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Höllenangst: Kalter Entzug statt Blutrausch

Die Dealer wissen, wie man Abhängigkeiten erzeugt. Wenn die Gefahren immer größer werden, müssen die Feindbilder immer mächtiger werden. Bis dato scheint die Therapie zu wirken. Der Humor ist gewichen und die Angst hat das Regiment übernommen. Wer sich das Publikum und seine Reaktionen bei einem Sujet wie der Satire vor 2001 anschaut und mit heute vergleicht, kann nur die Hände vors Gesicht schlagen.

Es empfiehlt sich, Kabarettisten, Satiriker oder diejenigen, die sich freiwillig Comedians nennen, mit ihren Beiträgen auf YouTube anzusehen. Was sofort auffällt, ist die zeitliche Lücke, die durch die Corona-Lockdowns entstanden ist. Für einen Zeitraum von knapp drei Jahren, beginnend mit 2020, wurde kaum etwas produziert.

So langsam kommen aktuellere Beiträge hinzu, weil die Veranstaltungsmaschine wieder Fahrt aufnimmt. Was neben der Themenwahl auffällt, ist die Reaktion des Publikums.

Weil die Auswahl auf YouTube in der Regel Mitschnitte von Live-Auftritten sind, ist das gut lesbar. Was die Bereitschaft des Publikums anbetrifft, ungezwungen zu lachen, spontan zu sein und aus sich herauszugehen, so sind zwei gravierende Zäsuren zu verzeichnen. Die erste kam mit der Jahrtausendwende, genauer gesagt nach 2001, die zweite zwanzig Jahre später, 2020.

Regime der Angst

Wer sich das Publikum und seine Reaktionen bei einem Sujet wie der Satire vor 2001 anschaut und mit heute vergleicht, kann nur die Hände vors Gesicht schlagen. Der Humor ist gewichen und die Angst hat das Regiment übernommen.

Wer davon ausgeht, wie der offiziell propagierte Zeitgeist, dass eine solche Befindlichkeit eine wie auch immer geartete Attraktivität für andere Kulturkreise versprüht, hat längst den Boden der Realität verlassen. Die Angst ist zum beherrschenden Gefühl geworden:

  • Die Angst, in der Bezeichnung von Zeiterscheinungen einen Fehler zu machen,
  • die Angst, als was auch immer auf dem Scheiterhaufen zu enden,
  • die Angst vor von feindlichen Mächten in die Welt gesetzten Viren,
  • die Angst, in einem nicht mehr zu ertragenden Klima zu verglühen,
  • die Angst vor fremden Mächten, die mit ihren tödlichen Waffen den eigenen Lebensraum zerstören wollen.

Um diesem Teufelskreis zu entkommen, haben sich viele dazu entschieden, einer öffentlich verordnen Medikation zu folgen, gegen die die Opiat-Skandale in den Vereinigten Staaten eine Petitesse sind. (1) Sie folgen den verordneten Feindbildern.

Dass die anfangs verschriebene Dosis bald nicht mehr reicht, versteht sich von selbst. Die Dealer in Politik und Medien wissen, wie man Abhängigkeiten erzeugt. Wenn die Gefahren immer größer werden, müssen die Feindbilder immer mächtiger werden. Bis dato scheint die Therapie zu wirken.

Blutrausch und Entzug

Es ist erstaunlich, wie bestimmte Erscheinungen, die in einer halbwegs liberalen Gesellschaft als normal und tolerabel erscheinen, plötzlich zu Todsünden werden, gegen die nur die Ächtung und Vernichtung hilft.

Wenn in einer Situation wie der derzeitigen, in der bei den Kämpfen um die ukrainische Stadt Bachmut die Überlebenschance der täglich neu und “frisch” in die Kämpfe geschickten Soldaten auf beiden Seiten bei maximal 12 Stunden liegt, nach einem Waffenstillstand gerufen wird, ein verbaler Blutrausch gegen die gerichtet wird, die diese Forderung formulieren, kann man nur konzedieren, dass etwas mächtig schief gelaufen ist.

Die nach außen so martialisch auftretenden vermeintlichen Kampfschweine sind dabei, sich als die am schlimmsten vom Angstvirus Infizierten zu outen. Die Höllenangst regiert im Parlament wie in den Medien. Und therapiert werden soll sie durch den Blutrausch. Die Zeit ist überfällig für einen kalten Entzug!

Quellen und Anmerkungen

(1) Der extreme Anstieg der Drogenabhängigen und Drogentoten in den USA wird als opioid crisis oder opioid epidemic bezeichnet. Ein wesentlicher Auslöser sind Opioid-Schmerzmittel. Durch Lobbyarbeit erreichen Pharmaunternehmen in den 1990er-Jahren, dass auch Opioide die ein hohes Suchtpotenzial haben und normalerweise nur bei Schwerkranken und Sterbenden zur Anwendung kamen, ebenfalls bei alltäglichen Schmerzen von Medizinern etc. verschrieben wurden. Die Zahl der Abhängigen, die in der Folge auch andere Drogen konsumierten, erhöhte sich signifikant. Die Zahl der Drogentoten explodierte. Zwischen 1999 und 2021 starben in den USA über 840.000 Menschen an einer Überdosis. Allein im Zeitraum Juli 2021 bis Juni 2022 waren es über 100.000. Im Zusammenhang mit der wachsenden Drogenabhängigkeit wurde zudem beobachtet, dass seit 2015 die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA erstmals seit Ende des Ersten Weltkriegs sinkt.

San Francisco 2018. (Foto: Cristofer Maximilian, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

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Foto: Hanna Postova (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Von Gerhard Mersmann

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Eine Antwort auf „Höllenangst: Kalter Entzug statt Blutrausch“

soldaten vor zb bachmut ca 12 stunden mittlere überlebensdauer (mtbf = medium time before failure) stört mich nicht, kein mitleid, denn soldaten sind verbrauchsmaterial wie plastiktüten oder seifenstücke, war immer so = wer so grottenblöde ud selbst abartig veranlagt ist, den soldaten zu mimen, egal wo und wie, hat nichts besseres verdient, als eben verbraucht und verheizt zu werden – soldat der abartigste job, den die menschheit zu vergeben hat !

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