Subjektgeschichtliche Erinnerungssplitter: Wählt Willy Brandt (SPD)

Wahlplakat 1972. Wählt Willy Brandt. (Archiv: Richard Albrecht)

Mit diesem Plakat und seiner chauvinistischen Losung warben Sozialdemokraten zur Bundestagswahl 1972 großformatig für ihren Genossen Willy Brandt (1913-1992), der als ehemaliger sozialistischer Flüchtling oder Exulant als Zwanzigjähriger 1933 von Lübeck nach Skandinavien auswanderte, 1940 in Schweden die norwegische Staatsangehörigkeit erhielt und 1945 als Korrespondent für skandinavische Zeitungen in die zerstörte Reichshauptstadt zurückkehrte.

Der Mitte 1948 in Westdeutschland wiedereingebürgerte Sozialdemokrat wurde nach Ernst Reuter 1957 in Berlin (West) Regierender Bürgermeister, Ende 1966 in der ersten Großen Koalition Außenminister der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland und Ende 1969 Bundeskanzler der ersten sozialliberalen Koalition mit der von ihm regierungsamtlich verkündeten öffentlichkeitswirksamen Formel „mehr Demokratie wagen„.

Und nachdem die den CDU-Staat zwanzig lange Jahre lang beherrschenden Kräfte abgewählt wurden, versuchten sie mehrfach, auch indem sie die Gunst der politischen Stunde nutzten, Ende April 1972 den ersten parlamentarischen Kanzlersturz mit einem dann doch nicht gewählten CDU-Kandidaten zu organisieren.

Als betroffener Zeitzeuge verwies ich bereits vor zehn Jahren auf die andere Seite von „Mehr Demokratie wagen„; die demokratiegefährdende antikommunistische „Politik der Berufsverbote“ auf Grundlage des von Bundeskanzler Brandt mitgetragenen illegalen „Extremisten“-Erlasses von Ende Januar 1972. (1) Diese Erinnerungen sind für alle, die es interessiert, öffentlich zugänglich.

Ich kann mich hier auf den damals als zentral geltenden Zusammenhang konzentrieren: die Wahldaten. Sie bestätigen die These aus dem Sommer/Herbst 1972 eines führenden Brandt-Mitarbeiters, der fünf Jahren später zur Willy-Willy-Kampagne meinte: „Siege kann man machen.“ (2)

Das gilt jedoch nicht wie gemeint allgemein, sondern galt für den Einzelfall dieser Bundestagswahl am Sonntag, dem 19. November 1972, indem verschiedene Faktoren zusammenwirkten: auf der Ebene europäischer Ausgleichs- und Verständigungspolitik hatte Brandt als Anerkennung der von ihm mitgetragenen bundesdeutschen Ostpolitik im Dezember 1971 den symbolpolitisch bedeutsamen Friedensnobelpreis und der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll in Anerkennung seiner dezidiert antifaschistischen Romane und Erzählungen im Oktober 1972 den für Literatur zugesprochen bekommen.

Zudem gab es im deutschen Herbst 1972 noch immer vorhandene, wenn auch schon abgebremste, positive Aufbruchs- und Veränderungsstimmungen der späten 1960er und frühen 1970er-Jahre mit ihren politischen Reformverheißungen und Veränderungsversprechungen.

Es waren die wenigen unbeschwerten Jahre bevor (nicht nur, aber auch) in (West-) Deutschland ideologische Warnungen wie der erste globale über die Grenzen des Wachstums (Club of Rome 1972) ankamen und die erste Öl(preis)krise 1973 die praktische Bedeutung der Abhängigkeit industrieller Produktionsweisen von fossiler Energie, insbesondere von fossilen Treibstoffen, vereindringlichte.

Und was die Lage in (West) Deutschland betraf: das CDU/CSU-Misstrauensvotum gegen Willy Brandt Ende April 1972 war erfolglos, zugleich wurde die parlamentarische Mehrheit von SPD/FDP dünner, so dass Bundestagsneuwahlen letztlich als Frage der Zeit galten. Entsprechend bestimmte eine bundespräsidiale Verfügung unmittelbar nach Abschluss der trotz unerwarteten Terrors gegen israelische Athleten erfolgreichen sommerolympischen Spiele in München noch im September 1972 die Auflösung des alten und den Termin zur Wahl des neuen Bundestags im November 1972.

Erinnerliche Einzelheiten zu dieser Wahl von heute vor 50 Jahren: Nicht nur eine ältere Dame bekannte mir gegenüber „diesmal den Willy“ gewählt zu haben; ein prominenter recht(srheinisch)er Liederbarde im Maßanzug mit Sonorstimme, Dunkelbrille und Toupet bekannte noch Jahrzehnte später öffentlich „Da han isch einmal Kommunisten gewählt …“

Was ich selbst im Sommer/Herbst 1972 als 27-jähriger Teilzeitjunglehrer in Mannheim/Ludwigshafen politisch unternahm, ob ich überhaupt wählte und wenn dies wen oder wen nicht, unterlag dem Wahlgeheimnis, das ich hier nur teilaufkläre: keine der drei vor und nach der Wahl am 19.11.1972 im Hohen Haus in Bonn vertretenen politischen Parteien …

Diese Bundestagswahl steht bis heute für den größten Erfolg der SPD in ihrer Wahlgeschichte. Es war zugleich die Bundestagswahl mit der höchsten Beteiligungsquote (91,1 % der rund 41,5 Millionen Wahlberechtigten) in der Alt-BRD. Dabei gelang es der SPD erst- und bis heute einmalig, absolut und relativ mehr Stimmen als die CDU/CSU zu bekommen (45,8 % zu 44,9 %; FDP 8,4%). Entsprechend ergab sich folgende Sitzverteilung: Von insgesamt 518 Mandaten gingen 242 an die SPD, 186 an die CDU, 48 an die CSU und 42 an die FDP. Und die alte/neue Bundesregierung hatte nun 284 und die neue/alte Opposition 234 Sitze. (3)

Bereits ein Jahrzehnt später vertrat der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf (1929-2009) die zu diesem beeindruckenden Wahlbefund scheinbar konträre These: Die Entwicklung von Gesellschaft und Politik zeigte, dass das sozialdemokratische Zeitalter zu Ende ginge. (4)

Die Sozialdemokratie habe sich (freilich nicht im Wortsinn des zitierten Müller-Spruchs machbarer Siege) zu Tode gesiegt. Vielmehr habe sich die politisch erfolgreiche Sozialdemokratie dadurch, dass ihre Anliegen gesellschaftlich anerkannt und verallgemeinert würden, als solche selbst überflüssig gemacht: verüberflüssigt. Was auch bedeutet: Wer im Sinne des Soziologen Theodor Geiger (1891-1952) in der SPD wie in jeder anderen „erfolgreichen“ Massenpartei „die mollige Kuhstallwärme“ einer Primärgruppe (5) sucht, ist dort strukturell fehl am Platz und kann nur enttäuscht werden.

Ralf Dahrendorfs These mag in der Generaltendenz plausibel und stimmig sein oder auch nicht. Mich interessiert auch heute unterhalb dieser letztlich immer einen wie auch immer ausgeprägten Sozialstaat (besser welfare state) voraussetzenden Entwicklung die kulturale Seite dieses Prozesses speziell der deutschen Sozialdemokratie seit 1972.

Ich meine nicht den auch dort allgemein beklagten politischen Sittenverfall nebst Oligarchisierung und Technokratisierung, Verstaatlichung und Beamtisierung, Gehorsam und Subordination, sondern die in der SPD der Alt-BRD politisch überbordende kulturelle Borniertheit und krähwinklige Engstirnigkeit – grade so, als wäre ihr Gesellschaftsbild von politizistischen Parteisoldaten, die par ordre du mufti (Deutsch: auf Befehl des Muftis) alles richten könnten, bestimmt.

Diesen Zusammenhang sprach, wenn auch so zögerlich wie begriffslos, der eingefleischte Traditionssozi und ehemalige SPD-Parteivorsitzende (1995-1999) Oskar Lafontaine kürzlich einmal aspekthaft an, indem er die gesellschaftlichen Folgen zerstörter Kulturmilieus beklagte. (6)

Hier sehe ich Destruktionszusammenhänge und Selbstzerstörungsprozesse, die als Berufsverbotepolitik in der Willy-Brandt-Kanzlerzeit der SPD am 28. Januar 1972 begannen, noch heute, 50 Jahre später, kulturell unverkennbar wirken und die diese SPD unerbittlich zur Politik des kleineren Übels zwingen, nämlich „aus einer miserablen Situation eine etwas Bessere zu machen“. (7)

Dieses politische Strukturdilemma ist seit dem Ersten Weltkrieg im bürgerlichen Deutschland und seiner Sozialdemokratie besonders ausgeprägt. Der kritische Nationalökonom Alfred Sohn-Rethel (1899-1990) hat es 1932 die Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik genannt. (8) Und damit ein praktisch wie theoretisch zentrales – und weites – Feld angesprochen.

Quellen und Anmerkungen

(1) Richard Albrecht (2012): Berufsverbotepolitik 1972. Seit vierzig Jahren: Links blinken, rechts abbiegen. Erinnerung an die Willy-Willy-Politik der Berufsverbote. Verfügbar als PDF auf http://www.berufsverbote.de/tl_files/docs/F-Albrecht-BERUFSVERBOTE1972.pdf (abgerufen am 14.11.2022).

(2) Dr. Albrecht Müller im von ihm herausgegebenen Netzblog NachDenkSeiten. Auf https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=64729 (abgerufen am 13.11.2022).

(3) Daten nach Wikipedia (auf https://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_1972) sowie Bundeswahlleiter; Wahl zum 7. Deutschen Bundestag am 19. November 1972. Sitze der Parteien im 7. Deutschen Bundestag 1972. Verfügbar auf https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/1972.html (beide Links abgerufen am 14.11.2022).

(4) Ralf Dahrendorf: Die Chancen der Krise. Über die Zukunft des Liberalismus (München 1983).

(5) Theodor Geiger: Formen der Vereinsamung (1932); in: ders., Arbeiten zur Soziologie. Ausgewählt und eingeleitet von Paul Trappe (Neuwied/Rhein 1962: S. 260-292, hier S. 281).

(6) NachDenkSeiten (22.9.2022): Diskussion mit Oskar Lafontaine beim 34. Pleisweiler Gespräch am 17.9.2022. Auf https://www.nachdenkseiten.de/?p=88359 (abgerufen am 14.11.2022).

(7) Dr. Albrecht Müller (4.9.2018); zitiert aus „Linksalternative Programmatik – Stichworte zu einem Diskussionsrahmen“. Auf http://www.trend.infopartisan.net/trd0918/t350918.html (abgerufen am 13.11.2022).

(8) Alfred Sohn-Rethel: Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus (edition suhrkamp, Frankfurt/Main, 1973); Netzfassung verfügbar auf http://www.druckversion.studien-von-zeitfragen.net/Sohn-Rethel%20Rekonsolidierung.html (abgerufen am 14.11.2022).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Fotos: John Cameron (Unsplash.com) und Richard Albrecht (eigenes Archiv)

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Richard Albrecht (Jahrgang 1945) ist habilitierter Sozialwissenschaftler, Forschungsansatz "The Utopian Paradigm" (1991). 2010-2022 Autor des Fachmagazins soziologie heute, 2011-2021 des Netzmagazins trend.infopartisan und seit 2019 des Netzjournals Neue Debatte.

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