Science-Fiction ohne Chance – die Realität ist immer auf der Überholspur

Es gibt kaum eine Zukunftsprognose, die von der Realität nicht nach kurzer Zeit einkassiert wird. Das betrifft vor allem die dystopischen Gesellschaftsentwürfe der seriösen Science-Fiction-Literatur. Nehmen wir folgendes Beispiel: die Voraussagen in diesem Kapitel aus meinem Roman „Feuer am Fuss“ sind inzwischen fast alle wahr geworden (1). Tröstlich ist das nicht.

Laureen schüttete den Inhalt des Lederbeutels auf den Sessel und sortierte das Nuttengeschirr, wie sie die mitgebrachten Utensilien verächtlich nannte. Sie zwängte sich in die rote Korsage, band den Strapsgürtel um, streifte die Nylons über, schlüpfte in die roten High Heels und betrachtete das Ergebnis ihrer wundersamen Verwandlung im Spiegel. Nicht schlecht, dachte sie leicht amüsiert, hoffentlich lassen mich die Jungs mit diesem devoten Sack nicht allzu lange allein, hoffentlich kam der General nicht auf die Idee, sich eine andere Bucht für seine perversen Spiele zu suchen als gewöhnlich.

Als das Motorengeräusch wenig später erstarb und sie nur noch sanft dahin dümpelten, war sie jedoch sicher, dass Francis Morgan seine Obsessionen immer nach demselben Muster auslebte – Ausführung, Ambiente und Örtlichkeit schienen sich in diesem Lustspiel endlos zu wiederholen.

Der General kam pfeifend die Treppe herunter gestiegen. Zunächst sah sie seine dürren Beine, die in karierten Kniestrümpfen steckten, er hatte Sandalen an und trug eine kurze Lederhose, in der ein blütenweißes Hemd steckte, das über der Brust mit frischer Marmelade bekleckert war.

„Hi Mum“, bemerkte er in kindlicher Manier. Als sie nicht reagierte, zischte er: „Wie siehst du denn aus, Francis?! Los, sag es!“

„Mein Gott, Francis“, schimpfte die junge Frau weisungsgemäß, „wie siehst du denn aus!“

Der General, oder das, was von ihm übrig geblieben war, trat verlegen auf der Stelle. Nach einer Weile stampfte er auf: „Du bist nicht bei der Sache, Yvonne! Die Peitsche! Im Sekretär!“

Während sie in den Schubladen wühlte, hörte sie Morgan in ihrem Rücken wimmern: „Bitte, Mum, nicht schlagen. Nicht schlagen, Mum …“

„Halt den Mund, Francis!“, schrie sie und war selbst überrascht über die Wucht ihrer Worte. Sie griff sich die lederne Gerte, die zusammengerollt zwischen der Wäsche steckte. Morgan lag in Erwartung seiner Strafe mit heruntergelassener Hose über der Sessellehne. Sie war drauf und dran, den dürren Hintern dieses Schweins mit einem einzigen Hieb zum Platzen zu bringen, als vier vermummte Gestalten die Kajüte stürmten. Der Anführer riss ihr die Peitsche aus der Hand und nahm sie in den Arm.

„Es ist vorbei, Laureen“, flüsterte er der Zitternden ins Ohr, „es ist vorbei …“

General Morgan kauerte mit aufgerissenen Augen auf dem Boden. Er fühlte sich um die Wonnen des Schmerzes betrogen, das war zu sehen.

„Ziehen Sie sich etwas Vernünftiges an, General“, sagte der Anführer, „wir sind nicht daran interessiert, Ihr Sexualleben zu kolportieren.“

Er half Morgan auf und begleitete ihn nach nebenan, wo sich der General seiner Kinderklamotten entledigte, um wieder in die Uniform des Freizeitkapitäns zu schlüpfen.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er seinen vermummten Aufpasser.

„Die Wahrheit, General, nichts als die Wahrheit“, antwortete dieser und schubste seine prominente Geisel zurück in die Kajüte, wo seine Mitstreiter gerade dabei waren, eine Minikamera auf einem Stativ zu installieren. Sie drückten Morgan in den Sessel, zwangen ihn, die aktuelle Ausgabe des Boston Globe hochzuhalten und banden ihm anschließend ein handgeschriebenes Plakat um den Hals, auf dem Folgendes geschrieben stand: GENERAL FRANCIS MORGAN IM INTERVIEW MIT EARTH FIRST!

„Ist es richtig, General“, begann der Anführer der EARTH FIRST!-Aktivisten, „dass Sie Mitglied eines von der NATO gebildeten transatlantischen Thinktanks waren, dessen Aufgabe es war, neue Militärstrategien zu entwickeln, damit die Regierungen der Industriestaaten im Zeichen des Klimawandels ordnungspolitisch gerüstet sind?“

„Das ist richtig“, antwortete Morgan leise.

„Erzählen Sie uns über die Motive dieser Veranstaltung?“

„Vor dem Hintergrund der klimatischen Umwälzungen und Ressourcenkonflikte waren die USA und andere westliche Staaten daran interessiert, sich eine unangreifbare Position zu sichern, nach innen wie nach außen.“

„Können Sie uns das bitte näher erläutern?“

„Eine der Hauptgefahren, der sich die Regierungen der Industriestaaten heute gegenübersehen, sind die enormen Bevölkerungswanderungen. Auch im Inneren eines Landes. Wasserknappheit, Naturkatastrophen, Dürre, – das alles führt zu chaotischen, ja anarchischen Zuständen, denen nur mit militärischen Mitteln begegnet werden kann, wenn man einen Rest an Ordnung und sozialer Sicherheit aufrechterhalten will. Das dürfte selbst Ihnen einleuchten …“

Der General schien seine Angst überwunden zu haben. Er war nicht gefesselt worden, niemand zielte mit der Waffe auf ihn, – so schlimm konnte es nicht sein. Also schien es ihm ratsam, in die Offensive zu gehen. Schließlich verteidigte er ein Strategiepapier, das längst Bestandteil offizieller Politik geworden war, auch wenn die Öffentlichkeit davon nicht die geringste Ahnung hatte.

„Im Zeichen des Klimawandels bleibt uns unter sicherheitspolitischen Erwägungen gar nichts anderes übrig, als genau so zu handeln“, bemerkte er süffisant. „Es geht um die Frage, wie angesichts von Überschwemmungen, Dauerdürren und dem massiven Verlust an Grund- und Trinkwasser die staatliche Ordnung aufrechterhalten werden kann. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, wurden weitreichende politische, rechtliche und selbstverständlich auch militärische Strukturen geschaffen, welche die aufbegehrende Bevölkerung in Schach zu halten vermögen. Herrgott noch mal“, entfuhr es ihm, „seien Sie doch nicht so verdammt blauäugig! Es ist davon auszugehen, dass der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehrere Dezimeter steigt. Dann sind außer den flachen Küstenregionen 21 Mega-Städte von Überschwemmungen betroffen. Es wird also zu enormen Versorgungsengpässen kommen. Auch in den USA und Europa. Die Frage lautet somit: Wer besitzt die Verfügungsgewalt über die knappen Ressourcen, wer entscheidet über Versorgung oder Nicht-Versorgung der Menschen?“

Er blickte seine Bewacher höhnisch an. „Vergessen Sie die Hungeraufstände in Pakistan, Mauretanien und Senegal des vergangenen Jahres – das waren Vorgeplänkel. Wie wollen wir die Aufstände in den Griff kriegen, wenn nicht durch militärische Gewalt? Armee, Polizei, private Sicherheitsdienste – das sind die Garanten des sozialen Friedens, falls man überhaupt noch davon sprechen kann.“

„Ist es wahr“, fragte Laureen mit zitternder Stimme, „dass der Thinktank, dem Sie angehörten, den Regierungen empfohlen hat, Klima- und Umweltschützer in Zukunft als Terroristen, als sogenannte ungesetzliche Kämpfer zu behandeln? Stimmt es, dass die Wilderness Society, Earth First!, Greenpeace, Amnesty International, das die Animal Liberation Front und zahlreiche andere Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen vom FBI als Terrorgruppen behandelt werden?“

Morgan zog es vor zu schweigen.

„Sie müssen nicht antworten, uns liegt eine Kopie des Strategiepapiers vor. Und wenn ich den Text richtig interpretiere, hat das Kriegsrecht längst Einzug gehalten in unseren gesellschaftlichen Alltag. Erzählen Sie uns von den zwölf Milliarden Dollar, die der Militärausrüster Kellogg, Brown & Root aus Washington bezogen hat.“

Der General senkte den Kopf, zu einer Erklärung war er nicht zu bewegen.

„Gut, dann werden wir es Ihnen sagen. Mit dem Geld wurden im Auftrag der Einwanderungs- und Zollbehörde gigantische Internierungslager gebaut. Sie befinden sich weit abgelegen in Nevada, Oregon, Oklahoma und Utah. In diesen sogenannten Detention Camps landen jene Menschen, die von Naturkatastrophen heimgesucht oder von den Militärs bei der Verteidigung von Firmen- und Privateigentum verhaftet werden. Wer in die Detention Camps verbracht wird, darf dort ohne Anklage auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Ist das so?“

Morgan nickte müde.

„Halten wir also fest“, sagte Laureen, „während der einfache Bürger jederzeit ohne Rechtsbeistand beliebig lange interniert werden kann, werden die Reichen dieses Landes mit Waffengewalt geschützt. Ihre Enklaven werden gut versorgt, betreten darf sie nur, wer die erforderliche Zugangsberechtigung besitzt. Interpretiere ich das richtig?!“

„Ja.“

Morgan nahm die Kapitänsmütze ab, er merkte wohl selbst, was für eine lächerliche Figur er abgab.

„Eine letzte Frage noch, General“, sagte Lauren, „aus der Kopie, die uns vorliegt, geht hervor, dass Sie und ihre Kollegen vehement dafür plädiert haben, einen Kernwaffen-Präventivschlag auch gegen Nicht-Nuklearstaaten durchzuführen, wenn nach Einschätzung der Militärs die eigene Sicherheit gefährdet ist. Wie ist Ihre Empfehlung von den Auftraggebern aufgenommen worden?“

„Wohlwollend“, murmelte Morgan.

Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck wurde unter der Überschrift „Science Fiction ohne Chance – die Realität ist immer auf der Überholspur“ erstmals bei Apolut.net publiziert und von Neue Debatte übernommen. Anmerkungen wurden ergänzt und einzelne Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.

Quellen und Anmerkungen

(1) Erfolgsautor Dirk C. Fleck, zweimal mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet, schildert in seiner ‚Maeva-Trilogie‘ abgrundtief realistisch die schrecklichen Folgen unserer zerstörerischen Lebensweise. Dies jedoch nicht ohne denkbare Auswege aus dem drohenden Dilemma aufzuzeigen und Hoffnung auf ein besseres Morgen zu vermitteln.

Das „Tahiti-Projekt“, der erste Roman der Trilogie, spielt im Jahre 2022. Skizziert wird eine sozio-ökologische Gesellschaft, die sich abseits des globalen Wahnsinns in der Südsee gebildet hat. Der Roman „Maeva!“ bildet einen Übergang. Er handelt davon, wie das positive Virus des Bewusstseins von Tahiti aus in die Welt getragen wird. Beschrieben werden die Erlebnisse und die Widerstände, auf die die Protagonistin Maeva, die sich selbst als Jeanne d’Arc der Ökologie begreift, im Jahre 2028 stößt.

SciFi Roman Mehr Feuer am Fuss von Dirk C. Fleck (Buchcover: p.machinery)

„Feuer am Fuss“ spielt sieben Jahre später. Dirk C. Fleck schildert die fürchterlichen Zustände, die das zusammenbrechende kapitalistische System der Menschheit bescheren wird. Kurz: der Science-Fiction Roman handelt vom Untergang unserer Zivilisation, der sich auf vielfältige Weise seit geraumer Zeit in der Realität ankündigt.

Wie schon in den beiden Vorgängerromanen hält Dirk C. Fleck an einem Prinzip fest: Es gibt einen Ausweg. Inmitten des Ökozids entwickelt sich in vielen Menschen in den gebeutelten Regionen der Erde ein neues Bewusstsein heraus, das von den ausschwirrenden Botschaftern der Urtraditionen spirituell unterfüttert wird.

‚Tahiti-Projekt‘, ‚Maeva!‘ und ‚Feuer am Fuss‘ sind keine Science-Fiction-Romane im herkömmlichen Sinne. Es sind literarische Hochrechnungen, zu denen es nicht einmal sonderlich viel Fantasie brauchte, aber Mut, sich dem scheinbar Unvermeidlichen entgegenzustellen … Der drohenden Ökodiktatur und dem Untergang der Zivilisation!


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Foto: Geran de Klerk (Unsplash.com) und p.machinery

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

Wie ist Deine Meinung zum Thema?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.