnen möchte. Letztlich war es von Anfang an das Ziel der NATO „to keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down“ – in den Worten des ersten Generalsekretärs Lord Ismay (3).

Verleugnung der Realität, der realen Zusammenhänge, ist das Grundprinzip der Kriegspropaganda.

Nur wenn man die eigene Vorbereitung zum Krieg verleugnet, kann man die Behauptung aufrechterhalten: „Wir wollen keinen Krieg. Schuld ist der andere. Er ist der Angreifer. Wir verteidigen uns lediglich gegen ihn, einen bösartigen, hinterhältigen, kriegssüchtigen Feind, wir verteidigen die Freiheit, die Demokratie gegen die Autokratie, solidarisch mit den Hilflosen.“

Welche Freiheit wird damit verteidigt, wenn man dazu selbst auf die Mithilfe von Autokratien wie Katar oder Saudi-Arabien angewiesen ist – um von dort Öl und Gas (um einen viel höheren Preis) einzukaufen, was man sich selbst durch den Boykott Russlands ausgeschlagen hatte. Auch das eine Verleugnung: Nicht sehen zu wollen, dass man sich dabei selbst mehr schadet als dem Boykottierten. Aber wer weiß, vielleicht handelt man gar nicht im eigenen Interesse, sondern im Auftrag eines anderen.

Immer mehr deutsche Unternehmen bauen ihre Präsenz in den Vereinigten Staaten aus, zum Nachteil von Produktionsstandorten in der Bundesrepublik – German-Foreign-Policy berichtet: „(…) stellen die aktuell hohen Energiepreise die Fortexistenz energieintensiver Fabriken in Deutschland in Frage; es droht die Verlagerung ins Ausland – insbesondere in die USA, wo die Energiepreise erheblich niedriger sind. Die Reindustrialisierung der Vereinigten Staaten ginge dann mit der Deindustralisierung Deutschlands einher.“ (4)

Der Widerspruch zwischen Absicht und Ergebnis der Boykottmaßnahmen löst sich auf, wenn man das Ergebnis der Boykottmaßnahmen als Teil des Plans zum „Umbau der Gesellschaft“ sieht, wie es Klaus Schwab im „Great Reset“ entworfen hat. Es nicht zu tun, wäre Verleugnung – der seit Jahrzehnten vertretenen amerikanischen Geostrategie.

Die Verleugnung der Realität nimmt viele Formen an: von allen Formen der Lüge, der falschen Behauptung, der Verkehrung ins Gegenteil, der Diffamierung der Gegenposition als unsolidarisch, unmenschlich, egoistisch, machtbesessen bis hin zum Verschweigen.

Die Formen der Verleugnung sind nicht nur die Prinzipien der Kriegspropaganda, sondern des Diskurses der Macht überhaupt, jener medial vermittelten Gehirnwäsche, zu der die Bevölkerung tagtäglich eingeladen wird: das entscheidende Mittel der Herrschaft. Jener Herrschaft, die sich nicht in offener Gewaltausübung bloßstellen will, sondern sich als den Willen der Beherrschten darstellt. Sie wirkt nicht – oder nur im Grenzfall – durch Drohung, Befehl oder Vorschrift, sondern vielmehr durch „Überzeugung“, durch Behauptung, Belehrung, durch „Zeigen“ – durch die Register des Redens – und des Verschweigens, Versteckens, einfach dadurch, dass man in den Diskurs einsteigt und sich gemäß seiner Regeln in diesem Diskurs bewegt (s. Michel Foucault).

Wenn Verhaltensforscher heute von „nudging“ sprechen, meinen sie genau das; sie versichern, es ginge dabei nicht darum, Menschen „durch strenge Regeln in eine bestimmte Zielrichtung zu schubsen, sondern sie in einem Verhalten zu unterstützen, das sie eigentlich gerne machen wollen“ (Lucia Reisch vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie). (5)

Für die Beherrschten bietet die Verleugnung die Möglichkeit, ihr Beherrschtsein selbst zu verleugnen. Deshalb steigt man in den Diskurs der Macht bereitwillig ein, übernimmt die Fiktion der Kompetenz: „Ich kann das, was ich soll, also will ich das! – die Maske aufsetzen, den Abstand zum anderen einhalten, ihn als gefährlich definieren, ‚Solidarität‘ – mit den Herrschenden – üben und auf diese Weise ein anerkanntes Mitglied der Gemeinschaft sein.“

Wir sehen hier das Phänomen der „Klassenpsychologie“ (Peter Brückner): die Bedeutung des Unterschieds, von welcher gesellschaftlichen Position aus Verleugnung eingesetzt wird bzw. auf deren Einsatz folgt. Das ist weniger eine Frage von „bewusst oder unbewusst“, davon, ob Politiker ihren Lügen „glauben“ oder nur so tun als ob, sondern: Die Verleugnung des Politikers ist das Angebot (nudge) an den Belogenen, so zu handeln, als ob er die Lüge als eigene Begründung seines Handelns übernehme (Rationalisierung).

Auf beiden Seiten kann die Verleugnung ein „So tun als ob“ kaschieren, ein Verhalten zeigen, so als ob sie es „eigentlich gerne machen wollen“. Und auf das Verhalten kommt es den Herrschenden letztlich an.

Mit dem Krieg hat sich der Ton des Diskurses der Macht verändert. An die Stelle der „Unterstützung“ des Verhaltens der Bevölkerung, das „sie eigentlich gerne machen wollen“, ist die Drohung getreten.

Frank-Walter Steinmeier kündigte in seiner präsidentiellen Ansprache vom 28. Oktober „raue“ und „harte“ Jahre an. Die Sanktionen seien „alternativlos“, die Bürger sollten gefälligst nicht jammern, denn „Energie mag teurer werden, aber Freiheit ist unbezahlbar“. So autorisiert er sich, die Militarisierung der Gesellschaft voranzutreiben: „Wir brauchen den Willen zur Selbstbehauptung und auch die Kraft zur Selbstbeschränkung“, „Widerstandsgeist und Widerstandskraft“, eine entsprechend ausgestattete Bundeswehr und eine „Gesellschaft, die ihr den Rücken stärkt“.

Gleichzeitig hatte – acht Tage vorher – der Bundestag die Verschärfung des Paragrafen 130 StGB gegen „Volksverhetzung“ beschlossen, die erlaubt, denjenigen zu verfolgen, der „Kriegsverbrechen“ billigt, leugnet oder gröblichst verharmlost. Das Repertoire der psychologischen Kriegsführung scheint nicht mehr auszureichen.

Gleichwohl ist Verleugnung weiterhin im Spiel. Alle Definitionsmerkmale des Straftatbestands sind offen für Interpretation und damit abhängig vom Stand des Diskurses der Macht.

Während der Corona-Pandemie-Inszenierung war „Verleugnung“ als Straftatbestand in eine Reihe mit dem der Holocaustverleugnung gestellt worden. Damit war Kritik an der Inszenierung strafrechtlich sanktioniert. Dasselbe ist nun mit der Kritik an der Haltung der Wertegemeinschaft inklusive Deutschland gegenüber dem Krieg möglich, und zwar in gesteigertem Ausmaß, indem man diese Kritik als Verleugnung, Verharmlosung oder gar Billigung von „Kriegsverbrechen“ – und zwar einseitig auf russischer Seite – verurteilt.

Und wenn andererseits Frau Baerbock, Mitglied in den wichtigsten „transatlantischen“ Netzwerken wie WEF und German Marshall Fund scheinbar ungeschützt verkündet, ihr Opa habe 1945 an der Ostfront (6) die Freiheit Europas gegen die heranrückende Rote Armee verteidigt, so leistet sie sich zwar eine für eine deutsche Außenministerin unerhörte Provokation, die zugleich unter den Straftatbestand der Verharmlosung des Nazi-Krieges fallen müsste, mit der sie aber gleichzeitig davon ablenkt, in wessen Auftrag sie handelt.

Auch wenn sich mit dem Krieg der Ton des Diskurses der Macht verschärft hat, auch wenn an die Stelle der „Unterstützung“ des Verhaltens der Bevölkerung die Drohung getreten ist, so bleibt immer noch wichtig, die Bevölkerung zu gewinnen, und sei es nur zur Duldung der Politik, des politischen Handelns der Herrschenden.

Und dafür sind die Psychologen in der Regierungsberatung immer noch wichtig. Auch die Strafe hat ihre „psychologischen“ Wirkungen – schließlich geht es, wie Lucia Reisch bereits für die Corona-Pandemie- Inszenierung klarstellt, um das „Erlernen neuer Gewohnheiten“.

Wir sind also als Psychologen gefordert, dagegen Stellung zu beziehen.

Der Vorstand der Neuen Gesellschaft für Psychologie

Klaus-Jürgen Bruder, Conny Stahmer-Weinandy, Jürgen Günther

Redaktioneller Hinweis: Die Neue Gesellschaft für Psychologie e.V. (NGfP) ist ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Praktikern aus der Psychologie und deren Nachbarprofessionen. Ihr Ziel ist die methoden- und gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit psychologischen Themen. Zu diesem Zweck bemüht sich die NGfP um eine fächerübergreifende Zusammenarbeit sowie um die Überwindung der Spaltung von Wissenschaft und Praxis. Die Stellungnahme zum Krieg erschien erstmals auf der Webseite der NGfP und wurde Neue Debatte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben, Namen ggf. ausgeschrieben und Quellen und Anmerkungen zur inhaltlichen Vertiefung ergänzt.

Quellen und Anmerkungen

(1) WELT(24.2.2022): „Dann nehmen wir Geld auf. Am Ende ist es nur Geld“. Verfügbar auf https://www.welt.de/vermischtes/article237111991/Maischberger-Habeck-Am-Ende-ist-es-nur-Geld-Hier-geht-es-um-die-nationale-Sicherheit.html (abgerufen am 9.11.2022).

(2) MDR (12.4.2022): Jeder Zweite hält Sanktionen gegen Russland für falsch. Auf https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/mdrfragt-umfrage-ergebnis-russland-sanktionen-100.html (abgerufen am 9.11.2022).

(3) National Review (5.7.2017): Lord Ismay, NATO, and the Old-New World Order. Auf https://www.nationalreview.com/2017/07/nato-russians-out-americans-germans-down-updated-reversed (abgerufen am 11.11.2022).

(4) German-Foreign-Policy (4.11.2022): Machtkämpfe hinter der Front (II). Auf https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9072 (abgerufen am 11.11.2022).

(5) Queen’s College Cambridge: Professor Lucia Reisch. Auf https://www.queens.cam.ac.uk/professor-lucia-reisch (abgerufen am 11.11.2022).

(6) Atlantic Council (6.5.2021): Annalena Baerbock on a ‘transatlantic green deal’ and German strategies in facing Russia and China. Auf https://www.atlanticcouncil.org/news/transcripts/annalena-baerbock-on-a-transatlantic-green-deal-and-german-strategies-in-facing-russia-and-china (abgerufen am 11.11.2022).


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2 Gedanken zu “Position: Stellungnahme der Neuen Gesellschaft für Psychologie zum Krieg”

  1. Nicht nur Psychologen sind gefordert, dagegen Stellung zu beziehen, sondern die gesamte Menschheitsfamilie! Leider kennen zu wenige Menschen unser Grundgesetz, wissen nicht, dass neben Wahlen auch (Volks)abstimmungen auf Bundesebene in Artikel 20 verankert sind, Artikel 146 übergangen wurde. Was meint ihr, was in in D, in Europa und in den USA los sein wird, wenn wir, der Souverän, relevant geworden sind? Wir sollten es probieren! Parteien wollen eine Einheitspartei und Scheinwahlen, wie in den USA und der BRD praktiziert. Können vollumfängliche Volksabstimmungen Wahlen mittelfristig ersetzen? Die erste Volksabstimmung läuft! Stimmt bitte mit JA bei http://www.unsere-verfassung.de

  2. ich kann den inhalten des obigen artikel der neuen gesellschaft für psychologie nur vollumfänglich zustimmen (ist praktisch wie „meine rede“), wobei sich das ganze im grund auf zwei einfache sätze herunterbrechen lässt:
    – cui bono? = schaue nach, wem es nutzt, dann erkennst du die objektiven wahrheiten hinter allen dissimulierenden worten
    – folge einfach und immer ganz primitiv der spur des geldes, damit kannst du das dickicht aus lügen, propaganda usw fast mühelos demaskieren und durchdringen

    nach diesen beiden „sätzen“ haben wir zwar auch ein problem mit „russland“/putin, das ist aber fast nichts gegenüber dem problem, das wir (aktuell und schon länger) mit der eigenen regierung und den hinter ihr stehenden westlichen eliten haben, die sehr deutlich sichtbar nicht im interesse der eigenen bevölkerungen handeln, sondern problemslos bereit sind, auch diese für ihre interessen „ans messer“ zu liefern (wie aktuell zu beobachten), und höchstwahrscheinlich genauso wird es auch zukünftig bezüglich „china“ laufen, auf das heute schon als nächtes ziel „scharf gemacht“ wird

    ich sehe keine reale chance, diese im grund katastrophale fehlentwickung (das ist eine des typs „runaway“) wieder auf friedliche weise einzuhegen, denn während die betroffenen bevölkerungen mehr oder weniger nur dumpf vor sich hinbrüten, ziehen die eliten genau daraus den schluß, ihre spiele ungehindert weiter spielen zu können, und die realiät erweist, dass das zutrifft.

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