Selbstbesinnung in der institutionalisierten Wissenschaft

Es wäre mehr als begrüßenswert, ein „window of opportunity„, wenn die institutionalisierte Wissenschaft die ruhige Auslaufphase – oder nur trügerische Ruhe – der akuten Corona-Maßnahmen zum Anlass nehmen würde, zu reflektieren, was in den vergangenen mehr als zwei Jahren passiert ist, wie es passieren konnte, welche aktive oder passive Rolle die wissenschaftlichen Institutionen gespielt haben, welche Rolle die „Wissenschaft“ gespielt hat, was es mit der Vorstellung von Wissenschaftlichkeit (und einfach Gedanken- und Meinungsfreiheit) auf sich hat, und vor allem wie es verhindert werden kann, dass ähnliches wieder passiert und wie es verhindert werden kann, dass sich diese oder auch andere noch dunklere Geschichten wiederholen.

Die wissenschaftlichen Institutionen – und auch „die Wissenschaft“ selbst – sind nicht gestärkt, sondern in unterschiedlichen Hinsichten nach innen und nach außen be- und geschädigt aus der Situation herausgegangen.

Weil „die Wissenschaft“ als nicht unwichtiges Argumentarium eingesetzt worden ist und wird (science-washing), und sich hat einsetzen lassen, gar aus einem eigenen, befremdlich anmutenden Drang heraus, scheint eine Selbstreflexion und Besinnung besonders wichtig. Das meiste von dem Folgenden sollte selbstverständlich sein.

Es wäre wohl erstens festzuhalten, und auch darauf zu bestehen, dass die wissenschaftlichen Institutionen und auch die institutionalisierte Wissenschaft in einem bürgerlichen Rechtsstaat nicht Teil der Exekutive sind.

Die Universitäten im Allgemeinen haben nicht die Aufgabe, als Exegeten, Apologeten oder Protagonisten für bestimmte politische Maßnahmen und Wunschvorstellungen zu dienen oder bestimmte politische Ausrichtungen zu unterstützen, insbesondere nicht, wenn diese aus einem medialen Miasma ohne wirklich definierte Urheber aufsteigen: Industrie 4.0, Digitalisierung, diverse industrielle Revolutionen, künstliche Intelligenz, grüne Agenden, Kryptowährungen, flächendeckende medizinische Anwendungen als einziger Ausweg aus einer vermeintlichen Krise, unausweichliche Sanktionen gegen fremde Länder, Sprachreformen, monothematische Maßnahmen gegen bevorstehende klimatische Umwälzungen und weiteres.

Wissenschaft und Forschung arbeiten vermeintlich oder behauptet unabhängig, in zeitlich viel größeren Rahmen und Tiefen; und von den Institutionen wäre zum Schutz so etwas wie eine „aktive Neutralität“ zu erwarten, eine Ablehnung der Vereinnahmung, eine Stärkung eigener und vielleicht sogar gesellschaftlicher Abwehrkräfte durch souveräne, intellektuell gehaltvolle Analysen von all solchen Phänomenen.

Ganz konkret ist es nicht die Aufgabe von Universitäten, ohne vollständige Transparenz und Klarheit in der Auftragslage, Regierungen zu beraten und schon eingeschlagene, als alternativlos propagierte Wege durch bestellte Simulationen und Studien „wissenschaftlich“ zu bestätigen. Es wäre somit institutionell legitim, sich kritisch bis ablehnend bestimmten Maßnahmen gegenüber zu stellen und nicht aktiv mitzutragen, insbesondere wenn solche für das (auch finanzielle) Innenleben einer Institution schädlich sind.

Die wissenschaftlichen Institutionen sind auch nicht Bindeglied und Schmiermittel zwischen Industrie und Gesellschaft oder Politik, oder gar Werbeabteilung und dergleichen. Deswegen sind Universitäten und andere Einrichtungen stets ausreichend vom Staate finanziert und nicht auf Drittmittel von verschiedenen Seiten, Wirtschaften, Stiftungen und Organisationen angewiesen, womit per Definition erfolgreiche Projekte und Forschung betrieben und Durchbrüche errungen werden; es findet keine Anbiederung an das Gewünschte und keine subtile Korruption statt.

Die gewährleistete Unabhängigkeit garantiert Vielfalt in Auffassungen und Zugangsweisen, Spruch und Widerspruch, keine Diskreditierung fundierter Zugangsweisen und eine Diffamierung oder gar Aussonderung von Kritikern, Skeptikern und Andersdenkenden kann gar nicht erst stattfinden. Soweit die Theorie und das Eigenbild: Möge es zutreffen …

Wissenschaft ist zum Teil geschultes Misstrauen, die Fähigkeit einzuschätzen, welche Daten und Fakten eine Hypothese unterstützen, welche als Falsifikation gelten müssen, welche Argumente Gültigkeit haben und welche nicht, welche Modelle und Annahmen produktiv sein können, wo eine Simulation eventuell zutreffend sein könnte und wo nicht (welche Annahmen, Annäherungen, Vereinfachungen und Stellschrauben sind im Spiel?), wo wissenschaftliche Arbeit handwerklich gut gemacht ist. Statt Projekte zur Stärkung des Vertrauens in der Wissenschaft zu fördern (Wissenschaftsfonds FWF, Österreichische Akademie der Wissenschaften ÖAW) und teure PR-Abteilungen zu unterhalten, wäre der gesellschaftliche Auftrag viel eher all dieses zu vermitteln.

Studien zu lesen ist nicht einfach, erfordert Kenntnisse, Sach- und Hintergrundwissen und Gespür; nicht jede Studie, unabhängig von wem und wo sie erschienen ist, „beweist“ auch das, was behauptet wird, und ob eine Studie begutachtet ist oder nicht, ist nicht ohne Weiteres dafür entscheidend, ob sie auch „wahr“ ist. Zahlen, die sowohl falsch wie sinnlos sein können, sind nicht gleich Fakten. Große Datenmengen, „Big Data“, die künstlich intelligent verarbeitet werden, ändern hier natürlich nichts.

Die Evidenz für die Wirksamkeit von den seit März 2020 getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie, die es nur gab, weil die seit 2009 geänderte Definition diese Beschreibung des Zustandes erlaubt, ist schwach (1, 2).

Es gibt keine starke Evidenz dafür, dass Lockdowns, das allgemeine Tragen von Gesichtsmasken, G-Regeln, Kontaktverfolgung, Schulschließungen, „grüne Pässe“ oder flächendeckendes Testen zur Verhinderung der Ausbreitung einer Atemwegsinfektion beigetragen haben, insofern dies das Ziel all dieser Maßnahmen war. Umgekehrt sollte es nicht allzu unmöglich sein, aufzurechnen und wissenschaftlich zu belegen, was diese unterschiedlichen Maßnahmen gekostet haben, direkt, akut und indirekt und langfristig.

Die erhobenen (und nicht erhobenen) Zahlen und willkürlichen Definitionen („mit oder wegen“?) waren und sind – wenn überhaupt von gesellschaftlich-öffentlich-medialen Interesse – nicht geeignet, um wissenschaftlich fundierte Aussagen zu treffen. Es ist selbst anhand dieser offiziell preisgegebenen Zahlen mittlerweile völlig unkontroversiell, dass die Gefährlichkeit von der Viruserkrankung, worum alles sich angeblich dreht, auf oder unter der Ebene von gewöhnlichen Grippe- und anderen Virusinfektionen einzuordnen ist.

Dass die vorgeschlagene, alternativlose Behandlung im besten Fall nach kürzester Zeit wirkungslos ist, dafür aber erhebliche Nebenwirkungen mit sich ziehen kann, scheint empirisch belegbar (obwohl belastbare und sinnvolle Zahlen nicht vorzuliegen scheinen oder nicht vorgelegt werden sollen) und die Evidenz, dass sie bestimmte Verläufe verhindert, ist ebenso schwach wie schwammig.

Weitaus besorgniserregender aus wissenschaftlicher Sicht ist der Abbau von Prüfverfahren und die gesenkte Schwelle, womit neuartige medizinische Präparate zugelassen und auf den Markt geworfen werden können, und sogar Pflicht zur Einnahme eingeführt werden kann, wie es tatsächlich in Österreich, aber auch anderswo passierte (3).

Die rechtsstaatlichen Kriterien von Notwendigkeit, Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit sind somit alle im schwersten Umfang verletzt worden, aber dies ist eine politische und keine wissenschaftliche Angelegenheit, obwohl die entsprechende Wissenschaft eigentlich darauf hinweisen müsste.

Die Logik, dass die Gesamtbevölkerung Probleme, die von der Politik verursacht bzw. nicht angegangen worden sind (Überlastung und Zusammenbruch des Gesundheitswesens), lösen muss durch verordnete Verhaltensweisen (erst zu Hause bleiben, dann frieren), wird weiterhin unbeirrt aufrechterhalten. Das Tragische ist, dass all diese Sachverhalte schon unlängst von marginalisierten Teilen der Wissenschaft dargelegt und mit soliden Fakten und Argumenten belegt wurden.

Die vergangenen Jahre scheinen – zumindest in Teilen der Wissenschaftsinstitutionen – Grenzen der sogenannten „Digitalisierung“ aufgezeigt zu haben, und haben zum Beispiel eine zaghafte Rückkehr zur Präsenz in der Lehre eingeleitet. Die sich neu anbahnenden (schon permanenten) Krisen machen ebenfalls sichtbar, dass die digitale Infrastruktur nicht zum Nulltarif zu haben ist und dass also die allumfassende re-präsentierende „Digitalisierung“ einen sehr hohen Preis hat, auch in Form von Energiekosten, Anfälligkeit und gefährlichen Abhängigkeiten.

Quellen und Anmerkungen

(1) Rubikon (1. September 2020): Pandemie ohne Pandemie. Verfügbar auf https://www.rubikon.news/artikel/pandemie-ohne-pandemie (abgerufen am 20.11.2022).

(2) Telepolis (12.8.2020): WHO: Wer finanziert den Kampf gegen die Corona-Pandemie? Auf https://www.heise.de/tp/features/WHO-Wer-finanziert-den-Kampf-gegen-die-Corona-Pandemie-4868208.html (abgerufen am 20.11.2022).

(3) ORF (30.7.2021): Impfpflicht für bestimmte Berufe – Weitere Länder wollen bundesweite Regeln. Auf https://orf.at/stories/3223026 (abgerufen am 20.11.2022).

Redaktioneller Hinweis: Jesper Larsson Träff, geboren 1961 in Kopenhagen, ist Professor für Informatik (Paralleles Rechnen) in Wien. Sein Meinungsbeitrag „Selbstbesinnung in der institutionalisierten Wissenschaft“ erschien erstmals am 12. November 2022 auf tkp – Der Blog für Science & Politik. Er wurde aktualisiert und Neue Debatte vom Autor zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Links und Anmerkungen wurden von der Redaktion ergänzt und Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Die hier geäußerten Meinungen und Analysen sind rein privat und stehen in keinem Zusammenhang zu der TU Wien.


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Informatiker bei TU Wien

Jesper Larsson Träff (Jahrgang 1961) kommt aus Dänemark. Er ist Professor im Bereich Informatik an der Technischen Universität Wien. Träff betreibt Grundlagenforschung auf dem Gebiet des parallelen Rechnens mit den Schwerpunkten Modelle und Algorithmen für grundlegende Problemstellungen, Algorithmen und Datenstrukturen für Shared-Memory-Systeme, Komplexitätstheorie für paralleles Rechnen, Zeitplanung und Routing, Softwareschnittstellen für paralleles Rechnen wie zum Beispiel Message-Passing Interface (MPI), Hochleistungsrechnen, experimentelle parallele Algorithmik, Leistungsanalyse und Benchmarking.

3 Gedanken zu “Selbstbesinnung in der institutionalisierten Wissenschaft”

  1. Jesper Larsson Träff hat seinem Beitrag für die „Neuen Debatte“ den Titel „Selbstbesinnung in der institutionalisierten Wissenschaft“ gegeben“:

    … „Die Universitäten im Allgemeinen haben nicht die Aufgabe, als Exegeten, Apologeten oder Protagonisten für bestimmte politische Maßnahmen und Wunschvorstellungen zu dienen oder bestimmte politische Ausrichtungen zu unterstützen, insbesondere nicht, wenn diese aus einem medialen Miasma ohne wirklich definierte Urheber aufsteigen: Industrie 4.0, Digitalisierung, diverse industrielle Revolutionen, künstliche Intelligenz, grüne Agenden, Kryptowährungen, flächendeckende medizinische Anwendungen als einziger Ausweg aus einer vermeintlichen Krise, unausweichliche Sanktionen gegen fremde Länder, Sprachreformen, monothematische Maßnahmen gegen bevorstehende klimatische Umwälzungen und weiteres.“…

    Hier meine Gedanken dazu:

    Wissenschaft erfüllt mehrere Funktionen. Sie wird zur Produktivkraft wenn sie die Effektivität menschlicher Tätigkeit erhöht. Als Fundus von wahren Aussagen, Theorien, Hypothesen oder Modellen, die die Welt in ihren Teilen oder in ihrem Ganzen interpretieren, von Handlungsweisungen oder Aufforderungen, die auf die Veränderung des Bestehenden zielen, sowie von Normungen und Wertungen, die Existierendes oder zu Erreichendes in Beziehungen zum Menschen setzen, zeigt sich Wissenschaft in ihrer kulturellen Dimension.
    Wissenschaftsfortschritt als Kulturfortschritt bedeutet Erweiterung des Erklärungs-, Vorhersage- und Gestaltungspotentials der Wissenschaft, das durch Bildung weiter gegeben werden kann und muss. Zur Human-Kraft wird Wissenschaft dann, wenn sie die Grundlagen für die Schaffung, Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der Existenz und Weiterentwicklung der Menschheit und des Menschen dienen.
    Humane Daseinsbedingungen sind in zunehmendem Maße nur durch das aktive Wirken, durch die organisierte und koordinierte Teilhabe vieler, wenn nicht aller Menschen zu realisieren. Wissenschaftsentwicklung begründet und fordert den weiteren Ausbau der Demokratie, um die schöpferischen Potenzen aller nutzen, Engagement fördern, Gefahren erkennen, Risiken minimieren sowie Entscheidungen durch das Zusammenführen der Kompetenz der Betroffenen und der Macher fundieren, um Subjektivismus und Meinungsmonopolisierung zurückdrängen zu können.

  2. In Deutschland sind zig tausende alter Menschen in den sogenannten Altersheimen innerhalb aller kürzester Zeit angeblich an den Folgen der Pandemie grauenhaft verreckt und ich, ich glaube diesen “ Verlautbarungen“ nicht, denn manche alte Menschen in diesen Heimen waren bestimmt auch kerngesund, sie waren vielleicht dement, aber deshalb mußten sie noch lange nicht andere Krankheiten haben, oder durch die Pandemie krank geworden sein.. Ich habe einen viel schlimmeren Verdacht ( den ich natürlich nicht beweisen kann, ich bin keine WissenschaftlerIn), aber ich denke, daß es sowohl von den Konzernen und von der Politik gewollt war, daß diese Menschen sterben, auch wenn sie nicht an der Pandemie starben. Ich befürchte wirklich, daß diese Menschen als Laborratten für unausgegorene Medikamente benutzt wurden, weil damit gleich 2 politische als auch wirtschaftliche Klappen geschlagen wurden. 1. Wurde die Renterflut und die Zahl der dementen alten Menschen reduziert und 2. Bekamen die Pharmaziekonzerne Menschliche Laborratten auf dem Silberteller serviert. Die alten Menschen konnten nichts dagegen tun, denn falls sie dement waren, konnten sie sich ja nicht mal daran erinnern, was mit ihnen gemacht wurde, ihre Familien konnten nicht kontrollieren, was mit ihnen passiert, wegen dem Lokdown. und ich denke korrupte Ärzte gibt es hier zuhauf ( und da spreche ich aus eigener Erfahrung). Was ich nicht verstehe, ist: Warum hat sich bis jetzt nicht jemand aus den Familien, aus der Wissenschaft oder sonst wo her, mal an die Kommission für Menschenrechte oder an den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte gewand? Warum wurden und werden diese Fälle nicht untersucht??? Warum werden die Leichen dieser Menschen nicht untersucht, um heraus zu finden, woran sie wirklich gestorben sind??? Ich denke wirklich, es ist an der Zeit, mal die aufrichtigen, unabhängigen Wissenschaftler an diese ganze Tragödie und ihre Folgen ran zu lassen und heraus zu finden, was wirklich passiert ist und vor allem, um es auch transparent zu veröffentlichen, denn dass hier irgendwas mächtig stinkt an der ganzen Geschichte ist ja wohl kaum noch abzustreiten…..

    1. Anmerkung Admin: Der Rechtsmediziner Klaus Püschel (Institut für Rechtsmedizin am Hamburger Klinikum UKE), hat die sogenannten „Corona-Toten“ früh untersucht. Focus-Online (vom 28.9.2020) schrieb mit Blick auf den Beginn der sog. Corona-Pandemie, dass Püschel sagte, dass die Corona-Toten, die er untersucht hätte, sowieso gestorben wären. Zitat: „Unsere Erfahrung mit den Corona-Toten war einfach, dass sie alle schon vorher sehr krank waren und in ihrer Lebenserwartung sehr eingeschränkt“. Und weiter: „Aber es hat mir schon weh getan, dass einige das so aufgefasst haben, als wäre mir das Schicksal der Alten und Kranken egal. Denn das ist mitnichten der Fall.“

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