Tomás Hirsch: „Die Sozialdemokratie befindet sich in einer Krise, weil sie eine schlechte Kopie der Rechten ist!“

Pressenza: Wir sind hier mit Tomás Hirsch, chilenischer humanistischer Abgeordneter, und wir haben zunächst eine Frage bezüglich dessen, was gerade in Europa passiert: Leider müssen wir feststellen, dass wir in Europa viel an Kraft verlieren, das, was einmal die Sozialdemokratie als politische Kraft war, ist am Verschwinden und gleichzeitig erstarken andere Kräfte, weil sich ein Vakuum gebildet hat. Kannst Du diese Situation kommentieren, was denkst Du darüber?

Tomás Hirsch: Die Sozialdemokratie verschwindet nicht nur in Europa, sie verschwindet auch in Lateinamerika, und zwar aus einem einfachen Grund: Bei der Wahl zwischen dem Original und einer schlechter Kopie haben sich die Leute für das Original entschieden. Die Sozialdemokratie ist zum Türöffner für die Rechte verkommen (in Chile sagen wir, sie hat ihr den Weg geebnet), indem sie das neoliberale Modell weiterführt und es sogar noch vertieft, mit einigen kleinen Veränderungen, es „humaner“ zu gestalten.

Angesichts dessen haben die Menschen dann letztendlich lieber die Rechte gewählt, die in diesem Sinne zumindest authentisch geblieben ist. Andere wiederum haben die Sozialdemokratie aufgegeben, weil sie eben gerade eine echte Alternative zum neoliberalen Modell suchen, einen grundlegenden strukturellen Wandel.

Wir sind heute an einem Punkt, an dem es nichts mehr nützt, das Modell „verbessern“ zu wollen, es „humanisieren“ oder „verändern“ zu wollen: Entweder man ist für dieses neoliberale individualistisch geprägte Modell oder man ist für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, der allen Menschen Rechte garantiert. Die Sozialdemokratie steht weder für das eine noch das andere. Wir, zumindest die Humanisten, zusammen mit anderen Organisationen, streben eine Revolution im positiven Sinne an: die sozialen Strukturen so zu verändern, dass die Bürger echte Rechte haben und in Würde leben können.

Auf welchen Prinzipien muss eine politische Kraft basieren, die an einem gewissen Punkt erkennt, dass sie alleine nicht imstande ist, eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, und dass sie daher mit anderen zusammenarbeiten muss?

Wenn man mit anderen zusammenarbeitet, dann akzeptiert man ihre Verschiedenheit und auch die Notwendigkeit, gemeinsame Nenner zu finden. In Chile arbeiten wir mit Organisationen zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen: aus dem Marxismus, dem Feminismus, der Umweltbewegung, dem Liberalismus und natürlich dem Humanismus.

Wir sind uns darüber einig, dass wir ein gerechteres Land bauen wollen, ein demokratischeres Land, mit mehr Rechten für alle, mit weniger Gewalt, wo sich die Macht nicht konzentriert und wo es möglich ist, eine echte demokratische Verfassung zu schaffen. In diesen Punkten besteht zwischen allen Beteiligten Konvergenz und Einvernehmen und trotzdem behalten wir unsere Vielfalt in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft.

Wie kann die Aktivität von Politikern im Bezug auf politische Verantwortung besser mit ihrer sozialen Basis verbunden werden?

Ich glaube, dass es tatsächlich sehr einfach ist, sich als Politiker von der sozialen Basis zu lösen, vom eigenen Hintergrund. Das, was ich in den letzten Monaten seit unserem Einzug ins Parlament erlebt habe, ist wie ein Mikrokosmos, wie eine Kapsel: Man verliert leicht die Verbindung zur Außenwelt, man ist isoliert, man könnte dort auch sein ganzes Leben verbringen.

Deshalb halte ich es für so wichtig, die Füße fest am Boden zu behalten und zu verstehen, dass unsere Arbeit auf den Straßen ist, um dort die Strukturen zu stärken, wo die Menschen leben, und die Bindung und die Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen aufrechtzuerhalten.

Es geht nicht darum, soziale Bewegungen zu ersetzen, sondern sich in ihren Dienst zu stellen. Das ist ein anderer Blickwinkel, ein anderes Konzept: Wie kann ich durch meine parlamentarische Arbeit soziale Bewegungen unterstützen? Wie kann ich Gesetzesentwürfen, die von sozialen Bewegungen stammen, Impulse geben? Wie kann ich helfen, ihre Organisation zu stärken? Wie kann ich mit ihnen kooperieren, um Türen angesichts der Staatsmacht zu öffnen? Das ist unsere Arbeit. Um ganz ehrlich zu sein, glaube ich, dass parlamentarische Arbeit keinen anderen Sinn hat, wenn nicht den, an der Basis mit genau diesen Bewegungen zusammenzuarbeiten.

Du bist in erster Linie Humanist, seit kurzem auch humanistischer Abgeordneter (Anm. d. Ü.: im Koalitionsbündnis Frente Amplio, dtsch.: ‚Breite Front‘). Scheint es Dir aus dieser Sicht heraus möglich, einen grundlegenden sozialen Wandel zu schaffen, als Abgeordneter?

Ich glaube, dass es zwar nicht möglich ist, einen Wandel als Abgeordneter zu kreieren, wohl aber, dazu beizutragen, zu diesem großen Projekt, nämlich dem der sozialen Transformation. Deshalb ist es wichtig, auch dort Leute zu haben, wo die Gesetze gemacht werden, dort, wo man sich mit anderen verständigen und einigen kann und wo man Druck auf die Regierungen ausüben und sie beeinflussen kann, sowohl auf nationaler, als auch auf regionaler und kommunaler Ebene. Die Antwort auf die Frage lautet also ja, ich glaube, dass die Arbeit als Abgeordneter sehr viel Sinn macht.

Heute auf den Tag sind es genau zwei Monate, dass ich das jetzt mache, und es waren zwei sehr intensive Monate. Wir haben zum Beispiel einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der es den Bürgern ermöglicht, überfällige Gesetzesänderungen, die seit Jahren im Parlament vor sich hindösen, zu beschleunigen. Wir haben die Regierung zu verschiedensten Themen zur Rede gestellt und Auskünfte und Informationen zu Dingen, die die Bürger und Gemeinden selber betreffen, gefordert. Zudem haben wir zu zehn Gesetzesprojekten in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnungsbau, Arbeit und soziale Absicherung unsere Vorschläge eingebracht. Ja, man kann also Dinge bewegen.

Einige der Themen sind bereits dabei, langsam Gesetz zu werden, auch wenn wir wissen, dass es noch einige Zeit dauern wird. Aber das Wichtigste ist – darauf bestehe ich – all dies zusammen mit den sozialen Bewegungen tun und somit dazu beizutragen, sich innerhalb einer Gesellschaft zu organisieren, die nur dem Individualismus huldigt, der Zersplitterung, dem ‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘. Es ist also eine gemischte Aufgabe: im Parlament und in den Städten und Gemeinden bei den Menschen.

Vielen Dank.


Redaktioneller Hinweis: Das Interview mit Tomás Hirsch wurde während des Europäischen Humanistischen Forums 2018 in Madrid geführt und erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza. Der Text wurde von Evelyn Rottengatter übersetzt. Die Videoaufzeichnung ist in Originalsprache (Spanisch) und mit englischen Untertiteln auf YouTube verfügbar.


Foto/Video: Screenshot/Pressenza und Europäisches Humanistisches Forum

Was uns verbindet – Humanistisches Forum in Madrid

Die Menschheit befindet sich an einem Scheideweg, an dem die Glaubensvorstellungen der Vergangenheit und die Visionen für die Zukunft aufeinanderprallen und sich gegenseitig zu verdrängen versuchen.

Die Welt hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte vernetzt. Es entsteht ein noch nie dagewesener Austausch zwischen den Völkern und Kulturen sowie ein gegenseitiges Durchdringen ihrer Traditionen, Glaubensvorstellungen und Werte, ihres Lebensstils und ihrer jeweiligen Sichtweise der Welt.

Gleichzeitig eröffnet der technische Fortschritt neue Horizonte und weckt Bestrebungen, die bisher im Verborgenen schlummerten, und die aber nun die Menschen anspornen, jenseits dessen, was wir bereits wissen, vordringen zu wollen – jenseits der bekannten Grenzen von Raum und Zeit.

Immer mehr Menschen streben danach, neue Perspektiven aufzugreifen, um das zu finden, was uns alle verbindet, und um neue Realitäten aufzubauen. Das Humanistische Forum will seinen Teil dazu beitragen.

Unter dem Motto „Was uns verbindet – auf dem Weg zur universellen menschlichen Nation“ findet vom 11. bis zum 13. Mai in Madrid das 5. Europäische Humanistische Forum statt.

Das Humanistische Forum findet 2018 in Madrid statt.Den Auftakt bildet am Freitag, den 11. Mai, die Eröffnungssitzung in der Fakultät für Erziehungswissenschaften der spanischen Fernuniversität UNED. Workshops, Lesungen, Panels, Gesprächsrunden, Dokumentarfilm-Vorführungen und künstlerische Präsentationen zu Themen wie zum Beispiel Abrüstung, Menschenrechte, Sozialökologie, Politik, Spiritualität, Technologie, neue Ökonomie, aktive Gewaltlosigkeit, die Stärke des Weiblichen, der psychosoziale Hintergrund, Kunst, soziale Mystik, Journalismus, soziale Bewegungen und kulturelle Konvergenz werden am Samstag und Sonntag (12./13. Mai) im Kulturzentrum „El Pozo“ angeboten.

Das Manifest des Humanistischen Forums hebt die Entfaltung einer neuen Sensibilität hervor, die in den jüngeren Generationen heranwächst:

„Eine neue Sensibilität kommt immer stärker zum Ausdruck; die Sensibilität der Menschheit mit einer höheren Vision, in der einige Anzeichen zu erkennen sind, die es wert sind, näher betrachtet und vertieft zu werden, nämlich: dass das menschliche Leben der zentrale Wert in der Gesellschaft ist, während die Umwelt und alle anderen Lebewesen geschützt werden; dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben; dass niemand diskriminiert wird und dass jeder das Recht hat, seine eigene existenzielle Dimension zu entdecken, zu erforschen und sich mit gutem Recht nach dem Sinn des eigenen Lebens fragen darf.“

Um diese und andere Themen zu vertiefen, wird das 5. Europäische Humanistische Forum mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Rolle Europas bei der Vereinigung seiner Bewohner und beim Brückenschlag zu den Menschen außerhalb Europas“ eröffnet.

Zu den Teilnehmern der Diskussion gehören u.a. Carlos Umaña (ICAN-Koordinator für Lateinamerika), Sabine Rubin (Mitglied der französischen Nationalversammlung für France Insoumise), Riccardo Petrella (Ökonom und Spezialist für Fragen der Armut und des Wassers als Gemeingut), Clara Gómez-Plácito (Anthropologin und Aktivistin), Piero Giorgi (Neurowissenschaftler und Friedensforscher), Mayte Quintanilla (Aktivistin im Bereich des bedingungslosen Grundeinkommens) und Guillermo Sullings (Ökonom und Autor des Buches „Am Scheideweg der Zukunft der Menschheit“: Die Schritte zur Universellen Menschlichen Nation“).

Richter Baltasar Garzón, der u.a. bekannt wurde durch seine Ermittlungen gegen den chilenischen Diktator Augusto Pinochet und die Verfolgung von Korruption und Staatsverbrechen, wird über Maßnahmen, die im Bereich der universellen Gerichtsbarkeit (Weltrechtsprinzip) zur Verteidigung der Menschenrechte zu ergreifen sind, sprechen.

Die Neue Debatte wird in Madrid dabei sein und sich vor allem in den Themenbereich „Unabhängiger Journalismus und sozialer Aktivismus“ einbringen. Die Notwendigkeit der Demokratisierung der Medien soll aufgezeigt werden, um im anschließenden Dialog mit Aktivisten, Bürgerjournalisten und interessierten Menschen nach Lösungen zu suchen, um Medienprojekte zu verwirklichen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind.

Das Humanistische Forum 2018 knüpft in Madrid an die Veranstaltungen in Moskau (1993), Mexiko (1994), Santiago (1995), Budapest (2004), Lissabon und Quito (2006), La Paz (2007) und Mailand (2008) an.


Weiterführende Informationen

Die Registrierung und Teilnahme am Forum ist kostenlos. Freiwillige Spenden, die das Humanistische Forum erhält, werden zur Deckung der entstehenden Kosten verwendet.

Freitag bis Sonntag, 11. – 13. Mai 2018, Madrid

Humanistisches Forum 2018

Vorträge, Workshops, Diskussionen und Vernetzung mit Aktivisten und Vertretern sozialer Organisationen und Initiativen sowie Teilnehmern u.a. aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien und dem Irak. Themenfelder u.a.:

Humanistische und gewaltfreie Erziehung
Unabhängiger Journalismus und sozialer Aktivismus
Für eine Welt ohne nukleare Waffen
Soziale Ökologie
Eine neue Wirtschaftsform für die Universelle Menschliche Nation
Kollektive Kunstwerke: Ich existiere, weil du existierst
Frauen für Gewaltfreiheit
Bilder als Instrument zur Veränderung
Gute Kenntnisse

Eröffnungsplenum

Freitag, 11. Mai von 17.00 – 20.30 Uhr

Auditorium der Fakultät der Bildungswissenschaften der UNED

Facultad de Educación – UNED
C/ Juan del Rosal, 14
28040 Madrid

Veranstaltungen und Workshops

Samstag und Sonntag, 12./13. Mai 2018

Centro Cultural El Pozo del Tio Raimundo

Eintritt frei / freiwillige Unterstützung möglich

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Humanistisches Forum 2018


 

Fotos: Humanistisches Forum