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Fundstück: Instabil wie kriegsaffin

Ja, wir sind wieder so weit. 70 Jahre nach dem großen, heillosen und verlorenen Krieg stehen wir wieder am Anfang. Die Dummheit regiert und die Zerstörung macht sich gerade zurecht, um zu folgen.

Zum Angriff wurde schon längst geblasen. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um nicht die dunklen Schimären des Ressentiments, der Verängstigung durch das Fremde und die Aggression als Schutz vor dieser Furcht zu mobilisieren.

Morgens ist es der Grieche, der einem das Leben vergällt, mittags droht der Russe mit schwarzem Pulver und großem Knall, und abends lauern die Muselmänner in jeder dunklen Ecke, um zu ihrem koranischen Halali zu blasen.

Hinzu kommen die ganzen Syrer und Mohren, die unseren blonden Töchtern nachstellen. Als wäre das alles nicht genug, gesellen sich nun seit einiger Zeit auch noch stinkende Fleischfresser und pestende Raucher hinzu. Germanistan ist ein Jammertal, das immer nur bezahlen muss, damit der ganze Schmutz und die ganze Bedrohung, welche auf der Welt herrschen, von ihm ferngehalten werden.

Deutschland erwache! Das ist der Schrei, den die etablierte Presse verbreitet. Deutschland, lass dich nicht ausnutzen von bösen und faulen Griechen, lass dich nicht auslachen von marodierenden Russen und lass dich nicht verhöhnen von Muselmännern mit langen Bärten.

Nein, was in diesen ersten Zeilen steht, ist keine rhetorische Überzeichnung. Nahezu im Wortlaut steht das mittlerweile jeden Tag in unseren Zeitungen. Ja, wir sind wieder so weit. 70 Jahre nach dem großen, heillosen und verlorenen Krieg stehen wir wieder am Anfang. Die Dummheit regiert und die Zerstörung macht sich gerade zurecht, um zu folgen. Das Phänomen ist nicht einfach erklärt. Die Fragen, die bewegen, sind jedoch sehr präzise zu beschreiben.

Wie kann es sein, dass in einem Land, das sich auf die Fahnen geschrieben hatte, dass nie wieder Krieg von seinem Boden ausgehen dürfe, von diesem Weg abweicht? Wie kann es sein, dass das Bekenntnis zur Demokratie, das das Prinzip der Toleranz beinhaltet, formal so weiter leuchtet, in der Praxis jedoch zu einer Wucherung der Ignoranz und des selbst bezogenen Absolutismus verkommen ist?

Wie kann es sein, dass die Lehre aus dem Desaster, die darin bestand, dass es viele schöne, gleichberechtigte Kulturen auf diesem Planeten gibt, zur Vergötterung einer Monokultur mutierte, wie sie selbst das historische Vorbild nicht an Einfältigkeit hervorzubringen vermochte?

Viele, die heute die Regiebücher für die neue Mobilmachung schreiben, kamen aus der Bewegung gegen den Krieg. Das machte sie aus deren eigener Perspektive zu etwas Besserem als allem, was vorher war. Im Gegensatz zu jenen, die den Krieg selbst erlebt hatten, wussten sie allerdings nicht um die Fehlbarkeit auch der als gut Verstandenen.

Sie glaubten sich als die Guten und daher tappten sie in die Falle, die die Geschichte immer wieder dem Hochmut stellt. Sie glaubten sich moralisch erhöht im Verhältnis zu allen, die anderer Meinung waren. Damit leiteten sie das Ende dessen ein, was einst, als die Welt noch unter dem Primat von Realisten stand, als die Form von Koexistenz die Beziehungen von Unterschieden zueinander beschrieb.

Die Eiferer für den heißen Konflikt, über die man überall stolpert, sind weder intellektuell noch emotional der Koexistenz fähig. Das ist ein Novum und zeigt die Krankheit unserer Zeit.

Ohne nach Schuldigen zu suchen, müssen wir feststellen, dass die digitale Revolution die Fähigkeit zu differenzieren, nahezu flächendeckend liquidiert hat. Und der Anti-Autoritatismus hat anscheinend nicht dazu erzogen, Machtverhältnisse, die nicht schmecken, auszuhalten, um sich selbst zu organisieren.

Der Konflikt an sich wird als eine Ambiguität erlebt, unter der man nicht leben kann und die eigene gefühlte Überlegenheit rät zu schnellen Handlungen. Da treiben Subjekte in den Krieg, die nicht wissen werden, wie ihnen geschieht.

– 24. Februar 2015

San Francisco 2018. (Foto: Cristofer Maximilian, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Foto: Dolo Iglesias (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Von Gerhard Mersmann

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

4 Antworten auf „Fundstück: Instabil wie kriegsaffin“

Wir brauchen einen Fortschritt, der unsere Gesellschaft freier, gerechter und solidarischer macht und keine Kriege

Als natürliche-psycho-soziale Wesen müssen wir Menschen, um existieren zu können, die Wirklichkeit verbrauchen, vernehmen und verändern. Darum und weil wir ohne unseren Willen inkarniert werden und nur zeitlich begrenzt wirklich sein können, kann jedem von uns umfassende Gerechtigkeit nur in Lebensverhältnissen widerfahren, die uns Möglichkeiten der Eigenwilligkeit und der kreativ schöpferischen Betätigung bieten. Eigenverantwortlich können wir Menschen unsere Bedürfnisse befriedigen, eigenwillig können wir das Sein begreifen und kreativ schöpferisch handelnd können wir die Wirklichkeit freudevoll erleben und diese vor ihrem naturgesetzlichen Vergehen bewahren. Diese wahrhaftigen Gegebenheiten erkennend und den aktuellen Notwendigkeiten der menschlichen Weltgesellschaft Rechnung tragend, beschloss die Sozialdemokratische Partei Deutschlands 1989 auf ihrem Programmparteitag in Berlin ein Grundsatzprogramm.

Darin heißt es unter erstens, was die SPD-Mitglieder wollen: „Wir Sozialdemokraten, Frauen und Männer, kämpfen für eine friedliche Welt und eine lebensfähige Natur, für eine menschenwürdige, sozial gerechte Gesellschaft.“ Bewahrenswertes solle erhalten, lebensbedrohende Risiken abgewendet und Fortschritt erstritten werden. „Wir wollen Frieden“, steht als nächstes im Programm und weiter, „wir arbeiten für eine Welt, in der alle Völker in gemeinsamer Sicherheit leben, ihre Konflikte nicht durch Krieg oder Wettrüsten, sondern im friedlichen Wettbewerb um ein menschenwürdiges Leben austragen, in der eine Politik der Partnerschaft und eine Kultur des Streits den Konflikt zwischen Ost und West überwinden, in der alle Völker Europas zusammenarbeiten in einer demokratischen und sozialen Ordnung des Friedens, von der Hoffnung und Frieden für die Völker des Südens ausgeht, in der die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas durch eine gerechte Weltwirtschaftsordnung faire Chancen zu eigenständiger Entwicklung haben.“

Eine Weltgesellschaft, die durch eine neue Form des Wirtschaftens das Leben von Mensch und Natur auf unserem Planeten dauerhaft bewahre und die gesellschaftliche Gleichheit von Frau und Mann, eine Gesellschaft ohne Klassen, Privilegien, Diskriminierungen und Ausgrenzungen werde, sei wünschenswert, denn sie sei „eine Gesellschaft, in der alle Frauen und Männer das Recht auf humane Erwerbsarbeit haben und alle Formen der Arbeit als gleichwertig behandelt werden“.
Durch solidarische Anstrengung solle Wohlstand für alle erreicht und gerecht verteilt werden und Kultur müsse in ihren vielfältigen Erscheinungsformen das Leben aller Menschen bereichern. „Wir wollen Demokratie in der ganzen Gesellschaft, auch in der Wirtschaft, im Betrieb und am Arbeitsplatz verwirklichen“ heißt es weiter im Berliner Programm der SPD. Die wirtschaftliche Macht solle begrenzt und demokratisch kontrolliert, wirtschaftliche Grundentscheidungen demokratisch getroffen werden.

Am Ende der Aufzählung dessen was erstrebenswert sei, heißt es schließlich: „Wir wollen Fortschritt, der nicht auf Quantität, sondern auf Qualität, auf eine höhere Qualität menschlichen Lebens zielt. Er verlangt Umdenken, Umsteuern, Auswählen und Gestalten, vor allem in Technik und Wirtschaft. Je gefährdeter die Welt, desto nötiger der Fortschritt.
Wer Bewahrens-Wertes erhalten will, muss verändern: Wir brauchen einen Fortschritt, der den Frieden nach innen und außen sichert, das Leben von Mensch und Natur bewahrt, Angst überwindet und Hoffnung weckt. Wir brauchen einen Fortschritt, der unsere Gesellschaft freier, gerechter und solidarischer macht. Ohne diesen Fortschritt hätte der Rückschritt freie Bahn. Darum wollen wir Sozialdemokraten gemeinsam mit den demokratischen Sozialisten aller Länder für ihn arbeiten.“
(Programmatische Dokumente der Sozialdemokratie – Fuldaer Verlagsanstalt 1990)

Dumm nur, dass 9 Jahre später die Sozialdemokraten mit den Grünen den Kosovokrieg unterstützten und heute u.a. den Ukrainekrieg.

André Breton (surrealistische Dichter) sagte mal, dass wir niemals eine politische Revolution haben werden, solange wir keine Revolution des Geistes haben.

Einfacher gesagt, was ist nur aus der SPD geworden:

Ja, wie kann das hier sein in meinem Beitrag, aus dem Kopfschüttel ist nicht mehr rauszukommen. Gegenrede nur mehr unter vorgehaltener Hand auf Sympathie stoßend bei denen, die noch Koexistenz, als gleichzeitiges Vorhandensein verschiedener Systeme, denken können.

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